SozialpolitikFast jeder Sechste ist armutsgefährdet

Der Paritätische Wohlfahrtsverband sieht die Armut in Deutschland auf Rekordniveau, immer mehr Menschen seien bedroht. Der Verband fordert ein großes Sozialprogramm. von dpa

Weil immer mehr Menschen in Deutschland von Armut bedroht seien, fordert der Paritätische Wohlfahrtsverband ein Sofortprogramm, um der Entwicklung entgegenzuwirken. Seit 2006 sei die Armutsgefährdungsquote stetig gestiegen und habe 2011 mit 15,1 Prozent einen Höchststand erreicht, teilte der Verband am Donnerstag bei der Vorstellung seines Armutsberichts mit. Als armutsgefährdet gilt, wer für seine Lebensführung weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hat.

Nach der regionalen Auswertung des Verbandes sind in Bayern und Baden-Württemberg weitaus weniger Menschen von Armut betroffen. Mit Bremen landet im Länderranking erstmals ein westdeutsches Bundesland auf dem letzten Platz. Dort beträgt die Quote 22,3 Prozent. Zu den besonderen Problemregionen zählen neben Mecklenburg-Vorpommern auch Berlin und das Ruhrgebiet. Hier habe die Armutsgefährdungsquote in den vergangenen Jahren um 25 beziehungsweise 20 Prozent zugenommen. In einzelnen Ruhrgebietsstädten wie Duisburg stieg die Quote sogar um über 34 Prozent.

Anzeige

"Wir haben Armut wirklich auf Rekordniveau", sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider . Nötig seien deshalb die Einführung eines Mindestlohnes und einer Zuverdienstrente, eine Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze und eine Reform des Wohngeldgesetzes. Kosten würde dies "erst mal" zwischen 10 und 20 Milliarden Euro, sagte Schneider. "Das ist viel Geld, aber (...) wir haben das Geld. Wir haben in Deutschland 4,8 Billionen Euro bei den Privathaushalten auf den Konten. Wir sind das fünftreichste Land der Welt. Wenn wir es nicht schaffen, wer dann?" Schneider verlangte, die Vermögenssteuer wieder einzuführen, die Erbschaftsteuer zu erhöhen und neu über die Spitzensätze bei der Einkommensteuer nachzudenken. Auf die Frage, ob er die Reichen zur Kasse bitten will, antwortete er: "Wen sonst, wenn nicht die Reichen?"

Darin, dass immer mehr Menschen arm sind, obwohl die Arbeitslosigkeit zurückgeht, sieht der Paritätische Wohlfahrtsverband einen Beleg für eine zunehmende Amerikanisierung des Arbeitsmarktes. "Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Armutslöhne sind der Preis, den Deutschland für die vermeintlichen Erfolge der Bundesregierung in der Arbeitsmarktpolitik bezahlt", sagte Schneider. Immer weniger Menschen könnten von ihrer Arbeit leben. "Armut trotz Arbeit, das ist etwas, was Deutschland durchzieht und unsere Gesellschaft derzeit wirklich umkrempelt." Dies hänge einerseits mit der wirtschaftlichen und der arbeitsmarktpolitischen Entwicklung zusammen. "Aber zu einem Gutteil ist dieses Problem natürlich auch politisch hausgemacht ."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. bevor. Die USA sind inoffiziell bereits wieder in der Rezessiopn und für die BRD und das restliche Europa sieht es nicht besser aus. Was heute in Griechenland, Spanien und Portugal passiert ist Agenda für uns. Da sollten wir uns nichts vormachen. 2007 war eine Zeitenwende....

  2. 18. Was...

    ...mir eben noch so einfällt: sind diese Zahlen eigentlich von der FDP und Wirtschafts-Rösler genehmigt worden?
    Ansonsten ist das natürlich völlig unglaubwürdig :D

  3. in jedem dorf/stadt sammeln menschen nahrungsmittel aus den mülleimern. man muss nur die augen aufmachen, dann kann man die armut sehen. es braucht keine energiewende - de schafft sich selber ab - nur abwarten. aber die politiker, die das verursacht haben, bekommen dann immer noch eine fette pension für dummes geschwätz. irgendwas stimmt nicht mehr. wer kann, sollte einfach flüchten aus diesem drittweltland. egal wohin, schlimmer wird es sicher nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 15thMD
    • 20. Dezember 2012 13:52 Uhr

    Deutschland ist eines der reichsten Länder der Erde und das, obwohl wir quasi keine Ressoucen haben. Entwicklungen haben uns reich gemacht, nicht der dauerhafte Import von völlig überteuerten Waren wie Öl und ohne die Energiewende werden wir immer länger von Bodenschätzen anderer Länder abhängig sein.
    Die Energiewende ist nicht teurer als z.B. Atomstrom. Der Unterschied ist nur, dass die SUbventionen für Atomstrom anders finanziert wurden, d.h. Sie haben nur an anderer Stelle dafür bezahlt, es aber auf der Stromrechnung nicht gemerkt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kernenergie#Subventionen_und_andere_F.C3.B...

    Es geht nur um eine gerechte Verteilung, insgesamt ist Deutschland reich genug Dinge wie die Energiewende zu stemmen.

    "wer kann, sollte einfach flüchten aus diesem drittweltland. egal wohin, schlimmer wird es sicher nicht."
    https://de.wikipedia.org/wiki/Niger
    https://de.wikipedia.org/wiki/Deutschland
    Einfach mal vergleichen bitte und aufhören zu jammern.

    Bitte nennen Sie mir ein einziges Land auf der Welt, in dem es den Menschen deutlich besser geht als hier (außer Skandinavien und die Schweiz, da läuft einiges anders als bei uns, ist nicht vergleichbar.).

    Warum kann man Deutschland nicht mit Skandinavien oder der Schweiz vergleichen?

    Der Teutone will doch in Allem der Beste sein, dann sollte er sich doch auch und gerade bei der Sozialpolitik mit den besten messen.

    Wie kommt es denn, dass in Skandinavien teils erheblich höhere Sozialleistungen gezahlt werden, erheblich mehr in Bildung investiert wird, die auch um Lichtjahre besser ist als die Deutsche und trotzdem nicht dieser ausgeprägte Sozialneid nach Unten existiert?

    Ich frag ja nur.

  4. Wer in Deutschland mit 850 Euro als alleinstehender nicht Wohnung, Lebensunterhalt und Auto bezahlen kann hat andere Probleme als die Höhe des Gehaltes (Utopien wie der Mietmarkt in München z.B. einmal ausgenommen).

    Sie setzen die Grenze bei 1200 Euro. Das erkenne ich - ohne ihren abschätzigen Unterton zu nutzen - als Aussage an, auch wenn ich anderer Meinung bin.

    Aber Sie greifen genau auf, was mein Ansinnen ist. Wir müssen einig werden was im heutigen Deutschland bzw. Europa (die Lebenshaltung ist in Griechenland nicht so viel billiger und gerade deshalb funktioniert hier auch mein Vergleich) der Mensch zum Leben braucht.

    Wenn wir das wissen, dann können wir uns überlegen wie das sichergestellt werden kann. Für Alle!

    Antwort auf "Existieren und leben"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    >>Wer in Deutschland mit 850 Euro als alleinstehender nicht Wohnung, Lebensunterhalt und Auto bezahlen kann hat andere Probleme als die Höhe des Gehaltes (Utopien wie der Mietmarkt in München z.B. einmal ausgenommen).

    Sie setzen die Grenze bei 1200 Euro. Das erkenne ich - ohne ihren abschätzigen Unterton zu nutzen - als Aussage an, auch wenn ich anderer Meinung bin.<<

    Seien Sie versichert, der etwas abschätzige Unterton galt nicht ihnen, sondern eher unseren Damen und Herren Politexperten, die seit 30 Jahren mit geradezu grenzenloser Stupidität das Problem noch vergrößert haben.

    Und ich stimme Ihnen durchaus zu - 850 Euronen reichen für Unterkunft und korrektes Futter sicherlich aus - selbst Kochen macht dick!
    Da ist auch noch ein Bibliotheksausweis, ein mittleres Zeitschriftenabo und ein oder zwei Eisbecher pro Jahr drin, vielleicht auch ein oder zwei Wochenenden in der Sauna. Ein Auto sehe ich hier nicht zwingend bezahlbar - aber wozu auch?
    Ich habe seit jetzt fast 8 Jahren kein Auto mehr und brauche als Alleinstehender auch keins.

    Wenn - wie angeführt - für spätere Rente, Zähne, Pflege und noch ein, zwei andere Dinge Geld zurück- bzw. angelegt werden soll, langt das vorne und hinten nicht. So das Credo der Politik.
    Mit 5 Euro netto/h füllt man weder den eigenen Geldbeutel noch den des Staates. Solange die Politik nicht endlich anerkennt, daß Renten-, Gesundheits- und Arbeitspolitk völlig gescheitert sind, wird es keinen Konsens geben. Es ist nämlich keiner gewünscht!

  5. Die nach den Kriterien arm sind, sind nur die Spitze des Eisberges, denn wir sind alle ärmer geworden und das schon seit zwanzig Jahren.
    Nach jeder Legislaturperiode wurden die Steuern und Abgaben erhöht und das teilweise drastisch. Und trotz dem kommt unser politisches System mit dem Geld nicht aus.
    Es wird aller höchste Zeit, daß sich in diesem Lande etwas deutlich ändert. Es absoluter Schwachsinn, daß wir einen Föderalismus finanzieren, der praktisch keine Aufgabe hat. Weshalb werden Steuergeldverschwendung von Politikern nicht strafrechtlich verfolgt? .............

    • 15thMD
    • 20. Dezember 2012 13:34 Uhr

    ...gäbe es erst recht kein Geld für die Armen. Es ist wirklich unsinnig immer wieder darüber zu meckern. Denken Sie, wir wären mit der DM heute da, wor wir jetzt sind? Man sieht ja, wie super es in GB läuft, ohne den Euro.
    Wenn man sich mir den Fakten befasst, dann ist die dauerhafte Kritik am Euro nur Populismus.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nicht wirklich. Gb steht nicht wegen dem fehlenden Euro so schlecht da, sonder wegen der Nichtexistens einer Wirtschaft, außer Banken ist da nicht viel, sofern man das unter Wirtschaft aufführen kann.

    • nyobion
    • 21. Dezember 2012 5:23 Uhr

    welche studie berufen sie sich mit dieser aussage?

    der euro steht für wertverlust.
    zu beginn war der wechselkurs ca. 1€ = 2DM

    die preise heute sind in einem verhältnis 1/1.
    wertverlust 50%, also eine währung die 50% ihrer kaufkraft
    innerhalb von 10jahren einbüßt ist eine klasse währung.

    und was hat es den €uronachbar gebracht?
    weil deutschland ein billiglohn / lohndumping land geworden ist, können nachbar nichtmehr und nur schwer mitkonkurrieren.
    das ergebnis dieser wirtschaftspolitik sieht man in griechenland, spanien, frankreich, italien usw.

    nicht das deutschland anfängt diesen agenda fehler zu korregieren, nein, jetzt wird diesen ländern genau das gleiche programm aufgezwungen. hehe.

    die DM würde natürlich dafür sorgen, das die armen noch ärmer sein würden. tolle theorie ;)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, nf
  • Schlagworte Bundesregierung | Arbeit | Arbeitslosigkeit | Arbeitsmarkt | Arbeitsmarktpolitik | Armut
Service