Korruption : Danke für die Geschenke, Frau Pharmareferentin

Gutes Essen, neue Geräte und Provisionen: Die Bestechung von niedergelassenen Ärzten ist in Deutschland strafrechtlich nicht verboten. Dagegen regt sich Widerstand.

Früher hat der Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Schwinzer etwa zwanzig Pharmavertreter pro Woche in seiner Praxis empfangen. Er ließ sich von ihnen nette Prospektchen geben und auch mal zum Essen ins Sternerestaurant einladen. Alle Ärzte, die er kannte, machten das so. Wer heute die Praxis von Schwinzer betritt, wird von einem Plakat begrüßt, auf dem bunte Pillen abgebildet sind: "Liebe Patientin, lieber Patient", steht darauf. "Hier bekommen Sie keine Rezepte der Pharmaindustrie!" Die Referenten müssen jetzt draußen bleiben.

Der heute Sechzigjährige hat 2007 gemeinsam mit anderen Medizinern die Initiative Mezis : "Mein Essen zahl' ich selbst" gegründet. Es ist der Zusammenschluss von "unbestechlichen Ärzten und Ärztinnen". Sie lassen sich nicht von Pharmavertretern zum Essen einladen, nehmen weder Geld noch Geschenke von ihnen an und meiden gesponserte Veranstaltungen. Selbstverständlich, könnten Patienten meinen. Ist es aber leider nicht, sagen die Mezis wie Schwinzer. Vor fünfzehn Jahren habe das Umdenken begonnen, nachdem er kritische Artikel in Ärztezeitungen gelesen hatte. Er wollte die Medikamente verschreiben, die er selbst für gut hielt und nicht die, die ihm Pharmavertreter mit kleinen oder größeren Aufmerksamkeiten schmackhaft machten. Und er wollte andere davon überzeugen, genauso zu handeln.

Korruption ist in deutschen Arztpraxen heute, fünf Jahre nach der Gründung der Mezis, aktueller denn je. Im Juni 2012 entschied der Bundesgerichtshof, dass niedergelassene Ärzte sich nicht wegen Bestechung strafbar machen können : Eine Pharmareferentin von Ratiopharm hatte 18.000 Euro an Ärzte verteilt, die im Gegenzug Medikamente des Konzerns an ihre Patienten verschrieben hatten . Korruptes Verhalten stellte das BGH zwar fest. Aber weder die Ärzte noch die Referentin konnten verurteilt werden, da es keinen Paragraphen im Strafgesetz gibt, der die Bestechung von niedergelassenen Ärzten verbietet. Verboten ist nur die Korruption in Krankenhäusern.

Ärzte sollten als Amtsträger angesehen werden

Schwinzer versteht das nicht. Er wünscht sich, dass Ärzte strafrechtlich als Amtsträger angesehen werden. Sie bestimmen schließlich, wofür das Geld der Krankenkassen ausgegeben wird. Dasselbe fordert Christian Humborg von Transparency International: "Wie soll der Patient einem Arzt vertrauen, der ihm ein Medikament nur deshalb verschreibt, weil er von der Pharmaindustrie Geld dafür bekommen hat?"

Die Bundesärztekammer begrüßt jedoch das Urteil . Sie sieht die Unabhängigkeit der niedergelassenen Mediziner gestärkt. Korruption sei Ärzten schon qua Berufsordnung verboten . Tatsächlich dürfen Ärzte laut dieser weder Provisionen noch wertvolle Geschenke annehmen. Schwinzer hält die Bestimmungen aber für praktisch bedeutungslos: "Dafür interessiert sich kein Mensch. Ich kenne keinen Fall, in dem die Ärztekammer das verfolgt hätte."

Erste Präsente schon im Studium

Man lernt als Arzt sehr früh, dass es in Ordnung ist, sich bestechen zu lassen, sagt Schwinzer. Schon im Studium bekam er sein erstes Präsent: Ein etwa 100 Euro teures Fachbuch, gesponsert vom Pharmakonzern Hoffmann-La Roche. Später wollten ihm Referenten Reisen nach Mallorca und Geräte für seine Praxis schenken. Vor drei Jahren bot ihm ein Konzern Provisionszahlungen dafür an, dass er ein bestimmtes Medikament verschreibt. Er solle einfach nur einen Beratervertrag für mehrere Zehntausend Euro jährlich unterschreiben. Seine Beratungsleistung hätte einzig darin bestanden, dem Pharmakonzern seine Kontonummer zuzuschieben.

Bestechung im Gesundheitswesen erhöht nicht nur die Ausgaben der Krankenkassen drastisch, sondern schadet auch der Gesundheit von Patienten. Besonders gefährlich findet Schwinzer die Methoden der Konzerne, wenn sie sogenannte Pseudoinnovationen auf den Markt bringen: "Bei diesen Medikamenten wird ein Molekül geändert und die Nebenwirkungen kennen wir nicht." Solche Präparate würden dank der fleißigen Werbung durch Pharmavertreter erst massenhaft verschrieben und im schlimmsten Fall bald darauf wegen gravierender Nebenwirkungen vom Markt genommen. Mit dem Schmerzmittel "Vioxx" ist genau das geschehen.

Auch bezahlte Studien durch die Pharmaindustrie, sogenannte Anwendungsstudien, sehen sowohl die Mezis als auch die kassenärztliche Bundesvereinigung kritisch . Dabei erhalten Ärzte Geld dafür, dass sie Patienten ein neues, bereits zugelassenes Medikament verschreiben und dessen Wirkung untersuchen. Diese Studien sind laut Schwinzer oft reine Marketingmaßnahmen, um den Medikamentenabsatz zu steigern. Der Patient nimmt das Arzneimittel ein, die Krankenkasse zahlt, aber niemand kontrolliert die Studien.

Vertreter der großen Pharmakonzerne haben als Reaktion auf das BGH-Urteil verkündet, künftig transparenter zu arbeiten . Schwinzer glaubt jedoch nicht daran, dass die Unternehmen freiwillig ihre korrupten Methoden stoppen: "Im Endeffekt ist das meiste nur Show. Die Firmen haben sich nicht geändert, sie sind nur geschickter geworden."

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

durch die Beobachtungen

des Sumpfes im politischen Raum hat sich als Ergebniss doch nun ergeben das wir eine Luschenbande da aufgestellt haben die nichts für uns macht.

Sollten wir im medizinischen Bereich weiter ätzen von oben auf das Personal sind wir dann bald auch froh über deren miese Qualität.

Nennen sie doch eine Berufsgruppe die wirklich, aber auch wirklich ohne Vorteilsnahme auskommt und auch keine extremen Verwicklungen hat.

Ohne Bestechung entlässt Thysen und

Denkfehler

In einer echten Marktwirtschaft haben Produkte schlechte Chancen, wenn sie sich nur durch Bestechung gegen die Konkurrenz durchsetzen können, denn das kostet auch.

In den meisten Fällen passiert die Korruption an den Schnittstellen zwischen (Sozial-)Staat und Wirtschaft, und die Mehrkosten für den Reibach mit den schlechteren und/oder überteuerten Produkten trägt die Gemeinschaft.

Das hat mit Marktwirtschaft wenig zu tun.

Vorraussetzungen für funktionierenden Markt nicht erfüllt

Manche Wirtschaftszweige eignen sich nicht für die Marktwirtschaft. Dazu gehören z. B. Netze (Schienen, Stromleitungen, aber auch Märkte, die sehr intransparent sind (z. B. Vertrauensgüter). Patienten und Krankenkassen können nicht effizient entscheiden, bei wem sie medizinische Leistungen einkaufen möchten. Die Patienten wissen gar nicht, ob das beste Medikament verschrieben wird, oder ob Ihr netter Arzt in Kauf nimmt, dass sie mit dem überteuerten Scheininnobationsmedikament einen Schlaganfall erleiden, weil die Pharmafirma ihn dafür bezahlt.

Korruption

Was für ein schlimmes Wort.

Die gibt es doch in Deutschland nicht, deshalb muss man auch das Antikorruptionsgesetz nicht ratifizieren.

Das sind doch alles nur "Gastgeschenke" und kleine Aufmerksamkeiten. Ist zwar das gleiche, hört sich aber niedlicher an. Guten Freunden mache ich doch auch kleine Geschenke, in der Hoffnung, wenn ich sie brauche stehen sie auf meiner Seite.