Leserartikel

Anonyme AlkoholikerinWarum ich meinen Alkoholismus verschweige

Danke, davon bekomme ich Migräne: Leserin Iris A. ist abstinente Alkoholikerin und lehnt jedes Glas Wein mit einer Notlüge ab – aus Angst vor Stigmatisierung. von Iris A.*

"Für mich nur Wasser, ich muss noch fahren": Das ist eine akzeptierte Begründung, Alkohol abzulehnen. "Ich bin alkoholabhängig und lebe abstinent": Das auszusprechen wäre hingegen peinlich. Für mich als Alkoholkranke ist Abstinenz die einzige Möglichkeit, glücklich weiterzuleben. Eine Aussicht auf Heilung – also eine Rückkehr zum harmlosen Trinken – gibt es für mich nicht. Wie geht man damit um in einer Welt, in der Alkohol zum Alltag gehört?

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Ich gebe zu, dass ich meine Erkrankung meist verschweige und auf Notlügen zurückgreife. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die die wahren Gründe für meine Abstinenz kennen. Die Angst vor Stigmatisierung ist einfach zu groß. Ich bin Mutter dreier Kinder, promovierte Akademikerin, lebe privat und beruflich ein glückliches, erfolgreiches Leben. Man könnte mich als Menschen aus der Mitte der Gesellschaft bezeichnen.

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Während des Studiums wurde der Druck, die Arbeitslast und die Angst, keinen geeigneten Job zu finden, immer größer. Ich fing an, mich abends immer häufiger mit ein paar Gläsern Rotwein vermeintlich zu entspannen. Nach einigen Monaten war mir klar, dass mein Trinkverhalten kritisch ist. Nach einigen Jahren habe ich den Absprung geschafft und trinke seit 15 Jahren keinen Alkohol mehr.

Auch nach dieser langen Zeit – obwohl es für mich längst eine Selbstverständlichkeit ist – mache ich mir jeden Tag klar, dass Alkohol für mich tabu ist und es nicht die kleinste Ausnahme geben darf. Damit könnte ich gut leben. Ich habe nicht das Gefühl zu verzichten, wenn ich auf einer Party nur Apfelschorle trinke.

Wenn da nicht die lieben Mitmenschen wären. Immer wieder erwartet man Erklärungen. Nicht mal zum Essen ein guter Wein? Nicht mal wenigstens probieren? Kein Sekt zum Anstoßen? Das ist aber merkwürdig. Darfst Du etwa nicht? In den Augen des Gegenübers liegt freundlich, gespannte Erwartung. Hat sie etwa ein Alkoholproblem?

Längst habe ich mir angewöhnt, die Situation schnellstmöglich zu klären, indem ich von Horror-Migräne-Attacken nach dem Genuss kleinster Mengen Alkohol berichte. Das wird als harmlose Begründung akzeptiert, oft gibt das Gegenüber eigene Migräne-Geschichten zum Besten und lenkt so selbst vom eigentlichen Thema ab.

Ich wünsche mir, dass der Umgang mit abstinent lebenden Menschen einfacher und offener wird. Das erleichtert das Leben der Betroffenen, die fürchten müssen, in die soziale Schmuddelecke geschoben zu werden. Und den vielen Menschen, die eigentlich längst wissen, dass sie zu viel und zu oft trinken, wäre ich gerne ein Beispiel: Der Weg aus der Erkrankung kann gelingen, das Leben ohne Alkohol kann glücklich und entspannt sein.

*Der volle Name der Leserin ist der Redaktion bekannt.

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Leserkommentare
  1. Man muss sich rechtfertigen, seinen Körper nicht zu schädigen.

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    • hladik
    • 30. Dezember 2012 16:43 Uhr

    Man musste eine Gewissenspruefung ablegen, wenn man *keine* Waffe tragen wollte.

    (hat zwar mit dem Artikel nichts zu tun, war aber genauso absurd).

  2. selbst bin ich kein abstinenzler.
    doch widert mich an, wie sehr man sich rechtfertigen muss, keinen alkohol zu trinken oder auch einfach nur keine hochprozentigen.

    7 Leserempfehlungen
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    • prof d.
    • 30. Dezember 2012 18:48 Uhr

    "wie sehr man sich rechtfertigen muss"

    das muss man nicht. wer es dennoch tut, stimmt damit indirekt der tatsache zu, dass alkohol für viele normalität ist.

    • hladik
    • 30. Dezember 2012 16:43 Uhr

    Man musste eine Gewissenspruefung ablegen, wenn man *keine* Waffe tragen wollte.

    (hat zwar mit dem Artikel nichts zu tun, war aber genauso absurd).

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schon seltsam..."
  3. Vielleicht halten die meisten Leute ihre eigenen Partys für so schlecht, dass sie glauben, sie seien nur mit Alkohol auszuhalten ...

    Spaß beiseite, nach meiner Erfahrung ist es so, dass man als nicht Alkoholisierter als Spaßbremse angesehen wird und es somit zum guten Ton gehört, etwas zu trinken und so zur Stimmung beizutragen

    3 Leserempfehlungen
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    ... grundsätzlich für alle Partys?

    auf welche Parties man geht - ich persönlich erlebe eher, daß heute weniger Alkohol getrunken wird als früher bzw. der früher doch übliche Korn zum Bier jetzt lieber weggelassen wird. Ich konzediere aber, daß ich vielleicht nicht an den wirklichen alkoholgeschwängerten Parties teilnehme - ich bin schon etwas älter - und das Komasaufen ist ja heute bei jüngeren Menschen üblich.
    Ich kenne natürlich Alkoholiker, darunter einige schwere Fälle; und ich verüble es niemandem, überhaupt keinen Alkohol zu trinken - muß man ja auch nicht, um sich amüsieren zu können, das geht auch mit Apfelsaftschorle.

    • Ndeko
    • 02. Januar 2013 18:34 Uhr

    Ich persönlich glaube ja, dass die meisten Menschen für die Alkoholkomsum Grundvoraussetzung einer guten Party ist, den Anblick von Menschen, die ohne Alkohol feiern, Spaß haben und glücklich sind, einfach nicht ertragen können. Sie versuchen dann schnell die Leute quasi auf die dunkle Seite der Macht zu ziehen.

  4. Ich kenne einige Leute, die prinzipiell auf Alkohol verzichten, entweder aus einer grundsätzlich ablehnenden Haltung Drogen gegenüber (inkl. Alkohol) oder etwa aus religiösen Gründen. Daher finde ich es etwas verwunderlich, dass Ihr Umfeld offensichtlich nicht bereit ist, die Aussage "Ich trinke keinen Alkohol" ohne Nachfragen zu akzeptieren. Ich würde mich da erst gar nicht in eine solche Rechtfertigungshaltung drängen lassen. Dann sind weder Notlügen noch eine Offenbarung der Alkoholkrankheit, die niemanden etwas angeht, notwendig.

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    denn eine aktive Ablehnung von Alkohol aus Gesundheits- oder prinzipiellen Gründen zu erklären, während ein anderer gerade trinkt, ist auch wieder problematisch, aus denselben Gründen, aus denen es grob unhöflich ist, übers Kalorienzählen zu fachsimpeln, während gerade die Mousse au Chocolat serviert wird.

    Vielleicht fragen deshalb so viele Menschen hartnäckig nach, wenn jemand nichts trinken will: weil sie (auf welcher Bewusstseinsebene und mit welcher Intensität auch immer) ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie selbst trinken, und es als schweigende Zurechtweisung empfinden, wenn jemand es ablehnt.

    Mein Vorschlag wäre: "Ich vertrage es schlecht", das ist nicht gelogen und lässt gleichzeitig jede Menge gastrointestinale, oralhygienische und neurologische Gründe offen, die niemand sich trauen wird zu erfragen.

    Die ganze Wahrheit sagen ist schwierig, weil sie das Gegenüber fast zu weiteren Fragen zwingt. Überhaupt wirkt sie als Partykiller, weil sie einen Ernst in die Situation bringt, der nicht zu ihr passt.

    Ich selber habe dreißig Jahre meines Lebens vollabstinent gelebt (ohne einen besonderen Grund, einfach weils mir nicht geschmeckt hat und ich keine Lust hatte). Da habe ich auch viele Nachfragen beantwortet, und bestimmt hat so mancher Gesprächspartner im Stillen gedacht, na, wenn der mal nicht ein Alkproblem hat. Wie es so ist - wenn man keines hat, ist es einem auch irgendwie wurscht, und alles kein Problem.

    Der Artikel beschreibt den Alltag, wie er in allen 'Kreisen' stattfindet. Und: Glauben Sie nicht, dass in IHREN Kreisen Suchtproblematiken keine Rolle spielen (Antidepressiva, Shit, Happy-Pills etc. pp.). Also 'mal ehrlich unter uns - Ihr Beitrag war ein besonders naiver. Schlimm finde ich, wie schulmeisterlich Sie argumentieren und dabei offenbar keinerlei Vorstellung von Suchtproblematiken haben. Gegenüber der Autorin finde ich das respektlos!

    • porph
    • 30. Dezember 2012 16:53 Uhr

    Der Artikel erscheint mir reichlich Überdramatisiert. Viele Menschen trinken keinen Alkohol, zum Beispiel weil er ihnen nicht schmeckt oder weil sie gesundheitsbewusst leben. Das ist doch Ok und in meinem Bekanntenkreis durchaus üblich. Rechtfertigen muss sich dafür niemand. Der Artikel scheint eher so, als versuche die Autorin ein Problem zu beschwören, wo gar keins ist

    6 Leserempfehlungen
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    Zitat porph:"Der Artikel scheint eher so, als versuche die Autorin ein Problem zu beschwören, wo gar keins ist"

    Ein Problem existiert bestimmt, die Frage ist nur wie viel davon ein gesellschaftliches ist und wie viel sich im eigenen Kopf abspielt, also ein selbst gemachtes ist. Die befürchtete Stigmatisierung findet meiner Erfahrung nach kaum statt, eher hat man als abstinenter Alkoholiker selbst ein Problem damit, sich zu akzeptieren und unterstellt anderen deshalb das gleiche. Ich kenne das gut, obwohl ich eigentlich die Erfahrung gemacht habe, dass kaum jemand wirklich negativ reagiert, so lange man trocken ist.

    Alkohol trägt doch so wunderbar zur "Geselligkeit" bei. Wer nicht sehr dichte an alkoholgefährdeten Personen dran ist, sieht die Probleme nicht.
    Aber machen Sie mal eine Hausführung bei Leuten, die Ihnen im Keller stolz Flaschen mit der Aufschrift "Nichts" und "Gar nichts" prästentieren.Inhalt: Doppelkorn. Damit man dann zuhause auch sagen kann, dass man "Nichts" oder "Gar nichts" getrunken hat. Der schlimmste Feind des trockenen Alkoholikers ist der Nachbar, der seinen eigenen Suff für völlig unproblematisch hält und überhaupt nicht einsehen kann, dass irgendjemand sich seine Gesundheit ungeselliger Weise nicht ruinieren will. Denn das stellt das eigene Lebensmodell in Frage.
    Auch kein Mon Cherie? Das ist doch sooo lecker. Die Alkoholsucht ist eben eine Krankheit, die täglich aufs neue bekämpft werden muss, und alle, die keine körperliche Abhängigkeit entwickelt haben, sollten froh und dankbar sein.
    Das Saufverhalten ist nicht besser, sondern schlimmer geworden. Vor 25 bis 30 Jahren hätten Sie in Regionalzügen keine Mädchen oder junge Frauen in Cliquen angetroffen, die schon mal mit allerlei gesüsstem Mist ("Alkopops") bis zum sauren Erbrechen vorgeglüht haben. Heute haben Sie genau das. Und da erzähle mir niemand, dass hier irgendwelche Probleme übertrieben werden. Die Autorin gibt einfach nur Überlebenstipps in einer Gesellschaft, die es für ungesellig hält, sich nicht regelmäßig zu vergiften.

  5. Ich habe nur ein paar Menschen im meinem Umfeld, die gar nichts trinken. Dabei ist es aber interessant, wie sie mit ihrer Abstinenz (aus welchen Gründen auch immer umgehen):
    - Manche vertreten eine militante Straight-Edge Einstellung, die einem das Gefühl gibt etwas Unrechtes getan zu haben wenn man Ihnen ein Gläschen anbietet
    - Manche werden sichtlich nervös und erklären sich mit einer Aufregung im Unterton, das selbst der Letzte merkt dass da was nicht passt
    - Manche stehen souverän dazu, dass sie nichts trinken.

    Ich denke, die Art und Weise wie man als Abstinenzler mit potenziellen Alkohol-Konsum Situationen umgeht nimmt einen großen Einfluss auf das eigene Erleben in einer "einer Welt, in der Alkohol zum Alltag gehört". Sich selbst seiner Sache sicher sein, freundlich und bestimmt ablehnen, zum O-Saft Gläschen greifen und damit anstoßen.
    Selbst in meiner Schulzeit-Clique, in der wir weit mehr als vernünftig Bier tranken hatten wir einen Freund, der als einziger nichts trank. Er stand dazu, ließ die ersten Spitzen über sich ergehen und es war kein Thema mehr.

    12 Leserempfehlungen
  6. unverholene neugier die impliziert, dass -mehr- dahinter steckt, wenn man keinen alkohol möchte.
    ich mag ihn nicht. schmeckt einfach nicht und wann immer ich mich als teenager überwunden habe, um dazu zu gehören, hab ich den auch null vertragen. dann noch sportler und der körper reagiert extrem darauf.
    auch ich habe es satt mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass mir die gesellschaftsdroge nr 1 nicht schmeckt. auch die stigmatisierung, man könne sich wohl nicht amüsieren, weil man nicht trinke...finde ich immer wieder krass.

    meist reagiere ich inzwischen auf die: ach? ja wieso trinkst du denn nichts mit? bist du ne spassbremse? -Fragen mit der anregung, warum der fragesteller nicht mal darüber nachdenke möchte:

    wenn man keinen alkohol trinkt, muss man sich rechtfertigen, wenn man keine kippen raucht - dann nicht. warum?

    4 Leserempfehlungen
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    ... heisst doch nicht, "sich rechtfertigen muessen". Menschen wollen auf Parties nun einmal Gespraeche ffuerhren und Dinge von anderen wissen. Dass sie dabei oft unde Punkte beruehren, ist ihnen ja nicht unbedingt bewusst. Und die Alkoholabstinenz kann eben auch Anlass zu einer Unterhaltung ueber Religion, gesunder Ernaehrung, Allergien, bevorzugten Rauschmitteln etc. sein. Sie haben sicher auch schonmal jemanden gefragt, ob er oder sie z.B. Kinder hat - und sich nichts weiter dabei gedacht, weil Menschen, die Kinder haben sich nun einmal gerne ueber Kinder unterhalten. Der Mensch, den Sie fragen koennte aber gerade verzweifelt jahrelang erfolglos versuchen, welche zu bekommen, koennte gerade eine Fehlgeburt hinter sich haben, koennte nach einer Scheidung verzweifelt darum kaempfen, sein Kind oefter zu sehen. Oder sie schwafeln darueber, wie gesund Sie leben und dass Sie daher auch fast nie krank seien - und die meisten heutigen Krankheiten schliesslich zivilisationskrankheiten seien - und die Mutter Ihre Gespraechspartners ist gerade an Krebs gestorben. Fast alle Themen koennen potentiell verletzend sein.

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  • Schlagworte Alkohol | Alltag | Essen | Heilung | Redaktion | Wasser
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