"Für mich nur Wasser, ich muss noch fahren": Das ist eine akzeptierte Begründung, Alkohol abzulehnen. "Ich bin alkoholabhängig und lebe abstinent": Das auszusprechen wäre hingegen peinlich. Für mich als Alkoholkranke ist Abstinenz die einzige Möglichkeit, glücklich weiterzuleben. Eine Aussicht auf Heilung – also eine Rückkehr zum harmlosen Trinken – gibt es für mich nicht. Wie geht man damit um in einer Welt, in der Alkohol zum Alltag gehört?

Ich gebe zu, dass ich meine Erkrankung meist verschweige und auf Notlügen zurückgreife. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die die wahren Gründe für meine Abstinenz kennen. Die Angst vor Stigmatisierung ist einfach zu groß. Ich bin Mutter dreier Kinder, promovierte Akademikerin, lebe privat und beruflich ein glückliches, erfolgreiches Leben. Man könnte mich als Menschen aus der Mitte der Gesellschaft bezeichnen.

Während des Studiums wurde der Druck, die Arbeitslast und die Angst, keinen geeigneten Job zu finden, immer größer. Ich fing an, mich abends immer häufiger mit ein paar Gläsern Rotwein vermeintlich zu entspannen. Nach einigen Monaten war mir klar, dass mein Trinkverhalten kritisch ist. Nach einigen Jahren habe ich den Absprung geschafft und trinke seit 15 Jahren keinen Alkohol mehr.

Auch nach dieser langen Zeit – obwohl es für mich längst eine Selbstverständlichkeit ist – mache ich mir jeden Tag klar, dass Alkohol für mich tabu ist und es nicht die kleinste Ausnahme geben darf. Damit könnte ich gut leben. Ich habe nicht das Gefühl zu verzichten, wenn ich auf einer Party nur Apfelschorle trinke.

Wenn da nicht die lieben Mitmenschen wären. Immer wieder erwartet man Erklärungen. Nicht mal zum Essen ein guter Wein? Nicht mal wenigstens probieren? Kein Sekt zum Anstoßen? Das ist aber merkwürdig. Darfst Du etwa nicht? In den Augen des Gegenübers liegt freundlich, gespannte Erwartung. Hat sie etwa ein Alkoholproblem?

Längst habe ich mir angewöhnt, die Situation schnellstmöglich zu klären, indem ich von Horror-Migräne-Attacken nach dem Genuss kleinster Mengen Alkohol berichte. Das wird als harmlose Begründung akzeptiert, oft gibt das Gegenüber eigene Migräne-Geschichten zum Besten und lenkt so selbst vom eigentlichen Thema ab.

Ich wünsche mir, dass der Umgang mit abstinent lebenden Menschen einfacher und offener wird. Das erleichtert das Leben der Betroffenen, die fürchten müssen, in die soziale Schmuddelecke geschoben zu werden. Und den vielen Menschen, die eigentlich längst wissen, dass sie zu viel und zu oft trinken, wäre ich gerne ein Beispiel: Der Weg aus der Erkrankung kann gelingen, das Leben ohne Alkohol kann glücklich und entspannt sein.

*Der volle Name der Leserin ist der Redaktion bekannt.