Leserartikel

AmokläuferSo berühmt wie Rockstars

Nach Amokläufen berichten die Medien in allen Details über die Täter. Würden wir sie nicht wie Berühmtheiten behandeln, gäbe es weniger Nachahmer, meint Leser A. Böge.

Fernsehteams filmen eine provisorische Gedenkstätte für die Opfer des Amoklaufs in Newtown.

Fernsehteams filmen eine provisorische Gedenkstätte für die Opfer des Amoklaufs in Newtown.

Brutaler, böser, blutiger: Alle Nachrichtensender, Zeitungen und deren Online-Auftritte überschlagen sich wieder mal mit Berichten über die Details eines Amoklaufs. Haben diese Infos irgendeine Relevanz für mich? Schützen sie mich oder meine Kinder vor dem nächsten Irren, der scheinbar sinnlos mordet?

Ja, "scheinbar" sinnlos. Die Medien laden den Horror im Nachhinein mit Sinn und Bedeutung auf: Dass ein sechsjähriges Kind von elf Kugeln zerfetzt wurde, ist vor allem dann eine Nachricht, wenn damit neue Maßstäbe gesetzt wurden.

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Wir weiden uns an fremdem Elend wie an Rekorden. So wurde auch in Newtown wieder ein Wahnsinniger auf einen Schlag weltberühmt. Würden die Namen der Täter nicht so hoch gehängt – oder einfach nicht erwähnt: Es gäbe sicher weniger Nachahmer.

Stattdessen werden Berichte mit Fotos illustriert, die ein cooles Feeling aufkommen lassen. Die Assoziationen sind: Rock´n Roll, Thelma & Louise, Bonny & Clyde.

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Wir alle machen die Täter zu Berühmtheiten, könnten aber auf Nachfrage wahrscheinlich nicht einen Namen der Opfer nennen. Die Zweitverwertung übernehmen dann Michael Moore oder Oliver Stone. Das nächste Massaker, an dem wir uns ergötzen können, kommt bestimmt: in Echtzeit und in Farbe.

Nein, es sind nicht nur die Amis und die Waffen. Es sind wir alle.

 
Leserkommentare
  1. Jack The Ripper wird noch heute irgendwie bewundert und was war sein Verdienst?

    Menschen aus Casting Shows verschwinden nach paar Tagen oder Wochen vn der Bildfläche aber diese "Mörder" bleiben über Jahre präsent.

    Wenn man berühmt werden will. Einfach das Ereigniss vom letzten Freitag toppen und man ist Welt weit auf den Titelseiten.
    Das ist es was WIR (nicht nur die Medien) aus diesen Leuten machen.
    Und bei jedem neuen Amok lauf werden seine Vorgänger wieder zum Leben erweckt!

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  2. Die Medien bedienen das Gaffertum der Leser.
    Klickt man eher die neuesten Meldungen über den Amoklauf oder die neueste diesjährige Debatte über das Haushaltsbudget an?

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es ist grundsätzlich falsch, so etwas als "Gaffertum" zu bezeichnen. Seit Menschengedenken versuchen die Gemeinschaften solche Vorfälle zu bearbeiten und aus ihnen zu lernen. Wenn ich Auswanderungsgedanken hege, ist es für mich schon sehr interessant, ob es eine Gewaltproblematik im Zielland gibt. Analoges gilt für die Übertragbarkeit solcher Verbrechen auf Deutschland und die Möglichkeit solche Verbrechen zu vermeiden.

    Das Problem unserer Gesellschaft ist hauptsächlich, dass man kaum/keine Einflussmöglichkeiten zur Problemlösung mehr hat. Daher ist es aus dem Aspekt eigentlich völlig egal, ob man sich die Haushaltslügereien im Fernsehen oder die Berichte über solche Taten anschaut. Bei Letzterem kann man ja wenigstens noch persönliche Verhaltensregeln für solche Notfälle lernen.

    Es ist grundsätzlich falsch, so etwas als "Gaffertum" zu bezeichnen. Seit Menschengedenken versuchen die Gemeinschaften solche Vorfälle zu bearbeiten und aus ihnen zu lernen. Wenn ich Auswanderungsgedanken hege, ist es für mich schon sehr interessant, ob es eine Gewaltproblematik im Zielland gibt. Analoges gilt für die Übertragbarkeit solcher Verbrechen auf Deutschland und die Möglichkeit solche Verbrechen zu vermeiden.

    Das Problem unserer Gesellschaft ist hauptsächlich, dass man kaum/keine Einflussmöglichkeiten zur Problemlösung mehr hat. Daher ist es aus dem Aspekt eigentlich völlig egal, ob man sich die Haushaltslügereien im Fernsehen oder die Berichte über solche Taten anschaut. Bei Letzterem kann man ja wenigstens noch persönliche Verhaltensregeln für solche Notfälle lernen.

  3. aber die 100Sek.-heute Sendung war seit langem mal wieder eine die ich mir Online angesehen hatte, und wie im Artikel zu lesen, wurden die "bis zu 11 Schüße" genannt, nachdem ich aber wirklich erstaunt über die Fernsehbilder und auch die Onlinebilder darüber war, daß nicht ein einziger irgendwie richtig geschockter Mensch zu sehen war. Bei, geschätzt doch mehr wie den 40 betroffenen Eltern, waren das alles sehr konzertiert zurückgehaltene Bilder, aber wie zu hören war, waren alle Eltern und nahe Verwandte wenigstens in pyschologischer Betreuung und abgeschirmt.

    Ob man sich das wie eine Art Zwangsunterbringung vorstellen muß weiß ich sowenig wie ich's sagen kann, vorstellen kann ich mir das aber auch nicht wirklich anders.

    Widersprechen möchte ich der Verfasserin aber sehr entschieden, denn ich fühle mich durch solche Nachrichten "zwangsbetreut" wie schon vor über 30 Jahren, als mir Morgens zum Frühstück und kurz vorm Schulweg die Aktualität per Radionachrichten zugetragen wurde, daß in Salvador linke Guerillas einer Schwangeren den Bauch aufschlitzten und den Fötus Hunden zum Fraß vorwarfen.

    Damals holte ich regelmäßig einen Klassenkameraden von der S-Bahn Station ab um gemeinsam in die Schule zu gehen und um mit weiteren, kurz vor der Schule, noch eine Zigarette zu teilen, und eins ist mal sicher : "wir" sind es nicht alle.

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  4. Das ist sehr pauschal formuliert.

    Auch wenn der Öffentlichkeit diese Individuen über einen längeren Zeitraum erhalten bleiben, so kann man doch von keiner allgemeinen Verehrung sprechen.

    Oliver Stone hat mit "Natural Born Killers" (Wikipedia: http://de.wikipedia.org/w...) so ziemlich alles falsch gemacht, obwohl er das Gegenteil erreichen wollte.

    Ich bin immer noch selbst dafür verantwortlich mit welchen Themen (Audio, Video, Literatur etc.) ich mich beschäftige und vor welchen ich mich und meine Lieben schütze. - Das ist Freiheit und hiermit sollte auch ein eigenverantwortlicher Umgang stattfinden.

  5. Die Medien (außer der Bild) haben diesen kausalen Zusammenhang schon seit geraumer Zeit auf dem Schirm wenn es um Selbstmorde geht.
    Leider müssen scheinbar aber noch viele durch Nachahmung angeheizte Amokläufer ihr Werk verrichten, bevor die Journalisten sich auch hier ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusster werden.

    http://de.wikipedia.org/w...

    3 Leserempfehlungen
  6. 6. Falsch

    Es ist grundsätzlich falsch, so etwas als "Gaffertum" zu bezeichnen. Seit Menschengedenken versuchen die Gemeinschaften solche Vorfälle zu bearbeiten und aus ihnen zu lernen. Wenn ich Auswanderungsgedanken hege, ist es für mich schon sehr interessant, ob es eine Gewaltproblematik im Zielland gibt. Analoges gilt für die Übertragbarkeit solcher Verbrechen auf Deutschland und die Möglichkeit solche Verbrechen zu vermeiden.

    Das Problem unserer Gesellschaft ist hauptsächlich, dass man kaum/keine Einflussmöglichkeiten zur Problemlösung mehr hat. Daher ist es aus dem Aspekt eigentlich völlig egal, ob man sich die Haushaltslügereien im Fernsehen oder die Berichte über solche Taten anschaut. Bei Letzterem kann man ja wenigstens noch persönliche Verhaltensregeln für solche Notfälle lernen.

    Antwort auf "Man muss auch sagen:"
  7. Ich gebe Präludium gern recht, wir sind immer noch selbst dafür verantwortlich was wir uns durch die Medien präsentieren lassen.

    Allerdings Leben wir aktuell in einer Zeit in der die ständige Verfügbarkeit von Informationen und der fast schon perverse Drang alles bis ins kleinste Detail zu erfahren dazu führen, das selbst vor so graußigen Einzelheiten nicht halt gemacht wird.

    Selbstverständlich dient Aufklärung auch der Prävention aber auch das sollte Grenzen kennen.

    Am markantesten ist hierbei nach wie vor der Fall von Budd Dwyer, der sich vor laufenden TV Kameras und Reportern erschoss. Heute findet man dieses Video in zahlreichen Onlineportalen mit teilweise sehr unwürdigen Kommentaren.

    Wir sind keine medialen Lemminge die der gesamten Horde folgen müssen.

    Natürlich gillt mein Mitgefühl allen Familien die bei diesem Attentat Angehörige verloren haben.

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  8. Ich hatte da Gestern eine Verfasserin genannt, aber Andrea schreibt man doch anders.

    @ Mathematiker
    Mir sagt der Duden eher das was mir ebenso mein halbwegsgesunder Menschenverstand sagt, daß bei dem was Sie schreiben irgendwie, ganz unterbewußt, sowas wie Gradadverbien fehlen. Allerdings braucht der Volksmund die auch nicht zwingend, bsp. "Blaukraut ist Blaukraut und Brautkleid ist Brautkleid" kommt sogar mit was ganz anderem zurecht und kann's doch auseinander halten.
    Also, eine - Haushaltsdebatte - wirkt nicht nur anders.

    Allerdings muß ich auch anmerken, daß ich in Zukunft mehr Expertenmeinung zu genau diesem Thema in den Medien erwarte. Gleich als ich die Wahlheimat eines auch nicht ganz glaubhaften "Ex- Komparativierungs Dr." wahrnahm, da rechnete ich mit viel Guttenberg bis Ostern.

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