Leserartikel

AmokläuferSo berühmt wie Rockstars

Nach Amokläufen berichten die Medien in allen Details über die Täter. Würden wir sie nicht wie Berühmtheiten behandeln, gäbe es weniger Nachahmer, meint Leser A. Böge. von 

Fernsehteams filmen eine provisorische Gedenkstätte für die Opfer des Amoklaufs in Newtown.

Fernsehteams filmen eine provisorische Gedenkstätte für die Opfer des Amoklaufs in Newtown.  |  © Mario Tama/Getty Images

Brutaler, böser, blutiger: Alle Nachrichtensender, Zeitungen und deren Online-Auftritte überschlagen sich wieder mal mit Berichten über die Details eines Amoklaufs. Haben diese Infos irgendeine Relevanz für mich? Schützen sie mich oder meine Kinder vor dem nächsten Irren, der scheinbar sinnlos mordet?

Ja, "scheinbar" sinnlos. Die Medien laden den Horror im Nachhinein mit Sinn und Bedeutung auf: Dass ein sechsjähriges Kind von elf Kugeln zerfetzt wurde, ist vor allem dann eine Nachricht, wenn damit neue Maßstäbe gesetzt wurden.

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Wir weiden uns an fremdem Elend wie an Rekorden. So wurde auch in Newtown wieder ein Wahnsinniger auf einen Schlag weltberühmt. Würden die Namen der Täter nicht so hoch gehängt – oder einfach nicht erwähnt: Es gäbe sicher weniger Nachahmer.

Stattdessen werden Berichte mit Fotos illustriert, die ein cooles Feeling aufkommen lassen. Die Assoziationen sind: Rock´n Roll, Thelma & Louise, Bonny & Clyde.

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Wir alle machen die Täter zu Berühmtheiten, könnten aber auf Nachfrage wahrscheinlich nicht einen Namen der Opfer nennen. Die Zweitverwertung übernehmen dann Michael Moore oder Oliver Stone. Das nächste Massaker, an dem wir uns ergötzen können, kommt bestimmt: in Echtzeit und in Farbe.

Nein, es sind nicht nur die Amis und die Waffen. Es sind wir alle.

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Leserkommentare
  1. Die Medien (außer der Bild) haben diesen kausalen Zusammenhang schon seit geraumer Zeit auf dem Schirm wenn es um Selbstmorde geht.
    Leider müssen scheinbar aber noch viele durch Nachahmung angeheizte Amokläufer ihr Werk verrichten, bevor die Journalisten sich auch hier ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusster werden.

    http://de.wikipedia.org/w...

    3 Leserempfehlungen
    • KönigX
    • 20. Dezember 2012 21:24 Uhr

    Fast alle "Amokläufe" sind ansich ein erweiterter Suizid, und genau deswegen sollte man wie bei anderen Selbstmorden mit der Berichtserstattung darüber sehr vorsichtig sein...

    3 Leserempfehlungen
  2. Jack The Ripper wird noch heute irgendwie bewundert und was war sein Verdienst?

    Menschen aus Casting Shows verschwinden nach paar Tagen oder Wochen vn der Bildfläche aber diese "Mörder" bleiben über Jahre präsent.

    Wenn man berühmt werden will. Einfach das Ereigniss vom letzten Freitag toppen und man ist Welt weit auf den Titelseiten.
    Das ist es was WIR (nicht nur die Medien) aus diesen Leuten machen.
    Und bei jedem neuen Amok lauf werden seine Vorgänger wieder zum Leben erweckt!

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  3. Die Medien bedienen das Gaffertum der Leser.
    Klickt man eher die neuesten Meldungen über den Amoklauf oder die neueste diesjährige Debatte über das Haushaltsbudget an?

    2 Leserempfehlungen
  4. aber die 100Sek.-heute Sendung war seit langem mal wieder eine die ich mir Online angesehen hatte, und wie im Artikel zu lesen, wurden die "bis zu 11 Schüße" genannt, nachdem ich aber wirklich erstaunt über die Fernsehbilder und auch die Onlinebilder darüber war, daß nicht ein einziger irgendwie richtig geschockter Mensch zu sehen war. Bei, geschätzt doch mehr wie den 40 betroffenen Eltern, waren das alles sehr konzertiert zurückgehaltene Bilder, aber wie zu hören war, waren alle Eltern und nahe Verwandte wenigstens in pyschologischer Betreuung und abgeschirmt.

    Ob man sich das wie eine Art Zwangsunterbringung vorstellen muß weiß ich sowenig wie ich's sagen kann, vorstellen kann ich mir das aber auch nicht wirklich anders.

    Widersprechen möchte ich der Verfasserin aber sehr entschieden, denn ich fühle mich durch solche Nachrichten "zwangsbetreut" wie schon vor über 30 Jahren, als mir Morgens zum Frühstück und kurz vorm Schulweg die Aktualität per Radionachrichten zugetragen wurde, daß in Salvador linke Guerillas einer Schwangeren den Bauch aufschlitzten und den Fötus Hunden zum Fraß vorwarfen.

    Damals holte ich regelmäßig einen Klassenkameraden von der S-Bahn Station ab um gemeinsam in die Schule zu gehen und um mit weiteren, kurz vor der Schule, noch eine Zigarette zu teilen, und eins ist mal sicher : "wir" sind es nicht alle.

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  5. Ich gebe Präludium gern recht, wir sind immer noch selbst dafür verantwortlich was wir uns durch die Medien präsentieren lassen.

    Allerdings Leben wir aktuell in einer Zeit in der die ständige Verfügbarkeit von Informationen und der fast schon perverse Drang alles bis ins kleinste Detail zu erfahren dazu führen, das selbst vor so graußigen Einzelheiten nicht halt gemacht wird.

    Selbstverständlich dient Aufklärung auch der Prävention aber auch das sollte Grenzen kennen.

    Am markantesten ist hierbei nach wie vor der Fall von Budd Dwyer, der sich vor laufenden TV Kameras und Reportern erschoss. Heute findet man dieses Video in zahlreichen Onlineportalen mit teilweise sehr unwürdigen Kommentaren.

    Wir sind keine medialen Lemminge die der gesamten Horde folgen müssen.

    Natürlich gillt mein Mitgefühl allen Familien die bei diesem Attentat Angehörige verloren haben.

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  6. Ups, da fühlen sich wohl doch so einige angesprochen ;-)

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Medien | Amoklauf | Michael Moore | Oliver Stone | Opfer | Rekord
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