Von Sandras Familienangehörigen, Freunden und Kollegen erfuhren nur wenige die schöne Neuigkeit. Von meinen Bekannten wussten es ein paar mehr. Ich sah einfach keinen Sinn darin, erst sechs Monate vor der Geburt von der Schwangerschaft meiner Freundin zu erzählen, meine Freude musste raus. Wenn mich etwas so freut, warum sollte ich es verheimlichen?

Natürlich war mir klar, dass es auch nichts werden kann, wie meine Freundin und ich es einmal ausgedrückten. Mir war auch klar, dass sich dann die eingeweihten Familienmitglieder und Freunde mit dem "nichts geworden" auch auseinandersetzen müssten.

Sandra war in der zehnten Woche, als wir zu einer Routineuntersuchung in die Klinik fuhren. Während der Ultraschalluntersuchung blieb ich im Wartezimmer und las eine Zeitschrift. An den Wänden hingen Fotos mit niedlichen gesunden Babys und Grüßen der Eltern an den Arzt. Neben mir saß eine Frau mit kugelrundem Bauch.

Als Sandra aus dem Behandlungszimmer kam, war mir sofort klar, was passiert war. Sie versuchte zwar, sich zu beherrschen, war aber aufgewühlt und weinte. Sie nahm ihre Tasche und wollte nur raus. Als ich noch einmal zurücksah, hatten alle im Raum ihre Blicke gesenkt. Sie vermuteten, was wir mit Gewissheit wussten: Das Kind in Sandras Bauch war tot.

Wie definiert sich ein Kind? Ist es die Größe, das Gewicht? Sind es Bewegungen oder ein Herzschlag? Ist es die Tatsache, dass Sandra einen Mutterpass hat? Medizinisch betrachtet hatten wir es mit einem etwa drei Zentimeter großen Embryo zu tun, dessen Geschlecht man nicht sehen konnte, dessen Herz aber bereits geschlagen hatte.

Vielen Menschen fehlt der Bezug zu einem ungeborenen Kind, sie kennen die Erfahrung einfach nicht. Das Kind existiert schon, aber auf eine Weise, die von außen schwer zu begreifen ist. Darum gehen Formulierungen wie "besser jetzt als später" oder "zum Glück kanntet ihr es noch nicht" leicht über die Lippen. Solche Sätze sollen trösten, sind aber eher Ausdruck von Hilflosigkeit oder Überforderung.

Über Fehl- und Totgeborene schweigt die Gesellschaft. Ein Satz der Klinikgynäkologin ist mir in Erinnerung geblieben: "Etwa die Hälfte aller Schwangerschaften endet so, aber das weiß keiner, weil niemand drüber spricht."

Das Klinikpersonal war hingegen zurückhaltend, behutsam und respektvoll. Die Angestellten erleben Fälle wie unseren regelmäßig. Sie wussten um die Trauer. Da war kein "es"; also benutzten sie Worte wie Kind oder Leichnam, als es um die Möglichkeit einer Bestattung ging, die seit einigen Jahren angeboten wird. Wir haben diese Möglichkeit dankbar angenommen.

Und Sandras beste Freundin schickte eine Trauerkarte mit liebevollen Zeilen. Sie nahm den Verlust so wahr wie wir.