Leserartikel

TrauerÜber Fehl- und Totgeburten will niemand sprechen

Das Kind von Leser Daniel Kubirski und seiner Freundin starb noch im Mutterleib. Mit dem Verlust fühlten sie sich alleingelassen. Nur eine beste Freundin spendete Trost. von 

Von Sandras Familienangehörigen, Freunden und Kollegen erfuhren nur wenige die schöne Neuigkeit. Von meinen Bekannten wussten es ein paar mehr. Ich sah einfach keinen Sinn darin, erst sechs Monate vor der Geburt von der Schwangerschaft meiner Freundin zu erzählen, meine Freude musste raus. Wenn mich etwas so freut, warum sollte ich es verheimlichen?

Natürlich war mir klar, dass es auch nichts werden kann, wie meine Freundin und ich es einmal ausgedrückten. Mir war auch klar, dass sich dann die eingeweihten Familienmitglieder und Freunde mit dem "nichts geworden" auch auseinandersetzen müssten.

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Sandra war in der zehnten Woche, als wir zu einer Routineuntersuchung in die Klinik fuhren. Während der Ultraschalluntersuchung blieb ich im Wartezimmer und las eine Zeitschrift. An den Wänden hingen Fotos mit niedlichen gesunden Babys und Grüßen der Eltern an den Arzt. Neben mir saß eine Frau mit kugelrundem Bauch.

Als Sandra aus dem Behandlungszimmer kam, war mir sofort klar, was passiert war. Sie versuchte zwar, sich zu beherrschen, war aber aufgewühlt und weinte. Sie nahm ihre Tasche und wollte nur raus. Als ich noch einmal zurücksah, hatten alle im Raum ihre Blicke gesenkt. Sie vermuteten, was wir mit Gewissheit wussten: Das Kind in Sandras Bauch war tot.

Wie definiert sich ein Kind? Ist es die Größe, das Gewicht? Sind es Bewegungen oder ein Herzschlag? Ist es die Tatsache, dass Sandra einen Mutterpass hat? Medizinisch betrachtet hatten wir es mit einem etwa drei Zentimeter großen Embryo zu tun, dessen Geschlecht man nicht sehen konnte, dessen Herz aber bereits geschlagen hatte.

Vielen Menschen fehlt der Bezug zu einem ungeborenen Kind, sie kennen die Erfahrung einfach nicht. Das Kind existiert schon, aber auf eine Weise, die von außen schwer zu begreifen ist. Darum gehen Formulierungen wie "besser jetzt als später" oder "zum Glück kanntet ihr es noch nicht" leicht über die Lippen. Solche Sätze sollen trösten, sind aber eher Ausdruck von Hilflosigkeit oder Überforderung.

Über Fehl- und Totgeborene schweigt die Gesellschaft. Ein Satz der Klinikgynäkologin ist mir in Erinnerung geblieben: "Etwa die Hälfte aller Schwangerschaften endet so, aber das weiß keiner, weil niemand drüber spricht."

Das Klinikpersonal war hingegen zurückhaltend, behutsam und respektvoll. Die Angestellten erleben Fälle wie unseren regelmäßig. Sie wussten um die Trauer. Da war kein "es"; also benutzten sie Worte wie Kind oder Leichnam, als es um die Möglichkeit einer Bestattung ging, die seit einigen Jahren angeboten wird. Wir haben diese Möglichkeit dankbar angenommen.

Und Sandras beste Freundin schickte eine Trauerkarte mit liebevollen Zeilen. Sie nahm den Verlust so wahr wie wir.

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Leserkommentare
  1. 1. Schade

    Ich finde schade, dass Sie Ihre Antwort so Mütter-fokussiert verfasst haben: Die Frau ist verzweifelt und ihr sollen mehr als nur die Väter zur Seite stehen.

    Der Vater (sic!), der diesen Artikel hier geschrieben hat, hat sehr sensibel zum Ausdruck gebracht, dass es die Eltern sind, die leiden.

    Auf das Problem aufmerksam zu machen ist nicht damit getan, den Blick nur auf die trauernden Frauen zu werfen, weil man so trauernde Männer dann doch wieder zurücklassen würde.

    Es sind die ELTERN, die mit damit fertig werden müssen.

    17 Leserempfehlungen
    Antwort auf
    • Uerige
    • 08. Dezember 2012 13:43 Uhr

    "Mir war auch klar, dass sich dann die eingeweihten Familienmitglieder und Freunde mit dem "nichts geworden" auch auseinandersetzen müssten."

    Über Fehl- und Totgeborene schweigt die Gesellschaft. Ein Satz der Klinikgynäkologin ist mir in Erinnerung geblieben: "Etwa die Hälfte aller Schwangerschaften endet so, aber das weiß keiner, weil niemand drüber spricht."

    Diese Abschnitte finde ich sehr schwierig. Je nach Situation und Freundeskreis wollen einige auch gar nichts wirklich davon wissen, den es geht sie ja nicht persönlich an. Je Familienkreis gehen einige kälter, andere warmherziger mit dem Thema um.

    Es gibt viele Dinge die die Gesellschaft verschweigt! Das Männer häufiger Suizid begehen, das Ältere sich ihrer Armut schämen und Flaschen sammeln, Frauen und Männer die nach depressiven Phasen nicht mehr auf die Beine kommen, Männer die keinen Zugang zu ihren Kindern haben weil die Mutter verweigert usw. wollen wir darüber auch mal sprechen?

    2 Leserempfehlungen
    • persuxa
    • 08. Dezember 2012 15:06 Uhr

    Wenn eine Schwangerschaft statt im Babyglück in einer Tot- oder Fehlgeburt endet, dann brauchen die Eltern Hilfe, um den Verlust verarbeiten zu können.

    Seit September 2008 gibt es ein Grabfeld für „stillgeborenens Leben“ in Fürth. Auf den Grabfeldern stehen Steine oder Symbole, Blumen, Gedichte.. Hier wurde ein Raum für die Trauer geschaffen.

    Das gesellschaftliche Umfeld kann die Trauer oft nur schwer nachvollziehen. Und Worte wie „na beim nächsten Mal klappt es bestimmt“ sind kein Trost.

    Denn für die Eltern hat das Kind existiert.

    Egal wie lange die Eltern trauern und egal wie sie an ihr Kind denken, es sollte einen Platz in der Familie haben.

    Denn gerade durch das Glück eines lebenden Kindes wird greifbar, was Eltern verloren haben.

    5 Leserempfehlungen
    • Trypsin
    • 08. Dezember 2012 15:08 Uhr

    ...auch so ergangen. Seine Freundin war am Boden zerstört und er saß monatelang völlig hilflos rum und konnte nicht mehr richtig arbeiten. Wenn sie zusammen im Bus saßen, schauten sie sich beide nicht an und schwiegen. Sie taten mir beide sehr leid. Aber ich habe mich dabei ebenfalls hilflos gefühlt und wusste nie, was ich sagen sollte. Ich finde außerdem, dass man manchmal nichts sagen sollte, weil man eher etwas falsches als das richtige sagt.
    Statistisch gesehen, hat wohl jede Frau im Leben eine Fehlgeburt, aber das tröstet einen nicht, wenn man selbst betroffen ist. -Wichtig ist darüber zu reden. Irgendeinen Menschen gibt es bestimmt, mit dem man darüber reden kann.

    4 Leserempfehlungen
    • Fabiana
    • 08. Dezember 2012 16:45 Uhr

    "Fehlgeburt", als ob man einen Fehler gemacht hätte, eine Aufgabe nicht richtig bewältigt, als ob Scham angebracht wäre. Der Tod und die Unfähigkeit, über Negatives zu kommunizieren, tun das noch das übrige dazu, und schon sind die Betroffenen isoliert. Das ist traurig.

    2 Leserempfehlungen
  2. Aber ist es nicht konsekuent Gleichgültigkeit von einer Gesellschaft zu erwarten die sich daran gewöhnt hat, dass Hunderttausende Kinder abgetrieben werden?

    2 Leserempfehlungen
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    • Yulivee
    • 10. Dezember 2012 13:53 Uhr

    das eine mit dem anderen zu tun?

    Eine Abtreibung ist (idR) ein gewollter Schwangerschaftsabbruch.

    Eine Fehlgeburt ist ungewollt und für die Eltern ein schwerer Verlust.

    Mit diesem Kommetar klingen Sie allerdings sehr gefühllos.

    Aber auch Frauen, die abgetrieben haben, können Trauer empfinden. Sogar völlig unabhängig von Reue. Ich gehe auch davon aus, dass Väter abgetriebener Kinder unter Umständen trauern. Und auch hier gibt es kaum einen Raum darüber zu sprechen.
    Und ich sage es hier gleich klipp und klar: Jeder darf trauern. Es gibt kein Verbot traurig zu sein. Und es gibt keine "vernünftige" Grenze oder Beschränkung oder gar Bedingung für Trauer. Trauer, Verzweiflung und Glück "verdient" man sich nicht.

  3. nun falsch macht.

    Eine Fehlgeburt ist eine schlimme Sache, sicher, es geht immerhin um den Tod eines Menschen und die Trauer der Angehörigen ist bestimmt genauso groß wie bei einem bereits geborenen Kind, jedem anderen Angehörigen, Freund, Bekannten.

    Aber, und das ist leider der Lauf der Welt: Es sterben in jeder Sekunde ziemlich viele Menschen. Die einen haben Glück und es ist das Ende einer normalen Lebenspanne, andere sterben viel zu früh.

    Aber was bitte soll die Gesellschaft, also letzlich jeder Einzelne von uns allen tun?

    Ich denke nicht, dass den Betroffenen geholfen wäre, wenn jetzt jeder über Totgeburten meint reden zu müssen. Es ist doch eine ganz persönliche Entscheidung der verwaiten Eltern, mit wem sie darüber sprechen, die jder zu respektieren hat.

    Wenn ein Angehöriger eines Bekannten gestorben ist, dann drücke ich mein Beileid aus, zeige Gesprächsbereitschaft und halte mich ansonsten in soweit zurück, dass ich demjenigen kein Gespräch über den Todesfall aufzwinge.
    Es ist doch auch so, dass man gar nicht unbedingt weiß, was man letzlich zu einem trauernden Menschen sagen kann, wenn man ihn oder sie nicht gut kennt.

    Wenn der Autor sich von seine Umfeld nicht genug gestüzt fühlt, ist das vielleicht ein Problem mit seinem Umfeld, aber ich kann hier nicht erkennen, warum "die Gesellschaft" sich hier eines moralischen Verstoßes schuldig macht.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Arzt | Baby | Bestattung | Eltern | Embryo | Geburt
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