US-KolumneWeihnachten ist pures Germanentum

Weihnachten ist die schlimmste Zeit des Jahres. Und wer ist schuld? Die Deutschen – ganz besonders das Erzgebirge, schreibt Eric T. Hansen in seiner US-Kolumne. von 

Der Coca-Cola Weihnachtstruck

Der Coca-Cola Weihnachtstruck  |  © Mark Renders/Getty Images

Weihnachten ist die schlimmste Zeit des Jahres. Nur Stress, Fressen, auf Knopfdruck geheuchelte Menschenfreundlichkeit und vor allem kaufen, kaufen, kaufen.

In meiner Heimat Amerika ist Weihnachten der Gipfel des Kommerzes und der Geschmacklosigkeit. Kinder beichten Weihnachtsmännern lange Wunschlisten direkt im Kaufhaus, Lebkuchen in den Läden seit September, Häuser, die in einem kitschigen Lichtermeer funkeln, das die Energie von mehreren Kernkraftwerken braucht. Und dann dieser überkandidelte Santa Claus, eine einzige Coca-Cola-Werbefigur!

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Und wer ist daran schuld? Die Deutschen natürlich!

Wir Amis könnten uns schwarz ärgern, dass die Deutschen das Weihnachts-Merchandising lange vor uns erfunden haben. Schon im 14. Jahrhundert hielten Spielzeug- und Schmuckmacher in der Weihnachtszeit öffentliche Märkte und Messen ab und verkauften dort ihre Waren als Geschenkideen. Das war der Anfang der Kommerzialisierung von Weihnachten: Noch vor der Industrialisierung überschwemmten die Deutschen den Rest der Welt mit billigem Holzspielzeug und Weihnachtsschmuck, den man im Erzgebirge in Massen produzierte.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Auch die exzessive Tradition der Weihnachtsbeleuchtung stammt aus dieser schönen deutschen Gegend. Wenn die Bergleute im Erzgebirge zur Winterzeit morgens "in die Grube fuhren", war es dunkel, ebenso wenn sie wieder heimkamen. So entstand die Sitte, die Fenster mit geschnitzten Leuchterfiguren zu erleuchten, die in jeder Hand eine Kerze halten. Bald leuchtete zu Weihnachten jedes Fenster, jedes Haus, Dorf im Erzgebirge.

Rentiere mit blinkenden Nasen

Das nächste Mal, wenn Sie den Kopf schütteln über diese amerikanischen Häuser, die mit Lichterketten, Rentieren mit blinkenden Nasen und leuchtenden Sternen überzogen sind, und ihr Nachbar sich auch schon überlegt, so einen Mist ans Haus zu hängen, sagen Sie ihm ruhig: Es geht nichts über traditionelle deutsche Weihnachten!

Selbst der Weihnachtsbaum, der heute massenweise auf riesigen, umwelttechnisch bedenklichen Baumschulen gezogen und abgeholzt wird, kommt aus Deutschland.

Die Germanen, sagt man, schmückten zur Wintersonnenwende ihre Häuser mit Immergrün als Ausdruck der Hoffnung auf den nächsten Frühling. Obwohl als "unflätiger und unchristlicher" Aberglauben verpönt, wurde die Sitte doch irgendwann so beliebt, dass bald ganze Tannenbäume kopfüber von der Zimmerdecke hingen und schließlich Gesetze erlassen wurden, dass jedermann nur noch Anspruch auf einen Baum habe.

Deutsche globalisierten den Weihnachtsbaum

Die Deutschen waren es auch, die den Weihnachtsbaum globalisierten: Der Adel liebte ihn und wann immer eine deutsche Prinzessin ins europäische Nachbarland heiratete, nahm sie den Brauch mit. 1840 machte der deutsche Prinzgemahl von Queen Victoria den Baum sogar in England populär.

In Nordamerika wurde der erste Christbaum bereits 1781 von einer deutschen Baronin entzündet. Da hatte ihr Gemahl, der General Adolph von Riedesel gerade im Unabhängigkeitskrieg gekämpft, leider auf der falschen Seite. Nachdem er aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, feierte die Familie den Weihnachtsabend mit einem prächtigen Baum in deutschen Stil.

Von Riedesel verlor den Krieg, aber wir lieben ihn trotzdem, weil er uns den Weihnachtsbaum gab. Und damit natürlich auch die Weihnachtsbaumindustrie. Vorher hatten wir gar nicht gewusst, was wir mit unseren endlosen Wäldern im Norden machen sollten!

Leserkommentare
    • dachsus
    • 25. Dezember 2012 9:11 Uhr

    ... wenn wir Deutsche auch einmal an etwas anderem Schuld sind .... als sonst immer !

    20 Leserempfehlungen
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    Ich finde DEutschland und Amerika beim Konsum in eine Reihe zu stellen ist falsch. Die neue Bürgerlichkeit, insbesondere die urbane grüne Stadtbevölkerung verzichtet auf Konsum oder reflektiert diesen. In Amerika dagegen wird unreflektiert konsumiert, was wohl mit dem kindlich naiven Naturell der Amerikaner zu erklären ist. Sie reflektieren den Konsum nicht, nicht einmal den von Waffen. Dabei liegen die Probleme auf der Hand: Verarmung der Bevölkerung, zu hoher Fleischkonsum, zu viele Autos, zu viel Schnick-Schnack, zu viel IKEA, zu viel H und M, zu wenig Bio-Nahrung!

  1. dem Christkind ? Traurige Geschichte.

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    • Nevil
    • 25. Dezember 2012 14:56 Uhr

    Wahrscheinlich sind Sie noch nie aus dem Süden Deutschlands herausgekommen, denn im Rest des Landes bringt der Weihnachtsmann die Geschenke!
    An die Adresse des Autors wäre zusagen, dass es im Erzgebirge mitnichten kitschig zugeht, sondern die einheitlich (!!!) weißen Lichter in den Fenstern einfach nur eine Augenweide sind, wenn man durch die verschneiten Städtchen und Dörfer zur Adventszeit und über Weihnachten fährt.

    • Nevil
    • 25. Dezember 2012 14:59 Uhr

    Mein obiger Kommentar bzw. Beitrag 39 gehört unter @7.

    • rpor_d
    • 25. Dezember 2012 21:27 Uhr

    Das Christkind? Was ist denn das Christkind? Wer ist das Christkind? Wer braucht das Christkind?

    Außerhalb der absonderlichen süddeutschen Bundesländer schert sich kein Mensch um das Christkind.

    Und wer bringt in den norddeutschen, d.h. sächsisch-preußischen Gegenden die Geschenke in guter alter "deutscher" Tradition? Knecht Rupprecht! Groß, dicklich, braune Kutte, weißer Rauschebart, tiefe angsteinflößende Stimme, strenges angsteinflößendes Gesicht, Geschenkesack in der linken Hand und nicht zu vergessen die Rute (Peitsche aus Birken- oder Weidenzweigen) in der rechten. Eine schlicht gekleidete, strenge wie gutherzige Version des Nikolaus.

    Rupprecht ist nicht der gütige alte Mann, der lachende amerikanische Fettsack, sondern Rupprecht bleibt ernst, wenn die Kinder sehnsüchtig, demütig, eingeschüchtert und gut erzogen ihre Gedichte und Lieder vortragen. Rupprecht schenkt herzlich, und Rupprecht straft. Rupprecht haut den vorlauten Kindern mit der Rute kräftig auf den Arsch, wenn sie sich übers Jahr nicht benehmen konnten, und läßt ihnen zur Strafe einen Sack Kohlen dar. Das und nichts anderes ist die traditionelle Gechenkezeremonie des Heiligen Abends (24. Dezember) in Norddeutschland.

    Dieser ungefragte Ausweitung und Verallgemeinerung süddeutschen Brauchtums grenzt an Kulturterror und ist irgendwie unerträglich. Aber wie sagte der vermutlich größte deutsche Politiker einst: "Der Bayer ist die Übergangsform vom Österreicher zum Menschen." [Otto von Bismark]

  2. vielen Dank für diesen Artikel!
    merry X-mas
    -
    by the way, it`s just a very kewl, detailed Photo.
    love it.

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  3. Für die Geschenke in Deutschland ist allerdings das Christkind zuständig - und nicht der Weihnachtsmann!

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    In Ihrem Deutschland vielleicht, in meinem jedenfalls nicht ;-)

    ... kann man nicht nur einen Artikel, sondern gleich eine Doktorarbeit schreiben.

  4. 10. Naja..

    In Ihrem Deutschland vielleicht, in meinem jedenfalls nicht ;-)

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    Das ist internationale Arbeitsteilung. Auch die Katholiken haben das Christkind gerne übernommen, in ganz Deutschland.

  5. Freier Autor

    Heute kann ich die (auch in Amerika) typische Beschwerde, die ganze Schenkerei habe nichts mehr mit der Geburt Christi zu tun, nicht mehr verstehen. Denn „Weihnachten“ heute ist eigentlich gleich zwei Feste: Die Geburt Christi und der (nachgeholte) Namenstag Sankt Nikolaus. Sankt Nikolaus hatte nämlich nie was mit dem Geburt Christi zu tun gehabt, sondern ging immer nur ums Schenken.

    Der ursprüngliche Bischof Nikolaus von Myra machte sich im 4. Jahrhundert in der (heutigen) Türkei einen Namen, weil er gern wildfremden Kindern und Jungfrauen Geschenke machte (heute würde man ihn dafür verhaften). Ab dem Mittelalter in Europa feierten vor allem geschenkgierige Kinder gern seinen Namenstag, der nicht am Tag von Christi Geburt (damals der 6. Januar), sondern am 6. Dezember fiel.

    Später fiel alles zusammen am 25. Dezember, aber unser Santa bleibt die moderne Inkarnation von Nikolaus, einem Gabenspender, nicht von dem Christkind.

    Wir Schenken nicht, weil wir Weihnachten feiern, sondern, weil wir das Schenken feiern.

    Das finde ich wiederum gar nicht so schlecht. Dass wir an einem Tag im Jahr unglaublich viel Geld ausgeben, aber nicht für uns selbst, sondern für andere, tut uns gut, finde ich. Es erinnert uns daran, dass wir auch mal an anderen Tagen Geld für andere ausgeben könnten. Ich bin sogar der Meinung, dass wir ohne die Tradition des Schenkens heute nicht so viel Geld das ganze Jahr über für wohltätige Zwecke ausgeben wurden.

    Mele Kalikimaka allerseits!

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    Eric T. Hansen: "Der ursprüngliche Bischof Nikolaus von Myra machte sich im 4. Jahrhundert in der (heutigen) Türkei einen Namen, weil er gern wildfremden Kindern und Jungfrauen Geschenke machte (heute würde man ihn dafür verhaften)."

    Es ist schon bemerkenswert, wie heute (noch) die Päderasten der abendländischen Religionsgeschichte gefeiert werden. Man könnte fast glatt drauf kommen, die Päderastie ist in der christlichen Religion die einzig ursprüngliche Nächstenliebe. Von einigen der heutigen Religionsvertreter wird sie sogar noch immer praktiziert.

    Weihnachten ist das Fest nach der Windersonnenwende, darum ja auch Jul-Fest in Skandinavien. Wahrscheinlich stammt Jesus als "Gekreuzigte"r auch von Odin ab, weil man im Frühchristentum keine Darstellungen von Kreuzigung findet. Auch die 12 Raunächte (12 days of Christmas) zwischen Weihnachten und dem 6. Januar stehen in enger Verbindung zur Wilden Jagd. Alles germanische Bräuche.

  6. Warum muß Deutschland eigentlich immer als das Herzland des Germanentums herhalten?

    Von allen "germanischen" Ländern Europas ist Deutschland doch schon dasjenige, das sich am stärksten mit seinen "nicht-germanischen" Nachbarn und Urbevölkerungen (slawisch, romanisch, keltisch) vermischt hat.

    Wer Germanentum halbwegs in Reinform beobachten möchte, täte wohl besser daran, nach Skandinavien, den Niederlanden oder gar England mit seinem Common Law (das aus dem germanischen Gewohnheitsrecht hervorgegangen ist) zu schauen.

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  7. Eric, das einzig real existierende satirische Gewissen der ZEIT, legt uns zu Weihnachten den alten Germanen auf den Gabentisch. In Zeiten der gauckistischen Betroffenheits-Weihnacht und der Geschenkpapierindustrie-Nächstenliebe-Weihnacht ein ist das schon ein Lichtblick unter den redaktionellen Geschenkideen. Somit ein herzliches Dankeschön an Eric, dass er ein wenig Freude und Erhellung in die schlimmste und dunkelste Zeit des Jahres bringt.

    Aber noch was, nicht nur die Germanen sind die Schuldigen, sondern vor ihnen schon die Römer. Am 25. Dezember wurde die Geburt des Sonnengottes Mithras gefeiert. Spätrömisch wurde auch die Geburt des römischen Gottes der Sonne, Sol Invictus, an diesem Tag gefeiert. Papst Julius, der in Rom von 336 bis 352 n. Chr. regierte, beschloss, diese Feierlichkeiten durch ein christliches Fest zu ersetzen. Julius erklärte den 25. Dezember als den Tag der Geburt Christi. Nun wurde Christus mit dem "Licht der Welt" gleichgesetzt. Ob Jesus in der Zeit geboren wurde, weiß letztendlich nur Teufel.

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