Spiritualität : Die falsche Rückkehr zur Religion
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Der Zweifler, nicht der Gläubige hat recht

Auch in neuerer Zeit hat sich immer wieder gezeigt, dass der Anspruch der Religionen auf Allgemeinverbindlichkeit es oft schwer gemacht hat, eine gemeinsame ethische Grundlage für eine Gesellschaft zu finden. Nicht selten führten diese Versuche zu Verfolgungen und Vertreibungen, sogar zu Glaubenskriegen.

Mit der Religion werden liebgewonnene Errungenschaften verbunden

Zum internationalen Tag der Menschenrechte, dem 10. Dezember, erschien der Bericht Freedom of Thought 2012 . Er macht auf die weltweite Diskriminierung von "Humanisten, Atheisten und Nichtreligiösen" aufmerksam. Obwohl die Zahl von Atheisten und Nicht-Religiösen wächst, sind diese nach wie vor in vielen Ländern Benachteiligungen und Verfolgungen ausgesetzt. In sieben Ländern – Afghanistan , Iran , auf den Malediven , in Mauretanien , Pakistan , Saudi-Arabien und Sudan – droht ihnen bei offener Meinungsäußerung die Todesstrafe. Davon ist in den vielen Gesprächen, Artikeln und Sendungen über die Meriten des Glaubens nie die Rede.

Fanatischer Glaube wird, außer bei Terroristen, derzeit kaum als Entmündigung des Menschen beschrieben – weil er seiner Individualität beraubt in ein Kollektiv gepresst wird. Im Gegenteil: Man liest und hört vor allem, welche wunderbaren Folgen der Glaube für den Menschen hat und wie unerlässlich er angeblich ist.

"Wenn eine Religion/Weltanschauung über viele Jahrhunderte in einer Gesellschaft (...) eine ideologische Monopolstellung hatte, und es keine anderen Sozialisationsagenten gab, ist selbstverständlich, dass wertgeschätzte Eigenschaften mit dieser Religion/Weltanschauung verbunden werden. Wer jahraus, jahrein die Erfahrung macht: Bei Krankentransporten kommt das Rote Kreuz, verknüpft beides zwangsläufig miteinander. Die Logik ist dann: Ohne Rotes Kreuz gäbe es keine Krankentransporte", sagt die Psychologin Ursula Neumann.

Nicht-Religiöse sind hilfsbereiter

Aus empirischen Studien geht allerdings hervor, dass Religionszugehörigkeit und persönliche Moral keineswegs einander bedingen. So stellte der kanadische Soziologe Murray Ross bei Atheisten größere Hilfsbereitschaft gegenüber Armen fest. Viele Entwicklungsbiologen gehen von einer Trennung von Moral und Theismus aus. Sie sehen in der Entstehung von Moralvorstellungen das Ergebnis eines komplexen gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses: Moralvorstellungen wurden notwendig, um das Gemeinwesen zu regulieren.

Was derzeit fehlt, ist ein Plädoyer für den Zweifler und den Suchenden. Denn er ist der sympathischste, ehrlichste und am wenigsten anmaßende Menschentypus. Nur wer meint, im Dienste des Absoluten zu stehen, ist intolerant und gefährlich.

Der Zweifler, der Suchende bleibt menschlich. Er gibt zu, nicht alles zu wissen, er braucht nicht gegen andere vorzugehen. Er fühlt sich von ihnen nicht bedroht, weil er weder Gralshüter noch eifernder Missionar ist. "Gott" oder was auch immer wir hierfür einsetzen mögen, mag allwissend sein, wir Menschen sind es nie, und nicht einmal die Nähe zu einem sogenannten Absoluten tut uns gut. Das Absolute liegt uns nicht, es ist nicht unsere Liga, wir sollten die Finger davon lassen.

Unglücklich, verirrt und verloren muss man deshalb noch lange nicht sein: Wer akzeptiert, dass Zweifel und Suche genau unsere metaphysische Kragenweite sind, kann mit ihnen Frieden schließen. Es war Picasso, der in der Suche das ihr inhärente Moment tiefer Erfüllung fand: "Ich suche nicht, ich finde." Es gibt keine schönere Formel für die Akzeptanz unserer existenziellen Schwäche, die zugleich eine Stärke ist.

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Kommentare

844 Kommentare Seite 1 von 68 Kommentieren

Meinung, Kommentar oder Zeitungsartikel?

Ich würde Frau Dückers dringend empfehlen "Glauben", "Agnostizismus" und "Atheismus" nicht als homogene Einheiten zu sehen.
In den zitierten Ländern ( Afghanistan, Iran, auf den Malediven, in Mauretanien, Pakistan, Saudi-Arabien und Sudan) droht nicht nur Atheisten sondern genauso Christen die Todesstrafe.
Moral und Theismus sollten auf jeden Fall eine große Schnittmenge haben. Aber historisch gesehen sammelt sich immer in den Bewegungen, die macht haben, auch ein gewisser Menschentypus an, der weit weg von Moral seinen eigenen Vorteil sucht. Sei dies nun in Theistischen Oragnisationen wie der Kirche des Mittelalters oder politischer Strömungen der Gegenwart wie beispielsweise die sozialistischen Einheitsparteien in China oder Russland.
[...]

Auf Wunsch des Users gekürzt. Des Weiteren möchten wir Sie bitten, auf haltlose Unterstellungen zu verzichten. Danke, die Redaktion/au

Die Datenbasis, die das belegt, gibt es nicht

Die Zahl der Kirchenaustritte warin den letzten Jahren konstant bis leicht steigend http://www.kirchenaustrit...

Und zumindest bis vor 10 Jahren hat die Zahl derer, die regelmäßig einen Gottesdienst besuchen, stetig abgenommen.
http://fowid.de/fileadmin...
Daß sich der Trend in den letzten Jahren umgekehrt hätte, kann ich zumindest aus eigener Anschauung nicht sagen. Dieses Jahr waren nichtmal zu Weihnachten die Kirchen ganz voll.

@113:

Naja, da schauen Sie auf aber sehr auf die letzten paar Jahre. Wenn man aber die ganze Statistik anschaut sind die Austritte eher zurückgegangen. 1992 sind mehr als doppelte soviele Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten wie 2010. In der gleichen Zeit ist die Mitgliederzahl aber nur um rund 20% gesunken, man kann also auch nicht behaupten, das die Austritte zumindest relativ zu den Mitgliedern konstant geblieben werden.

Wir lesen da wohl die falschen Presseerzeugnisse

"Es liegt nicht nur an der Weihnachtszeit, dass Zeitungen und Radiosendungen gerade vor religiösen Themen strotzen. Nein, bereits seit einigen Jahren ist es wieder schick, sein Kind taufen zu lassen, kirchlich zu heiraten, in den Gottesdienst zu gehen, die Kirchen als Hort von Anstand und Moral in einer "schnelllebigen oberflächlichen Zeit" zu preisen und Atheisten als gefühlskalte Technokraten zu belächeln."
Was wäre denn ein "richtiger" Weg zurück zur Religiosität,
wenn er denn begangen würde?

Kirchenbesuch zu Weihnachten

Nur 3% der Bundesbürger besuchen sonntägliche Gottesdienste. Zu Weihnachten werden es derzeit 46% der Bundesbürger. Mitglieder sind noch rund 2/3 der Bürger. So eine Pfarrerin im Radio.

Ein bedeutender Teil der Kirchenmitglieder geht nichtmal zur Weihnacht in die Kirche. Es gibt mehr Nichtgläubige, als die Mitgliedszahlen vorspiegeln.

Die Religion verliert an Bedeutung, aber die Gesellschaft wird darunter nicht leiden.

Ist nur so ein Gedanke...

Nun, was wollen Sie hier mit Zahlen wenn Sie schreiben
"Welche Datenbasis liegt dieser Interpretation zugrunde? Irgendwelche Erhebungen quantitativer Art?"

Spiritualität ist nicht in Zahlen zu fassen.
Wollen Sie einem durchgeistigten Menschen empfehlen eine Statistik des täglichen Kerzengebrauchs nebst Räucherkerze anzulegen ?
Das tägliche "Omm" ist diesen Menschen auch gegeben.
Interessiert mich nicht.

Sind Sie mit Ihren Lebensumständen ähnlich genau ?
Kann ich empirisch erhobene Daten, Ihr Leben betreffend, im Netz erfahren ?
Ich bin immer begeistert wenn sich Menschen um das Wohl anderer Menschen kümmern.
Aber Zahlen zu verlangen, Erhebungen anzumahnen...
da hört jede Freude auf.

Sie gehören sicher zu den Menschen die sich an der Kasse des Supermarks um den Bruchteil des Cents streiten.
Spiritualität ist nicht meine Welt, Erbsenzählerei schon überhaupt nicht.

Ist nur so ein Gedanke, der mir durch den Kopf ging.

Dasselbe ließe sich auch von der Natur sagen,

die nicht notwendig als gut im moralischen Sinn bestimmt werden muss. Vielmehr lassen sich unendliche Gründe anführen, sie als negativ aufzufassen, wie es ja Schopenhauer auch getan hat. Ob es in der völligen Negativität noch etwas absolut Positives geben kann, worauf ja Moral notwendig abzielt, lässt sich fragen. Wenn nein, dann kann ich alles moralische Handeln auch als Irrtum (Schwäche) auffassen, wie es Machiavelli zumindest was die Politik angeht gesehen hat. Wo sich das Sinnhafte verliert, verliert sich eben jede positive Notwednigkeit, es gibt dann nur negative Notwendigkeiten.

Vor allem ein richtig naiver Artikel

Ein Artikel voller Selbstbeweihräucherung des Atheismus und einer naiven Sicht auf den Menschen.

Das findet seinen deutlichsten Ausdruck in diesem Absatz:

"Was derzeit fehlt, ist ein Plädoyer für den Zweifler und den Suchenden. Denn er ist der sympathischste, ehrlichste und am wenigsten anmaßende Menschentypus. Nur wer meint, im Dienste des Absoluten zu stehen, ist intolerant und gefährlich."

Das ist eine Einteilung der Welt in Schwarz und Weiß. Schubladendenken par excellence! Wenden wir das doch einfach mal auf Naturwissenschaften an. Biologen wissen um die Evolution, einem Faktum der Natur. Folglich "verteidigen" sie diese Theorie gegenüber Nichtwissenden. Sind Biologen damit intolerant und gefährlich? Allgemeiner: ist jeder Wissenden intolerant und gefährlich? Jeder, der eine Antwort in seinem Leben gefunden hat, wird damit intolerant und gefährlich. Das ist ein Plädoyer für Dummheit und Unwissenheit, für kindische Naivität.

Kant würde sich im Grabe umdrehen ob dieser Ablehnung des Wissens, insbesondere da er hier für eine wissensverachtende Weltsicht missbraucht wird.

Wissenschaft ist immer

in seinen Grundprinzipien ein Suchen und Zweifeln. Jeder gute Wissenschaftler muß seine Ideen gezielt und kontrolliert dem Zweifel aussetzen.

Versuch und falsifizierbarkeit sind überhaupt das Kernelement der Wissenschaft.

Und natürlich sind Bilologen , Physiker und Chemiker am Ende sehr sehr sicher , der Wahrheit näher gekommen zu sein. Viel näher als es eine nicht zweifelnde und in Frage stellende Methode je gekonnt hätte.

Wenn Grundprinzipien der Vererbung Tausendfach richtig vorhergesagt werden möglicher weise durch unterschiedliche disziplinen, vorhersagen machten die immer wieder bestätigt wurden, dann ist das Ergebnis eine großartige Annäherung an die Wahrheit.

Und genau da passen Wissenschaftler auf. Es ist eien Annäherung und nie eine Gewissheit. Denn damit würden Sie zu Gläubigen.

Zwiefel, Veruch und Irrtum waren und sind die mit Abstand erfolgreichsten Methoden der Annäherung an GEwissheit die Wissenschaft nie erreichen wird.

Und deshalb ist wissenschaft im Kern eben doch Bescheiden.

Es ist eine Methodik des Wissenserwerbs, der ohne Zweifel sofort jeden Fortschritt verlieren würde.

Sie kritisierten folgende Stelle des Artikels:

„Was derzeit fehlt, ist ein Plädoyer für den Zweifler und den Suchenden. Denn er ist der sympathischste, ehrlichste und am wenigsten anmaßende Menschentypus. Nur wer meint, im Dienste des Absoluten zu stehen, ist intolerant und gefährlich.“

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob der Abschnitt das „Schwarz-Weiß malen“ befördert. Selektives lesen und bewerten vorausgesetzt. Allerdings: Wer steht denn „im Dienste des Absoluten“? Diejenigen, die nach „Wahrheit“ suchen, also die Wissenschaft, welche offen streiten darf und sich messen lassen muss, oder die „Gläubigen“, die glauben, was sie nicht wissen und/oder nicht Wissen wollen (u.a. Kreationisten)?

Hier noch der Absatz der direkt an Ihren daran anschließt und Kant sicher nicht in seinem Grab rotieren lässt:
„Der Zweifler, der Suchende bleibt menschlich. Er gibt zu, nicht alles zu wissen, er braucht nicht gegen andere vorzugehen. Er fühlt sich von ihnen nicht bedroht, weil er weder Gralshüter noch eifernder Missionar ist. "Gott" oder was auch immer wir hierfür einsetzen mögen, mag allwissend sein, wir Menschen sind es nie, und nicht einmal die Nähe zu einem sogenannten Absoluten tut uns gut. Das Absolute liegt uns nicht, es ist nicht unsere Liga, wir sollten die Finger davon lassen.“

Absolut, sind nur die Naturgesetze und die Evolution. Aber in deren Diensten steht niemand. Deshalb ist der letzte Satz des Abschnitts für sich schon ein Meisterwerk.

@ Dieter Drabiniok, 3

Sie sagen, es sei ein richtig guter Artikel. Das sehe ich auch so, nur ist er zu kurz.

Die Autorin schreibt:
"Was derzeit fehlt, ist ein Plädoyer für den Zweifler und den Suchenden. Denn er ist der sympathischste, ehrlichste und am wenigsten anmaßende Menschentypus."

Das ist ganz toll formuliert und völlig richtig.

Allerdings bedeutet weder der im allgemeinen Sprachgebrauch gemeinte Glaube noch derjenige mit weitergehender Bedeutung (man kann an alles und in jede Richtung glauben), daß alle Zweifel besiegt sein müssen. Es ist doch vielmehr so, daß jeder Gläubige immer wieder zweifelt, weil er Mensch ist. Das geben nur nicht alle zu. Manche hingegen reden offen drüber. Gefährliche Dogmatiker gibt es aber in jeder gesellschaftlichen Gruppe.

Egal allerdings, in welche Richtung man denkt, irgendwann müssen wir alle glauben. An irgendetwas. Daß es ein Higgs-Boson gibt, daß es Gott/Jahwe/Allah gibt oder daß alles blau ist oder sinnlos.

Jeder vernünftige Mensch erkennt irgendwann, daß ihm nichts bleibt als Glaube. Denn unsere Erkenntnisfähigkeit ist sehr begrenzt.

Meine Weihnachtslektüre zum Thema, für alle ehrlichen Zweifler:
"Und Gott sprach: Wir müssen reden!" von Hans Rath.

Glaube und Erkenntnisfähigkeit

Sie schrieben:

„Jeder vernünftige Mensch erkennt irgendwann, daß ihm nichts bleibt als Glaube. Denn unsere Erkenntnisfähigkeit ist sehr begrenzt.“

Als ich noch ein Kind war, hat mir meine Großmutter (geb. 1906, regelmäßige Kirchgängerin, katholisch) einmal gesagt, dass Einzige woran ich glauben sollte, sei, dass 1 kg Rindfleisch, 2 l Wasser, ein paar Kräuter, etwas Salz und ein guter Herd, eine gute Suppe ergeben würden.
Diese Erkenntnis hat sich viel später als „Wahrheit“ herausgestellt. Keine absolute, aber immerhin.

Ich bin mit diesem Rat gut zurecht gekommen. Und wenn es einen „Himmel“ oder eine „Hölle“ gibt, kann ich im Tode nur überrascht aber nicht enttäuscht werden.

Es liegt mir fern, Sie oder irgendjemanden Anderen, in seiner Spiritualität zu verletzen. Aber ich bitte darum, mich nicht zu missionieren zu wollen.

Der Topf in den alles kommt.....

aber einiges nicht hineingehört.

Zwischen Atheisten und Agnostikern gibt es "himmelweite" Unterschiede!

Denn das "absolute" (!) Ablehnen eines "höheren Wesens" liegt nicht im Bestreben eines Agnostikers, zumindest nicht per Definition. Der Agnostiker "glaubt" nicht an jenes bzw. kann keine verifizierbare Erklärung für oder gegen die Existenz eines solchen aufbringen. Mit anderen Worten, er erkennt an "dass er nichts weiß".

Anders der Atheist, der angeblich weiß und überzeugt ist und dabei genauso fanatisch auftritt wie der fanatische Gläubige auf der "anderen" Seite, der auch vergessen hat wo der Unterschied zwischen "Glaube" und "Wissen" liegt.

Im Endeffekt sind sich in einigen "Auslegungssachen" moderate Gläubige und Agnostiker näher als Atheisten und Agnostiker.

der agnostiker kommt dem noch am nächsten was jesus ist

und sprach. kirche legt die verantwortung ausserhalb des individs und verbaut den menschen mit kuenstlichen moralvorstellungen. der atheist lebt auf seiner duennen oberfläche einer mentalen logik und baut auf seinen momentanen bewusstseinzustand auf.

eigentlich muesste man eine vierte sparte eröffnen, jene welche den optimalen evolutiven fluss in sich öffnen konnten, möglicht frei von den gesellschaftlichen zwang-angstmustern, oder den jesus in sich zum leben erwecken konnten. denn dann lebt der mensch aus seinem ruhenden zentrum heraus und braucht keinen nikolaus mehr der mit geschenkeentzug droht wenn man im jahr angeblich nicht brav gewesen war. bewusstseinsarbeiter wäre vielleicht ein schönes wort

eben nicht

Nehmen wir an, es ginge nicht um Gott, sondern um einen unsichtbaren dreiköpfigen Affen auf Pluto.

Der Gläubige wäre trotz allem von seiner Existenz überzeugt.

Der Agnostiker sagt: Wir wissen es nicht.

Der Atheist benutzt die Werkzeuge der Vernunft sowie einige Erkenntnisse der Naturwissenschaften und schließt dies aus, da es dafür keine Anhaltspunkte gibt.

Wo ist da der "Fanatismus"?

Nein, Sie begehen hier

einen Denkfehler. Der Agnostiker sagt eben nicht einfach: "wir wissen es nicht". Er würde in diesem von Ihnen beschrieben Fall ebenfalls mit den Mitteln der Vernunft, Wissenschaft und Technik versuchen, Aussagen über das Wesen auf Pluto zu machen. Wenn dieses Wesen allerdings dem Mythos zufolge in einer Welt oder Dimension existieren soll, die ausserhalb unseren physikalischen Raum-Zeit-Kontinuums liegt und daher unseren Mitteln der Vernunft, Wissenschaft und Technik prinzipiell unzugänglich ist, dann sagt der Agnostiker - zu Recht - was eben offensichtlich ist: dass die Existenz dieses Wesens eben nicht bewiesen , aber auch nicht widerlegt werden kann.

Nun der

Atheist nutzt sein bisheriges Verständnis der Natur um die Frage zu beantworten. Oder verfällt in den Fehler die Antwort mit seinem Verständnis zu begründen.
Nur steht ein möglicher Gott schonmal auser Raum und Zeit, da diese erst seit dem Urknall existieren und ein Schöpfer für diesen direkt oder indirekt verantwortlich wäre.
Das Problem unser Verständnis für die Natur ist von Raum und Zeit geprägt. Im Endeffekt stellt der Atheist sich, wie der Gläubnige auf eine Position und einige Atheisten werden wie einige Religöse sehr rabiat, wenn man diese angreift.
Atheisten machen ja auch gerne Werbung damit, dass sie ja irgendwo zugeben, dass es ja auch einen Gott geben könnte. Zu der gleiche Antwort können sie auch leicht einen Pfarrer bewegen.
Der Agnostiger gibt die einzige der Logik nach gültige Antwort "Beides denkbar".

............

"Ich habe noch keinen bekennenden Atheisten kennengelernt, mit dem sich vernünftig über Religion diskutieren ließ."

Wie soll das auch möglich sein, wenn sie vorher nicht ganz klar eine gemeinsam Basis und Sprache für die Diskussion finden?
Für Atheisten gibt es keinen Gott. Das heißt jedes Argument das sich auf den Glauben an ein höheres Wesen zurückführen lässt negiert der Atheist automatisch. Er wiederlegt das Argument nicht, da es für ihn gar nicht existiert.
Daher scheitern Diskussionen zwischen religiösen Menschen und Atheisten in der Regel an diesem Punkt.
Alles andere lässt sich aber natürlich mit Atheisten diskutieren. z.Bsp. moralische, gesellschaftliche oder historische Aspekte von Religionen.

Das Unspektakuläre ist "keine Meldung"...

Der Nachteil für die, nach meinem Eindruck, tolerante Mehrheit der Glaubenden und Nicht-Glaubenden ist, das ihr Weltbild nicht viel zu bieten hat, über das man sich öffentlich aufregen könnte.
Weil es eben auch eine große Vielfalt erlaubt, ist es auch schwer, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen.
Deswegen sind die Streithähne und die Extremen in der Öffentlichkeit immer noch "tonangebend".
Deswegen finde ich eine Bewegung, und sei es Mode, mal wieder in die Kirche zu gehen, oder wo auch immer man seinen Glauben oder Nicht-Glauben verortet, eigentlich sehr gut. Das kann auch ein Weg sein, Toleranz dort hinein zu tragen.
Sollte man die "Lufthoheit" über die Religion den Extremisten überlassen? - Ich meine, nein!
- Denn es ist der Extremismus, der Konflikte stiftet, und nicht der weltanschauliche Inhalt an sich. Der wird nur oft genug für Machtspielchen missbraucht.

Theisten und Atheisten glauben, Agnostiker wissen nicht

Atheisten sind so gläubig wie strenge Katholiken oder Moslems. In Europa glauben sie monotheistisch nicht an EINEN Gott, in Japan oder Indien polytheistisch nicht an viele. In allen Kulturkreisen bleibt der Atheist seiner mono- oder polytheistischen Kultur verhaftet.
Der Agnostiker dagegen weiß einfach nicht, ob es irgend ein Höheres Wesen oder mehrere davon gibt, geben kann. Er lässt das offen.
Er hat allerdings von den Theisten aller Art sehr abweichende Vorstellungen vom "Jenseits" und damit auch vom "Diesseits". Denn sollte es einen (je nach Bedarf höchsten oder alleinigen) Gott geben, so kann sich ein Agnostiker nicht vorstellen, dass dieser ein so primitiver, rachsüchtiger Kerl ist, wie ihn alle Religionen darstellen, und der Menschen weit härter bestrafen könnte für deren Verfehlungen, als es menschliche Gerichte tun, nämlich mit ewigen Strafen.
Günther Eich hat dieses Dilemma der Theisten in einem Hörspiel sehr schön gezeigt: Ein Heiliger kommt in den Himmel und muss sehen, dass es für die Verdammten keine Erlösung mehr gibt. Er bittet darum, die Verdammten besuchen zu dürfen. Man sagt ihm, dies sei ein Besuch ohne Wiederkehr. Der Heilige geht dennoch zu den Verdammten. Und sagt: die Grenze sei also nicht unaufhebbar. Und erhebt sich damit über Gott und sein angeblich unumstößliches Urteil.
Höher als alle (Un-)Glaubenstreue steht immer und überall die Überwindung der Grenzen, geben alle Regeln, Dogmen und Götter.