SpiritualitätDie falsche Rückkehr zur Religion

Es ist wieder schick, religiös zu sein. Den Agnostikern hingegen wird jedwede Moral abgesprochen. Dabei sind sie die wahrhaft Gläubigen. von 

Es liegt nicht nur an der Weihnachtszeit, dass Zeitungen und Radiosendungen gerade vor religiösen Themen strotzen. Nein, bereits seit einigen Jahren ist es wieder schick, sein Kind taufen zu lassen, kirchlich zu heiraten, in den Gottesdienst zu gehen, die Kirchen als Hort von Anstand und Moral in einer "schnelllebigen oberflächlichen Zeit" zu preisen und Atheisten als gefühlskalte Technokraten zu belächeln.

Das Bürgertum hat eine neue Lari-Fari-Religiosität entdeckt, vor allem den zeitgeistigen Katholizismus , der nicht viel fordert, aber dem Bekennenden ein wertebewusstes Image verschafft. Auffällig, wie viele Promis derzeit betonen, religiös – vor allem: katholisch – zu sein: Harald Schmidt, Günther Jauch , Stefan Raab , Alfred Biolek, Thomas Gottschalk, Markus Lanz , Joachim Löw, Franz Beckenbauer , der offenbar diverse Scheidungen nicht im Widerspruch zu den Lehren der katholischen Kirche sieht.

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Außerdem der Schriftsteller Martin Mosebach , der sich als Fan von Papst Benedikt dem XVI. outete und die Rückkehr zur tridentinischen Messe fordert (womit er hinter das Zweite Vatikanische Konzil zurückfällt), der Schauspieler Ottfried Fischer, die Unternehmer Claus Hipp und Gerhard Cromme und so weiter.

Selbst Nicole Scherzinger , Frontfrau der wilden Pussycat Dolls, beteuert mit treuem Blick in die Kamera, sie sei streng katholisch erzogen worden und ginge immer noch jeden Sonntag in die Kirche. Denn "Glaube, Moral und Anstand sind mir sehr wichtig". Haben so Rockstars in den siebziger Jahren gesprochen? Doch noch mehr als das irritiert die anmaßende Vorstellung, Anstand und Moral könne man nur unter Beweis stellen, indem man behauptet, man ginge fleißig in die Kirche.

Mehr Glauben, mehr Fortpflanzung

Selbst wenn viele der derzeit öffentlich ausgestellten religiösen Affekte reichlich kalkuliert wirken, hat man als anständiger, sich der Aufklärung und dem Humanismus verpflichtet fühlender Agnostiker Anlass zur Sorge: Wohin soll diese naiv-sentimentale religiöse Gemütlichkeitsreise gehen?

Was wird da alles ausgeblendet, um die neobiedermeierliche Krippenspielbehaglichkeit nicht zu stören? Selbst im Spiegel wird die Geschichte des Glaubens gerade, man traut seinen Augen kaum, als einzige Erfolgserzählung verkauft: Denn die Gläubigen, so weiß Autor Manfred Dworschak zu berichten, hätten schon immer mehr Kinder gezeugt als die Ungläubigen (es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, den Erfolg von Religionsgemeinschaften mit Darwin'schen Parametern messen zu wollen). Und je restriktiver eine Glaubensgemeinschaft, desto erfolgreicher sei sie langfristig, da sie ihre Mitglieder stärker zusammenschweiße. So wird am Ende des Jahres 2012 in Deutschland argumentiert: Bitte mehr Anpassung, mehr Glauben, mehr Kinder.

Auch Agnostiker haben Werte

Das ist bitter für alle Menschen, die mal an die Autonomie des Subjekts, an die Würde des Selber-Denkens und -Fühlens und an so etwas wie eine emanzipatorische Fortschrittsgeschichte geglaubt haben.

Stattdessen wird Agnostikern und Atheisten im öffentlichen Diskurs  nicht vorhandenes Wertebewusstsein und ein technokratisch-inhumanes Denken unterstellt. Der Religiöse hat die sogenannten "Werte" für sich gepachtet. Doch die meisten Agnostiker und Atheisten folgen einer Moral, nur berufen sie sich hierbei nicht auf Gott. Mit Nihilismus oder Amoralismus hat der Atheismus nichts zu tun. Moralische Prinzipien können durchaus auf der menschlichen Vernunft begründet werden, wie zahlreiche Philosophen dargelegt haben, zum Beispiel Kant . Ihm zufolge sind moralische Prinzipien für eine menschliche Gemeinschaft unabdingbar, doch ist gesellschaftliche Ordnung eher durch vernunftbetonten Interessensausgleich denn durch inbrünstigen Glauben herstellbar.

Leserkommentare
  1. "Wo ist die objektive Moral begründet?"
    -------------
    Das hatten wir doch schon: Moral ist subjektiv.
    Objektive Moral ist per Definition schon ein Oxymoron

    Antwort auf "@ TDU"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Objektive Moral als Oxymoron ist schon eine Definition!

    Zitat gallenstein:
    "Moral ist subjektiv"

    Ok. Endlich eine Aussage. Dann leiten wir daraus ab: Die Begriffe Gut und Böse legt jeder selbst fest. Also subjektiv. Davon abgeleitet sind moralische Verpflichtungen auch nur subjektiv.
    Die Mafia in Mexiko bringt Leute um, köpft Menschen und hängt sie an Brücken auf, läßt ermordete Menschen in Säure auflösen, sie schafft damit Gehorsam und monetären Erfolg.

    Sie denken wirklich, das diese subjektive Moral so akzeptiert werden kann?
    Dann sind sie ein intersubjektiver Relativist.

    Ich denke jedoch, das das, was die Mafia in Mexiko macht objektiv falsch war, ist und immer sein wird, weil sie die Menschenrechte mißachtet.

  2. 370. Jo...

    Objektive Moral als Oxymoron ist schon eine Definition!

    Antwort auf "Moral ist subjektiv"
  3. "Dann finden sie im Alter von 15, 16 Jahren heraus, dass es grundsätzlich nicht möglich ist, die Nicht-Existenz oder die Nicht-Wirksamkeit von irgend etwas zu beweisen.
    Der künftige Bright erkennt, dass derjenige, der die Existenz von etwas behauptet, in der Beweispflicht ist - sei er Priester, Staatsanwalt oder Mathematiker."

    Mathematisches Gegenbeispiel

    Im 16. Jahrhundert wurden formale Losungen von allgemeinen nichtlinearen Gleichungen 3. und 4. Ordnung gefunden (im Sinn dr "Mitternachtsformel" für Gleichungen 2. Ordnung).Danach machten sich Mathematiker daran auch Lösungen von Gleichungen 5. und höherer Ordnung zu finden. Bis dann bewiesen wurde, dass formale Lösungen für dieses Problem nicht existieren. Erst dann konnte man den weiteren Versuch der Suche nach Lösungen als mathematisch sinnlos bezeichnen.

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    > Danach machten sich Mathematiker daran auch Lösungen von
    > Gleichungen 5. und höherer Ordnung zu finden. Bis dann
    > bewiesen wurde, dass formale Lösungen für dieses Problem
    > nicht existieren.

    Erstens existieren sehr wohl formale Lösungen für Polynome fünfter und höherer Ordnung. Diese lassen sich nur nicht mehr in einem mathematischen Ausdruck darstellen.

    Zweitens: Negativbeweise werden nicht möglich nur weil jemand gezeigt hat, dass etwas per definitionem unmögliches (hier: eine Lösungsformel für fünf oder mehr Unbekannte) nicht möglich ist.

    • Sauzahn
    • 28. Dezember 2012 22:23 Uhr

    Gerade Meinungsschlingen ist total ungesund.
    Nun was nun Afrika betrifft: Anscheinend bin ich der Einzige, der diese weltberühmte Predigt nicht gehört hat. Gut, die Nonnen haben sich bei der Kondomvorführung und -verteilung auch zu dämlich angestellt(Verbürgt!)
    Nun zu Afrika: Liegt das Problem darin begündet, dass der Neger halt gerne schnackselt(v. Thurn und Taxis) oder darin, dass dieser Kontinent durch Sklaverei und Kolonialausbeutung sein altes, gut funktionierendes System verloren hat und die Menschen nun planlos vor sich hin vegetieren müssen. Viele müssen sterben weil wirtschaftliche Interessen dahinter stehen! Und Sie reden über Kondome!
    Im Übrigen muss der Katholik vor jedem ehelichen Beiwohnen einen Dreifachantrag stellen: Bischof/Pfarrer/Rosenkranzbeterinnnen. Auf die Frage welches Geschlecht den der liebe Gott vorgesehen hat bekam ich nie eine Antwort und auch keine Beiwohnfreigabe. Seit ich in dem Dreifachantrag die Frage stelle, ob es wohl möglich ist beim Beiwohnen den freudigen Rosenkranz zu beten bekomme ich immer die Freigabe. Den kann man schnell(20min) oder langsam(35min) beten. Wie gesagt: Die katholische Langsamkeit hat was.
    Gegen ihr Schlingen möchte ich ihnen die Regeln des heiligen Benedikts ans Herz legen.

    Antwort auf "ok, das reicht. "
  4. Zitat gallenstein:
    "Moral ist subjektiv"

    Ok. Endlich eine Aussage. Dann leiten wir daraus ab: Die Begriffe Gut und Böse legt jeder selbst fest. Also subjektiv. Davon abgeleitet sind moralische Verpflichtungen auch nur subjektiv.
    Die Mafia in Mexiko bringt Leute um, köpft Menschen und hängt sie an Brücken auf, läßt ermordete Menschen in Säure auflösen, sie schafft damit Gehorsam und monetären Erfolg.

    Sie denken wirklich, das diese subjektive Moral so akzeptiert werden kann?
    Dann sind sie ein intersubjektiver Relativist.

    Ich denke jedoch, das das, was die Mafia in Mexiko macht objektiv falsch war, ist und immer sein wird, weil sie die Menschenrechte mißachtet.

    Antwort auf "Moral ist subjektiv"
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    • Acrux
    • 29. Dezember 2012 0:16 Uhr

    ist der Versuch, mit den Sitten und Gebraeuchen seines sozialen Milieus in Einklang zu leben.

    Es mag sie in ihrer Festigkeit erstaunen, aber gewisse unveraeusserliche Rechte und Freiheiten, auf die wir unsere Moral begruenden waren und sind noch immer einem Grossteil der Menschheit fremd, sowohl in anderen Kulturkreisen als auch in vergangenen Zeiten in unserem Eigenen.

    Selbst heutzutage und in Deutschland sind gewisse moralische Grundsaetze, sagen wir mal das Verbot des Stehlens, keineswegs universell: Diebe und Raeuber empfinden normalerweise kein schlechtes Gewissens, weil die zugehoerige Kiezmoral das Stehlen von den Opfern nicht verbietet. Es ist eine wichtige Frage in einem Prozess, ob sich eir Taeter von so einer Kiezmoral geloest hat.

    Ebenso sind auch die sog. Ehrenmoerder von der Moralitaet ihres Tuns ueberzeugt, und auch so gigantische Abberattionen wie den Steinzeitkommunismus der roten Khmer (andere, lokalere kann sich jeder selber dazu denken) kann man nur verstehen, wenn man den Taetern zugesteht, im Rahmen ihrer subjektiven Moral gehandelt zu haben.

    Das wir diese Moral fuer inakzeptabel halten bedeutet nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Und auch wenn's wehtut: Wenn sie gewonnen haetten, wuerden wir heute Diskussionen darum fuehren, wie unmoralisch, wenn ueberhaupt, die Sache war. So wie man heute wieder in Russland ueber die Jahre Stalins diskutieren muss, oder auf dem amerikanischen Doppelkontinent ueber den Umgang mit indigenen Voelkern.

    • tobmat
    • 29. Dezember 2012 13:52 Uhr

    "Ich denke jedoch, das das, was die Mafia in Mexiko macht objektiv falsch war, ist und immer sein wird, weil sie die Menschenrechte mißachtet."
    Nur unter der Vorraussetzung das die Menschenrechte objektiv sind. Das sind sie aber nicht. Die sind auch subjektiv.

    Und sie dürfen nicht die Ebene vergessen die sie gerade betrachten. Was auf Ebene von ganzen Gesellschaften oder gar der Menschheit veränderbar und subjektiv ist, kann auf Ebene des Individuums sehr wohl unveränderbar und objektiv sein. So ist es auch mit den Menschenrechten.

  5. bezog sich auf Kommentar 360

    Antwort auf "Atheismus"
  6. "Sie denken wirklich, das diese subjektive Moral so akzeptiert werden kann?"
    -----------------------
    <em>Kann</em>, ja. Die Frage ist, durch <em>wen</em> soll diese subjektive Moral so akzeptiert werden können?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zitat gallenstein:
    "Kann, ja. Die Frage ist, durch wen soll diese subjektive Moral so akzeptiert werden können?"

    Ja stimmt. Aber vom "Soll" ist das "Kann" ableitbar. Ich habe das "Soll" übersprungen.

    Also: Sollen wir diese subjektive Moral der Mafiakratie so akzeptieren?

    Sie haben subjektive Moral mit all seinen grausamen Schattenseiten akzeptiert, weil sie intersubjektiver Relativist sind.
    Ich finde das objektiv falsch und leite das aus dem Christentum ab.

  7. Zitat gallenstein:
    "Kann, ja. Die Frage ist, durch wen soll diese subjektive Moral so akzeptiert werden können?"

    Ja stimmt. Aber vom "Soll" ist das "Kann" ableitbar. Ich habe das "Soll" übersprungen.

    Also: Sollen wir diese subjektive Moral der Mafiakratie so akzeptieren?

    Sie haben subjektive Moral mit all seinen grausamen Schattenseiten akzeptiert, weil sie intersubjektiver Relativist sind.
    Ich finde das objektiv falsch und leite das aus dem Christentum ab.

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