Katholische KlinikenBarmherzigkeit steht über allem!

Wer weiß noch, was Epikie bedeutet? Offenbar ist es den Mitarbeitern der katholischen Kliniken in Köln entfallen, die eine mutmaßliche Vergewaltigte nicht behandelten.

Am Ende stehen einfache, zynische Ausreden: Es sei bloß ein Kommunikationsunfall gewesen, ein Missverständnis, dass zwei Krankenhäuser der katholischen Cellitinnen in Köln einer mutmaßlich vergewaltigten Frau die Notfallbehandlung verweigert hatten. So sagt es ein Sprecher. Sylvia Klausner, die Vorsitzende des Klinischen Ethikkomitees, entschuldigt sich: Eine Vorgabe des Komitees vom November sei offenbar nicht bekannt genug gewesen. Das Komitee hat festgelegt, dass vergewaltige Frauen umfassend versorgt und aufgeklärt werden sollen. Auch über die Pille danach. Nur darf das Krankenhaus selbst sie nicht verschreiben. Das sei nach katholischer Ansicht ein "schweres sittliches Vergehen". Und es wird bekannt: Katholische Abtreibungsgegner hatten eins der Krankenhäuser beim Erzbistum angeschwärzt. Eine sogenannte Testerin habe dort ungeschützten Sex vorgegeben und die Pille danach verlangt – und bekommen.

Dürfen Christen das sittliche Vergehen der Denunziation begehen, um ein anderes aufzudecken? Was, wenn sie ein sittliches Vergehen vermeiden und damit das christliche Grundgesetz brechen, die unbedingte Liebe zum Nächsten? "Wenn dich einer nötigt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm", sagte Jesus in der Bergpredigt. Könnte das nicht als Begründung dienen, einer Frau in Not die Pille danach zu geben, auch wenn sich das mit der katholischen Moral reibt? Wer in ethischen Konflikten um die eigene Reinheit besorgt ist, macht sich erst recht schmutzig. Eine Kirche, die Hilfe verweigert, wird unglaubwürdig und schadet sich weiter mit halbherzigen Entschuldigungen und der Vertuschung von Hintergründen. Sie bleibt immer weiter hinter dem eigenen Anspruch zurück.

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Eigentlich kennt die Kirche, die sich von einem Stellvertreter Christi regiert sieht, die Falle des eigenen Anspruchs. Die katholische Lehre kann die Wirklichkeit der Menschen überfordern. Deshalb übernahm die Theologie von den griechischen Philosophen das Prinzip der Epikie. Es bezeichnet sowohl Angemessenheit als auch Barmherzigkeit. Sie sagt: Das Richtige in einer konkreten Situation kann anders liegen als das Richtige im Grundsatz. Gesetze sind Regeln, aber jeder Mensch ist eine Ausnahme. Zeitigt die Regel eine unmenschliche Konsequenz, muss ein Christ seinem Gewissen folgen. Denn die Liebe Gottes zum Menschen rangiert im christlichen Glauben vor jedem Gesetz. Deshalb, sagen Theologen, habe Jesus das Gebot gebrochen, den Sabbat zu heiligen, und auch am Feiertag Kranke geheilt. Wussten die Ärzte der katholischen Krankenhäuser in Köln das nicht? Wusste Sylvia Klausner das nicht, die Vorsitzendes des Ethikkomitees?

Keine Barmherzigkeit im Kampf gegen Abtreibung

Interessanterweise findet sich die Lehre der Epikie in den Enzykliken der letzten Päpste nur äußerst selten. Beim Kampf gegen die Abtreibung spielt sie keine Rolle. Da scheint es nur Grundsätze zu geben. Vor zwölf Jahren drückte Joseph Kardinal Ratzinger, der heutige Papst Benedikt und damalige Präfekt der Glaubenskongregation, den Ausstieg der katholischen Kirche in Deutschland aus der Schwangerschaftskonfliktberatung durch. Bis heute verfolgt die Kirche Andersdenkende mit Auftrittsverboten. Gerhard Ludwig Müller, der jetzige Präfekt der Glaubenskongregation, versagte als Regensburger Bischof dem früheren bayerischen Kultusminister Hans Maier kirchliche Räume. Maier, der katholischen Kirche hoch verbunden, wollte dort aus seinen Lebenserinnerungen vorlesen. Sein Fehler: Er hält Abtreibungen zwar für Tötungen, aber findet den Ausstieg der katholischen Kirche aus der Beratung falsch.

Hinter dem Vorfall von Köln zeigt sich erneut eine zerrissene Kirche, die sich in der pluralen Gesellschaft nicht mehr zurechtfindet. Die nicht damit klar kommt, dass ihre Vorstellungen aus der Mitte an den Rand der Gesellschaft geraten sind und ihre frühere Macht zerronnen ist. Jetzt muss sie sich gegen totalitäre Züge im Inneren wehren, gegen den Versuch, intern zu retten, was extern verloren ging, gegen die Diktatur des Prinzips und den Zynismus des Absoluten.

Schon länger erstarren Hierarchen in der Auseinandersetzung mit der Moderne in vermeintlichen dogmatischen Vorgaben. Bischöfe verschanzen sich hinter ihrer Weihe gegen Argumente, geben ihre Meinung als Gottes Gebot aus und setzen sie in ihrem Einflussbereich ohne Rücksicht auf Verluste um: Ein Gotteszwergstaat in der säkularen Gesellschaft. Doch das kann nicht funktionieren. Ein solcher Staat müsste schon seine Grenzen schließen. Und bereits damit würde er seine Botschaft verraten.

 
Leserkommentare
  1. Nun, wenn man so argumentiert, dann wussten die Ärzte, dass irgendein Krankenhaus die Frau untersuchen würde - schließlich waren mehrere Krankenhäuser am Projektnetzwerk Spurensicherung beteiligt. Das ist auch der Sinn der Vorabanfrage.

    Nein, ich heiße die Praktiken nicht gut, zumal ich finde, dass wenn ein Krankenhaus sich nicht am Projekt Spurensicherung beteilien möchte, es schon vor vornerein so hätte äußern müssen, der Stadt gegenüber.

    Ich weiß aber nicht, warum bei katholischen Krankenhäusern gleich die Forderung nach Schließung kommt. Wo Aufnahmeablehnungen und Ablehnung der Spurensicherung auch sonst vorkommen, und keiner sich darüber aufregt.

    In anderen Krankenhäusern wurden Patienten durch Klinikpersonal missbraucht und das vertuscht - und keiner fordert die Schließung der Klinik.

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    Nein, das konnten die Ärzte nicht wissen. Sie konnten allenfalls darauf vertrauen, das jemand für sie in die Bresche springt. Mit der gleichen Argumentation redet sich manch einer heraus, der einem Unfallopfer nicht hilft und mit dem Pkw vorbeifährt. Irgend ein anderer wird schon helfen. Irgend ein anderer Arzt soll doch die "Pille danach" verschreiben. Wenn er sie verschreibt, wasche ich mir die Hände in vermeintlicher Unschuld.
    Ad TDU: Nicht 1 Millarde Katholiken denken und handeln so, aber die Vertreter der katholischen Kirche wollen es ihnen so vorschreiben. Heute wird betroffenen Frauen die "Pille danach" vorenthalten, morgen schon mit exakt der gleichen Argumentation ein Antibiotikum und übermorgen Petersiliensuppe, weil Petersilie im Mittelalter als probates Abtreibungsmittel galt.

    Nein, das konnten die Ärzte nicht wissen. Sie konnten allenfalls darauf vertrauen, das jemand für sie in die Bresche springt. Mit der gleichen Argumentation redet sich manch einer heraus, der einem Unfallopfer nicht hilft und mit dem Pkw vorbeifährt. Irgend ein anderer wird schon helfen. Irgend ein anderer Arzt soll doch die "Pille danach" verschreiben. Wenn er sie verschreibt, wasche ich mir die Hände in vermeintlicher Unschuld.
    Ad TDU: Nicht 1 Millarde Katholiken denken und handeln so, aber die Vertreter der katholischen Kirche wollen es ihnen so vorschreiben. Heute wird betroffenen Frauen die "Pille danach" vorenthalten, morgen schon mit exakt der gleichen Argumentation ein Antibiotikum und übermorgen Petersiliensuppe, weil Petersilie im Mittelalter als probates Abtreibungsmittel galt.

    • TDU
    • 22.01.2013 um 9:38 Uhr

    Dass das Verhalten völlig inakzeptabel ist und auch mit Lehre und Dogmatik nicht zu rechtfertigen, wenn notwendige Hilfe unterlssen wurde, ist ohne Zweifel.

    Aber man kann dei Kirchenicht über Nacht ändern. Mal eben "demokratischer Sozialismus" als Schlagwort ins Programm? Die katholische Kirche ist keine poltische Partei.

    Aber auf die Art der Kritik kommts an. Über 1 Milliarde Katholiken in der Welt, und man beurteilt alles aus deutscher und opportun politischer Sicht. Und die wird dann an anderer Stelle wieder kritisiert, und man will Demokratie gleich mitentsorgen.

    Man sollte sich nicht täuschen. Würde der Vatikan Deutschland aufgeben, gäbs andere Auseinandersetzungen. Bisschen Demokratie geht auch nicht. Und man sieht in Frankreich udn andren Ländern, dass der Bodensatz der Religions- und Wertefanatiker beherrscht werden muss. Und da leisten Vatikan und katholische Kirche ihren Beitrag. Von den immer noch ausgeprägten sozialen Werken und Handeln abgesehen.

  2. 243. Nein!

    Nein, das konnten die Ärzte nicht wissen. Sie konnten allenfalls darauf vertrauen, das jemand für sie in die Bresche springt. Mit der gleichen Argumentation redet sich manch einer heraus, der einem Unfallopfer nicht hilft und mit dem Pkw vorbeifährt. Irgend ein anderer wird schon helfen. Irgend ein anderer Arzt soll doch die "Pille danach" verschreiben. Wenn er sie verschreibt, wasche ich mir die Hände in vermeintlicher Unschuld.
    Ad TDU: Nicht 1 Millarde Katholiken denken und handeln so, aber die Vertreter der katholischen Kirche wollen es ihnen so vorschreiben. Heute wird betroffenen Frauen die "Pille danach" vorenthalten, morgen schon mit exakt der gleichen Argumentation ein Antibiotikum und übermorgen Petersiliensuppe, weil Petersilie im Mittelalter als probates Abtreibungsmittel galt.

    Antwort auf "Andere Kliniken "
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    Mit der gleichen Argumentation redet sich manch einer heraus, der einem Unfallopfer nicht hilft und mit dem Pkw vorbeifährt.
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    Genau. Sowas geschieht eben öfters. Sei es bei Unfallopfern oder bei Gewaltopfern. Sei es Passenten oder Krankenhäuser.

    Mit der gleichen Argumentation redet sich manch einer heraus, der einem Unfallopfer nicht hilft und mit dem Pkw vorbeifährt.
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    Genau. Sowas geschieht eben öfters. Sei es bei Unfallopfern oder bei Gewaltopfern. Sei es Passenten oder Krankenhäuser.

  3. Mit der gleichen Argumentation redet sich manch einer heraus, der einem Unfallopfer nicht hilft und mit dem Pkw vorbeifährt.
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    Genau. Sowas geschieht eben öfters. Sei es bei Unfallopfern oder bei Gewaltopfern. Sei es Passenten oder Krankenhäuser.

    Antwort auf "Nein!"
    • Ki Ki
    • 22.01.2013 um 19:34 Uhr

    steht in der Kritik, sondern das unchristliche Verhalten mancher Bischöfe.

    Zitat aus dem Artikel: "Bischöfe verschanzen sich hinter ihrer Weihe gegen Argumente, geben ihre Meinung als Gottes Gebot aus und setzen sie in ihrem Einflussbereich ohne Rücksicht auf Verluste um: Ein Gotteszwergstaat in der säkularen Gesellschaft."

    Die Anmaßung, anderen Menschen in seinem auch noch öffentlich finanzierten Einflussbereich seine Regeln aufzuzwingen, wird völlig zu Recht kritisiert.

    Eine Leserempfehlung
  4. Anfrage und Ablehnung? Falls nein, wird das schon seinen Grund haben, dass wir die nicht kennen.

  5. Gerade ist mir das Magazin "Adventszeit" des Erzbistums Köln in die Hände gefallen. Darin beklagt Kardinal Meisner die für ihn schmerzhafte Zahl der Kirchenaustritte: "...vielmehr frage ich mich, aus welchem Grund einem Menschen, der mir in meinem Hirtendienst als Bischof anvertraut ist, die Gemeinschaft der Kirche so unwichtig geworden ist, dass er sie für entbehrlich hält."

    Seit Erscheinen des Magazins vor rund drei Monaten sind noch ein paar mögliche Gründe hinzugekommen. Und die Antwort Meisners, ein Verbrechen (Vergewaltigung) dürfe nicht mit einem anderen Verbrechen (Verhinderung von Schwangerschaft) beantwortet werden, zählt sicherlich für die Mehrzahl denkender und fühlender Menschen dazu.

    Wer Meisner selbst fragen will, kann das hier: www.direktzumkardinal.de

  6. Die Frauenklinik des ev. KHs in Regensburg ist eine Belegabteilung, die seit einiger Zeit keine Geburtshilfe mehr leistet und demzufolge auch nachts und am Wochenende nicht ärztlich besetzt ist (als sie das noch war, gab es die Pille danach, das ist richtig.)
    Beide der katholischen Kliniken mit Frauenheilkunde sind an die Uni angebunden. Die Pille danach gibt es trotzdem definitiv nicht.

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