Katholische KlinikenBarmherzigkeit steht über allem!

Wer weiß noch, was Epikie bedeutet? Offenbar ist es den Mitarbeitern der katholischen Kliniken in Köln entfallen, die eine mutmaßliche Vergewaltigte nicht behandelten. von Wolfgang Thielmann

Am Ende stehen einfache, zynische Ausreden: Es sei bloß ein Kommunikationsunfall gewesen, ein Missverständnis, dass zwei Krankenhäuser der katholischen Cellitinnen in Köln einer mutmaßlich vergewaltigten Frau die Notfallbehandlung verweigert hatten. So sagt es ein Sprecher. Sylvia Klausner, die Vorsitzende des Klinischen Ethikkomitees, entschuldigt sich: Eine Vorgabe des Komitees vom November sei offenbar nicht bekannt genug gewesen. Das Komitee hat festgelegt, dass vergewaltige Frauen umfassend versorgt und aufgeklärt werden sollen. Auch über die Pille danach. Nur darf das Krankenhaus selbst sie nicht verschreiben. Das sei nach katholischer Ansicht ein "schweres sittliches Vergehen". Und es wird bekannt: Katholische Abtreibungsgegner hatten eins der Krankenhäuser beim Erzbistum angeschwärzt. Eine sogenannte Testerin habe dort ungeschützten Sex vorgegeben und die Pille danach verlangt – und bekommen.

Dürfen Christen das sittliche Vergehen der Denunziation begehen, um ein anderes aufzudecken? Was, wenn sie ein sittliches Vergehen vermeiden und damit das christliche Grundgesetz brechen, die unbedingte Liebe zum Nächsten? "Wenn dich einer nötigt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm", sagte Jesus in der Bergpredigt. Könnte das nicht als Begründung dienen, einer Frau in Not die Pille danach zu geben, auch wenn sich das mit der katholischen Moral reibt? Wer in ethischen Konflikten um die eigene Reinheit besorgt ist, macht sich erst recht schmutzig. Eine Kirche, die Hilfe verweigert, wird unglaubwürdig und schadet sich weiter mit halbherzigen Entschuldigungen und der Vertuschung von Hintergründen. Sie bleibt immer weiter hinter dem eigenen Anspruch zurück.

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Eigentlich kennt die Kirche, die sich von einem Stellvertreter Christi regiert sieht, die Falle des eigenen Anspruchs. Die katholische Lehre kann die Wirklichkeit der Menschen überfordern. Deshalb übernahm die Theologie von den griechischen Philosophen das Prinzip der Epikie. Es bezeichnet sowohl Angemessenheit als auch Barmherzigkeit. Sie sagt: Das Richtige in einer konkreten Situation kann anders liegen als das Richtige im Grundsatz. Gesetze sind Regeln, aber jeder Mensch ist eine Ausnahme. Zeitigt die Regel eine unmenschliche Konsequenz, muss ein Christ seinem Gewissen folgen. Denn die Liebe Gottes zum Menschen rangiert im christlichen Glauben vor jedem Gesetz. Deshalb, sagen Theologen, habe Jesus das Gebot gebrochen, den Sabbat zu heiligen, und auch am Feiertag Kranke geheilt. Wussten die Ärzte der katholischen Krankenhäuser in Köln das nicht? Wusste Sylvia Klausner das nicht, die Vorsitzendes des Ethikkomitees?

Keine Barmherzigkeit im Kampf gegen Abtreibung

Interessanterweise findet sich die Lehre der Epikie in den Enzykliken der letzten Päpste nur äußerst selten. Beim Kampf gegen die Abtreibung spielt sie keine Rolle. Da scheint es nur Grundsätze zu geben. Vor zwölf Jahren drückte Joseph Kardinal Ratzinger, der heutige Papst Benedikt und damalige Präfekt der Glaubenskongregation, den Ausstieg der katholischen Kirche in Deutschland aus der Schwangerschaftskonfliktberatung durch. Bis heute verfolgt die Kirche Andersdenkende mit Auftrittsverboten. Gerhard Ludwig Müller, der jetzige Präfekt der Glaubenskongregation, versagte als Regensburger Bischof dem früheren bayerischen Kultusminister Hans Maier kirchliche Räume. Maier, der katholischen Kirche hoch verbunden, wollte dort aus seinen Lebenserinnerungen vorlesen. Sein Fehler: Er hält Abtreibungen zwar für Tötungen, aber findet den Ausstieg der katholischen Kirche aus der Beratung falsch.

Hinter dem Vorfall von Köln zeigt sich erneut eine zerrissene Kirche, die sich in der pluralen Gesellschaft nicht mehr zurechtfindet. Die nicht damit klar kommt, dass ihre Vorstellungen aus der Mitte an den Rand der Gesellschaft geraten sind und ihre frühere Macht zerronnen ist. Jetzt muss sie sich gegen totalitäre Züge im Inneren wehren, gegen den Versuch, intern zu retten, was extern verloren ging, gegen die Diktatur des Prinzips und den Zynismus des Absoluten.

Schon länger erstarren Hierarchen in der Auseinandersetzung mit der Moderne in vermeintlichen dogmatischen Vorgaben. Bischöfe verschanzen sich hinter ihrer Weihe gegen Argumente, geben ihre Meinung als Gottes Gebot aus und setzen sie in ihrem Einflussbereich ohne Rücksicht auf Verluste um: Ein Gotteszwergstaat in der säkularen Gesellschaft. Doch das kann nicht funktionieren. Ein solcher Staat müsste schon seine Grenzen schließen. Und bereits damit würde er seine Botschaft verraten.

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Leserkommentare
    • clair11
    • 19. Januar 2013 22:40 Uhr

    aber die größeren Psychiatrien haben doch meist eine Krisenstation, die offen ist.
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    Nicht unbedingt. Außerdem ist da die Sektorisierung die Hürde.

    Die Psychiatrien sind meist so überfüllt, dass man ohne die Indikation "sehr akute Suizidgefahr" erst gar nicht aufgenommen wird. Und dann muss das die Geschlossene sein.

    Und da können da auch Patienten dabei sein, die wegen Fremdgefährdung zwangseingewiesen worden sind, und entsprechend ist das Klima auf der Station, auch vom Personal.

    Einige Psychiatrien werben zwar mit offenen Traumastationen, aber auf diese kommt man nur nach Anmeldung, Vorgespräch und Wartezeit rein, akut wird man da nicht aufgenommen.

    Und dabei braucht ein Opfer eigentlich oft nur eine Nacht im Schutz eines Krankenhauses, paar nette Worte und jemand, der nach ihm schaut, eine warme Tasse Kaffee und eine Kuscheldecke....

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    Also entweder wirkt die Frau so "stabil", dass sie nach Hause geschickt wird, oder man hat Zweifel und schickt sie direkt auf eine geschlossene Station?
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    Ja, so ungefähr. Und da nicht jedes Krankenhaus eine Psychiatrie hat, bedeutet das Verlegung.

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    "Und dabei braucht ein Opfer eigentlich oft nur eine Nacht im Schutz eines Krankenhauses, paar nette Worte und jemand, der nach ihm schaut, eine warme Tasse Kaffee und eine Kuscheldecke...."

    Ja, schon klar.

    Deshalb halte ich ja Psychiatrien für keinen guten Ort in einer Krisensituation.

    Es fragt sich, wie man Alternativen organisieren kann.

  1. Entfernt. Bitte gehen Sie sachlicher auf andere Kommentare ein. Danke, die Redaktion/se

    Antwort auf "Säkularisierung I"
  2. "Bei vielen richtigen Dingen, die sie sagen; Sie tun so, als sei das mit der Abtreibung bloß eine sittliche Reiberei. Sie übersehen dabei aber, dass Abtreibung nach katholischer Morallehre die Tötung eines vollwertigen Menschen darstellt."

    Wie jemand im vorherigen Thread zum Thema schon schrieb, hat aber die Katholische Kirche offenbar kein Problem damit, Frauen, die von Priestern schwanger werden, eine Abtreibung zu finanzieren.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Abtreibung"
  3. "Niemand, der sich mit diesen Organisationen nicht identifizieren kann, muss diese Unternehmen finanzieren, weder direkt, indem er sie zur Behandlung aufsucht, noch indirekt, indem er das Trägerunternehmen durch Kirchensteuern finanziert."

    Das klingt logisch, das wäre auch pluralistisch. Nur entspricht auch das nicht der Realität:

    Kirchliche Kliniken werden eben NICHT von den Kirchen gebaut und durch kirchliche Mittel finanziert. Gebaut werden sie zu 100% durch staatliche Mittel, die laufenden Kosten werden durch staatliche Mittel und Krankenkassenbeiträge aufgebracht. Der Einsatz kirchlicher Mittel beträgt 0%.

    Damit stehen diese Häuser auch nicht als Alternative neben nicht-kirchlichen Krankenhäusern, sondern decken die gesundheitspolitische Bedarfsplanung ab.

    Wenn eine Kreisklinik kirchlich geführt wird, wird es im selben Kreis nicht regelmäßig auch nicht-kirchliche Klinik geben.

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    • beob8er
    • 19. Januar 2013 23:01 Uhr

    wenn also der Staat bzw. die Krankenkassen die Krankenhäuser finanzieren, dann haben auch deren Regeln zu gelten. Wenn das der kath. Kirche nicht passt, dann findet sich auch ein anderer Betreiber. Es wird Zeit, das durchzusetzen.

  4. "Und dabei braucht ein Opfer eigentlich oft nur eine Nacht im Schutz eines Krankenhauses, paar nette Worte und jemand, der nach ihm schaut, eine warme Tasse Kaffee und eine Kuscheldecke...."

    Ja, schon klar.

    Deshalb halte ich ja Psychiatrien für keinen guten Ort in einer Krisensituation.

    Es fragt sich, wie man Alternativen organisieren kann.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Was Opfer brauchen"
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    • clair11
    • 19. Januar 2013 23:11 Uhr

    Es gab mal Vorstöße, Krisenhäuser für Gewaltopfer zu bauen, analog Weglaufhäuser für Psychiatrieerfahrene. Ist aber auch alles eine Geldfrage.

    Vor allem weil es früher möglich war, solche Patienten mal für eine Nacht auf die allgemeinen inneren Station aufzunehmen mit irgendwelchen internistischen Diagnosen. Da die Kasse aber sehr streng geworden ist, geht das nicht mehr. In den günstigsten Fällen ist möglich, eine Nacht zur Beobachtung auf der Notaufnahme zu bleiben, das ist aber eine Kulanzleistung des Krankenhauses und geht nur, wenn auf der Notaufnahme sonst nicht zuviel los ist.

    Die Leidtragenden sind die Opfer.

  5. Das Interview von Dradio ist sehr interessant.
    http://www.dradio.de/dkul...

    Es muss das Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Kirche diskutiert werden. Diese bekannt gewordenen Einzelfälle zeigen doch das strukturelle Problem auf.

    Der Staat zahlt 98,2% im Mittel der sozialen Dienste der Kirche oder auch 100% bei ausgewählten Projekten. Die Kirchen sind mit 1,8% nur „Kleinaktionär“ und benehmen sich wie ein Mehrheitsaktionär. Als Betreiber sind sie bemüht Gewinne zu erwirtschaften, um die ausbleibende Kirchensteuer zu kompensieren.

    Der Staat könnte eine Betreibergesellschaft selbst einrichten, wie Kommunen ihre Stadtwerke besitzen oder Post und Bahn dem Bund gehören. Er kann sogar mit dem gleichen Personal arbeiten, weil Krankenhausdirektoren sich nicht auf kirchliche Träger beschränken wollen. Vielmehr müssen die Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen wieder in die Kirche eintreten, um ihren Arbeitsplatz zu behalten.

    Muslime werden von sozialen Diensten ausgeschlossen, wie Berufsberater des Arbeitsamtes mitteilen.

    Obwohl es ein Diskriminierungsverbot gibt, können die Tendenzbetriebe diskriminieren, wie es ihnen gefällt.

    Das ist der eigentliche Skandal!

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    "Der Staat könnte eine Betreibergesellschaft selbst einrichten..."

    Dann ist der Vorwurf an den Staat zu richten, dass er das nicht tut. Irgentjemand muss diese Funktion wahrnehmen und wenn nicht der Staat dann halt ein anderer. Wenn der dann dabei seine eigenen Vorstellungen einbringt, kann man ihm das nicht zum Vorwurf machen.

    • beob8er
    • 19. Januar 2013 22:57 Uhr

    wenn das Katholische dieses Primat gewinnt, dann ist die katholische Kirche keine christliche Kirche mehr, denn sie hat den Kern der Botschaft Christi (vgl. Lukas 10,25-37), die Barmherzigkeit und Nächstenliebe auf schändlichste für ihren Machtanspruch verraten.

    Mit nichts, aber auch gar nichts, sind diese elementaren menschlichen Defizite, die hier offenbar werden, zu rechtfertigen oder zu erklären. Meiner Meinung sind die Handelnden weder ärztlichen noch christlichen Standards gerecht geworden und sind allesamt fehl am Platz. Das gilt für von der Stiftungsleitung über die Klinikleitung bis zu den diensthabenden Ärzten. Wer in einer solch offensichtlichen Situation nicht das richtige vom rechten scheiden kann, hat nicht die nötige persönliche Reife solche Aufgaben wahrzunehmen.

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  6. die Klinik wurde aber eingerichtet (aus staatlichen Geldern), um allen Menschen, die Hilfe brauchen, die Untersuchungen und Behandlungen zukommen zu lassen, die sie benötigen.

    Und dagegen haben die beiden katholischen Kliniken klar verstossen.

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    Antwort auf "Die Klinik stellt der"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hans Maier | Jesus | Katholische Kirche | Abtreibung | Bischof | Feiertag
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