Leserartikel

AntisemitismusWas Israelkritik so schwierig macht

Debatten über israelische Politik enden oft unversöhnlich, denn Israel wird als Teil des Westens wahrgenommen und besonders hart kritisiert, schreibt Leser S. J. Müller. von Sebastian Müller

Die Antisemitismusdiskussionen um Günter Grass und Jacob Augstein werfen zwei Fragen auf. Erstens: Warum kritisieren offensichtlich nicht antijüdisch gesinnte Autoren Israel in so besonderer Weise? Zweitens: Warum wird sachliche, wenn auch harte Kritik, von Vertretern der jüdischen Gemeinschaft so oft als antisemitisch wahrgenommen?

Die Antwort auf die erste Frage ist: Israel wird im Westen als ein Land wahrgenommen, das kulturell und wissenschaftlich dem Rest des Westens ebenbürtig ist. Dies trifft auch auf andere – nicht-westliche Länder – zu, etwa auf Japan.

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Die Einschätzung Israels geht noch darüber hinaus. Nicht nur Gleichheit, auch eine Zusammengehörigkeit zu einem gemeinsamen Kulturkreis wird von vielen empfunden. Solch ein Wir-Gefühl ist gegenüber fernöstlichen und islamischen Ländern nicht in gleichem Maße vorhanden.

Dies kann die Schärfe der Kritik erklären. Israel wird als Teil des Westens wahrgenommen, obwohl westliche Standards nicht immer erfüllt werden. Der Umgang mit der palästinensischen Minderheit ist so ein Fall. Das erzeugt Unverständnis. Die deshalb schärfere Kritik – und damit sind wir bei der zweiten Frage – kann leicht als Feindseligkeit wahrgenommen werden.

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Warum kritisiert Grass Israel, wenn doch in Indien, Pakistan oder China genauso Schlimmes oder Schlimmeres passiert? Wer diese Frage stellt, ohne die Identifikation des Westens mit Israel zu berücksichtigen, wird dazu verleitet, eine antijüdische Haltung zu vermuten.

Um dieses Missverständnis zu klären, müssen sich beide Seiten anstrengen. Die Vertreter Israels und der Juden sollten genauer hinsehen, bevor sie linksliberale Autoren mit fundamentalistischen Israelhassern in einen Topf schmeißen.

Israels Kritiker sollten auch, wenn sie harte Kritik üben, betonen, dass diese Kritik nur die Politik der gegenwärtigen Regierung und bestimmte Meinungen betrifft – und nicht zur Aufkündigung der Freundschaft des Westens mit Israel führen wird. Natürlich dürfen auch Deutsche Israels Politik weiterhin kritisieren, aber die Geschichte gebietet, besonders sensibel zu sein.

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Leserkommentare
  1. Eine Frage hätte ich noch an den Autor:

    Wenn die werten Schreiblinge Grass und Augstein "offensichtlich nicht antijüdisch" sind, wenn es so offensichtlich ist, warum führen wir die ganze Debatte um Antisemitismus?
    Irgendwas passt da nicht zusammen. Da wird ganz "offensichtlich" die Welt sich etwas zurechtgebogen, damit der Artikel Sinn ergibt.

    • tom1972
    • 16. Januar 2013 11:41 Uhr

    ist die Antwort relativ einfach:

    kritik ja, aber Sachlich ausgedrückt und begründet. Dies bedeutet aber auch, dass man sich im Sachverhalt auskennen muss. Plattes vergleichen ist ebefalls fehl am Platz. Es ist besser zu sagen "Das ist schlecht, weil..." oder "Das ist gut, weil...". Aber die, die sich selbst ins Abseits stellen, mögen es platt: "Das ist das gleiche wie....".

    ich halte Nethanyahu neben der Hamas für das grösste aktuelle Problem in der Region. Die Siedlungen sind illegal. Sie kosten nur Geld. Allerdings sind sie auch nicht die Basis des Problems, denn in Gaza wurden sie geräumt und dort ist alles andere als FreideFreudeEierkuchen. Und wer in dieser Sache EINEN Schuldungien und EINEN Unschuldigen ausgemacht hat, hat es eh nicht verstanden.

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  2. @scheinbück: Sie haben Recht, im Westen wird auch nicht ganz selten gegen Menschenrechte verstoßen. Jedoch wird dies stets als schwerwiegender Mangel aufgefasst - was regional und historisch keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist.

    @Heribert Süttmann: Hinsichtlich ungeklärter Vorannahmen bitte ich zu beachten, dass ich hier starken Zeicheneinschränkungen unterlag. Wer nur 3000 Zeichen hat, muss einige Annahmen zu einem komplexen Thema unerklärt lassen. Ansonsten halte ich ihre Thesen zur Meinung des deutschen Volkes schlicht für falsch - die Daten, die dazu vorliegen, decken sich überhaupt nicht mit dem, was sie behaupten.

    @ RobBen89: Hier gilt Ähnliches. Natürlich haben Sie Recht, dass es nicht für jeden offensichtlich ist, immerhin erhebt jemand den Antisemitismusvorwurf. Jedoch, wer etwas näher beobachtet, wird schnell merken, dass in vielen Fällen keine zureichenden Anhaltspunkte bestehen, die über eine scharfe Kritik an bestimmten Verhaltensweisen hinausgehen.

    • GDH
    • 16. Januar 2013 12:51 Uhr

    >>Ein norddeutscher Vergleich: "Willst du nicht deichen, musst du weichen!" Man wusste es schon vor Jahrhunderten.<<

    Natürlich sind an Israels Grenzen Maßnahmen gerechtfertigt, die z.B. an den deutschen Grenzen unverhältnismäßig wären.

    Kaum nachvollziehbar ist jedoch, dass sich die Israelische Politik (ziemlich parteiübergreifend) darum drückt, sich zu den Grenzen des eigenen Staates zu bekennen. Für mich war schon der Flirt der CDU mit einzelnen "Vertriebenenvertretern" unterträglich, die tatsächlich noch Jahrzehnte nach Kriegsende Anspruch auf Gebiete in Polen erhoben haben.

    Vor diesem Hintergrund ist auch zu verstehen, dass eine Politik, die die Ansiedlung von Menschen (zumindest) umstrittenem Gebiet auch noch ausdrücklich fördert, als völlig inakzeptabel angesehen wird.

    Außerdem fehlt bei der Israelischen Regierung (und den meisten anderen Parteien auch) ein klares Bekenntnis dazu, dass religiöse Überlieferung (oder der Wohnort von Vorfahren vor Jahrhunderten) absolut keine Gebietsansprüche begründet. Dort schreckt man offensichtlich davor zurück, sich mit den Extremisten anzulegen.

    Genau deshalb wird die Besetzung nicht als reine Sicherheitsmaßnahme verstanden (die sich ja grundsätzlich rechtfertigen ließe) sondern eben auch als Versuch, das eigene Staatsgebiet auszuweiten (etwas, das in Europa seit vielen Jahrzehnten als Inakzeptabel gilt).

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    • pylades
    • 16. Januar 2013 13:03 Uhr

    die Pointe ihres Artikels steckt unfreiwillig schon in der Überschrift, wobei ich jetzt nicht weiß, ob die von Ihnen oder der Zeit online-Redaktion stammt.

    Haben Sie sich eigentlich jemals gefragt, warum "Israelkritik" vor allem im Netz ein eigenes Wort zu sein scheint, während nahezu niemand von Nordkoreakritik, Russlandkritik oder Norwegenkritik spricht?

    Sie mögen das vielleicht für eine semantische Spitzfindigkeit halten, aber man könnte durchaus zu der Einsicht gelangen, dass "Israelkritik" eine andere Bedeutungsdimension hat als eine gewöhnliche Kritik an israelischen Regierungshandlungen. Der erste schließt für mich ein, dass der Staat Israel als solcher zu kritisieren ist - unabhängig von dem was er eigentlich tut.

    Ansonsten möchte ich alle Mitleser auf den Beitrag #9 aufmerksam machen. Texte wie dieser von Stefan Gärtner oder der Essay von Rainer Trampert in der Jungle World sollten die Ausgangsbasis für die gesamte Augstein-Debatte sein - und über den Antisemitismus schlechthin.

    Eine Leserempfehlung
  3. "Natürlich dürfen auch Deutsche Israels Politik weiterhin kritisieren, aber die Geschichte gebietet, besonders sensibel zu sein."

    Wer so denkt, der sieht die Weltgeschichte aus der Perspektive eines Buchhalters: Wenn einer Gruppe in der Vergangenheit etwas schlimmes widerfahren ist, dann darf diese Gruppe zum Ausgleich jetzt auch ein paar schlimme Dinge anderen antun.

    Es ist ein steiniger, aber gerechter Weg das Unrecht in der Welt hart und gerade heraus zu kritisieren. Niemand, der Menschenrechte verletzt, soll auf ein Schlupfloch hoffen können, indem er auf der Sensibilität der anderen seine geopolitische Strategie aufbaut. Je mehr sich ein Land der westlichen Kultur angehörig fühlen will, umso härter muss sie die Kritik der westlichen Kultur treffen, wenn sie gegen dieselbe verstoßen. Gerade bei einer Gruppe von Menschen, denen großes Leid in der Vergangenheit widerfahren ist, muss die Messlatte besonderst hoch gelegt werden, denn gerade sie müssten es ja besser wissen. Da ist kein Platz für Sensibilität oder ein Zögern.

    Im Kontext dieser Gruppe wird immer wieder folgendes Zitat von Burke verwendet:
    "Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen."

    Und warum unternehmen die "guten Menschen" nichts? Weil sie besonders sensibel sein und niemandem auf die Füsse treten wollen. Oder zumindest geben sie das aus Bequemlichkeit vor. Man sollte diesen Menschen Respekt zollen, die jegliche Unbequemlichkeiten auf sich genommen und etwas getan haben.

    3 Leserempfehlungen
    • Coiote
    • 16. Januar 2013 13:43 Uhr

    "Haben Sie sich eigentlich jemals gefragt, warum "Israelkritik" vor allem im Netz ein eigenes Wort zu sein scheint, während nahezu niemand von Nordkoreakritik, Russlandkritik oder Norwegenkritik spricht?

    Sie mögen das vielleicht für eine semantische Spitzfindigkeit halten, [...] der Staat Israel als solcher zu kritisieren ist - unabhängig von dem was er eigentlich tut."

    Auch wenn ich nicht der Angesprochende bin: Ich halte das nicht für eine semantische Spitzfindigkeit, soweit geben ich Ihnen recht. Aber Sie interpretieren da etwas zu viel hinein. 'Israelkritik' ist anscheinend deswegen zu einem eigenen Begriff geworden, weil, anders als bei Kritik an Nordkorea oder Russland, Kritik an Israel wie das Aufscheuchen eines wütenden Bienenschwarms wirkt.

    Günter Grass wäre niemals so einem Ausmaß angefeindet worden, wenn sein "Gedicht" Nordkorea gegolten hätte. Das macht Israelkritik zu etwas Besonderem. Ein journalist, der öffentlich an Israel Kritik übt, riskiert seine Karriere (Auch wenn immer behauptet wird, dass das angeblich nicht so wäre, wenn die Kritik an Israel nicht antisemitisch ausgearbeitet würde). Israelkritik ist ein Tabuthema, etwas Verbotenes. Dadurch wird 'Israelkritik' zu einer Art geflügeltem Wort.

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    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke. Die Redaktion/kvk

    • pylades
    • 16. Januar 2013 15:06 Uhr

    Mit Verlaub, Coiote, aber was da schreiben halte ich gelinde gesagt für den gleichen Unsinn, der in den User-Kommentaren bei Zeit Online, SPON und ähnlichen Nachrichtenportalen immer wieder behauptet wird, der aber nur durch nebulöse Aussagen und wenig Beweise gestützt wird.

    Dass man als Journalist seine Karriere riskiert, wenn man Israel kritisiert - das ist wohl nicht ihr Ernst. In den großen Zeitungen (SZ, FAZ, Frankfurter Rundschau) erschienen und erscheinen dauernd kritische Kommentare zur israelischen Regierungspolitik.

    Hier mal zwei Beispiele: einmal von der linksliberalen Berliner Zeitung zum Gaza-Krieg 2008/09 (http://blog.zeit.de/joerg...), einmal von der konservativen FAZ zum Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte (http://m.faz.net/aktuell/...). Ich könnte ihnen dutzende andere Beispiele nennen, wenn Sie möchten.

    Insofern ist Ihre ungeheure Behauptung, Kritik an Israel sei Tabu, widerlegt. Das Gegenteil ist der Fall: Schauen Sie in die Kommentarspalten der großen Medien, auf die Leserbriefseiten oder einfach hier bei ZEIT ONLINE in die Userkommentare. Kaum ein Thema ist mehr en vogue als Kritik am israelischen Staat.

    Eine Frage: Haben Sie den Artikel von Stefan Gärtner (http://www.titanic-magazi...) gelesen? Was halten Sie davon?

  4. 24. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke. Die Redaktion/kvk

    Eine Leserempfehlung
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    • Coiote
    • 16. Januar 2013 16:02 Uhr

    "Sie wollen jetzt nicht im Ernst Israel und Nordkorea vergleichen, oder? Pluralistische Demokratie gegen abgeschottete Diktatur?"

    Nein, das will ich nicht, und zwar ganz ausdrücklich. Israel wird nur halt anders bewertet als Nordkorea. Eben weil das eine eine pluralistische Demokratie das andere eine abgeschottete Diktatur ist. Das ist ja auch das Thema des Artikels. Die Leute, die sich ständig über eine solche Ungleichbehandlung aufregen, sollten langsam mal akzeptieren, dass Verfehlungen Israels bei uns naturgemäß kritischer beäugt werden als bei Staaten wie z. B. Nordkorea, ohne dass irgendeine antisemitische Gesinnung hintersteckt.

    Und selbstverständlich sind die Gegenreaktionen (aber auch die Proreaktionen) bei Israelkritig tendenziell heftiger, als bei anderen Themen. Eben das ist ja auch beim Gedicht von Günter Grass passiert.

    "Stimmt doch nicht [dass Israelkritik ein Tabuthema, etwas Verbotenes sei]."

    Einverstanden, 'Tabuthema' bzw. 'Verbotenes' waren die falschen Begriffe hierfür. Gut, dann bleibe ich beim ursprünglichem Bild des "Aufscheuchens eines wütenden Bienenschwarms". Nun macht dies aber Israelkritik zu etwas Besonderem, und mein ursprüngliches Argument (eine Erklärung dafür, weshalb 'Israelkritik' anders wahrgenomen wird) bleibt konstistent bestehen.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Günter Grass | Israel | Autor | Freundschaft | Minderheit | China
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