Leserartikel

AntisemitismusWas Israelkritik so schwierig macht

Debatten über israelische Politik enden oft unversöhnlich, denn Israel wird als Teil des Westens wahrgenommen und besonders hart kritisiert, schreibt Leser S. J. Müller.

Die Antisemitismusdiskussionen um Günter Grass und Jacob Augstein werfen zwei Fragen auf. Erstens: Warum kritisieren offensichtlich nicht antijüdisch gesinnte Autoren Israel in so besonderer Weise? Zweitens: Warum wird sachliche, wenn auch harte Kritik, von Vertretern der jüdischen Gemeinschaft so oft als antisemitisch wahrgenommen?

Die Antwort auf die erste Frage ist: Israel wird im Westen als ein Land wahrgenommen, das kulturell und wissenschaftlich dem Rest des Westens ebenbürtig ist. Dies trifft auch auf andere – nicht-westliche Länder – zu, etwa auf Japan.

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Die Einschätzung Israels geht noch darüber hinaus. Nicht nur Gleichheit, auch eine Zusammengehörigkeit zu einem gemeinsamen Kulturkreis wird von vielen empfunden. Solch ein Wir-Gefühl ist gegenüber fernöstlichen und islamischen Ländern nicht in gleichem Maße vorhanden.

Dies kann die Schärfe der Kritik erklären. Israel wird als Teil des Westens wahrgenommen, obwohl westliche Standards nicht immer erfüllt werden. Der Umgang mit der palästinensischen Minderheit ist so ein Fall. Das erzeugt Unverständnis. Die deshalb schärfere Kritik – und damit sind wir bei der zweiten Frage – kann leicht als Feindseligkeit wahrgenommen werden.

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Warum kritisiert Grass Israel, wenn doch in Indien, Pakistan oder China genauso Schlimmes oder Schlimmeres passiert? Wer diese Frage stellt, ohne die Identifikation des Westens mit Israel zu berücksichtigen, wird dazu verleitet, eine antijüdische Haltung zu vermuten.

Um dieses Missverständnis zu klären, müssen sich beide Seiten anstrengen. Die Vertreter Israels und der Juden sollten genauer hinsehen, bevor sie linksliberale Autoren mit fundamentalistischen Israelhassern in einen Topf schmeißen.

Israels Kritiker sollten auch, wenn sie harte Kritik üben, betonen, dass diese Kritik nur die Politik der gegenwärtigen Regierung und bestimmte Meinungen betrifft – und nicht zur Aufkündigung der Freundschaft des Westens mit Israel führen wird. Natürlich dürfen auch Deutsche Israels Politik weiterhin kritisieren, aber die Geschichte gebietet, besonders sensibel zu sein.

 
Leserkommentare
  1. ist kein Antisemit weil er Israel kritisiert sondern deshalb:
    http://www.titanic-magazi...

    2 Leserempfehlungen
  2. "...Warum kritisiert Grass Israel, wenn doch in Indien, Pakistan oder China genauso Schlimmes oder Schlimmeres passiert?..."

    Warum? Um ein Gegengewicht zu schaffen! Unsere Politiker und Journalisten bejubeln und umarmen eben Indien, Pakistan und China nicht andauernd. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man endlich sieht, dass Israel in der Tat gut in diesen Club Menschenrechtsverletzer gehört.

    Zudem, Israel schert sich nicht um UN Resolutionen, während Pakistan, Indien und China sich sehr wohl an UN Resolutionen halten. Eben DESHALB ist Kritik an Israel wichtig und gerechtfertigt und hat mit Antisemitismus nichts aber auch garnichts zu tun!

    Israel verbaut sich im wahrsten Sinne des Wortes jede Zukunft. Es sind die sogenannten "Freunde" Israels, die jede neue illegale Siedlung applaudieren und damit eine 2-Staatenlösung und Friedn unmöglich machen.

    Israel wäre in der Tat gut beraten, die Kritik von sogenannten "Antisemiten" wie Grass oder Augstein ernst zu nehmen. Denn diese "Antisemiten" sind die wahren Freunde Israels, die noch einen Funken Hoffnung für Frieden in der Region haben. Von waffenlieferanten wie USA oder Deutschland ist nichts zu erwarten.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Oho, die feinen UN-Resolutionen werden von Indien, Pakistan eingehalten. Na, welch ein Glück, dann wird die Welt doch noch gut - wenn nur nicht dieses Israel wäre...

    Mal im Ernst:

    [...]

    Syrien: naja schade, was da passiert. Aber Israel: Um Gottes Willen.
    Nur mal zur Info: Während der UN-Generalvollversammlung 2012 wurden 22 Resolutionen gegen Israel ausgesprochen, und nur 4 Resolutionen gegen Länder der gesamten restlichen Welt. [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten Sie auf Pauschalisierungen und Polemiken. Danke, die Redaktion/jk

    Oho, die feinen UN-Resolutionen werden von Indien, Pakistan eingehalten. Na, welch ein Glück, dann wird die Welt doch noch gut - wenn nur nicht dieses Israel wäre...

    Mal im Ernst:

    [...]

    Syrien: naja schade, was da passiert. Aber Israel: Um Gottes Willen.
    Nur mal zur Info: Während der UN-Generalvollversammlung 2012 wurden 22 Resolutionen gegen Israel ausgesprochen, und nur 4 Resolutionen gegen Länder der gesamten restlichen Welt. [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten Sie auf Pauschalisierungen und Polemiken. Danke, die Redaktion/jk

  3. Menschenrechte und Westen

    da fallen mir so Stichworte wie Guantanamo, Foltercamps in europ. Basen, Al Masri, Kurnaz, Polizei Dessau, Hafenwache, Sarrazin.... ein.

    Antwort auf "Teil des Westens?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das genau ist doch der Kern: Alle diese Dinge und noch Schlimmere (man denke etwa an den Vietnamkrieg oder den Pinochet-Putsch) verstoßen eklatant gegen die Werteordnung des Westens und werden als mnassive Entgleisungen wahrgenommen. Von Diktaturen wie China oder Iran hingegen erwartet man geradezu, dass sie die Menschenrechte missachten und die Adelung Putins zum "lupenreinen Demokraten" hat deswegen soviel Hohn ausgelöst, auch wenn George W. Bush - und dies war nur Dank einer fragwürdigen Wahlauszählung möglich - trotz massiven Verstößen gegen die US-Verfassung als gewählt anerkannt, zugleich aber auf's Heftigste kritisiert wurde.

    Und genau dies ist doch der Punkt, der zu so heftiger Kritik an den meisten israelischen Regierungen nach der Ermordung des Friedensnobelpresiträgers Rabin führte:
    Das Land definiert sich selbst als einzige Demokratie des Nahen Ostens, die Regierungen jedoch akzeptieren elementarste Grundsätze des westlich-demokratischen Systems nicht, insbesondere das Prinzip allgemeiner gleicher Bürgerrechte. Und gerade um dieses Prinzip wurde auch im Westen lange gerungen, in den 1960er Jahren gab es in den Südstaaten der USA noch getrennte Bussitze für Schwarze und Weiße - diese Auseinandersetzungen, dieses Ringen um die Bürgerrechte hat des Westen geformt, das ist sein Kern!

    Dere Autor hat es auf den Punkt gebracht.

    Das genau ist doch der Kern: Alle diese Dinge und noch Schlimmere (man denke etwa an den Vietnamkrieg oder den Pinochet-Putsch) verstoßen eklatant gegen die Werteordnung des Westens und werden als mnassive Entgleisungen wahrgenommen. Von Diktaturen wie China oder Iran hingegen erwartet man geradezu, dass sie die Menschenrechte missachten und die Adelung Putins zum "lupenreinen Demokraten" hat deswegen soviel Hohn ausgelöst, auch wenn George W. Bush - und dies war nur Dank einer fragwürdigen Wahlauszählung möglich - trotz massiven Verstößen gegen die US-Verfassung als gewählt anerkannt, zugleich aber auf's Heftigste kritisiert wurde.

    Und genau dies ist doch der Punkt, der zu so heftiger Kritik an den meisten israelischen Regierungen nach der Ermordung des Friedensnobelpresiträgers Rabin führte:
    Das Land definiert sich selbst als einzige Demokratie des Nahen Ostens, die Regierungen jedoch akzeptieren elementarste Grundsätze des westlich-demokratischen Systems nicht, insbesondere das Prinzip allgemeiner gleicher Bürgerrechte. Und gerade um dieses Prinzip wurde auch im Westen lange gerungen, in den 1960er Jahren gab es in den Südstaaten der USA noch getrennte Bussitze für Schwarze und Weiße - diese Auseinandersetzungen, dieses Ringen um die Bürgerrechte hat des Westen geformt, das ist sein Kern!

    Dere Autor hat es auf den Punkt gebracht.

  4. netter Versuch ZEIT
    Hier Herr Sebastian J. Müller in Hochform

    http://le-bohemien.net/20...

    @Thema
    [...]
    Man kann nur sagen, das SWC hat die deutschen Salonantisemiten vorgeführt, denn bei dem lauten Gebelle kann es sich nur um getroffene Hunde handeln. Wie man auch im ZEIT Kommentarbereich immer wieder sieht.

    Gekürzt. Bitte argumentieren Sie differenziert und bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/ds

    Eine Leserempfehlung
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    Hallo fudgetheplanet,

    auch wenn es ein krasser Zufall ist, aber der Autor des verlinkten Artikels und ich (der Autor der hier diskutierten Artikels) sind nicht identisch. Das könnten Sie eigentlich schon daran merken, wie verschieden die Artikel in Stil und Inhalt sind. Während sich dortiger Autor mit Schuldfragen beschäftigt, halte ich dies für wenig hilfreich und habe deshalb mehr über Ursache und Behebbarkeit dieser als über Schuld nachgedacht.
    Ich möchte sie daher bitten, ihre Falschbehauptung über meine Urheberschaft des verlinkten Artikels zurückzuziehen.

    Hallo fudgetheplanet,

    auch wenn es ein krasser Zufall ist, aber der Autor des verlinkten Artikels und ich (der Autor der hier diskutierten Artikels) sind nicht identisch. Das könnten Sie eigentlich schon daran merken, wie verschieden die Artikel in Stil und Inhalt sind. Während sich dortiger Autor mit Schuldfragen beschäftigt, halte ich dies für wenig hilfreich und habe deshalb mehr über Ursache und Behebbarkeit dieser als über Schuld nachgedacht.
    Ich möchte sie daher bitten, ihre Falschbehauptung über meine Urheberschaft des verlinkten Artikels zurückzuziehen.

  5. Hallo fudgetheplanet,

    auch wenn es ein krasser Zufall ist, aber der Autor des verlinkten Artikels und ich (der Autor der hier diskutierten Artikels) sind nicht identisch. Das könnten Sie eigentlich schon daran merken, wie verschieden die Artikel in Stil und Inhalt sind. Während sich dortiger Autor mit Schuldfragen beschäftigt, halte ich dies für wenig hilfreich und habe deshalb mehr über Ursache und Behebbarkeit dieser als über Schuld nachgedacht.
    Ich möchte sie daher bitten, ihre Falschbehauptung über meine Urheberschaft des verlinkten Artikels zurückzuziehen.

    Antwort auf "Leserartikel"
  6. Gut finde ich, dass der Autor sich um eine ruhige und sachliche Argumenation bemüht und mit seinem Beitrag für ein vernünftige Diskussionsathmospäre sorgt.

    Schlecht finde ich, dass der Autor sich über seine stillschweigenden Vorverständnisse und Vorurteile nicht im Klaren ist, und er diese daher auch in einer Weise zum Tragen kommen läßt, welche ihm selber nicht gefallen kann.

    Ich kann dies hier im Folgenden nur andeutungsweise veranschaulichen.

    1. Es gibt Deutschland, den Europäischen Rat, die EU usw., "den Westen" hingegen nicht. Dieser ist Vergangenheit.

    2. Israel gehört nicht zu "uns", um welches "wir auch immer es sich handelt. Deshalb ist Israel auch nicht EU-Mitglied.

    3. Deutschland, Europa und die Welt haben das Problem, dass der Hass auf die Juden und der Hass auf Israel ein integraler Bestandteil der gesellschaftlichen, rechtlichen und politischen Kultur der Gegenwart sind. Dies veranschaulicht sich in Deutschland immer noch am offenkundigsten dadurch dadurch, dass jüdische Einrichtungen und Repräsentanten mit höchstem Aufwand geschützt werden müssen, obwohl es bei unvoreingenommener Betrachtung nicht einzusehen ist, warum sie einen anderen Sicherheitsstatus haben müssen als der Kleingartenverein Alte Ziegenweide und dessen Vorstand.

  7. Entfernt. Bitte vermeiden Sie Pauschalisierungen und bemühen Sie sich um differenzierte Kommentare.

  8. In einer unvoreingenommenen (durchaus nicht nur jüdischen oder einer israelischen) Sichtweise sind Günter Grass und Jakob Augstein intellektuelle Meinungsführer eines Landes, dessen Anerkennung des Lebensrechtes eines jüdischen Menschen und das Existenzrecht des Staates Israel und dessen Anerkennung des Lebensrechtes jedes Menschen nicht hinreichend substantiiert erscheinen. Je mehr Grass, Augstein und wir alle beteuern, wir würden dies, umso weniger glaubwürdig sind wir. Dies ist der Sachgrund der Beschämungen Grass' und Augsteins, welcher diese Beschämungen auch notwendig macht, weil sie uns Deutsche in unserer beschämenden Unglaubwürdigkeit repräsentieren. Sie, und nicht Frau Merkel.

    Tatsache ist freilich auch, dass die gegenwärtig von der Bundeskanzlerin angeführte veröffentlichte Meinung das Lebensrecht des jüdischen Menschen und das Existenrecht Israels bejaht. Das Judentum gehöre zu Deutschland, welches vom jüdisch-christlichen Menschenbild geprägt sei. Israels Sicherheit seit Teil der deutschen Staatsraison. Wers glaubt ...? The published opinion is not the public opinion.

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