Leserartikel

AuswandernAngekommen in Frankreich

Leserin B. Koebnik wollte ins Nachbarland Frankreich umziehen und dort arbeiten. Doch erst war die französische Bürokratie zu überwinden und die Sprache zu durchdringen. von Birgit Koebnik

An einem verregneten Apriltag kam ich in Südfrankreich an, um fortan hier zu leben. Der französischen Sprache war ich kurz vor dem Umzug erstmals begegnet: in einem Sprachkurs von 30 Stunden. Schon der Gang zum Bäcker war eine Herausforderung. Mein Mann hatte nach erfolgloser Arbeitssuche in Deutschland eine unbefristete Arbeitsstelle an einem Forschungsinstitut gefunden. Ich brachte eine beglaubigte Übersetzung meines Krankenschwesterdiploms sowie ein Formular E303 der Arbeitsagentur mit. Mein Ziel: Arbeit finden.

Wie konnte ich mich der Sprache möglichst schnell nähern und sie perfektionieren? Stimmte es, dass sie sich von ganz allein im Alltag lernt? Mit Fahrrad, Stadtplan und einem vorbereiteten Text, klapperte ich die zumeist privaten Sprachschulen der Stadt ab. Die Sekretärin einer kleinen Schule verhalf mir zu einem Platz in der Anfängerklasse. Die ersten Wochen waren nicht leicht. Ich verstand nichts und brachte kaum ein Wort korrekt über die Lippen. Nicht zu reden von den schriftlichen Übungen. Bald schrieb ich mich in der Mediathek ein und lernte zusätzlich im Sprachlabor. Ich fand eine Tandempartnerin, die meine Freundin wurde.

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Das erste Gespräch bei der französischen Arbeitsagentur wurde zum Test. Ich hatte drei Monate Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Ich glaubte anfangs, das würde locker ausreichen, um Arbeit zu finden. Von allen Seiten war mir vorher versichert worden, Krankenschwestern würden dringend gesucht. Alles sprach von Europa und davon, dass mein deutsches Diplom auch in Frankreich Gültigkeit hätte. Dem war leider nicht so. In einem mehrmonatigen Anerkennungsverfahren machte ich Bekanntschaft mit der französischen Bürokratie. Die Prozedur brachte mich fast zum Verzweifeln. Sollte ich zurückkehren in meine Heimat?

Von der Krankenschwester zur Haushaltshilfe

Unterdessen bewarb ich mich bei diversen Institutionen, besuchte eine Jobmesse und bestand einen Eignungstest für häusliche Pflege. Doch eingestellt wurde ich nicht. Als ich schon nicht mehr daran glaubte, erhielt ich die Aufforderung, mich in einem Büro für Hauswirtschaftshilfe vorzustellen. Das Gespräch war erfolgreich. Ich arbeitete ein Jahr lang in verschiedenen französischen Haushalten. Ich bügelte, kaufte ein, kochte und machte nun große Fortschritte im Verstehen und Sprechen der fremden Sprache.

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Der ZEIT-ONLINE-Wald

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Im Restaurant bestelle ich inzwischen ohne Herzklopfen das Essen. Und wenn das Telefon klingelt, bekomme ich keine Schweißausbrüche mehr. Gemeinsam mit den Einheimischen lächele ich über meinen Akzent, den sie drôle finden.

Die Anerkennung meines Diploms nach elf Monaten ermöglichte es mir schließlich, mich auf freie Stellen in meinem Beruf zu bewerben. Seit drei Jahren arbeite ich in einer Altersresidenz wieder als Krankenschwester. Damit bin ich nun privat wie beruflich in Frankreich angekommen.

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Leserkommentare
    • Allora
    • 23. Januar 2013 15:41 Uhr

    Wer nix mehr kann, muss dann nix mehr tun. Wie praktisch.

    Und natürlich, wenn die Franzosen (Franc/k-osen) tief genug graben, stellen sie irgendwann erstaunt fest, dass viele von ihnen germanische (und nicht etwa "gallische") Vorfahren hatten und sogar ihr Uradel fra(e)nk-ischer Herkunft ist und nicht etwa bourbonischer oder habsburgischer.

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    Wer sagt, dass sie nix tun, die Franzosen?
    Ich bin zufällig in Dt. geboren und Sie scheinbar auch. Ich liebe meine Muttersprache, weil ich mich da so ausdrücken kann, dass mich fast alle verstehen.
    Wäre es besser, wenn es keine Sprachbarrieren gäbe? Unterschiede gäbe es dennoch, die Frage ist doch auch wie tolerant sind wir!

    • Allora
    • 23. Januar 2013 15:51 Uhr

    Ich meinte das Englische als Verhandlungssprache, nicht als Muttersprachenersatz. Diesen sehe ich genauso kritisch wie Sie.

    Gegen das Erlernen von Fremdsprachen ist gar nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil, und in einem anderen Land sollte man sich nach Kräften um die dortige Sprache bemühen. Auch schon nur als Urlauber. Das gilt aber nicht nur für Deutsche.

    Ich bin überhaupt nicht frankreichfeindlich. Das ist ein großartiges Land, das sind wunderbare Leute, das ist eine bewunderswerte Kultur. Aber ich kann trotzdem den französischen (Achtung Fremdwort, passt aber genau) Chauvinismus nicht ausstehen. Und eines seiner bevorzugten Medien ist die Sprache. Compris?

  1. 35. Nix tun

    Wer sagt, dass sie nix tun, die Franzosen?
    Ich bin zufällig in Dt. geboren und Sie scheinbar auch. Ich liebe meine Muttersprache, weil ich mich da so ausdrücken kann, dass mich fast alle verstehen.
    Wäre es besser, wenn es keine Sprachbarrieren gäbe? Unterschiede gäbe es dennoch, die Frage ist doch auch wie tolerant sind wir!

    Antwort auf "---> 29. Columbina"
    • Allora
    • 23. Januar 2013 16:26 Uhr

    Na ja, Erfahrung. So im Durchschnitt sprechen viele Franzosen schlecht oder überhaupt kein Englisch und können oft nicht mal einfache deutsche Formeln wie Guten Tag, danke sehr, Auf Wiedersehen. Ich kann das fliessend (Bon jour, merci bien, Au revoir) und sogar etwas mehr in ziemlich vielen Sprachen. Das ist auch einfach eine Frage des Respekts. Und das macht auch Spass.

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    Das interessiert mich! Wo haben Sie diese Erfahrung gemacht? In unserem Umfeld sprechen die Franzosen fließend englisch und begrüßen uns mit "Guten Tag".
    Ich finde es schön, dass es Ihnen Spass macht in der Landessprache Respekt zu zollen, die Franzosen wird es freuen!

  2. Das interessiert mich! Wo haben Sie diese Erfahrung gemacht? In unserem Umfeld sprechen die Franzosen fließend englisch und begrüßen uns mit "Guten Tag".
    Ich finde es schön, dass es Ihnen Spass macht in der Landessprache Respekt zu zollen, die Franzosen wird es freuen!

    Antwort auf "--- 35. Columbina"
    • Allora
    • 23. Januar 2013 16:52 Uhr

    Und mich freut es auch, dass es doch Franzosen gibt, die sich ebenso respektvoll benehmen. Glückwunsch zu Ihrem Biotop bzw. Umfeld.

    Ich habe nur eben schon viele andere Erfahrungen gesammelt im Laufe der Jahre. Es kommen ja jedes Jahr etwa 1 Mill. Franzosen nach Deutschland. Ich hoffe doch, die Franzosen machen mit ihren jährlich 16 Mill. Deutschen die besseren Erfahrungen.

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    Wissen Sie, ich kenne viele Franzosen die fließend Englisch und auch ordentliche Brocken Deutsch verwenden können. Klar.. ist ein akademisches Umfeld und die Leute sind vielleicht nicht repräsentativ, aber ich habe auch schon französische und britische Freunde zu Besuch gehabt, und habe dabei beobachten dürfen wie schlecht doch viele Deutsche (Verkäufer in Läden, Kellner etc.) Englisch und Französisch (wenn überhaupt) sprechen. Ist natürlich auch eine Generationenfrage...

  3. Ich wüsste nicht welche Freiheit ich aufgebe, wenn ich auch mal ne andere Sprache als Deutsch spreche.Also ich würde mich einem "nationalen Kräftemessen" durch die Sprache verweigern und einfach Französisch sprechen. Schließlich hat man ja viel Zeit und Energie hineingesteckt die Sprache zu lernen. Wenn sich der Franzose dann einbildet einen Sieg damit errungen zu haben, so gönn ich ihm das Gefühl. Im Übrigen schüchtert es das nicht-sprachenkundige Gegenüber auch ein, wenn man ganz sallop in seine Sprache wechseln kann.

    Außerdem muss ich sagen, dass die Franzosen durchaus gerne Englisch und (wenn sie können) Deutsch sprechen. Sind nämlich Menschen die wenn sie eine Fremdsprache sprechen sie auch gerne sprechen. Man muss ihnen nur vorher seinen guten Willen gezeigt haben indem man wenigsten "bonjour" und "merci" über seine Lippen bekommt. Anschließend vielleicht noch ein "Parlez vous allemand ou anglais?" und schon kommen sie einem entgegen. Der Ton macht die Musik.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "---> 1. Meine@Meinung"
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    • Peugeot
    • 28. Januar 2013 21:11 Uhr

    relativ viele Franzosen sprechen GUT englisch. Ich habe mal einen darauf angesprochen, dass das nach landläufiger deutscher Meinung gar nicht sein dürfte.

    Er lächelte verschwörerisch und meinte: "Alle reichen Leute können englisch!"

    Ach ja: als ich mal den Chef in nem Restaurant darauf hinwies, dass ein Bier, was ich nicht im Restaurant, sondern in der Lobby getrunken hatte, nicht mit auf dem Bon stehe, da konnte der sogar deutsch -und hat mir das Bier erlassen....

    Ich bin aber wahrscheinlich nur Ausnahmen begegnet... ;-)

  4. Wissen Sie, ich kenne viele Franzosen die fließend Englisch und auch ordentliche Brocken Deutsch verwenden können. Klar.. ist ein akademisches Umfeld und die Leute sind vielleicht nicht repräsentativ, aber ich habe auch schon französische und britische Freunde zu Besuch gehabt, und habe dabei beobachten dürfen wie schlecht doch viele Deutsche (Verkäufer in Läden, Kellner etc.) Englisch und Französisch (wenn überhaupt) sprechen. Ist natürlich auch eine Generationenfrage...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "---> 37. Columbina"

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Alltag | Arbeit | Bürokratie | Diplom | Essen | Fahrrad
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