Leserartikel

Gefängnis"Hat er sie nun getötet oder nicht?"

Leserin Yasaman Soltani betreut ehrenamtlich einen Gefängnisinsassen. Anfangs war sie nervös, einem mutmaßlichen Mörder zu begegnen. Das änderte sich schnell. von Yasaman Soltani

"Ich geh' gleich ins Gefängnis und muss dort mein Handy ausmachen", sage ich am Telefon und lege auf. Meine Mitreisenden in der U-Bahn drehen sich erstaunt nach mir um. Ich gehe tatsächlich ins Gefängnis: als ehrenamtliche Betreuerin eines Gefangenen.

Mein Weg zum Ehrenamt im Gefängnis war kurz und einfach: Ich habe in der Justizsvollzugsanstalt angerufen und mich mit dem psychologischen Dienst verbinden lassen. Ich wurde zu einem Gespräch eingeladen und nach einem Hintergrundcheck konnte ich mit der Arbeit beginnen.

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Das erste Mal hatte ich Herzklopfen und konnte mir nicht vorstellen, was mich hinter diesen hohen, grauen, mit Stacheldrahtzaun verzierten Mauern erwartet. Es wird sich an der Pforte angemeldet, das Handy ausgeschaltet und eingeschlossen. Die Tasche wird durchleuchtet und man selbst läuft durch einen Metalldetektor. Wie am Flughafen, nur muss man hier seine Flüssigkeiten nicht in 100 ml Flaschen aufteilen. Schwere Türen gehen automatisch auf und zu. Man wird von einem Beamten abgeholt und zu den kleinen, fensterlosen Räumen gebracht.

Beim ersten Besuch sitze ich dort zunächst mit dem Anstaltspsychologen, der mir von meinem Gefangenen erzählt. In einem Vorgespäch wurde ich gefragt, ob es Verbrechen gäbe, mit denen ich nicht zurecht käme. Der von mir betreute Gefangene wird beschuldigt, seine Exfreundin getötet zu haben. Er befindet sich in Untersuchungshaft. Noch gilt die Unschuldsvermutung. Ich bin nervös, diesen Mann gleich kennenzulernen.

Der Gefangene wird in den Raum gebracht und wir stellen uns mit Handschlag vor. Alles ganz normal. Er lächelt, ich lächle. Wir sprechen kurz zu dritt, bis sich der Psychologe verabschiedet und wir unser Gespräch zu zweit fortsetzen. Er erzählt mir vom Tatvorwurf, spricht von seinem Leben vor der Untersuchungshaft, von seinem Sohn, von seinem Job, und wie es ist, plötzlich im Gefängnis zu sein: "Glauben Sie mir, ich habe hier Dinge gesehen, die ich mir im Traum nicht hätte vorstellen können."

Für Gefangene ist es wichtig, den Kontakt zur Gesellschaft nicht zu verlieren. Die Möglichkeit, aus der Gefängniswelt herauszutreten und die Verbindung zum normalen Leben nicht zu verlieren, kann heilsam sein und einen Beitrag zur Kriminalprävention leisten."Schon allein die Tatsache, dass dir jemand zuhört und sich für dich und deine Geschichte interessiert, tut gut", sagte der von mir betreute Insasse einmal.

Seit einem halben Jahr besuche ich ihn nun. Wir haben eine Beziehung aufgebaut, in der es nicht um Schuld geht. Ich höre zu, wir lachen und lästern zusammen, halten Traurigkeit und Wut zusammen aus und lernen voneinander. Inzwischen ist er zu einer hohen Haftstrafe verurteilt worden. Er wird in Revision gehen, was bedeutet, dass er weiter in Untersuchungshaft bleiben muss.

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Mein Umfeld hat unterschiedlich auf die ehrenamtliche Arbeit im Gefängnis reagiert. Manche sind besorgt, weil "letztens, im Fernsehen haben sie eine Frau gezeigt, die von einem Gefangenen vergewaltigt wurde". Andere fühlen sich angezogen vom ungewöhnlichen Kontext. Ohne Zweifel haben Geschichten von Mord und Totschlag aus erster Hand eine morbide Faszination. "Hat er sie nun getötet oder nicht?"

Auch ich trage Teile dieser Reaktionen in mir. Aber vor allem sehe ich einen Teil unserer Gesellschaft, der zwar räumlich abgetrennt ist, aber dazugehört. Ich lerne, einen Menschen zu sehen. Ich lerne, dass die Unterschiede zwischen den Menschen gar nicht so groß sind, wie die Gefängnismauern vermuten lassen.

Gefangene zu betreuen, finden alle gut. Kaum einer tut es. Doch das Engagement lohnt sich.

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Leserkommentare
  1. Vielleicht dürfen Sie nicht zu viel von dem Gefangenen erzählen, aber ich hätte doch gerne gewusst, wie sie selbst bei ihm auf den Gedanken gekommen sind, der auch den Titel ausmacht.

    Ich fand der Artikel fing gut an, ging aber zu schnell zu Ende. Schade eigentlich.

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    war auch mein Gedanke. Ich würde auch gerne mehr lesen über Ihre Motivation, ob Sie die Welt jetzt anders wahrnehmen, ob die Welt Sie jetzt anders wahrnimmt...
    Klingt auf jeden Fall sehr lohnend.

    Das liegt daran, dass Leserartikel auf 3000 Zeichen beschränkt sein müssen. Da muss man sich angewöhnen, etwas knapper zu berichten. Dennoch, ein Artikel, der in der Tat zum Weiterlesen animiert. Vielen Dank, Frau Soltani!

  2. die eine Affinität zu Gewaltverbrechern haben und sich denen sogar zur Eheschließung mit getrenneter Lebensführung (einer drinnen, einer draussen) anbieten. Vielleicht gehört Frau Soltani dazu, vielleicht auch nicht. Wird sie vielleicht selber nicht so genau wissen (wollen).

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    Der Sinn Ihres Kommentars verschließt sich mir. Sie mutmaßen willkürlich in der Gegend rum, ohne Ahnung zu haben, und nur aufgrund von Bauchgefühl.
    Vielleicht mag Frau Soltani gerne Kirschen, vielleicht aber auch noch lieber Äpfel. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf, keine falsche Rücksicht...

  3. Es ist Ausdruck einer assozialen Struktur in Deutschland, die sich mehr und mehr ausbreitet, wenn Menschen, die, wie Frau Soltani, eine ehrenamtliche Taetigkeit annehmen, dafuer von einigen Zeitgenossen (die sich auch noch bezeichnende Namen geben wie "Voll Pfosten" oder "knueppelhart" als gehoeren sie zusammen)mit uebelsten Spekulationen bedacht werden. Das sagt alles ueber die Spekulanten und ihre Gedankenwelt aus.

    Ohne Menschen wie Frau Soltani waere das Leben (Ueberleben) im Gefaengnis noch herzloser, noch schwerer, noch kaelter. Natuerlich ist es interessant mehr ueber die Motive zu erfahren, aber ist das am Ende wirklich wichtig? Kann man sich nicht ausrechnen dass hier Mitgefuehl, Mitmenschlichkeit eine Rolle spielen?

    Fast niemand im Gefaengnis ist Unschuldig. Doch alle, durch die Bank weg, sind Menschen. Wie du und ich. Und wer hier aufschreit und sagt "nicht wie ich" der vergisst, dass jeder Mensch zu jeder Zeit zu allem faehig ist.Er verdraengt es nur gerne.
    Der Kommentator Michael Bu.beschreibt so richtig den sozialen Faktor, der in unserer Gesellschaft unabdingbar notwendig ist.
    Ich verstehe nicht warum Gehaessigkeit und gehaessige Kommentare manche Menschen befriedigt.

    10 Leserempfehlungen
  4. [...]

    Wenn ich höre, das der Kriminelle zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt worden ist, gehe ich mal davon aus, das er nicht nur Kaugummis geklaut hat. Dieses Detail hat die Verfasserin der Artikels schnell ausgeblendet und sich auf die menschlichen Aspekte des Verurteilten konzentriert. Das ist meiner Meinung nach ein Fehler. Man kann nicht einen Teil der Persönlichkeit ausblenden und denken, das er ja ansonsten ganz nett wäre. Gerade solche Soziopathen können ihren Mitmenschen vorgaukeln, das sie ja so mißverstanden worden sind und Opfer des Systems sind. Denn in ihrer Wahrnehmung sind sie die eigentlichen Opfer. In Wahrheit wollen sie aber nur das Vertrauen gewinnen, um ihren Vorteil daraus zu ziehen.Das sollte jeder berücksichtigen, der sich mit Hochkriminellen einlässt.

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/fk.

    8 Leserempfehlungen
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    mal unter uns:
    Wenn ich höre, das der Kriminelle zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt worden ist, gehe ich mal davon aus,[...] Gerade solche Soziopathen können ihren Mitmenschen vorgaukeln, das sie ja so mißverstanden worden sind und Opfer des Systems sind.Denn in ihrer Wahrnehmung sind sie die eigentlichen Opfer.

    1.) Sie kennen den Mann überhaupt nicht.
    2.) Sie nennen den Mann einfach so einen Soziopathen.
    3.) Sie sprechen "ihm seine Wahrnehmung ab".
    4.) Sie ignorieren, dass er Sohn und Job hatte.

    Mit anderen Worten, Sie haben wenig Mitgefühl (mit Einigen).
    (nix für Ungut)
    Soziopathie:
    Die heutige Bedeutung des Begriffes Soziopath bezieht sich auf Personen, die nicht oder nur eingeschränkt fähig sind, Mitgefühl zu empfinden, sich nur schwer in andere hineinversetzen können und die Folgen ihres Handelns nicht abwägen können.

    Ich formuliere dieses Kommentar deswegen so, damit die dünne Grenze offensichtlich wird. Ein Soziopath ist nicht erst dann ein Soziopath, wenn er irgendwo eingesperrt ist.

    Ich denke die Autorin wollte grundsätzlich jene dünnen Grenzen in einer Gesellschaft darlegen, und darüber hinaus zum Engagement ermuntern.

    dass ich mich lieber um leute kümmere, die andere noch nicht geschädigt oder getötet haben.

    • TDU
    • 07. Januar 2013 13:22 Uhr

    Zit.:"Er wird in Revision gehen, was bedeutet, dass er weiter in Untersuchungshaft bleiben muss." Ich hätte hier "darf" eingesetzt.

    Zit.: "Ich lerne, dass die Unterschiede zwischen den Menschen gar nicht so groß sind, wie die Gefängnismauern vermuten lassen."

    Das ist sicher auf die die beschriebenen Gefühlsreaktionen bezogen. Aber eine Verallgemeinerung verbietet sich. Denn es gibt Menschen, die sehen anderen gerne beim Sterben zu. Gewaltverbrecher halt.

    Ausserdem verbietet sich die Verallgemeinerung zugunsten derer, die nie ihrem Leben "mutmassliche Mörder" sind oder sein werden. Und dieser Moment macht auch den Unterschied aus zwischen der Minderheit die drinnen und der Mehrheit die draussen ist.

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    "Zit.:"Er wird in Revision gehen, was bedeutet, dass er weiter in Untersuchungshaft bleiben muss." Ich hätte hier "darf" eingesetzt."

    Die Bedingungen in der Untersuchungshaft sind schärfer als die im Regelvollzug. Insofern ist "muss" wohl eher angebracht als "darf".

    • TDU
    • 07. Januar 2013 13:29 Uhr
    6. Unart

    Zit.: "Ich geh' gleich ins Gefängnis und muss dort mein Handy ausmachen", sage ich am Telefon und lege auf. Meine Mitreisenden in der U-Bahn drehen sich erstaunt nach mir um."

    Diese Unart sollte man verbieten. Durfte ich mir doch letztens anhören, wie jemand sich mit seiner Freundin am Handy stritt in äusserts unappetittlichem Tonfall und ihr zum Schluss ein "du wirst schon sehen, was du davon hast" androhte. Das bringt einen zum Nachdenken, was man wohl tun sollte und ist deswegen belästigend.

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    "Durfte ich mir doch letztens anhören, wie jemand sich mit seiner Freundin am Handy stritt in äusserts unappetittlichem Tonfall und ihr zum Schluss ein "du wirst schon sehen, was du davon hast" androhte. Das bringt einen zum Nachdenken, was man wohl tun sollte und ist deswegen belästigend."
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    Klinken Sie sich im Wiederholungsfall einfach ins Gespräch mit ein, Sie werden sehen, dass es für den Telefonierer wesentlich peinlicher wird. Und für den Rest der Fahrgäste ist ein Riesenspaß garantiert!

    Zum Artikel: Schön geschrieben, Frau Soltani. Ich hätte gerne mehr über Ihr Motiv erfahren und vor allem mehr darüber, wie Ihre Wahrnehmung von Nachrichten in diese Richtung (Straftaten, Mord, etc...) geändert hat.
    Ansonsten: Lesenswerter Artikel.

  5. war auch mein Gedanke. Ich würde auch gerne mehr lesen über Ihre Motivation, ob Sie die Welt jetzt anders wahrnehmen, ob die Welt Sie jetzt anders wahrnimmt...
    Klingt auf jeden Fall sehr lohnend.

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  6. Was will die Autorin eigentlich mit dem Artikel sagen?

    Ich hätte gerne mehr über die Motivation gewusst, die die Autorin dazu gebracht hat, sich als Betreuerin zu engagieren.

    Über wen lachen und lästern die beiden denn? Hoffentlich nicht über das Opfer und deren Angehörige.

    Wünschenswerterweise sollte dieses Ehrenamt keine Aufwandsentschädigung erhalten.

    6 Leserempfehlungen
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    Hallo,

    leider muss ich Sie diesbezüglich enttäuschen: Im Einzelfall wird durchaus eine Aufwandsschädigung gezahlt (Quelle: http://ehrenamt-jva.de/in...).

    Viele Grüße,
    Stephan S.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Arbeit | Ehrenamt | Fernsehen | Flughafen | Geschichte | Gespräch
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