Leserartikel

ObdachlosErfrieren in bester Gesellschaft

Ein Mann liegt mit erfrorenen Füßen mitten in der Stadt, es geht ihm schlecht. Niemand nimmt Notiz davon. Leserin Susanne Schmidt hat ihm geholfen. von 

Die Temperatur lag an jenem Abend bei minus 10 Grad Celsius. Ich komme von der Arbeit, das Regierungsviertel und einige Botschaften befinden sich in unmittelbarer Nähe. Hier in Berlin Mitte sind überall Überwachungskameras und Wachpersonal. Die Fenster der Cafés und Geschäfte leuchten warm und verlockend. Alle haben es eilig, durch die kalte Nacht zu kommen. Kurz vor der Kreuzung von Schumannstraße und Luisenstraße liegt ein Mensch zusammengekrümmt im Schnee – völlig unbeachtet.

"Junger Mann, das ist doch viel zu kalt, um hier im Schnee herumzuliegen", sage ich und reiche ihm die Hand. Nach einer Weile steht er mit wackeligen Beinen auf. Er bittet mich, ihm über die Straße bis zur nahen Bäckerei zu helfen. Ich erkenne, dass er schon lange obdachlos ist. Er hat getrunken, aber nicht allzu viel. Seine Kleidung ist viel zu dünn, er trägt keine Winterjacke und nur einfache Turnschuhe.

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Wir versuchen ein paar Schritte, aber er kann nicht alleine stehen oder gehen. Ich bin nicht stark genug, um ihn zu halten. Jetzt liegt er mitten auf der Straße, ich hocke daneben. Autos fahren um uns herum, niemand hupt, keiner hält an. Zum Glück kommt uns eine Frau zur Hilfe. Wir nehmen ihn in unsere Mitte und schleppen ihn bis auf die Stufen zur Bäckerei. Was nun?

Ein Anruf beim Kältebus ist das erste, was uns einfällt. Aber der Kältebus fährt erst ab 21 Uhr durch die Stadt. Es gibt auch einen Wärmebus, doch der ist ebenfalls noch nicht erreichbar. Ich frage den Mann, ob er einverstanden ist, dass wir die Polizei rufen. "Jaja", jammert er, "mir ist so kalt, meine Füße brennen, das tut so weh, ich friere so." Er reibt sich die mageren, blauen Hände. Es ist nicht zu übersehen: Es geht ihm schlecht.

Die freundliche Passantin verabschiedet sich. Mein Blick wandert durch die Glasscheibe hinein in die warme Bäckerei. Die Menschen auf der anderen Seite der Fenster sehen uns nicht. Der Mann hat Schmerzen. Ich unterhalte mich mit ihm, um ihn abzulenken.

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"Sind Sie aus Berlin? Wo haben Sie letzte Nacht geschlafen?", frage ich und er guckt mir zum ersten Mal direkt ins Gesicht, mit offenem Mund. Dann fragt er erstaunt zurück: "Willst du wissen, wo ich herkomme?" Ist diese Frage zu intim? Ich weiß es nicht, bin unsicher. Da antwortet er mir und wir lächeln uns kurz an.

Dann kommt die Polizei. Die beiden Beamten sind zu meiner Erleichterung sehr freundlich zu dem Obdachlosen. Sie rufen sofort einen Krankenwagen. Der Mann jammert wieder laut und schreit: "Meine Füße brennen, das tut so weh." Einer der Polizisten sagt: "Er hat sich die Füße erfroren." Ich bin erschrocken.

Dann verabschiede ich mich von ihm: "Jetzt kommen Sie ins Warme. Lassen Sie sich gesund pflegen. Ich wünsche Ihnen alles Gute." Der Polizist flüstert mir zu: "Das wird eher nichts mit dem Gesundpflegen, in Deutschland ist das nicht mehr so einfach." Ich bin entsetzt.

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Leserkommentare
  1. Willkommen in der Wirklichkeit. Ich freue mich, dass Sie das Gefühl haben, eine gute Tat vollbracht zu haben und uns an Ihren Gefühlen ("ich bin entsetzt!") teilhaben lassen.

    Ich verstehe nur den anklagenden Ton nicht: Niemand nimmt Notiz! Aber genau das haben Sie doch getan? Niemand half! Doch, Sie haben geholfen, eine Passantin hat geholfen und sogar die Polizei hat geholfen - selbst ein Krankenwagen kam.

    Um einen Mann zu helfen, der keine Verantwortung für sich selbst übernehmen kann. Der sich hat gehen lassen, Geld für Alkohol aufbrachte - Sie schreiben es selbst -, aber nicht für Schuhe.

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    Zitat: "Um einen Mann zu helfen, der keine Verantwortung für sich selbst übernehmen kann. Der sich hat gehen lassen, Geld für Alkohol aufbrachte - Sie schreiben es selbst -, aber nicht für Schuhe."

    Und das alles können Sie vom Computer aus beurteilen & vor allem auch (vor)verurteilen.

    Lieber No-Cloud,

    Sie und ich wissen gar nichts ueber diesen Mann. Ich weiss, dass Alkoholismus aber eine als solche anerkannte Krankheit ist, ich wuerde daher nicht wie sie vorschnell ueber Erkrankte urteilen.

    Frau Schmid, von mir herzlichen Dank fuers "Hinsehen" und auch fuer diesen aufruettelnden Beitrag.

    • skrid
    • 03. Februar 2013 16:14 Uhr

    zu Ihrem Kommentar fällt mir nur folgendes ein:

    Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter, als über Paul.

    Schön, dass wir Sie kennenlernen durften!

    unverehrter Zeitgenosse, was ich Ihnen wünsche.

    daß Sie niemals tief fallen können?
    Ich bin mir immer bewußt, daß ich zwar in diesem Augenblick noch wunderbar in Wohlstand und Erfolg lebe, aber auch, daß ich im nächsten Augenblick ganz nach unten fallen kann. Sophokles lehrt uns doch, daß es schnell vorbei sein kann.
    Ihr Beitrag offenbart wenig Lebenserfahrung.

    Danke für den Kommentar und sogar gleich an erster Stelle. Bestätigt den Artikel in Inhalt und Notwendigkeit.

    Sie verstehen also "den anklagenden Ton nicht".

    Mir scheint, dass Sie noch nicht in der Wirklichkeit angekommen sind: Denn da liegt ein Mann mit erfrorenen Füßen inmitten von warmen Häusern, einkaufenden Menschen, gegenüber einer Bäckerei.
    Sie scheinen das normal oder in Ordnung zu finden, wenn nur die darauf eintreffende Polizei nicht unfreundlich ist. Doch mir erschließt sich der anklgende Ton der Autorin in diesem Zusammenhang allemal.

    Ihren Sarkasmus ("Ich freue mich, dass Sie das Gefühl haben, eine gute Tat vollbracht zu haben und uns an Ihren Gefühlen ("ich bin entsetzt!") teilhaben lassen") hätten Sie sich bei diesem Artikel auch sparen können.

    PS: Dank an die Autorin für diesen Artikel...

    Ich hoffe für Sie, dass Ihnen, wenn Sie in irgendeiner Situation sind, in der sie Hilfe benötigen diese auch erhalten. Und zwar ohne dafür verurteilt zu werden, von jemandem, der Sie und den Grund Ihrer Hilfebedürftigkeit gar nicht kennt

    Jeder hat die Freiheit zur Selbstverantwortung!
    Und damit das so bleibt wählen wir liberal!

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/jz

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit inhaltlichen Beiträgen. Danke, die Redaktion/jz

    • 可为
    • 03. Februar 2013 23:16 Uhr

    aber ich stimme ihnen voll zu. Das dem Mann mit Krankenwagenrufen höchstens ein paar Tage geholfen ist, wird im Schluss ja klar ersichtlich. Echte Hilfe erfordert Aufopferung, und ich sehe keine Verpflichtung diese zu erbringen - dennoch ist jede Art der Hilfe lobenswert, nur wer vorbeigeht oder wegsieht ist deswegen kein schlechterer/verachtenswerter Mensch.

    Wir können allesamt ruhigen Gewissens Waren aus Sweatshops kaufen, und uns über die Regierung aufregen, wenn sie unsere Bauern nicht ausreichend Subventioniert, was in Afrika die Menschen in den Hunger treibt. Wir tanken uns 5-10% Lebensmittel in die Autos und sitzen vor unseren Akku-bepackten Notebooks. Wenn wir nur Mitleid haben, wenn wir direkt sehen was unsere Gesellschaft so alles zerstört macht uns das nicht frei von der zerstörerischen Kraft, die wir alle jeden Tag entfalten. Wir können die Welt nicht ändern, weil wir es kollektiv nicht wollen solange wir gewinnen. Jemand der an soetwas vorbeiläuft macht sich nicht weniger schuldig, als jemand der dem frierenden Mann im nächsten Laden ein paar Schuhe aus laotischer Kinderarbeit spendiert - das ist die bittere Wahrheit!

    • nyobion
    • 04. Februar 2013 5:59 Uhr

    schön zu sehen, wie sie ihr gewissen beruhigen können.
    genau diese ignoranz und borniertheit liebe ich an dieser wohlstandsgesellschaft.

    helfen und sozial hat nichts mir urteilen oder verurteilen zu tun. das sind charakterliche züge die man hat oder eben nicht.

    wenn man sie in einer u-bahnstation zusammenschlägt und keiner hilft steht bestimmt auch einer dabei der denkt "vielleicht hat er es verdient, die werden das nicht umsonst tun".

    Ich finde die Skandalisierung dieses Vorfalls ziemlich daneben! Natürlich sollte kein Mensch - weder betrunken noch sonst irgendwie - auf irgendeiner Straße erfrieren.

    Frau Schmidt's Einsatz verdient Anerkennung und sollte uns ein Beispiel sein. Auch ich musste spontan an einen Vorfall denken, wo ich mir vermutlich zu wenig Gedanken gemacht habe.

    Ich finde allerdings den vorwurfsvollen Ton des Artikels wie auch zahlreicher Kommentare sehr deplatztiert. Hier wird die Moralkeule geschwungen und die Welt in gut und böse eingeteilt, für eine Tat, die für Frau Schmidt offenbar selbstverständlich war.

    Ich habe auch meine Zweifel, ob, wie angedeutet, wirklich ein Zusammenhang zwischen dem "gesellschaftlichen Status" und der Leistung von Erster Hilfe besteht. Stattdessen hat der Artikel eine SEHR ehrliche Antwort provoziert:

    No-Cloud (Kommentar#1) schreibt, dass "die Gesellschaft" durchaus geholfen hätte und ob dies vom Anspruch her nicht in Ordnung sei, für einen Menschen, der für sich selbst keine Verantwortung übernehmen könnte.

    Mal abgesehen von der Pauschalisierung (Obdachlose=Alkoholiker) und der starken Vereinfachung in Punkto Verantwortung & pych. Krankheit (- womit sich No-cloud sicherlich schlimm versündigt hat - ) die Frage nochmal zugespitzt:
    Geht es hier um eine Diskussion zu Zivilcourage und erster Hilfe, der Frage wie man Obdachlosen im Winter schneller Hilfe zukommen lassen kann oder eine pauschale Anklage Dritter ?

    Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf einen respektvollen Tonfall. Danke, die Redaktion/fk.

    „Der sich hat gehen lassen, Geld für Alkohol aufbrachte [...], aber nicht für Schuhe.“

    Dass, wie beim Thema Obdachlosigkeit oder Armut allgemein üblich, relativ schnell das „Der-ist-doch-selbst-schuld!“-Argument auftauchen würde, war zu erwarten. Dass es dann gleich der allererste ist, ist vielleicht nur Zufall, sicher aber eine tragikomische Illustration des beschriebenen Problems „Erfrieren in ‚bester Gesellschaft‘“.

    Ach ja, und „Josef war kein Obdachloser, sondern ein ordentlicher Zimmermann“... http://tinyurl.com/bmylofd Alles klar.

    Ja, man kann erschreckt sein, wenn man diesen Kommentar liest. Über die Ahnungslosigkeit, noch mehr über die Kälte, die aus diesem Kommentar spricht. Aber noch viel mehr kann man erschreckt sein, über die 17 Zustimmungen.
    Wer aber schon einmal selbst abgestürzt ist und auf Hilfe hoffte, der ist nicht erschreckt, weil er die Unverfrorenheit, mit der diese Hilfe oftmals verweigert wird, aus eigener Erfahrung kennengelernt hat. Je satter die Menschen sind, um so weniger können (und wollen) sie sich vorstellen, wie man in eine Notsituation geraten kann. Schnell haben sie parat, dass es die eigene Schuld ist, die die Not herbeigeführt hat. Und das ist dann das Argument für jede Hilfeverweigerung: Eigene Schuld. Und dann gibt es noch ein interessantes Phänomen: Armut, vermuten die meisten Menschen, sei so etwas, wie eine Ansteckende Krankheit. Da hält man sich besser fern.

    No-Cloud, Kein-Herz, Kein-Hirn?

    Eine solche grenzenlose Herzenskälte ist mir nur schon einmal in einer Dokumentation über die Wannsee-Konferenz begegnet.

    Mögen Sie aufwachen aus Ihrer "Wolkenlosigkeit" zu einem Minimum an Menschlichkeit.

    Das was Frau Schmidt getan hat, sollte für jeden selbstverständlich sein.

    " Es gibt Menschen, die ständig erzählen,dass man ja schließlich nicht jedem helfen könne.
    Am Ende aber niemandem helfen." (anonym)

    Vielen Dank, Frau Schmidt

    • Mike M.
    • 04. Februar 2013 21:57 Uhr

    Zu Abs. 1 und 2: In unserem Land ist doch alles gut organisiert und notfalls hilft die Polizei. Die Autorin ist zudem in ihrer Geschichte mit gutem Beispiel vorangegangen und es ist auch gut, dass sie dies publik macht, damit sie nachahmer findet. Insofern finde ich den anklagenden Ton des Artikels ebenfalls deplaziert.

    Zu Abs 3: Wenn man Obdachlosen vorzuwirft, sie würden ohnehin alles versaufen, macht man es sich vielleicht zu einfach. Alkoholimus und Verwahrlosung in dem Umfang, dass man nicht einmal in der Lage ist, sich beim zuständigen Amt, die Wohnung und die Sozialhilfe zu holen, auf die man Anspruch hat, hat eindeutig Krankheitswert... Insofern könnte der Staat mehr tun. Die Gradwanderung ist freilich, wann Hilfe zu Bevormundung wird. "Zucht- und Arbeitshäuser" alten Stils will man ja auch nicht wieder.

    mit Ihrer Einstellung stirbt die Menschlichkeit!
    In Ihrem Umfeld wird es schnell noch kälter.

  2. 2. Aha...

    Zitat: "Um einen Mann zu helfen, der keine Verantwortung für sich selbst übernehmen kann. Der sich hat gehen lassen, Geld für Alkohol aufbrachte - Sie schreiben es selbst -, aber nicht für Schuhe."

    Und das alles können Sie vom Computer aus beurteilen & vor allem auch (vor)verurteilen.

    105 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Hallo Frau Schmidt"
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    Mitgefühl ist so wichtig. Aus Ihrer Antwort spricht die Kälte. Sollen wir stets dann, wenn Leute eine persönlich zu verantwortende Ursache für ihr Leid haben die Hilfe unterlassen? Den Adipösen mit Bluthochdruck, Diabetes, Nikotinabusus und Herzinfarkt unbehandelt lassen, den Raucher mit Lungenkarzinom unbehandelt lassen, desn Fleischesser mit Gicht unbehandelt lassen, das Süssigkeiten essende Kind mit Kariesnbehandelt lassen, den verunfallten Raser unbehandelt lassen....? Nein, das wäre der Verlust des ethischen Grundsatzes Mitgefühl.

  3. Lieber No-Cloud,

    Sie und ich wissen gar nichts ueber diesen Mann. Ich weiss, dass Alkoholismus aber eine als solche anerkannte Krankheit ist, ich wuerde daher nicht wie sie vorschnell ueber Erkrankte urteilen.

    Frau Schmid, von mir herzlichen Dank fuers "Hinsehen" und auch fuer diesen aufruettelnden Beitrag.

    75 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Hallo Frau Schmidt"
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    Wir wissen, dass er angetrunken, ohne warmer Kleidung im Schnee lag - und sich als obdachlos sieht. Das sind doch ein paar interessante Fakten, die einige Rückschlüsse erlauben.

    Alkoholismus ist eine Krankheit. Sicherlich. Dann bin ich wohl das nächste mal etwas krank wenn ich mal wieder mit nem Schädel und nem Kater aufwache. Wenn mich meine Frau dann fragt warum ich immer soviel saufe dann sage ich: Aber Schatz ich kann nichts dafür, ich bin krank.

    Das selbe mit den Übergewichtigen. "Nein ich fresse nicht zuviel, ich bin krank, ich kann nichts dafür."

    Immer schön die Verantwortung fürs eigene Leben abgeben. So lebt es sich am besten.

  4. Wir wissen, dass er angetrunken, ohne warmer Kleidung im Schnee lag - und sich als obdachlos sieht. Das sind doch ein paar interessante Fakten, die einige Rückschlüsse erlauben.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Antwort auf No-Cloud"
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    denken alle Mitbürger, die an solchen hilflosen Mitmenschen vorbeigehen so wie Sie. So kann man sich auch immer eine Ausrede zurechzimmern um nicht zu helfen - ganz nach dem Motto "selber schuld" Ich habe als Jugendlicher in den Münchner Isarauen an einem Hilfsprojekt für Obdachlose teilgenommen. Ich habe damals keinen Obdachlosen kennen gelernt, der 100%ig an seiner Situation verantwortlich war. Und die wenigsten waren mit diesem Leben zufrieden. Um wahre Hintergründe zu erfahren muß man sich allerdings mit der Materei befassen und sich mit den betroffenen Menschen unterhalten. Ich habe damals gelernt, wie schnell man in unserem System abstürzen kann, auch wenn man vorher zur Mittelschicht gezählt hat... Das hat mich und mein Leben in vielerlei Hinsicht sehr stark geprägt!

    Ich bin noch nie an einer hilflosen Person vorbei gegangen. Mich interessiert es in dem Moment nicht, ob die Notlage selbst verschuldet ist oder nicht. Ich bin gesetzlich und moralisch zur Hilfe verpflichtet, egal wer sie benötigt.

    Allein: Ich habe hinterher weder das Gefühl die Welt gerettet zu haben, noch würde ich jemals der Gesellschaft vorwürfe machen. Ich würde das ganz nüchtern betrachten: Ein Betrunkener, der sein Leben nicht im Griff hat, ist in den Schnee gefallen und in diesem Land wird selbst solchen geholfen wie in kaum einen anderen.

    Kein Leserbeitrag auf Zeit Online, kein "Entsetzen!", kein nichts.

    Nachfolger des Herbergsvaters der Maria und Josef weiter geschickt hat! Wie wäre Ihr Spruch ausgefallen: Können keine Verantwortung übernehmen, obdachlos, arbeitslos, nichts zu fressen aber Kinder in die Welt setzen!
    Ihr Typus stirbt nie aus!

    Sie wissen gar nichts!

    Der Sohn unserer Nachbarn ist neulich bei minus 11 Grad am Straßenrand gelegen, es war spät, er kam von einer Party, klar für Leute wie Sie, dass er halt betrunken war.

    Er wurde von anderen Leuten gefunden, die von derselben Party kamen, die brachten ihn direkt ins Krankenhaus: Weil sie wussten, dass er keinen Alkohol getrunken hatte! Er hatte K.O.-Tropfen bekommen, und zwar offensichtlich nur "aus Spaß".

    Aber meinen Sie wirklich, Sie würden sich wohler fühlen, wenn Sie einen erfrieren lassen würden, nur weil er halt VIELLEICHT betrunken war - so von wegen "anklagender Ton" und so?

    Entfernt. Kehren Sie zum Thema zurück und verzichten Sie auf sexistische Äußerungen. Danke, die Redaktion/jz

    einen Mann hilflos auf der Straße liegend. Ich sprach ihn an und stellte fest, dass er nicht betrunken war, jedenfalls nicht so roch. Mein Vater war Diabetiker Typ 1, also wusste ich, dass die gerne im Zuckerschock für betrunken gehalten werden. Als ich an einer Haustür klingelte um zu telefonieren, -damals gab es noch keine Handys-, wurde mir das verweigert und ich auf die etwas entfernte Telefonzelle verwiesen, die ich zuvor nicht gesehen habe.
    Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass die meisten kopfschüttelnd an dem Mann vorbei gingen und er auch so aus den umliegenden Häusern angeschaut wurde.
    Die von mir gerufene Feuerwehr hat ihn dann mit genommen.
    Anderes Beispiel:
    In der U-Bahn, ein Mann fällt der Länge nach hin, alle schauen pikiert und ziehen die Beine an. Ich musste jemanden richtig auffordern mir zu helfen ihn auf den Bahnsteig zu legen und dann die Feuerwehr zu benachrichtigen.
    Allerdings, als ich mit meinem Rad stürzte, kamen gleich mehrere Menschen zu Hilfe.
    Ob es daran liegt, dass ich erstens eine Frau und zweitens erkennbar einen Unfall hatte, könnte ich vermuten.

    • Holdrio
    • 03. Februar 2013 20:47 Uhr

    Lesen Sie den Artikel noch einmal, diesmal aufmerksam. Dort steht nichts von Alkohol oder angetrunken, sondern "Er hat getrunken, aber nicht allzu viel." - das kann ebenso gut auf seinen Flüssigkeitsstatus bezogen sein, daß er offensichtlich zu wenig Wasser getrunken hat.
    Und selbst wenn es Alkohol war, ist dies nur verständlich.
    1. Betäubt Alkohol die Seele - versuchen Sie doch einmal, sich obdachlos über einen längeren Zeitraum (nicht Tage oder Wochen, sondern Monate bis Jahre) durchzuschlagen, ohne daß ihre Psyche dabei den Bach runtergeht und Sie in Folge zum Alkoholiker werden. Wird mit 99%er Wahrscheinlichkeit nicht funktionieren.
    2. Bringt Alkohol ein Gefühl von Wärme. Dummerweise nur ein Gefühl, tatsächlich verstärkt er über periphere Vasodilatation die Auskühlung...

    Und diese 'Rückschlüsse' erlauben Ihrem Gewissen zuzusehen wie ein Mann ohne Jacke im Schnee erfriert. Diese 'Rückschlüsse' helfen Ihnen einfach vorbeizusehen.

    Dann wollen wir mal hoffen, dass Sie eines Tages auch mal in so eine Lage kommen. Dann können die, die Ihrem Beitrag positiv stimmten an Ihnen vorbeigehen.

    Es gibt so etwas, das Menschen vor Tieren unterscheidet, das nennt sich Empathie. Diese fehlt Ihnen gänzlich, insofern sind Sie einem Affen ähnlicher als einem Menschen.

    • cielo
    • 03. Februar 2013 15:45 Uhr

    Überschrift trifft es leider nur in sofern, als dass sie eine Ableitung einer Redewendung ist. Ansonsten ist sie völlig falsch, denn es ist nicht die "Beste Gesellschaft", man könnte fast sagen, es ist die schlechteste Gesellschaft! Menschen, die vom Elend nichts sehen wollen, welches sie zum Teil selbst produziert haben.
    Letztens gab es hier auch so einen Rechtfertigungsartikel in der ZO, indem die Armut in Deutschland geleugnet oder relativiert wurde. Sorry, aber diese Form des Revisionismus ist asozial und schlichtweg falsch, ebenso wie der andere Revisionismus der hier durch Deutschland geistert!

    Dadurch, dass sich ALLES gekauft wird/werden kann, jede Dienstleistung, jeder Artikel, verlieren die Menschen den Bezug zum Menschen (es sei denn er ist Verkäufer und kann für schlechte Ware zusammen gestaucht werden). Vor allem aber steigt die Angst der Besitzenden vor den Nichtbesitzenden und sagen ihnen den Kampf an. Kampfmittel in diesem Artikel ist Wegsehen, man könnte auch sagen "verrecken lassen".

    Da fand ich Ihre Maria und Josef Artikel der letzten beiden Jahre recht spannend und auch sehr aussagestark.
    Wenn Du arm bist, gehe nicht zu den Reichen, die lassen Dich verrecken!

    c.

    27 Leserempfehlungen
  5. ... gab es eine Reportage auf SRF, dort kamen auch welche vor die Hilfe mehr oder weniger ablehnten, weil sie ihr bisschen Unabhängigkeit bewahren wollten.

    http://www.srf.ch/news/sc...

    Sicher Sehens wert.

    Eine Leserempfehlung
  6. denken alle Mitbürger, die an solchen hilflosen Mitmenschen vorbeigehen so wie Sie. So kann man sich auch immer eine Ausrede zurechzimmern um nicht zu helfen - ganz nach dem Motto "selber schuld" Ich habe als Jugendlicher in den Münchner Isarauen an einem Hilfsprojekt für Obdachlose teilgenommen. Ich habe damals keinen Obdachlosen kennen gelernt, der 100%ig an seiner Situation verantwortlich war. Und die wenigsten waren mit diesem Leben zufrieden. Um wahre Hintergründe zu erfahren muß man sich allerdings mit der Materei befassen und sich mit den betroffenen Menschen unterhalten. Ich habe damals gelernt, wie schnell man in unserem System abstürzen kann, auch wenn man vorher zur Mittelschicht gezählt hat... Das hat mich und mein Leben in vielerlei Hinsicht sehr stark geprägt!

    72 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Doch..."
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    "Ich habe damals gelernt, wie schnell man in unserem System abstürzen kann" Und eben deswegen kann ich auch jeden verstehen, der "Ausreden" sucht. Hat halt immer zwei Seiten, die Medaille.

    Hilfe, wie sie die Autorin leistet, ist selbstverständlich, nur sind nicht viele wirklich in der Lage, das zu erkennen, schon garnicht bei einem Obdachlosen.

    Hilfe in der Situation Obdachlosigkeit an sich ist alleine aufgrund der häufigen Verknüpfung mit Alkoholismus allerdings eine Profiangelegenheit. Emotionale Betroffenheit schadet da leider oft mehr als sie nutzt.

    schon öfters mit Obdachlosen unterhalten - und fast immer steht ein schweres Schicksal hinter der Obdachlosigkeit - Verlust von Familie, des Arbeitsplatzes o.a.
    Viele Menschen machen sich nicht klar, daß ihnen das theoretisch auch passieren könnte - bis es dann passiert ist. Und viele Menschen machen sich auch nicht klar, daß nicht jeder so gut mit seinem Schicksal umgehen kann, wie sie es vielleicht selber können.
    Die Schuld den Obdachlosen selbst zuzuschieben, damit macht man es sich zu einfach, denn niemand ist als Obdachloser geboren worden. Außerdem ist es perfide, ihnen die Schuld zuzuschieben, so nach dem Motto, da sie ja selber schuld seien, müsse man ihnen nicht helfen.
    Wir sind doch ein christliches Land - oder sollen es jedenfalls sein; mich schaudert bei dem Gedanken, wieviele Menschen ihr Christentum theoretisch und praktisch verleugnen.

    • dëfr
    • 03. Februar 2013 15:49 Uhr

    zeichnet sich dadurch aus, dass man in dem Moment wo jemand dringend Hilfe benötigt, diese bedingungslos gibt. Ohne vorher eine halbe Stunde zu hinterfragen, ob derjenige diese überhaupt verdient hat.

    Wem die Schuld letztenlich an dieser Situation zusteht, lässt sich vielleicht anhand von endlosen Kausalitäten und Fragen herausfinden. Spießer machen das. Ach halt nein, die wissen ja von vornherein, dass man immmer selbst Schuld daran ist.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Auto | Botschaft | Glück | Obdachlose | Polizei | Schmerz
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