Leserartikel

ObdachlosErfrieren in bester Gesellschaft

Ein Mann liegt mit erfrorenen Füßen mitten in der Stadt, es geht ihm schlecht. Niemand nimmt Notiz davon. Leserin Susanne Schmidt hat ihm geholfen. von 

Die Temperatur lag an jenem Abend bei minus 10 Grad Celsius. Ich komme von der Arbeit, das Regierungsviertel und einige Botschaften befinden sich in unmittelbarer Nähe. Hier in Berlin Mitte sind überall Überwachungskameras und Wachpersonal. Die Fenster der Cafés und Geschäfte leuchten warm und verlockend. Alle haben es eilig, durch die kalte Nacht zu kommen. Kurz vor der Kreuzung von Schumannstraße und Luisenstraße liegt ein Mensch zusammengekrümmt im Schnee – völlig unbeachtet.

"Junger Mann, das ist doch viel zu kalt, um hier im Schnee herumzuliegen", sage ich und reiche ihm die Hand. Nach einer Weile steht er mit wackeligen Beinen auf. Er bittet mich, ihm über die Straße bis zur nahen Bäckerei zu helfen. Ich erkenne, dass er schon lange obdachlos ist. Er hat getrunken, aber nicht allzu viel. Seine Kleidung ist viel zu dünn, er trägt keine Winterjacke und nur einfache Turnschuhe.

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Wir versuchen ein paar Schritte, aber er kann nicht alleine stehen oder gehen. Ich bin nicht stark genug, um ihn zu halten. Jetzt liegt er mitten auf der Straße, ich hocke daneben. Autos fahren um uns herum, niemand hupt, keiner hält an. Zum Glück kommt uns eine Frau zur Hilfe. Wir nehmen ihn in unsere Mitte und schleppen ihn bis auf die Stufen zur Bäckerei. Was nun?

Ein Anruf beim Kältebus ist das erste, was uns einfällt. Aber der Kältebus fährt erst ab 21 Uhr durch die Stadt. Es gibt auch einen Wärmebus, doch der ist ebenfalls noch nicht erreichbar. Ich frage den Mann, ob er einverstanden ist, dass wir die Polizei rufen. "Jaja", jammert er, "mir ist so kalt, meine Füße brennen, das tut so weh, ich friere so." Er reibt sich die mageren, blauen Hände. Es ist nicht zu übersehen: Es geht ihm schlecht.

Die freundliche Passantin verabschiedet sich. Mein Blick wandert durch die Glasscheibe hinein in die warme Bäckerei. Die Menschen auf der anderen Seite der Fenster sehen uns nicht. Der Mann hat Schmerzen. Ich unterhalte mich mit ihm, um ihn abzulenken.

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"Sind Sie aus Berlin? Wo haben Sie letzte Nacht geschlafen?", frage ich und er guckt mir zum ersten Mal direkt ins Gesicht, mit offenem Mund. Dann fragt er erstaunt zurück: "Willst du wissen, wo ich herkomme?" Ist diese Frage zu intim? Ich weiß es nicht, bin unsicher. Da antwortet er mir und wir lächeln uns kurz an.

Dann kommt die Polizei. Die beiden Beamten sind zu meiner Erleichterung sehr freundlich zu dem Obdachlosen. Sie rufen sofort einen Krankenwagen. Der Mann jammert wieder laut und schreit: "Meine Füße brennen, das tut so weh." Einer der Polizisten sagt: "Er hat sich die Füße erfroren." Ich bin erschrocken.

Dann verabschiede ich mich von ihm: "Jetzt kommen Sie ins Warme. Lassen Sie sich gesund pflegen. Ich wünsche Ihnen alles Gute." Der Polizist flüstert mir zu: "Das wird eher nichts mit dem Gesundpflegen, in Deutschland ist das nicht mehr so einfach." Ich bin entsetzt.

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Leserkommentare
  1. 17. Absturz

    "Ich habe damals gelernt, wie schnell man in unserem System abstürzen kann" Und eben deswegen kann ich auch jeden verstehen, der "Ausreden" sucht. Hat halt immer zwei Seiten, die Medaille.

    Hilfe, wie sie die Autorin leistet, ist selbstverständlich, nur sind nicht viele wirklich in der Lage, das zu erkennen, schon garnicht bei einem Obdachlosen.

    Hilfe in der Situation Obdachlosigkeit an sich ist alleine aufgrund der häufigen Verknüpfung mit Alkoholismus allerdings eine Profiangelegenheit. Emotionale Betroffenheit schadet da leider oft mehr als sie nutzt.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ziemlich sicher..."
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    auch gar nicht leisten können - aber sie hat immerhin dafür gesorgt, daß der Mann aus der Kälte rauskommt und zunächst mal in einem Krankenhaus behandelt werden kann.
    Wie sie im Artikel geschrieben hat, sind jede Menge Menschen an diesem Mann vorbeigegangen - da finde ich es beachtenswert und mutig, daß sie sich gekümmert hat.

  2. 18. Alkohol

    Obdachlose sind oft schlauer als Sie denken.
    Der physiologische Brennwert von Alkohol ist vergleichbar mit dem von Ölen und liegt damit ca. beim dreifachen Brennwert von Brot. Alkohol ist somit eine gute Lösung, um mit wenig Geld A) ausreichend Kalorien zu sich zu nehmen B) Flüssigkeit zu sich zu nehmen C) Ausreichend gegen die Kälte zu anästhesieren.
    Bitte denken Sie erst so weit wie die Obdachlosen bevor Sie sich abfällig äußern.

    7 Leserempfehlungen
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    A) und B) mögen ja noch gehen, von Mineralien und Vitaminen mal abgesehen. Mit C) liegen Sie IMHO gründlich daneben.
    Die Alkoholmenge, die da idR konsumiert wird, mag das Fühlen betäuben, nicht aber die Wirkung. Und Alkohol weitet nunmal die Gefäße, was bei Kälte gefährlich bis tödlich ist.

  3. wo doch schon allein hier unter den Kommentatoren und Empfehlern die Hilfsbereiten sowas von absolute Mehrheit sind.

    3 Leserempfehlungen
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    Das hat aber nichts oder zumindest wenig mit der Obdachlosigkeit zu tun.
    Auch andere Hilfesuchende warten oft lange und müssen viele vorbeigehen/-fahren sehen.

    Und dieses Phänomen ist entgegen landläufiger Meinung auch nicht auf reiche Gegenden beschränkt.
    Ein eigener Motorradunfall im Kosovo hat mich da eines besseren belehrt.

  4. Nachfolger des Herbergsvaters der Maria und Josef weiter geschickt hat! Wie wäre Ihr Spruch ausgefallen: Können keine Verantwortung übernehmen, obdachlos, arbeitslos, nichts zu fressen aber Kinder in die Welt setzen!
    Ihr Typus stirbt nie aus!

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Doch..."
  5. A) und B) mögen ja noch gehen, von Mineralien und Vitaminen mal abgesehen. Mit C) liegen Sie IMHO gründlich daneben.
    Die Alkoholmenge, die da idR konsumiert wird, mag das Fühlen betäuben, nicht aber die Wirkung. Und Alkohol weitet nunmal die Gefäße, was bei Kälte gefährlich bis tödlich ist.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Alkohol"
  6. Das hat aber nichts oder zumindest wenig mit der Obdachlosigkeit zu tun.
    Auch andere Hilfesuchende warten oft lange und müssen viele vorbeigehen/-fahren sehen.

    Und dieses Phänomen ist entgegen landläufiger Meinung auch nicht auf reiche Gegenden beschränkt.
    Ein eigener Motorradunfall im Kosovo hat mich da eines besseren belehrt.

  7. Auch ich kenne es in stark abgeschwächter Form. So z.B. sind gerade in reichen Städten die Menschen oft sehr ignorant und kaltherzig. Wenn man da nur mal jemanden fremdes fragt ob er einem Geld wechseln kann für die Parkuhr, wird man entweder komplett ignoriert oder angeschaut wie ein Schwerverbrecher.

    Ich bin mir wegen mehrerer solcher Erfahrungen langsam sicher, dass gerade die reichen Menschen schon jetzt in einer Dystopie leben.

    Gerade durch so ein Verhalten wird es noch viel schlimmer. Das ist ein Teufelskreis.

    7 Leserempfehlungen
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    Auch der freundlichste Mensch entwickelt Hornhaut auf dem Herzen, wenn er Tag für Tag mit sehr vielen Obdachlosen, Bettlern und Junkies den Ort teilt. Auch ein gewisses Misstrauen gegenüber den Mitmenschen eignet man sich an.

  8. ist ein Skandal.

    Dass Menschen sich betrinken in dieser Lage - man muss schon sehr zynsch sein, um ihnen DAS vorzuwerfen, wenn man nicht gleichzeitig bereit ist, sich soweit auf sie einzulassen, nach Hintergründen zu fragen und danach, wie ihnen zu helfen ist.

    Ist der Alkohol Symptom, oder Ursache? Wer sich dessen im Einzelfall nicht vergewissert hat, behalte seine dann falsche Meinung für sich!

    Und selbst wenn sie richtig sein sollte: Zynisches Danebenstehen und schadenfrohes "Ätschibätschi"-Rufen mag die eigewen sadistischen Bedürfnisse befriedigen, hilft aber nichts - und wäre im konkreten Fall unterlassene Hilfestellung, also eine Straftat.

    LIEBE ZEIT: Es gibt jas in Dir immer wieder homestorys über mehr oder weniger wichtige Persönlichkeiten. Wie wäre es mal mit differenzierten Lebensgeschichten von Obdachlosen, damit diese nicht mehr nur als dumpfe Masse erscheinen, an der man am liebsten blind und gefühllos vorübereilt?

    Damit die Menschen EIN GESICHT bekommen?

    Auch in Hamburg sollte es doch genug Fälle geben... ich mag einfach nicht glauben, dass verantwortliche JournalistInnen ihr profesionelles Interesse dort ausknipsen, wo es Einblicke in die Abgründe unserer Gesellschaft eröffnen könnte.

    20 Leserempfehlungen
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    "Ist der Alkohol Symptom, oder Ursache?" Vielleicht auch Symptom der eigentlichen Ursache und nicht Nebeneffekt der Obdachlosigkeit.

    Gerade, wenn Sie auf Einzelfälle abstellen: Die Gründe für Obdachlosigkeit sind andere als die für Armut, auch wenn sich das oft überschneidet.
    Alleine der wirtschaftliche Absturz führt jedenfalls nicht in die Obdachlosigkeit. Die Menschen haben häufig auch einen psychischen Absturz hinter sich, der sie dazu bringt, sich von der Gesellschaft und oft auch sich selbst abzuwenden.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Auto | Botschaft | Glück | Obdachlose | Polizei | Schmerz
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