Vor gut zwei Jahren kam ich aus meiner Heimat Baden-Württemberg nach nach Berlin. Ich kannte weder die Stadt, noch irgendwelche Schwabendebatten. Als ich bei den ersten Stadttouren "Schwaben raus" an mehreren Hauswänden las, hat mich das verwundert. An meiner Tram-Haltestelle fand ich dann "Schwaben ermorden". Der Schock kam bei einem Besuch im Mauerpark. Dort steht auf einem Rondell in großen roten Lettern: "Totaler Schwabenhass".

Ich habe in mehreren Großstädten im In- und Ausland gelebt, ich reise regelmäßig. Solche Schriftzüge aber habe ich bisher nirgends gesehen. Dabei gibt es kaum Menschen in Berlin, die den Ort "Schwaben" annähernd geografisch beschreiben, geschweige denn west- oder süddeutsche Dialekte auseinander halten können.

Ich führe in Berlin ein stinknormales Leben: habe in einer Berliner Firma gearbeitet, kaufe in einem Berliner Supermarkt – wenn möglich regionale Ware. Ich trainiere in einem Neuköllner Sportverein, der kürzlich für seine Integrationsarbeit ausgezeichnet wurde – welch Ironie des Schicksals. Im Rahmen einer Freiwilligenaktion habe ich einen Spielplatz in Moabit saniert. All das mache ich nicht, um mich bei irgendjemandem beliebt zu machen. Ich mache das, weil ich mich an dem Ort, an dem ich lebe, gerne einbringe.

Mir fällt es schwer, über die Herkunftsidiotie in Berlin hinweg zu blicken. Immer wieder wird man auf seine Herkunft reduziert und entsprechend bewertet. Das gleiche gilt für den Kiez, in dem man wohnt. Werde ich ein besserer Mensch, wenn ich in ein anderes Viertel ziehe?

Die Kleinkariertheit, die Intoleranz und das Sich-nicht-mit-anderen-abgeben, wird vertretungsweise den "Schwaben" vorgeworfen. Konsequent vorgelebt wird es von vielen Berlinern, die sich als alteingesessen bezeichnen – wie auch immer man das definieren mag. Berlin wird doch erst bunt, durch Menschen, die dorthin ziehen: ob Franzosen, Australier, Dänen oder herrgottnochmal Schwaben! Wer in einer Großstadt lebt, sich aber an Veränderung und Zugezogenen stört, ist fehl am Platz.

Die Berliner Politik ignoriert das Thema komplett. Dabei ist der Hass gegen Fremde in der ganzen Stadt verbreitet. Auch Türken und Russen bekommen das zu spüren. Wann traut sich mal jemand aus der Deckung?