Wolfgang Thierse isst lieber Schrippen als Wecken. Das könnte mir egal sein. Aber diese Aussage ist Beitrag einer wichtigen Debatte, die mich betrifft – und die falsch geführt wird.

Mir als in Stuttgart geborenem Wahlberliner, stellt sich oft die Frage: Bin ich Berliner, Schwabe, oder sollte ich sozialwissenschaftliche Fachbegriffe wie "mit Migrationshintergrund" verwenden? Niemand weiß, wie viele Lebensjahre vor Ort, wie viele Wartestunden an hiesigen S-Bahnhöfen, wie viele verzehrte Currywürste, getrunkene Berliner Weiße und gekaufte Straßenfeger nötig sind, bis man Berliner ist. Darf ich beim Bäcker Wecken bestellen, sollten es hochdeutsche Brötchen oder müssen es Schrippen sein?

Äußere Merkmale eines Schwaben fehlen mir. Das heißt: Ich spreche passabel hochdeutsch. Trotzdem werde ich oft gefragt: "Woher kommst du ursprünglich?" Darauf antworte ich nur ungern. Nicht weil ich jemals Ablehnung oder gar Feindseligkeit aufgrund meiner schwäbischen Wurzeln erfahren hätte. Ich bin nur Mitleidsbekundungen satt, die meist auf das Schwaben-Outing folgen. Dass sogenannte Schwaben in Berlin nicht nur bemitleidet, sondern auch abgelehnt werden, habe ich bislang nur mittelbar erfahren.

Der mitleidige bis ablehnende Blick auf Zugezogene ignoriert, dass ich mir – wie alle Berliner, Münchner oder nicht in Deutschland geborene Menschen – meinen Geburtsort nicht aussuchen konnte. Ich lebe gerne in dieser Stadt, habe aber auch schon in anderen liebenswerten Städten gelebt und kann mir auch andere Wohnorte vorstellen. Damit stehe ich in meiner Generation der ewig Mobilen und schon ermüdend Flexiblen nicht alleine.

In der aktuellen Berliner Debatte sollte es nicht darum gehen, wie jemand ein Brötchen bezeichnet. Die Diskussion berührt zwei grundsätzliche Fragen. Erstens: Ab wann kann ein Mensch einen Ort als seine Heimat begreifen – und ihn deshalb auch mitgestalten? Zweitens: Bekommen alle Menschen in Berlin unabhängig von geographischer und sozialer Herkunft Freiräume und Möglichkeiten, wie es wünschenswert wäre?

Das heißt konkret: Berlin braucht eine Stadtentwicklungspolitik, die die kontinuierliche Verdrängung von weniger finanzstarken Menschen nicht einfach zulässt, sondern stattdessen einen bunten, abenteuerlichen und quirligen Kiez fördert. Das würde sicher auch Wolfgang Thierse gefallen.

Mein Geburtsort ist dabei nicht relevant.