Leserartikel

Vielfalt in BerlinEs geht um mehr als Brötchen

Wie viele Currywürste muss man essen, um Berlin seine Heimat nennen zu dürfen? Alle Bewohner der Hauptstadt sollten sie mitgestalten dürfen, fordert Leser S. Pukrop. von Sebastian Pukrop

Wolfgang Thierse isst lieber Schrippen als Wecken. Das könnte mir egal sein. Aber diese Aussage ist Beitrag einer wichtigen Debatte, die mich betrifft – und die falsch geführt wird.

Mir als in Stuttgart geborenem Wahlberliner, stellt sich oft die Frage: Bin ich Berliner, Schwabe, oder sollte ich sozialwissenschaftliche Fachbegriffe wie "mit Migrationshintergrund" verwenden? Niemand weiß, wie viele Lebensjahre vor Ort, wie viele Wartestunden an hiesigen S-Bahnhöfen, wie viele verzehrte Currywürste, getrunkene Berliner Weiße und gekaufte Straßenfeger nötig sind, bis man Berliner ist. Darf ich beim Bäcker Wecken bestellen, sollten es hochdeutsche Brötchen oder müssen es Schrippen sein?

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Äußere Merkmale eines Schwaben fehlen mir. Das heißt: Ich spreche passabel hochdeutsch. Trotzdem werde ich oft gefragt: "Woher kommst du ursprünglich?" Darauf antworte ich nur ungern. Nicht weil ich jemals Ablehnung oder gar Feindseligkeit aufgrund meiner schwäbischen Wurzeln erfahren hätte. Ich bin nur Mitleidsbekundungen satt, die meist auf das Schwaben-Outing folgen. Dass sogenannte Schwaben in Berlin nicht nur bemitleidet, sondern auch abgelehnt werden, habe ich bislang nur mittelbar erfahren.

Der mitleidige bis ablehnende Blick auf Zugezogene ignoriert, dass ich mir – wie alle Berliner, Münchner oder nicht in Deutschland geborene Menschen – meinen Geburtsort nicht aussuchen konnte. Ich lebe gerne in dieser Stadt, habe aber auch schon in anderen liebenswerten Städten gelebt und kann mir auch andere Wohnorte vorstellen. Damit stehe ich in meiner Generation der ewig Mobilen und schon ermüdend Flexiblen nicht alleine.

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In der aktuellen Berliner Debatte sollte es nicht darum gehen, wie jemand ein Brötchen bezeichnet. Die Diskussion berührt zwei grundsätzliche Fragen. Erstens: Ab wann kann ein Mensch einen Ort als seine Heimat begreifen – und ihn deshalb auch mitgestalten? Zweitens: Bekommen alle Menschen in Berlin unabhängig von geographischer und sozialer Herkunft Freiräume und Möglichkeiten, wie es wünschenswert wäre?

Das heißt konkret: Berlin braucht eine Stadtentwicklungspolitik, die die kontinuierliche Verdrängung von weniger finanzstarken Menschen nicht einfach zulässt, sondern stattdessen einen bunten, abenteuerlichen und quirligen Kiez fördert. Das würde sicher auch Wolfgang Thierse gefallen.

Mein Geburtsort ist dabei nicht relevant.

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Leserkommentare
  1. Ich kann langsam die Weinerlichkeit angeblich "alteingesessener" Berliner darüber, daß auch ihre Stadt einem fortwährenden Wandel durch Fluktuation unterliegt, nicht mehr hören. Man kann es auch so sehen: Berliner ist, wer in Berlin wohnt. Es gibt an keinem Ort der Welt ein Recht auf Nichtveränderung.

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    Die Weinerlichkeit entdecke ich eher in dem Artikel. Einem Berliner Weinerlichkeit zu unterstellen ist schon ziemlich gewagt.

    Die Nichtveränderung wünschen doch eher die Schwaben, die nach Berlin gezogen sind, aber trotzdem weiter ihre Kehrwoch', ihre Wecken und ihr Tannenzäpfle haben wollen. Und natürlich ihre Ruhe.

    Natürlich verändern sich Lebensräume stetig, gerade Berlin war schon immer ein gutes Beispiel dafür. Bloß haben die Zugezogenen früher die Stadt bereichert, sich aber trotzdem auch in das, was sie vorgefunden haben, eingefügt. Anders als bspw. in München, wo man noch in der dritten Generation als "Zugroaster" gilt, wurde man in Berlin sehr schnell assimiliert.

    Im Artikel klingt es aber so, als würden die pöhsen Berliner den Schwaben die Wecken verbieten wollen, dabei frage ich mich, warum ziehen die überhaupt nach Berlin, wenn sie von ihren schwäbischen Köstlichkeiten nicht lassen können? Ich habe auch in anderen Städten gewohnt und habe nie erwartet, dort so wie in Berlin (meine Heimatstadt) wohnen zu können. Bloß die Schwaben haben aus Prenzlauer Berg einen Stuttgarter Stadtteil gemacht.

    Ich wette, da wo der Autor wohnt, gibt es gar keine Berliner mehr.

    • aaal
    • 08. Januar 2013 15:47 Uhr

    ...zu diesem Thema habe ich mich erst kuerzlich im "Spiegel" online Forum geäußert. Und zwar nach dem "ergreifenden" Interview mit Herrn Thierse. Was war passiert ? Mein Kommentar wurde zensiert und nicht veröffentlicht. Mir ging es darin - Achtung ! als Eingeborener Muenchener - darum unseren Nachbarn Solidaritaet zu zollen. Die Diskussion nahm enorme rassistische Zuege an - nicht allein ausgeloest durch einen unserer höchsten Beamten in Lande !!! Einem Herren, so schrieb ich, der nach eigener Aussage 40 Jahre am Prentzlauer Berg wohnt - also dort wo einst die SED Granden logierten - und als waschechter Berliner, geboren in Wroclaw, sauer war, dass quasi " der gemeine Schwabe" ihm, allein durch seine Anwesenheit, auf die Nerven gehe. Ich bekundete Verständnis fuer jemanden, dem Zuzuegler am Prentzlauer Berg die Laune Verderben und der wie eine Mischung aus Karl Marx und einem der nicht die Absicht hatte eine Mauer zu bauen, aussieht und dessen Rente in Ostmark, ja mittlerweile auch durch uns bezahlt würde. (Hier fiel auch das Wort - Berlin, Hauptstadt der DDR ) Handelsblatt http://www.handelsblatt.c.... Darueber lud ich Ihn ein nach Muenchen oder besser nach Stuttgart zu kommen und sich von der Weltoffenheit dort zu überzeugen. Ich persoenlich verstehe die ganze Diskussion uebrhaupt nicht - aber "Der Berliner" - ist ja meist genauso wenig einer ist wie "Der Münchner".

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    • R_IP
    • 08. Januar 2013 19:53 Uhr

    "Prentzlauer Berg wohnt - also dort wo einst die SED Granden logierten"

    Das ist falsch:

    http://de.wikipedia.org/w...

    1. Thierse ist noch im damaligen Breslau geboren, nicht in Wroclaw. Einigen wir uns darauf: Die Deutschen lassen den Polen die Gegenwart, die Polen lassen den Deutschen die Geschichte.

    2. Im Prenzlauer Berg wohnten die Aussenseiter, Dissidenten, Unangepassten, Individualisten, Unbequemen, Aussteiger der DDR. Die SED-Granden wohnten in Wandlitz.

    • scg
    • 08. Januar 2013 18:28 Uhr

    ab wann man einen Ort als Heimat ansehen darf oder kann ist interessant. Ich bin 27 und wohne jetzt im 5. Bundesland, und wenn mich jemand fragt wo ich herkomme, so fällt mir die Antwort schwer. Meistens kommt dann sowas wie "gebürtig aus xy" oder "ich studiere in xy". Ich möchte es nicht missen verschiedene Ecken Deutschlands kennen gelernt zu haben und die Freunde aus den jeweiligen Zeiten. Aber dennoch drängt sich mir die Heimat Frage schon ab und zu mal auf...

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  2. nämlich aus Bayern, oder besser gesagt aus Franken und ich habe bisher noch überhaupt keine Schwierigkeiten gehabt. Weder mit Schrippen, noch mit Wecken. Nur wenn ich manchmal in einen Laden und vor allem in eine Behörde gehe und die Leute mit "Grüß Gott" begrüße, reißt es schon mal dem ein oder anderen den Kopf herum. Ich kann aus meinen Erfahrungen nur sagen, dass die Berliner sehr aufgeschlossen denen gegenüber sind, die nicht "alteingesessen sind".

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  3. Ich kann nicht erkennen, dass die Zugezogenen Berlin _nicht_ mitgestalten. Ist doch schon fast alles entberlinisiert, in einem Ausmaß, dass man als Berliner seine Heimatstadt nicht mehr wiedererkennt und folgerichtig seinen Anker anderswo wirft.

    Es gibt ganze Viertel, in denen kein einziger normaler Berliner mehr zu sehen ist. Sind die alle freiwillig weggezogen? Haben die sich gesagt, wir als Berliner gestalten jetzt mal hier eine schwäbische Exklave und machen Platz für die netten Damen und Herren aus unserem Südwesten?

    In meinen Augen haben die Zugezogenen genug gestaltet, sie könnten jetzt eigentlich mal die Berliner wieder ranlassen. Ich kann Herrn Thierse gut verstehen. Man fühlt sich als Berliner in Berlin wie ein Exot und wird auch gelegentlich wie einer bestaunt. Wenn man sich aber auch wie einer benimmt, dann ist schnell Schluss mit der Exotik.

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    Ich kann langsam die Weinerlichkeit angeblich "alteingesessener" Berliner darüber, daß auch ihre Stadt einem fortwährenden Wandel durch Fluktuation unterliegt, nicht mehr hören. Man kann es auch so sehen: Berliner ist, wer in Berlin wohnt. Es gibt an keinem Ort der Welt ein Recht auf Nichtveränderung.

    • Bashu
    • 08. Januar 2013 20:30 Uhr

    durch die Wiedervereinigung. In den Jahren nach der Wende wurde Städte zweier Länder zu einer zusammengeschweißt. Diese unglaubliche Dynamik kann man nun wirklich nicht nur den zugereisten anlasten, Berlin verändert sich vielleicht mehr als jede andere westliche Metropole, aber das hat historische Gründe ...

    • R_IP
    • 08. Januar 2013 19:53 Uhr

    "Prentzlauer Berg wohnt - also dort wo einst die SED Granden logierten"

    Das ist falsch:

    http://de.wikipedia.org/w...

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    Antwort auf "In der Tat ..."
  4. Wenn man Thierses Äußerungen zum Thema „Schwaben“ verstehen möchte, muss man sich seine Sozialisation anschauen. Thierse ist ein Kind der DDR. In der DDR waren die Miete und Lebenshaltungskosten stark subventioniert. Zudem gab es keine großen Gehaltsunterschiede und (DDR-)Geld eher reichlich vorhanden. Wer damals „seinen Kiez“ gefunden hatte, der konnte dort auch wohnen bleiben. Die Stadt West-Berlin und das Leben dort wurde ebenfalls stark subventioniert. Hätte West-Berlin unter den realen marktwirtschaftlichen Bedingungen existieren müssen, wäre die Stadt mit der Zeit ausgeblutet. Nach der Wiedervereinigung wurden einige Subventionen sofort und andere im Laufe der Zeit abgebaut. Zusätzlich gab es, gerade in den unteren Einkommensgruppe eklatante Reallohnverluste. Die „Gentrifizierung“ bestimmter Stadtteile ist eine Konsequenz dieser Veränderungen. Der Anteil der Neu-Berliner an der Gesamtbevölkerung ist hierfür viel zu gering.

    „Ab wann kann ein Mensch einen Ort als seine Heimat begreifen – und ihn deshalb auch mitgestalten?“

    Das „Begreifen“ dürfte für jeden unterschiedlich sein. Nebenbei: Was ist überhaupt „Heimat“? Ist es die Wohnung, das Haus, die Straße, der Stadtteil, die Stadt oder das Land? Grundsätzlich sollte man hier nicht vergessen, dass es bei Mietverhältnissen konträre Interessenlagen zum Eigentümer bestehen können. Die Heimat ist hier letztendlich nur gemietet.

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    • cocoa
    • 09. Januar 2013 7:58 Uhr

    ...liebe Leute, wieviel der Kritiker waren selbst schon mal in Berlin? Wohnen vielleicht hier? Haben sich mal mit Berlinern über die "furchtbare Assimilation" unterhalten? Interessanterweise fühlen sich genau die Menschen auf den Schlips getreten, die nicht aus Berlin kommen. Meine Meinung als Berlinerin: is mir schnurz, wer wo herkommt! Ich kenne auch niemanden, der gegen die Schwaben wettert.
    Aber um mal zu erklären, warum sich manche Berliner bedroht fühlen: manch Zugezogene, Lieblingsbeispiel Schwaben, bringen Ihre Sitten und Bräuche mit und verlangen, dass diese toleriert bzw. gefälligst umgesetzt werden. Ohne darauf Rücksicht zu nehmen, welche Sitten und Traditionen (ja ja, jetzt fragen sicherlich einige: was für Traditionen, Berlin hat keine Traditionen) hier gelten. Das nimmt man bis zu einem gewissen Grad mit Humor und Neugier, aber irgendwann hat man halt die Faxen dicke. Aber hassen, lieber Himmel nein, von 100 Schwaben sind es vielleicht zwei, die Kehrwochen verlangen. Und über die lächelt man.

    Ich würde gern mal München erleben, wenn ein Schwall Berliner in einen Bezirk "schwabt" und et nur noch Schrippen jibt! :-)

    Egal, viele der Berliner haben nichts gegen Frischlinge (jeder wird irgendwan Berliner, kauft den Straßenfeger :-))), nur die paar Motzer sind laut genug. Also bitte kehrt uns auch nicht alle über einen Kamm.

    Danke lieber Herr Pukrop, der Artikel war überfällig.
    Insofern: Willkommen in Berlin, Pfannkuchen sin keene Eierkuchen :-)

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Wolfgang Thierse | Debatte | Generation | Heimat | Stadt | Berlin
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