Leserartikel

US-KulturStolz und Vorurteil in Alabama

Unser Leser Christian Johann forscht über Wohlfahrtsstaat und Mittelklasse. Er hatte viele Vorurteile über die Menschen in den USA – bis er sie dort kennenlernte. von 

Wer Sklaverei, Ku-Klux-Klan, Waffennarren und Rednecks unterstützt oder hervorbringt, dem sollte man sich mit Vorsicht nähern. Aber ich wollte es so: Wohlfahrtsstaat und Mittelklasse in den USA 1944 bis 1972 ist das Thema meiner sozialhistorischen Dissertation. Weil die einzelnen Bundesstaaten bei wissenschaftlichen Betrachtungen bislang stets zu kurz kamen, wählte ich als Studienobjekt Alabama. Es stellt sich heraus, dass das eine gute Wahl war.

Warum ausgerechnet Alabama? Die Frage fällt immer wieder, wenn ich von meiner Zeit dort erzähle. Vor allem ist Alabama ein armer Staat. Sein Spitzname, "The Heart of Dixie", erinnert auch heute noch daran, dass Alabama Kern des Alten Südens ist. Die meisten Stereotype sind wenig schmeichelhaft. Zu Recht, dachte ich.

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Vor und nach den Stunden in eiskalten Archiven wollte ich erfahren, was gemeint ist, wenn von Gegensätzen zwischen Arm und Reich die Rede ist, von Mega-Kirchen und vom Sterben der Innenstädte. Was ich am Ende erfuhr, war, was Vorurteile wert sind.

Erste Station war Birmingham. Das Pärchen, das mich bei sich aufnahm, steckte in der Krise. Sie war arbeitslos. Er war nur in einem kurzen Zeitarbeitsverhältnis. Nie beklagten sie sich. Ich wunderte mich, bis mir klar wurde, dass sie Libertäre waren: Sie erwarteten keine Hilfe vom Staat und glaubten fest an die Selbstheilungskräfte eines freien Marktes. Wie mich das aufregte!

Als wir nach einigen Abendessen vertrauter waren, versuchte ich, mit ihnen zu diskutieren. Meine sozialdemokratische Überlegenheit zerschellte an ihren ruhig vorgetragenen Gegenargumenten. Sie glaubten, dass Menschen sich gegenseitig helfen sollten, weil sie das eben besser könnten als der Staat. Wie sollte ich sie als fürstlich umsorgter Gast vom Gegenteil überzeugen? Hätte ich daheim einen Fremden einfach so aufgenommen?

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In Montgomery wohnte ich bei einer jungen Familie nahe der Militärbasis. Als Pilot fliegt der Vater regelmäßig nach Afghanistan. Sonntags besuchte die Familie die megachurch. Religiöse Fanatiker alle miteinander, kochte es in mir. Doch später sah ich, wozu sie ihre Kirchengemeinde nutzten.

Gemeinsam mit Gleichgesinnten waren sie dabei, ein altes Viertel der fast verwaisten Innenstadt zurückzuerobern. Sie organisierten einen öffentlichen Gemüsegarten, in dem sie gemeinsam mit Obdachlosen arbeiteten. Mit ihrer zweijährigen Tochter waren sie in dieses verrufene Viertel gezogen. Stück für Stück wollen sie so die Stadt zurückerobern. Sie hoffen fest darauf, dass andere Familien ihrem Beispiel folgen.

Ihr Gottvertrauen und ihr Engagement haben mich, den atheistischen Berliner Sozialdemokraten, doch sehr ins Grübeln gebracht. Mit Vorurteilen will ich jetzt vorsichtiger sein.

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Leserkommentare
  1. Eigentlich ein spannendes Thema und die Einblicke, die uns der Leserautor ermöglichte, sind auch ziemlich interessant.
    Schade nur, dass der Artikel so kurz ist und meiner Meinung nach ziemlich plötzlich endet. Ich hatte auf noch mehr Beispiele und ein umfassenderes Fazit gehofft.

    5 Leserempfehlungen
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    • H.v.T.
    • 20. Januar 2013 8:09 Uhr

    Ich glaube, ein Leserartikel hat nur 3000 Zeichen zur Verfügung.

  2. Deutsche reisen in die USA nicht um das Land kennen zu lernen, sondern um ihre Vorurteile bestätigt zu finden. Bei der Weltausstellung in Seattle hieß die erste Frage nicht etwa: "Wo geht's zur Ausstellung?", sondern: "Wie komme ich zu den 'Negerslums'?" Dann waren sie enttäuscht, als sie schwarze Bürger sahen, die in ihren Vorgärten die Rosen bewässerten.

    4 Leserempfehlungen
  3. nach der Lektüre des Artikels.

    Ja, Solidarität und Gemeinschaftssinn sind wichtig und auch zentral für jede Gesellschaft.

    Das ändert nichts daran, dass ich unser Sozialsystem für wichtig und richtig halte.

    Vielleicht hätte der Autor mal mit Menschen reden sollen, die durch alle Maschen, auch die des oben gepriesenen Gemeinschaftssinns, gefallen sind.

    Die gibt es nicht zu knapp in den USA.

    Aber im Pappkarton wohnt es sich eben nicht besonders gut, nicht nur, wenn man auf Recherchereise ist.

    9 Leserempfehlungen
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    ...stellt doch gar nicht unser Sozialsystem in Frage, wo lesen Sie das? Er hinterfragt seine Vorurteile. Ich empfinde dies als sehr aufgeklärt.

  4. Es klingt, als sei der Autor nur bei weißen US-Amerikanern zu Gast gewesen. Vor 25 Jahren wurden weißen Kindern in Texas das Spielen mit schwarzen Kindern verboten; nicht aus eigener rassistischer Einstellung, sondern weil die Familie zurück nach Alabama musste ("dort wird das nicht toleriert"). Vor 15 Jahren habe ich Ghettos für Afro-Amerikaner gesehen, strikt nach John Crow: separate..., d.h. Wohnviertel strikt nach Hautfarbe, egal ob Sozialhilfeempfänger oder erfolgreicher afroamerikanischer Manager. Wer "schwarz" war, konnte sich die Wohngegend nicht aussuchen.

    5 Leserempfehlungen
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    Mich gruselt es, Ihnen diese Antwort zu schreiben, da man bei diesen PC-relevanten Themen damit rechnen muß, von der Zensurwalze überrollt zu werden. Aber ich tu es trotzdem, nur Ihnen zuliebe.
    Ist das in Deutschland denn anders? Es gibt hier auch schon lange Segregation. Entweder wohnen Sie mitten im Land oder in irgendeinem Dorf in Bayern, wo es keine ethnischen Minderheiten gibt (ich hoffe, das ist der politisch korrekte Ausdruck)... Manche Menschen wollen nicht mit gewissen anderen Menschen zusammenleben. Ich verstehe nicht, was daran so schlimm sein soll. Das ist seit Jahrhunderten, nein, seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte so. Warum immer anderen aufzwingen wollen, wie sie zu leben haben? Besonders die sog. Sozialdemokraten und Linksliberalen scheinen damit ein Problem zu haben. Lustigerweise wohnen die nicht in den Ghettos. :-)

    Meinen Respekt an den Autor, der sich traut seine Vorurteile zu überdenken.

    • tom1972
    • 23. Januar 2013 13:24 Uhr

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    • tom1972
    • 23. Januar 2013 14:08 Uhr

    Weil ich ihre, meiner Meinung nach, (...)Überschrift wortwörtlich geantwortet habe. Mein Fehler. Man sollte sich nicht jedem Niveau anpassen.

    Ich muss aber dennoch fragen: Wie kommen Sie auf Ihre Überschrift? Wer hat sowas behauptet? Ist es ein Reflex, aus dem Sie hier heraus schreiben MÜSSEN?

    Was vor 60 oder 30 Jahren war, ist mir heute egal. So wie mir egal ist, was vor 70 Jahren in Deutschland normal war.

    Mit Ihrer Aussage die da mit "Vor 15 Jahren..." beginnt, verharmlosen Sie das Wort "Ghetto". Vorsatz oder Unvermögen? Wobei ich die USA seit 20 Jahren kenne, vor allem die Südstaaten, und ich Ihre Aussage für eine Lüge halte. Aber es kann damit zu tun haben,. dass Sie eine schwarze Nachbarschaft gleich mit Ghetto titulieren. Sie sollten Ghetto mal nachschlagen.

    Ich merke gerade, dass es einfach ist, Lügen zu verbreiten, als diese wieder richtigzustellen. Mit Zensur hat das nichts zu tun. Aber womit dann?

    Über Menschen wie Sie habe ich heute schon geschrieben. Reflex. Ideologie. Belehrungen. Sie stellen Dinge ins rechte Licht (schönes Wortspiel), die so NIE irgendwo anders dargestellt wurden. Offenbar- halten Sie mich für verrückt- muss dies twas mit einem Reflex zu tun haben. Wie konnten Sie sich SO verlesen? Vorsatz oder Unvermögen?

    Zum Schluß, Sie schreiben es selbst: "Vor 30 Jahren. Vor 15 Jahren". Blöde nur, dass der Artikel aus 2013 ist. 1992 brannten in Deutschland Häuser. Wird in Deutschland niemand mehr erschossen, weil er Ausländer ist?

  5. ...stellt doch gar nicht unser Sozialsystem in Frage, wo lesen Sie das? Er hinterfragt seine Vorurteile. Ich empfinde dies als sehr aufgeklärt.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Mich gruselt es..."
  6. weil Ihnen vielleicht die Gelegenheit fehlt sie an der Realitaet zu ueberpruefen. Ich kann die Erfahrungen des Autors aus vieljaehriger Erfahrung voll bestatetigen. Natuerlich gibt es auch dort Menschen, die es nicht schaffen. Aber das Vorurteil, dass es kein Sicherheitssystem gibt ist falsch. Die Armen hungern nicht, haben meist einen Flat Screen Fernseher und hatten schon immer kostenlose medizinische Behandlung, die ihnen die Krankenhaueser nicht verweigern durften. Die Kosten wurden halt auf die Versicherten umgelegt.
    Der mit Abstand groesste Einflussfaktor fuer Armut ist der Zerfall von Familien. Und da sind wir in unserem Sozialdemokratischen System, das europaweit nicht nachhaltig ist, auf dem gleichen Weg. Also kein Grund auf dem hohen Ross zu sitzen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "So schnell geht es -"
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    • H.v.T.
    • 20. Januar 2013 8:15 Uhr

    "Der mit Abstand groesste Einflussfaktor fuer Armut ist der Zerfall von Familien."
    ---

    Der mit Abstand größte Einflussfaktor für Armut ist der Reichtum einiger weniger !

  7. 15. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    4 Leserempfehlungen
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    • R_IP
    • 20. Januar 2013 14:23 Uhr

    Bitte verzichten Sie auf haltlose Vergleiche und diffamierende Äußerungen. Die Redaktion/fk.

    • zappp
    • 20. Januar 2013 7:02 Uhr

    Insbesondere wenn sie diese Weltanschauung nicht erst als Milliardär entwickeln.

    2 Leserempfehlungen
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    wobei libertär auch heißt möglichst wenige Regelungen.

    Also man "schlägt sich nicht nur durch", sondern die Regelungen des Lebens sind minimal und am Ende darf man klagen oder wird verklagt.

    http://de.wikipedia.org/w...

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Alabama | Alte | Archiv | Dissertation | Familie | Obdachlose
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