Rechtsextremismus : Burschenschafter wegen Verunglimpfung Bonhoeffers verurteilt

Erbittert streiten in den Burschenschaften Reformer gegen ultrakonservative Kräfte. Einen Teil des Konflikts hat jetzt das Amtsgericht Bonn entschieden.

Der Streit um rechtsextremistische Tendenzen in der Deutschen Burschenschaft hat eine neue Etappe erreicht: Das Amtsgericht Bonn verurteilte den früheren Chefredakteur der Burschenschaften-Verbandszeitschrift Burschenschaftliche Blätter, Norbert Weidner, wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener.

Weidner ist eine zentrale Figur im seit Jahren währenden Konflikt zwischen liberalen Verbindungsbrüdern und dem ultrakonservativen Flügel der Burschenschaften. Ende 2011 hatte er in einem burschenschaftsinternen Mitteilungsblatt die Hinrichtung des Theologen und NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffers als "juristisch gerechtfertigt" bezeichnet. Er sei "zweifelsfrei ein Landesverräter" gewesen, schrieb Weidner. Die Staatsanwaltschaft ermittelte und stellte ein "besonders öffentliches Interesse" an der Angelegenheit fest.

Am Dienstag verurteilte ihn die Richterin in Bonn zu 40 Tagessätzen á 30 Euro und bekräftigte damit einen bereits zuvor erlassenen Strafbefehl. Weidner will Rechtsmittel einlegen, sagte er nach der Verhandlung.

Anschläge in Südtirol

Das Bonner Verfahren ist der erste Strafprozess gegen einen Burschenschafter seit Jahrzehnten – zuletzt standen Verbindungsbrüder in den sechziger Jahren vor Gericht. Damals ging es um Anschläge, mit denen Wiener Burschenschafter Südtirol terrorisiert hatten.

Zunehmend aber fallen Burschenschafter in Deutschland und Österreich durch Äußerungen auf, die an der Grenze zur Meinungsfreiheit liegen. Viele progressiv ausgerichtete Bünde klagen zudem über Verbindungen von Burschenschaften in die rechtsextremistische Szene und die NPD. Sie fürchten eine Übernahme des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft durch völkisch-nationalistische Kräfte. Auf dem Verbandstreffen 2011 gipfelte das in einem Antrag der Bonner Burschenschaft Raczeks, zu der auch Weidner gehört: Burschenschafter dürfe künftig nur werden, wer deutscher Abstammung sei.

Nach einjährigem, erbittertem Streit erzielte der liberale Flügel der Burschenschaften einen Teilerfolg: Das Plenum setzte Weidner als Chefredakteur des Verbandsblattes ab. Der Flügelkampf ist dennoch nicht beigelegt: Weidners Nachfolger wurde der Journalist Michael Paulwitz, Autor der rechtskonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit. Mehr als ein Dutzend Burschenschaften traten seitdem aus dem Dachverband aus und erwägen, sich neu zusammenzuschließen.

Persönliche Erklärung vorgetragen

Vor das Bonner Amtsgericht musste Weidner nur deshalb, weil er einem schriftlichen Strafbefehl widersprochen hatte. Der lag mit 2.400 Euro höher als die nun verhängte Strafe, die Richterin passte das Maß jetzt Weidners derzeitigen Einkommensverhältnissen an. Seitdem er den Job als Chefredakteur los ist, fehlt ihm die Haupteinnahmequelle.

Das Gericht hatte Weidners persönliches Erscheinen angeordnet. Sein Anwalt blieb fern. Während der etwa halbstündigen Verhandlung trug Weidner eine Erklärung vor, die ihn entlasten sollte. Das fragliche Mitteilungsblatt habe mit etwa 145 Empfängern eine nur geringe Verbreitung, argumentierte er. Zudem habe er Bonhoeffer nicht mit Vorsatz verunglimpft. Er habe vielmehr aus mehreren Quellen zitiert, als er für das benannte Mitteilungsblatt schrieb. "Ich hätte das besser als Zitat kennzeichnen sollen", bedauerte Weidner.

Der studierte Wirtschaftsjurist ist entschlossen, das Verfahren durch die Instanzen zu treiben. Er sehe grundsätzliche Fragen berührt, sagte er. Unterschiedliche Bewertungen historischer Sachverhalte dürften nicht zu strafrechtlichen Ermittlungen führen.

Das jetzige Urteil ist für ihn "erwartungsgemäß ausgefallen", sagte Weidner. "Wer will schon als Richter dafür in Anspruch genommen werden, jemanden freizusprechen, der Bonhoeffer als Landesverräter bezeichnet hat."

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ihre Nachbarn ?

Beim Teutates, hier sind ja seltsame Intelligenzbolzen versammelt.

Meine Nachbarn sagen "Der Bewohner Berlins ist dumm und plappert nur nach; keinesfalls hat er zur Thematik selbst recherchiert".

Ihre Nachbarn ?
Lassen Sie ihre Nachbarn vom Pferd erzählen.
Was denken Sie ?
Nun aber schnell zum Nachbarn und nach Ihrer Meinung gefragt.
Hinweis...
ich schrieb dass dem Werber noch immer die Ohren klingen.
Sollte aussagen dass ich mit diesem Typen einen langen Meinungsaustausch hatte.

Rundumschlag

Oh, Sie können mich eines besseren belehren, aber ich habe noch nichts auffallend positives von Burschenschaftlern gehört... Sie setzen sich nicht besonders für Bildung ein, schustern sich gegenseitig Jobs zu (BILD!), grenzen Menschen aus (neben Rassismus auch gerne Sexismus), laufen saufend durch die Straßen, fördern nicht Studenten aus den unteren Schichten, sondern vorzugsweise Reiche, ...

Also besonders sozial sind sie nur sich selbst gegenüber- und immer noch weiß ich nicht, was sie eigentlich eine Burschenschaft ausmacht - das oben Genannte hoffentlich nicht.

Lehren Sie sich doch selbst, anstatt andere aufzufordern!

Wir hatten das Problem in einer früheren Diskussion schonmal: man hört immer nur das, was man hören will. Wie wäre es denn mit selbst informieren?

Meine Erfahrung sagt mir, dass es sich bei den meisten Verbindungen und auch bei vielen Burschenschaften um nichts anderes als günstige Wohngemeinschaften handelt, zusammen mit etwas spätpubertärer Freude am Besaufen (allerdings auch nicht immer) und albernen Ritualen. Das ganze Traditionsgedöns wird mitgemacht, um die "Alten" bei Laune zu halten, da die ja diejenigen sind, die die Häuser subventionieren. Bei einigen gibt es dann noch eine politische Färbung, bei wenigen ist sie auch jenseits der Rechtstaatlichkeit. Sicherlich ist eine Verbindung auch Anlaufstelle für diejenigen, die mit dem Freundschaften knüpfen auf eigene Faust ihre Probleme haben. So ein Männerbund schweißt zusammen. So wie eben auch beim Sport oder beim Stammtisch. Und GERADE Studienanfänger aus nichtakademischen Verhältnissen landen oft bei Verbindungen, da sie dort einfacher Anschluss finden und alles auch etwas unverkrampfter/pragmatischer sehen. Nur Akademikerkinder aufzunehmen, kann sich angesichts der Mitgliederschwünde heute keine Verbindung mehr leisten.

In Sachen Seilschaften ist eine Burschenschaft heutzutage m.E. nicht einflussreicher oder effektiver als jeder stinknormale Sportverein - Vitamin B gibt es immer dort, wo sich Leute gut kennen und gemeinsam organisieren. Das mag früher in der Tat anders gewesen sein.