Machtübernahme"Die Massen am Straßenrand rissen ihre Arme hoch"

Am Jahrestag von Hitlers Machtübernahme hat die Kanzlerin aufgerufen, sich für Demokratie zu engagieren. Im Bundestag gab es eine Gedenkstunde – mit einer Zeitzeugin.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Gedenkveranstaltung zur Machtübernahme der Nazis in Berlin

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Gedenkveranstaltung zur Machtübernahme der Nazis in Berlin  |  © Guido Bergmann/Bundesregierung - Pool via Getty Images

Zum 80. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu mehr politischem Bewusstsein aufgerufen. Menschlichkeit und Menschenrechte ließen sich immer nur von couragierten Bürgern durchsetzen, sagte die Kanzlerin zur Eröffnung einer Ausstellung im Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors. Dort waren einst die Zentralen von SS und Gestapo untergebracht.

Der Aufstieg Adolf Hitlers sei möglich gewesen, weil die deutschen Eliten und weite Teile der Gesellschaft daran mitwirkten, sagte Merkel. Eine Mehrheit habe sich bestenfalls gleichgültig verhalten.

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Merkel besuchte anschließend die Ausstellung über die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Die Schau zeichnet die ersten Monate der nationalsozialistischen Herrschaft nach und erinnert an 36 Bürger, die in den ersten Wochen nach der Machtübernahme Opfer der Verfolgung wurden.

Gedenken auch im Bundestag

Im Bundestag wurde gleichzeitig der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Bundestagspräsident Norbert Lammert forderte von den Menschen, die Demokratie zu verteidigen. Dass dies auch heute notwendig sei, zeigten "in jüngster Zeit die unglaubliche, entsetzliche NSU-Mordserie und antisemitisch motivierte Gewalttaten", sagte Lammert im voll besetzten Plenum des Bundestages. Der Reichstag selbst sei ein stummer Zeuge der Demontage der ersten deutschen Demokratie vor 80 Jahren.

"Wir gedenken heute aller Opfer der verbrecherischen Ideologie des Nationalsozialismus", sagte Lammert weiter. Die Machtübernahme durch Adolf Hitler genau vor 80 Jahren "war kein Betriebsunfall". Dies sei weder zufällig noch zwangsläufig geschehen.

Die deutsch-israelische Schriftstellerin Inge Deutschkron schilderte im Bundestag die Deportation der Berliner Juden und das Gefühl von Schuld als Überlebende. Die letzte Deportation habe mehrere Tage gedauert. "Dann waren sie alle weg, meine Familie, meine Freunde", sagte Deutschkron in der Gedenkstunde. "Wo waren sie jetzt, was tat man ihnen an? Ich begann mich schuldig zu fühlen", sagte Deutschkron. "Dieses Gefühl von Schuld verfolgte mich, es ließ mich nie wieder los."

Begeisterung der Menschen nach der Machtübernahme

Die jetzt 90-Jährige hatte sich mit ihrer Mutter zwei Jahre und vier Monate in Berlin versteckt und war dem Holocaust entgangen. Deutschkron berichtete von der Begeisterung vieler Menschen nach der Machtübernahme Hitlers. "Die Massen am Straßenrand rissen ihre Arme hoch", sagte Deutschkron. Die Ausgrenzung der Juden begann. "Oft konnte ich des Abends nicht einschlafen und horchte auf die Tritte im Treppenhaus." Ihre Ängste habe sie verschwiegen.

Die Stimmung daheim sei immer angespannter, in der Stadt immer unangenehmer geworden. Ihr Vater, ein Gymnasiallehrer, sei entlassen worden. Die meisten Deutschen hätten weggeschaut, wenn sie ihren Judenstern gesehen hätten. Manche hätten ihr heimlich etwas zugesteckt. "Doch es gab auch andere, solche, die mich mit Hass ansahen", berichtete Deutschkron.

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Leserkommentare
    • Chali
    • 30. Januar 2013 16:00 Uhr

    Solange es sich bei der Demokratie, die die Kanzlerin meint, nicht um eine "marktkonforme" handelt, will ich das gerne tun.

    Ich frage mich nur, welche Partei, welche Gruppierung sich einsetzt für " Menschlichkeit und Menschenrechte". Und nicht nur für deutsche Menschen, sondern sogar für jeden Europäer oder sugar jeden Menschen.

    10 Leserempfehlungen
  1. Das war einmal, dass Rechte u. Kaisertreue die Demokratie gefährdeten. Heute gefährdet ein orthodoxer Marktglaube demokratische Strukturen.

    Auch wenn der Antisemitismus ein wesentlicher Bestandteil des Nationalsozialismus war, dass ausschließlich eine Überlebende des Holocauts als Gast eingeladen wurde, spricht Bände. Zu Beginn der Machtübernahme waren es gerade Kommunisten, die in den ersten KZ interniert und umgebracht wurden. In Folge der "Machtübernahme" kamen mehr als 50 Millionen Menschen ums Leben.

    20 Leserempfehlungen
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    Das Osnabrücker Symphonieorchester führt dieser Tage Beethovens 9. in Wolgograd auf. Das ist ziviles deutsches Engagement.
    http://www.noz.de/lokales...

    Man sollte sich schon mal die Abstimmung zum Ermächtigungsgesetz 1933 ansehen das die Nazis an die Macht gebracht hat.
    Das Zentrum ist die Vorgängerpartei von CDUCSU, bei den Liberalen ists bekannt. (nebenbei haben die sogenannten "Bürgerlichen" damit auch in Kauf genommen daß ihre Kollegen von der Sozialdemokratie ins KZ gesteckt werden).
    http://de.wikipedia.org/wiki/Ermächtigungsgesetz#Abstimmung
    Konservative u. Liberale haben für Hitler gestimmt

    Außerdem gabs noch große Konzerne u. ihre Lenker:
    http://www.youtube.com/wa...
    Hitlers amerikanische Geschäftsfreunde (u. andere aus dem In- u. Ausland)

    Parallelen zu heute? Wieder einmal erklärt es Georg Schramm, besser gehts nicht!
    http://www.youtube.com/wa...
    Der Kapitalismus ist die Bedrohung.
    Ab 3:15min: "Warum haben die Bürgerlichen Hitler zugestimmt? Weil Hitler ihnen versprochen hat daß er die Funktion des Grüßaugustpräsidenten Hindenburg erhalten wird....In USA hat Roosevelt hat...die Reichen geschröpft u. bei uns haben die bürgerliche Großkapital u. die Hochfinanz Schlägertrupps engagiert damit die systemische Bedrohung in den Griff gebracht wird...mit Raubmord u. Erweiterung des Lebensraums..."

    Marktradikalismus - kommt nicht von rechts?

    • Auer
    • 30. Januar 2013 16:33 Uhr

    Die Formulierung "Opfer des Nationalsozialismus" ist meiner Meinung nach unklar und nebulos.Opfer des deutschen Nationalsozialismus ist eine richtige Formulierung.

    3 Leserempfehlungen
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    Zitat 3: Die Formulierung "Opfer des Nationalsozialismus" ist meiner Meinung nach unklar und nebulos.Opfer des deutschen Nationalsozialismus ist eine richtige Formulierung.

    Es gab nur den DEUTSCHEN Nationalsozialismus. Italien und Spanien
    waren Faschismus. Somit bedarf es des Zusatzes "deutsch" nicht; Nationalsozialismus und deutsch sind in diesem Zusammenhang fast schon Synonyme.

    Im übrigen: es werden immer die "slawischen Untermenschen", darunter viele Serben, vergessen, die ebenso wie Russen, etc. Opfer waren. Ihrer wird meistens nicht gedacht. Und dann noch die Kommunisten, gleich Anfang 1933.

    Es gäbe noch viele Mahnmale einzurichten !

  2. Hehre Worte der Kanzlerin. Ihr sei entgegengehalten: Vor einem Jahr setzte die "Aktion Unwort des Jahres" ihre "marktkonforme Demoktatie" auf die Kandidatenliste. Die Begründung: Bei dem Begriff Demokratie handle es sich um eine absolute Norm. Sie lasse sich nicht durch eine Konformität gegenüber anderen Instanzen relativieren.
    Eine Kanzlerin, die die Schaffung rechtsfreier Räume in der EU - wie den ESM-Gouverneursrat - bedenkenlos forciert, muss sich den Vorwurf fehlenden Demokratieverständnisses gefallen lassen.
    Gerade die couragierten Bürger, die Merkel zum Einsatz für die Demokratie aufruft, machen sich Sorgen. Nicht zuletzt wegen dieser Kanzlerin. Demokratie muss jeden Tag auf das Neue erhalten werden. Hoffentlich muss sie nicht eines Tages vor diesen selbsternannten Eliten und deren Kanzlerin geschützt werden, für die Demokratie nur ein Spiel - aber ein marktkonformes - zu sein scheint.
    Das Grundgesetz hat weiterhin zu gelten. Es schreibt die Sozialstaatlichkeit vor und definiert die Kompetenzen des Bundestages, ohne die jede Demokratie abstirbt. Das wurde in der Weimarer Republik missachtet. Das Ende hatte fürchterliche Konsequenzen.
    Vielleicht liest die Kanzlerin einmal die Geschichte der Weimarer Republik nach. Dabei reichen die Standardweke Karl Dietrich Brachers. Linke Faschismustheoretiker müssen es gar nicht sein.

    14 Leserempfehlungen
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    Tut mir leid - und auch wenn meine Meinung wieder gestrichen wird:

    Frau Merkel ist - wie die meisten im Osten, die 1990 älter als 20 Jahre waren - von der Diktatur geprägt; das macht sich auch hier und jertzt noch durch ihr Verhalten bemerkbar. Analog so war es nach 1945

    Und man (die Medien) sagt Frau Merkel ja nach, dass sie situationsbedingte Standpunkte hat.

    • kabaso
    • 31. Januar 2013 10:40 Uhr

    was ist für Sie eine Demokratie?

    Der Vorwurf fehlender Demokratie beginnt meiner Meinung nach schon in den Parteien.
    Durch die Listen kommen Personen nach vorne die der Wähler nicht kennt und nicht direkt gewählt hat. In unserem Parteienrecht liegt vieles im Argen.

  3. 5. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung
  4. Bitte verzichten Sie auf diffamierende Gleichsetzungen und undifferenzierte Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

    4 Leserempfehlungen
  5. Zum 80'sten, standen "Millionen" hinter ihm. Zum 70'sten, wurden die "letzten" ca. 100.000 dt.Soldaten für einen Wahn für Tot erklärt. Und am 69'sten wurde "die Fabrik" befreit,in der in wenigen Monaten ca.1.400.000 Menschen,für den gleichen Wahn, sprichwörtlich >verbrannt

  6. Das Osnabrücker Symphonieorchester führt dieser Tage Beethovens 9. in Wolgograd auf. Das ist ziviles deutsches Engagement.
    http://www.noz.de/lokales...

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, zz
  • Schlagworte Adolf Hitler | Angela Merkel | Norbert Lammert | CDU | Ausstellung | Betriebsunfall
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