SterbehilfeHumanitäres Engagement oder Geschäft mit dem Tod?

Der australische Arzt Philip Nitschke setzt sich für eine weltweite Freigabe aktiver Sterbehilfe ein. Workshops hält er auch in Deutschland und in der Schweiz. von 

Brisbane. Am Ende öffnet Doktor Philip Nitschke die Ladefläche seines silbergrauen Lieferwagens, in dem sich ein kleines Testlabor für todbringende Medikamente verbirgt. Wie kürzlich während einer Veranstaltung in Sydney stehen bis zu hundert vorbestellte Gasflaschen bereit, in Tüten verpackt, gefüllt mit Stickstoffgas. Das Gas, lateinisch Nitrogenium, bringe Sterbewilligen "einen sanften Tod", sagt Nitschke. Der Zweck des Handels bleibt unausgesprochen – und dennoch eindeutig. Dutzende Gaszylinder aus Edelstahl wechseln zu einem Stückpreis von umgerechnet 520 Euro den Besitzer.

Die Käufer sind bürgerlich, 50 Jahre und älter. Mehrere Teilnehmer des Seminars sind unheilbar krank. Einer der Kunden ist der 92-jährige Robert Davies. Akkurat gekleidet, mit grünem Seidenhemd, Gehstock und einer teuren Aktentasche. Er habe keine Verwandten mehr, erzählt Davies: "Wenn meine Lebensqualität sinkt, wenn ich ständige Schmerzen bekomme, will ich selbst bestimmen können, wann ich sterbe."  

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Exit International arbeitet international

Der Sterbehelfer Nitschke gilt als international bekanntester Verfechter des patientenverfügten Freitods. 1997 gründete er die in Australien als gemeinnützig firmierende Organisation Exit International. Das Unternehmen verfügt neben der Zentrale in Darwin über weitere Büros in den USA und Großbritannien. Dort und auch in Deutschland, Irland, den Niederlanden und der Schweiz wird er in diesem Jahr weitere Seminare geben. In Australien treffen sich alle drei Monate Exit-Mitglieder, die Jahresbeiträge von rund 85 Euro bezahlen. Weltweit war der Zulauf in jüngster Zeit offenbar groß: Zählte Exit International vor zwei Jahren 3.500 Mitglieder, so spricht Nitschke inzwischen von "knapp 6.000".

Früher kämpfte er für Landrechte der Aborigines. Doch seit das australische Nordterritorium 1995 die weltweit erste Gesetzgebung für unheilbar Kranke (The Rights of the Terminally Ill Act) schuf, wirbt der Mediziner aus Darwin weltweit für eine Freigabe aktiver Sterbehilfe. Zwar sorgte der damals ins Amt gekommene erzkonservative John Howard für die Rücknahme des Gesetzes. Nitschke aber nutzt bis heute alle Mittel, um für die erneute Freigabe zu werben. So mietete er ein großes Plakat an einer Autobahn im Südwesten von Sydney und versuchte 2010 – erfolglos jedoch – Werbespots im australischen und kanadischen Fernsehen zu platzieren.

Das Interesse seiner Landsleute ist ihm in jedem Fall gewiss: Der Veranstaltungsraum des Seminars im Community Center von Robina, 80 Kilometer südlich von Brisbane, ist innerhalb weniger Minuten bis auf den letzten Platz gefüllt. Zwei Fernsehsender, Al Jazeera und das staatliche australische Fernsehen, filmen den Vortrag für Dokumentationen. Fast 300 Zuhörer sind gekommen.

Nitschke referiert im Plauderton. Mikrofon und Projektor genügen ihm, um seine zentrale Botschaft zu verkünden: "Selbstmord ist kein Verbrechen." Doch schnell fügt er an: "Beihilfe zum Selbstmord wird in Queensland mit lebenslänglichem Gefängnis bestraft." Er muss vorsichtig sein. Derzeit laufen zwei Beschwerden der ärztlichen Selbstverwaltung gegen den 65-Jährigen: Zum einen geht es um den Vorwurf, Nitschke habe das Barbiturat Nembutal aus Mexiko eingeführt, um in Australien Sterbehilfe zu leisten. Dafür, und das ist die zweite Beschwerde, fehle ihm die Zulassung. "Das Schlimmste was mir droht, ist die Aberkennung meines Doktortitels", wiegelt er ab. Tatsächlich werden Nitschke keine strafrechtlichen Vergehen vorgeworfen. 2005 und 2006 war er sogar im Finale des Wettbewerbs Australian of Year, einer hohen staatlichen Auszeichnung.

Leserkommentare
  1. Zu einem selbstbestimmten Leben gehört auch ein selbstbestimmter Tod.
    Es spricht Bände, dass in Deutschland den Menschen verweigert wird, was jedem Haushund gnädigerweise zukommt: Zu sterben, wenn man unheilbar krank ist.

    Untertan bis in den Sarg.

    20 Leserempfehlungen
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    • Oyamat
    • 08. März 2013 22:50 Uhr

    Zitat: "Zu einem selbstbestimmten Leben gehört auch ein selbstbestimmter Tod."
    Naja, derart selbstbestimmt, wie wir leben, sind wir derzeit bem Sterben recht frei. Wenn "Tötung auf Verlangen" in Mode kommt, wird's damit bald vorbei sein.

    Wir sind als Kleinkinder ziemlich sicher alle auf Lob versessen gewesen, also haben wir uns bestimmen lassen, was "brav" sein sollte. Als Schüler haben wir der Schul-Norm und den Mitschülern gehorcht, die uns diktiert haben, was wir wann zu tun und zu sagen hatten. Teils direkt, teils indirekt. Haben nachgeplappert, was "in" war, und dergleichen.

    In der Ausbildung haben wir vor den großen und kleinen Chefs geduckt. Haben uns bemüht, es mit den wichtigen Leuten nicht zu verderben. Haben gelernt, was wir wissen sollten.

    Im Beruf haben wir uns an den Kollegen orientiert, haben in Cliquen und Gruppen Anschluß gesucht. Wir haben gelernt, zu welchen Themen man mitreden können mussten, und uns da auf dem Laufenden gehalten.

    Nix davon hat uns der Staat verordnet, abgesehen von den Stundenplänen in der Schule. Alles andere kam von Nachbarn, Kollegen, Bekannten.
    Und genau die werden es sein, die diktieren, wann man selbstbestimmt sterben gehen muß, wenn sie das erst dürfen. Und das wird dann nicht viel mit Altern und Krankheit zu tun haben, sondern mit einem Scherbengericht auf moderne Art. "Was, mit 2 Promille am Steuer erwischt? Na da würde ich ja gleich mal 'ne Gasflasche ordern, nach sowas..."

    Oyamat

    • IngeM
    • 09. März 2013 17:35 Uhr

    bestellen, wenn man das qualvolle Leben nicht mehr ertragen kann.

    Der gibt eine Spritze, und das Tier schläft friedlich ein, es kostet nur ein paar Euro und man braucht nicht lange herumhantieren mit Plastiktüten etc.

    Haben Sie vielleicht schon Mal überlegt, warum es einem Haushund gar so "gnädigerweise" zukommt, einem Menschen aber nicht ?

    Das brächte vielleicht Mal nen anderen Blickwinkel in die Debatte ?

    • keibe
    • 08. März 2013 20:37 Uhr

    nun nicht völlig im Stich lässt, ist das:

    "Brisbane. Am Ende öffnet Doktor Philip Nitschke die Ladefläche seines silbergrauen Lieferwagens, in dem sich ein kleines Testlabor für todbringende Medikamente verbirgt. Wie kürzlich während einer Veranstaltung in Sydney stehen bis zu hundert vorbestellte Gasflaschen bereit, in Tüten verpackt, gefüllt mit Stickstoffgas. Das Gas, lateinisch Nitrogenium, bringe Sterbewilligen "einen sanften Tod", sagt Nitschke. Der Zweck des Handels bleibt unausgesprochen – und dennoch eindeutig. Dutzende Gaszylinder aus Edelstahl wechseln zu einem Stückpreis von umgerechnet 520 Euro den Besitzer."

    passive Sterbehilfe und die ist straffrei:

    "Der Suizid(versuch) ist in Deutschland als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts straffrei, ebenso die Teilnahme (Beihilfe und Anstiftung)."

    nach: http://de.wikipedia.org/w...

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    Passive Sterbehilfe hat mit Suizid nichts zu tun.

    Aktive Sterbehilfe: Ich töte auf Wunsch des Patienten den Patienten. In Deutschland durch § 216 StGB verboten.

    Indirekte (aktive) Sterbehilfe: Auf Wunsch des Patienten wird im terminalen Zustand eine so hohe Dosis an Schmerzmitteln gegeben, dass der Tod in Kauf genommen wird. In Deutschland erlaubt.

    Passive Sterbehilfe: Sog. Sterbenlassen. Gegen den Wunsch des Patienten darf nicht behandelt werden! Sprich: Wenn jemand zu Lebzeiten gewünscht hat, dass er nicht beatmet vor sich hin vegetieren will, dann dürfen die Ärzte lebenserhaltende Therapien beenden. Dies ist durch die Selbstbestimmung im Grundgesetz gedeckt, die sich gegen "Zwangsbehandlung" richtet. Daher in Deutschland erlaubt.

    Suizid: In Deutschland straffrei. Beihilfe zu einer straffreien Tat ist generell ebenfalls straffrei. Wenn ich jemandem also dabei helfe, habe ich mich keiner Straftat schuldig gemacht. Juristisches Schmankerl: Wenn ein Arzt jemandem beim Suizid hilft und dabei anwesend ist, macht er sich nicht strafbar. Er befindet sich jedoch möglicherweise in einer sog. Garantenstellung gegenüber dem Patienten, sprich: sobald der Patient das Bewusstsein verliert (z.B. nach Einnahme eines Medikamentes), müsste der Arzt ihn dann mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln behandeln, um sich nicht der Tötung durch Unterlassen strafbar zu machen. Schlau, nicht? :-)

  2. 3. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Eine Leserempfehlung
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    Mehr Info hier:

    www.sterbenduerfen.de

  3. in Gang setzen , dass wäre zumindest ein guter Effekt der Diskussion.

    Es wäre bedauerlich , wenn die aktuelle Krankheitsindustrie durch eine "Sterbeindustrie" abgelöst wird , dieses ist nicht erwünscht.

    Aber den Menschen wieder ihre Autonomie und die Hoheit für ihr Schicksal zurückzugeben , und weitaus mehr auf Lebens - und Sterbequalität zu achten, dass ist eine Diskussion , die zu führen sich lohnt.

    2 Leserempfehlungen
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    • Oyamat
    • 08. März 2013 23:03 Uhr

    Zitat: "Es wäre bedauerlich , wenn die aktuelle Krankheitsindustrie durch eine "Sterbeindustrie" abgelöst wird , dieses ist nicht erwünscht."
    Naja, von wem erwünscht oder nicht erwünscht?
    Wer "Humankapital" beurteilt, wird eventuell durchaus wünschen, daß bei drohender negativer Bilanz ("kostet mehr, als er erwirtschaftet") eine wohlgehende Sterbeindustrie den Verlust verhindert.
    Und wenn man ein wenig herumhört, wo der Bodensatz menschlicher Bedrüfnisse sich artikuliert, wird man feststellen, daß auch das "die Christen vor die Löwen" sich nach wie vor großer Beliebtheit erfreut, gegebenenfalls mit Ersatz von "Christen" durch beliebige Gruppenbezeichnungen und anstelle der "Löwen" eben modernere Vernichtungsmethoden.

    Medizin und Pflege sind teuer. Gefängnisse auch. *Da*rüber wird geredet werden. Und auf der anderen Seite wird die Ethik ins Belieben des Einzelnen gestellt, wo sie keinen festen Halt hat. Wer allein denkt, wird sich leicht einreden lassen, daß "Tötung auf Verlangen" modern, hip, gesellschaftlich total angesagt und wer weiß was alles ist. Widerstände werden verächtlich gemacht.

    Über die Folgen zu jammern, ist im Grunde jetzt schon zu spät.

    MGv Oyamat

  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit inhaltlichen Beiträgen. Danke, die Redaktion/jz

    Eine Leserempfehlung
  5. Wenn Menschen wissen wohin sie gehen, haben Krankheit und Todesschmerzen gar nicht so viel Macht über sie. Das ist meine Beobachtung. Erstaunlicherweise stellt sich eine Hoffnung ein bei der sie schwerlich auf den Gedanken kämen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Zum Beispiel: Johannes 11,25 "Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.." Mit wie viel Ernst diese Worte zu bedenken sind zeigt mir aber auch Offenbarung 9,6  "Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden, sie werden begehren zu sterben und der Tod wird von ihnen fliehen."

    3 Leserempfehlungen
  6. Wir sind nicht NUR hier, um uns ein paar schöne Tage zu machen. Wir sind hier, um eine Lektion zu lernen. Eine Lektion, die WIR SELBST ausgesucht haben, bzw. unsere Seele, die durch viele Inkarnationen hindurch immer reifer wird. Je reifer sie wird, umso mehr Leid muss sie u.U. auch ertragen.
    Ein Leben, das vorzeitig beendet und somit weggeworfen wird, war optimal für diese Lektion geeignet.

    Wer diese Lektion nicht beendet, muss sie wiederholen. Er ist dem Konflikt oder dem Leid ausgewichen. In ihrer nächsten Inkarnation wird diese Individuelle Seele erneut dieselbe Lektion lernen müssen und bis dahin SEHR viel Zeit umsonst vertan haben.
    Was also ist der Gewinn ???

    Sie haben sich um dieses Leben beworben! Hunderte, Tausende, ja womöglich Millionen anderer Seelen wollten genau dieses Leben haben, um genau diese Lektion zu erlernen. Sie hatten das große Los gezogen, Sie durften antreten, um zu lernen. Und Sie haben diesen Hauptgewinn weggeworfen...

    Wer sich selbst bewusst das Leben nimmt, geht mit genau dieser Energie ins Jenseits. Das bringt viele Probleme mit sich. Hauptsächlich das einen riesen Zeitverlustes, bevor man erneut inkarnieren kann.

    Sie sind der Wehrlose und Unschuldige, den Sie umgebracht haben. Oh, plädieren Sie ruhig auf „Tötung auf Verlangen“, das würde ein Anwalt schließlich auch tun. Aber der Getötete war unzurechnungsfähig, als er das verlangt hat. Und der Mörder? War der nicht ebenfalls unzurechnungsfähig?

    All das sind Ausflüchte und Umwege.

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    glauben Sie wirklich??!! Tun Sie das, aber lassen Sie die Anderen damit doch in Ruhe!!!

    danke, lieber Forenteilnehmer,
    ich danke Ihnen für Ihre 'buddhistische Lerneinheit',
    es ist nur so, daß Sie mit Ihrer KarmaDrangsal
    die 'negative Erwartungshaltung' der christlichen
    Lehre noch toppen, schließlich ist Ihre 'Version'
    der Eschatologie ein potentierter Horror zu den
    'Höllenvisionen' der Katholen und Evangelen..,
    diese haben es sich nämlich ihr 'Ergebnis'
    zutiefst verdient gemacht, indem sie ABSICHTLICH
    den 'Weg des Heiles' verlassen hatten, das
    ist dann die 'ausgesprochene Opposition zu Gott'.
    Aber Ihre 'Version'..., die wünscht man seinem
    schlimmsten Feinde nicht; schließlich könnte man
    ihm ja noch mal begegnen..., har, har, harrr!

    Schäger Humor?!

    Vielleicht, liebe Redaktion ist dieses Thema ohne
    den Heilsweg durch Jesus Christus nur so zu ertragen...?

  7. Sie haben sich um dieses Leben beworben! Hunderte, Tausende, ja womöglich Millionen anderer Seelen wollten genau dieses Leben haben, um genau diese Lektion zu erlernen.

    Ich habe mich um diesen Misthaufen namens Leben nicht beworben. Unter Garantie nicht.

    Wer sich selbst bewusst das Leben nimmt, geht mit genau dieser Energie ins Jenseits. Das bringt viele Probleme mit sich.

    Sie meinen, wenn mir gnädigerweise heute Nacht das Herz stehenbliebe, würde ich keine negative Energie mitnehmen, wenn ich vom Balkon spränge schon. Das klingt nicht sonderlich logisch.

    4 Leserempfehlungen
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    "Sie meinen, wenn mir gnädigerweise heute Nacht das Herz stehenbliebe, würde ich keine negative Energie mitnehmen, wenn ich vom Balkon spränge schon. Das klingt nicht sonderlich logisch."

    Genau. In ersterem Fall bleibt ihre Lebensuhr auf natürliche Weise stehen, nämlich, weil sie abgelaufen ist.

    In zweiterem Fall ist sie nicht abgelaufen, sondern sie stoppen Sie gewaltsam.

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