Integration : Der doppelte Staatsbürger

Wie geht das, gleichzeitig Grieche und Deutscher sein? Unser Autor hat sich einbürgern lassen und ist dabei auf viele Widersprüche gestoßen, auch bei sich selbst.
Internationale Beflaggung während der Fußball-EM an einem Wohnhaus im Berliner Stadtteil Friedrichshain © Michael Gottschalk/AFP/Getty Images

Diese eine Frage, als Kind habe ich sie immer wieder gehört: "Was bist Du eigentlich: Deutscher oder Grieche?" Egal, ob der Nachbar in Eschweiler fragte oder die Tante aus Thessaloniki. Ihnen schien die Sache nicht ganz klar zu sein. Mir auch nicht.

Eine Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Und das, obwohl ich seit Kurzem auch offiziell Deutscher bin. Ein knappes Jahr hat das Einbürgerungsverfahren gedauert, am Ende finde ich mich wieder im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses. Um mich herum 500 Menschen, denen es so ähnlich gehen dürfte wie mir. An der Decke drei Kronleuchter, jeder so groß wie ein Kleinwagen. Die Gäste tragen Sonntagskleidung.

"Eine Einbürgerung ist nichts Alltägliches", sagt der Bürgermeister Olaf Scholz zu Beginn seiner Rede. Der SPD-Politiker hat eingeladen zu der Feier. Letzter Programmpunkt: "Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland". Ich sehe blonde Haare, Krückstöcke, Kopftücher, Miniröcke. Die Gäste haben sich um einen deutschen Pass beworben und ihn bekommen. Viele mussten Integrationskurse bestehen, Sprach- und Einbürgerungstests. Bei mir war es einfacher.

Früher galt das Blutsrecht

Ich wurde 1980 in Deutschland geboren, zu einer Zeit, als noch das Abstammungsprinzip galt. Manche sagen dazu auch Ius sanguinis oder Blutsrecht. Da meine Eltern Griechen sind, besaß ich von Geburt an nur die griechische Staatsangehörigkeit. Die Dauerfrage meiner Kindheit hätte ich klar beantworten können: Grieche. Eigentlich.

Ausländer zu sein, war wenig problematisch. Als EU-Bürger hat man fast die gleichen Rechte wie deutsche Staatsbürger. Es gibt aber Einschränkungen, kleine und größere: Als Schüler brauchte ich eine Meldebescheinigung, um mir in der Videothek Filme auszuleihen. Im Reisepass steht keine Adresse. Später durfte ich nicht mitbestimmen, wer Bundeskanzler wird. Nur Deutsche dürfen das. Deshalb habe ich vor zweieinhalb Jahren den deutschen Pass beantragt.

Zacharias Zacharakis

Zacharias Zacharakis ist Redakteur von ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Im Frühling 2010 stand ich in einem dürftig beleuchteten Flur des Einwohner-Zentralamtes in Hamburg. Linoleumboden, pastellfarbener Beton. Was kommt jetzt auf mich zu? Unzählige Formulare? Unfreundliche Beamte? Womöglich ein Einbürgerungstest?

Abiturzeugnis reicht als Sprachnachweis

Sachbearbeiter V bis Z öffnete die Tür. "Guten Morgen, Olaf Petersen", sagte er, ein freundlicher Mann Ende 30, Hamburger Tonart. Er wies mir einen Stuhl zu. Ich sagte, dass ich in Deutschland Abitur gemacht und studiert habe. Nun als Journalist arbeite. Frage: Brauche ich auch einen Sprach- oder Einbürgerungstest?

Petersen schaute in meine Unterlagen: "Alles kein Problem bei Ihnen. Abiturzeugnis reicht als Sprachnachweis. Sie haben sogar einen Rechtsanspruch auf die Einbürgerung." Umsonst ist das Deutschsein allerdings nicht zu haben. Bearbeitungsgebühr: 255 Euro, zuzüglich der Kosten für Personalausweis und Reisepass. Einzuzahlen im Kassenraum gegen Quittung.

In den folgenden Tagen füllte ich den Antrag aus. Trug ein, wie hoch Einkommen und Miete sind. "Sie müssen in der Lage sein, ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Unterhaltsberechtigten zu sichern", sagte mir Petersen. In einem anderen Formular die Frage: "Haben oder hatten Sie Kontakt zu Personen, die einer als gewaltbereit oder terroristisch eingestuften Gruppe angehören?" Ich kreuzte an: "Nein".

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Kommentare

215 Kommentare Seite 1 von 19 Kommentieren

Doppeltes Wahlrecht...

also, das müssen wir richtigstellen:

1) Wahlrecht zum EU-Parlament ist an den Wohnort gebunden, nicht an die Staatsbürgerschaft. Wenn ich in 2 Ländern gemeldet bin (mit einer Staatsbürgerschaft!!!) kann man ggf zweimal wählen, da beide Wahlämter einen Wahlschein senden.

2) Dies ist allerdings nicht rechtmässig, denn ich musste z.B. als deutscher Staatsbürger in Schweden, eidesstattlich versichern, dass ich nicht in einem anderen Land zur EU-Wahl gehe, wenn ich hier wähle.

3) Es ist ebenso wie in 2 nicht rechtens zweimal mit doppelter Staatsbürgerschaft beim der EU-Wahl zu wählen!

Vielleicht sollte man sich erst einmal etwas kundig machen?

Herzlichst aus Schweden,

BAndhagen

Staatsbürgerliche Pflichten?

die da wären? Solange er sich an das Gesetz hält (mit allem was damit verbunden ist) kommt er seinen Pflichten nach.
Einer der wichtigsten Pflichten kommen doch viele Deutsche auch nicht nach, wie z.B. bei einer Wahl sein Kreuz zu setzen.

Es ist erstaunlich wie viel Häme, Frust und Boshaftigkeit in vielen Kommentaren mitschwingt sobald es um Deutschland, Staatsbürger, Identität, Migration etc. geht.

Ob dürften oder nicht ....

... ist Ansichtssache. Fakt ist: sie SIND nun mal gegeben. Was als Ausnahme apostrophiert wird, hat den Regelfall schon längst stärker durchlöchert als jeden Schweizer Käse. Und es dürfte sehr sehr unwahrscheinlich sein, dass sich diese Ausnahmen wieder abschaffen lassen, um nicht zu sagen unmöglich, angesichts der politischen Realitäten. Was folgt also angesichts des so hoch gehaltenen Gleichheitsgrundsatzes Ihrer Meinung nach daraus?

Wenn Sie sich....

"...Natürlich geht das. Warum nicht?..."

... in schlaflosen Nächten manchmal die Tagesschau von vor 20 Jahren reinziehen, werden Sie feststellen, dass man manche der Sendungen mit geringfügigen Änderungen von Namen und Daten heute noch genauso im Hauptprogramm ausstrahlen könnte, und es vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht auffiele, dass sie sich gerade eine Jahrzehnte alte Konserve reinziehen.

Deutschland ist mit Blick auf die Mechanismen zur politischen und legislativen Entscheidungsfindung und seinem tradierten Hang zur Konsensdemokratie eines der schwerfälligsten Länder überhaupt. Die von mir oben bezeichneten Ausnahmeregelungen sind nicht über Nacht entstanden sondern Folge langjähriger politischer und völkerrechtlicher Entwicklungen, mit einer endlosen Liste an beteiligten Partikularinteressen. Es liegt mir fern, Ihnen Ihre Träume zu nehmen, aber ich ziehe es vor, auf dem Boden der Realitäten zu bleiben.