Los AngelesUS-Diözese legt eigenes Vertuschen bei Missbrauchsfällen offen

Die Katholische Kirche von L.A. hat in einem einmaligen Vorgang Tausende Dokumente über sexuellen Missbrauch veröffentlicht. Sie belegen das Ausmaß der Vertuschung.

Der Erzbischof von Los Angeles, José Gómez

Der Erzbischof von Los Angeles, José Gómez  |  © Wally Skalij/Pool/Getty Images

Die katholische Kirche von Los Angeles hat Tausende Akten über mutmaßlichen sexuellen Missbrauch durch Priester der Erzdiözese im Internet veröffentlicht. Die Dokumente belegen, wie die Diözese über Jahre ihre Priester vor den Anschuldigungen schützte und strafrechtliche Ermittlungen zu verhindern suchte.

Zeitgleich mit der Veröffentlichung gab der Erzbischof José Gómez bekannt, dass sein Vorgänger Roger Mahony von sämtlichen kirchlichen Aufgaben entbunden werde. Auch Mahonys früherer Vikar für Angelegenheiten der Kirche und Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs legte sein Amt als Weihbischof nieder.

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Die Erzdiözese Los Angeles hatte sich 2007 mit 500 mutmaßlichen Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester auf eine Entschädigung in Höhe von 660 Millionen Dollar (heute etwa 487 Millionen Euro) verständigt. Diese Einigung sah auch vor, die Personalakten der beschuldigten Priester zu veröffentlichen. Seitdem war aber heftig umstritten, ob die Namen der Betroffenen geschwärzt werden sollten oder nicht: Die Kirche versuchte erst, die Herausgabe ganz zu verhindern, schließlich sollten zumindest die Namen von Mahony, Curry und anderen Verantwortlichen geheim gehalten werden. Am Donnerstagnachmittag ordnete dann ein kalifornischer Richter an, dass die Erzdiözese die Dokumente innerhalb von drei Wochen übergeben müsse.

Erzbischof nennt Verhalten "traurig und böse"

Die dokumentierten Fälle reichen von den 1940er Jahren bis in die Gegenwart. Vorwürfe gibt es gegen 124 Priester, in 82 Fällen geht es um mutmaßlichen Kindesmissbrauch. "Diese Akten dokumentieren Missbrauch, der vor Jahrzehnten begangen wurde. Das macht ihn aber nicht weniger schlimm", schrieb Erzbischof Gómez in einem Brief an seine Gemeinde. "Ich finde es schmerzhaft und brutal, diese Dokumente zu lesen. Das darin beschriebene Verhalten ist furchtbar traurig und böse. Es gibt keine Entschuldigung, keine Erklärung dazu, was diesen Kindern geschehen ist."

Die Dokumente zeigen, wie die Kirche ihre Priester vor strafrechtlicher Verfolgung zu schützen suchte. So hatte Curry in den achtziger Jahren vorgeschlagen, beschuldigte Priester sollten etwa nicht zu Therapeuten gehen, die Strafverfolgungsbehörden über die Vorwürfe informieren könnten. In einem anderen Fall, in dem ein Priester des Missbrauchs von 20 Jungen beschuldigt wurde, soll Curry die Herausgabe einer Namensliste verhindert haben.

Opferverband reagiert enttäuscht

Öffentlich hatten Kardinal Mahony und Curry nach Bekanntwerden der Anschuldigungen beteuert, dass sie damals den Umgang mit beschuldigten Priestern und auch die Auswirkungen auf die Opfer falsch eingeschätzt hätten. Mahony leitete die Kirche von Los Angeles von 1985 bis 2011, 1991 wurde er zum Kardinal ernannt. Curry war in den 1980er Jahren Personalbeauftragter der Diözese.

Mahony und Curry dürfen nun zwar nicht mehr ihre Ämter wahrnehmen, strafrechtliche Konsequenzen gibt es für sie aber nicht, zudem dürfen sie nach Angaben der New York Times weiter Messen abhalten. Opferorganisationen reagierten deshalb zurückhaltend auf die Personalentscheidungen. Currys Amtsaufgabe sei "ein kleiner Schritt in die richtige Richtung", teilte das Netzwerk SNAP der Zeitung zufolge mit. Die Entbindung Mahonys dagegen wurde als "fast bedeutungslose Geste" abgetan.
 

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Leserkommentare
    • SdV
    • 02. Februar 2013 6:10 Uhr

    Die Würde des Menschen ist unantastbar, sagt das Grundgesetz. Doch die RKK hat die Menschenwürde in tausenden Fällen nachweislich angetastet. Wann endlich wird eigentlich der Verfassungsschutz aktiv und stellt diese Organisation unter strikte Überwachung?

    2 Leserempfehlungen
    • kpknoll
    • 02. Februar 2013 8:41 Uhr

    The church had fought for years to keep the documents secret, and until this week it argued that the names of top church officials should be kept private. But on Thursday, Judge Emilie Elias rejected the church’s requests to redact the names of officials before releasing the files. The diocese released the files, with the names of victims and many other church officials removed, less than an hour later.
    http://www.nytimes.com/20... am Ende des Artikels

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  1. Meines Erachtens sind für die USA mehrere Punkte wichtig

    Die amerikanischen Bischöfe hatten sich schon 2002 auf eine Nulltoleranz gegenüber klerikalen Tätern offiziell geeinigt (wie die umfassenden Dokumente bei http://www.bishop-account... zeigen : Fassade)

    Die investigative Einstellung der amerikanischen Presse (siehe z.B. den Boston Globe, der früher schon klerikale Sexualverbrechen an Kindern und Jugendlichen nebst deren vertuschung dokumentierte http://www.boston.com/glo... ) spielt im Vergleich zu hier auch bei der Aufdeckung eine sehr große Rolle; nebenbei: alle Täter werden abgebildet und voll namentlich erwähnt.

    In den USA gibt es starke Überlebendenverbände wie SNAP (Survivors Network of those Abused by Priests), die ganz anderen öffentlichen Druck erzeugen als die Vereine hier in D´land.

    Die Verjährungsfristen sind bundesstaatlich unterschiedlich geregelt – die RCC kämpft dort seit Jahren erfolgreich gegen Verlängerungen bzw. gegen die „windows“- Regelungen an
    (dies wiederum läuft hier parallel – und schmort in Rechtsausschüssen seiner Verhinderung entgegen)

    2 Leserempfehlungen
  2. in dem man aktiv bei Pädophilen damit wirbt, dass man in der RKK ohne strafrechtliche Konsequenzen. Weil ja, lt Bischof Müller diese programartig wären. Natürlich ist das jetzt übertrieben zynisch und polemisch. Aber könnte nicht der eine oder andere diesen Berufsweg so eingeschlagen haben, aus dieser Motivation? Müller zeigt exemplarisch, wie aus Tätern Oper gemacht werden können. Unfassbar. Anstatt sich in innere Einkehr zu begeben, die Opfer grosszügig und wirklich grosszügig zu entschädigen. Alle Vorwürfe offenzulegen und dann darzulegen, wie dies in Zukunft vermieden werden kann, wird vertuscht, ein angesehenes kriminologisches Institut verunglimpft, die Opfer verhöhnt. Menschenverachtend, zynisch und unbarmherzig. Das sind die Grundwerte, auf denen die RKK fußt? Das ist der Wille Gottes? Reue, Buße und Demut, das würde hier der Kirche gut anstehen. Doch es werden die Opfer noch verhöhnt.

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    @Olaf Nazarenus:

    der Grund, warum Opfer sexualisierter Übergriffe durch die Mitglieder der Organisation RKK ausgegrenzt, diffamiert und oftmals dadurch nochmals schwer geschädigt werden ist einer, der tief in der Geschichte und des Sinns christlicher Institutionen verankert ist.
    Es geht darum, Menschen abhängig zu machen und sie zu kontrollieren. U.a. indem ganz natürliche Bedürfnisse wie sexuelle Aktivitäten oder der Wunsch nach Autonomie zu Verfehlungen erklärt, reglementiert und entsprechend bestraft werden.
    Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland sind eigentlich politische Institutionen.
    Überlebende Opfer erinnern die Führungsriege der RKK dann aber daran, dass dies zugleich zutiefst unmenschlich, ja sogar böse ist. Und dem ursprünglichen Anliegen des Christentums widerspricht.
    Und deshalb reagieren diese Führungsfiguren gegenüber Opfern aggressiv.
    Und was die Gläubigen angeht: die wenden sich von Staatskirche ab oder sie wollen dran glauben. Dann sind sie aber selber schuld.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von über 7 Millionen Wahlberechtigten in diesem Land, die in der Kindheit Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

  3. @Olaf Nazarenus:

    der Grund, warum Opfer sexualisierter Übergriffe durch die Mitglieder der Organisation RKK ausgegrenzt, diffamiert und oftmals dadurch nochmals schwer geschädigt werden ist einer, der tief in der Geschichte und des Sinns christlicher Institutionen verankert ist.
    Es geht darum, Menschen abhängig zu machen und sie zu kontrollieren. U.a. indem ganz natürliche Bedürfnisse wie sexuelle Aktivitäten oder der Wunsch nach Autonomie zu Verfehlungen erklärt, reglementiert und entsprechend bestraft werden.
    Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland sind eigentlich politische Institutionen.
    Überlebende Opfer erinnern die Führungsriege der RKK dann aber daran, dass dies zugleich zutiefst unmenschlich, ja sogar böse ist. Und dem ursprünglichen Anliegen des Christentums widerspricht.
    Und deshalb reagieren diese Führungsfiguren gegenüber Opfern aggressiv.
    Und was die Gläubigen angeht: die wenden sich von Staatskirche ab oder sie wollen dran glauben. Dann sind sie aber selber schuld.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von über 7 Millionen Wahlberechtigten in diesem Land, die in der Kindheit Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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  4. Chapeau dass Sie dem Mut haben darüber so offen zu kommunizieren. Ich könnte das nicht. Es ist immer gut, zu so einem Thema Betroffene zu Wort kommen zu lassen. Deshalb stimmt mich Ihr Kommentar sehr nachdenklich und es scheint, als hätten Sie auf den Punkt gebraucht, was ich nur gefühlt habe.

    Für mich ist schockierend, wie Müller mit dem Begriff "Nächstenliebe" umgeht. Aber vielleicht bin ich einfach nur zu naiv

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    @Olaf Nazarenus:

    ich habe in Bezug auf die RKK Deutschlands nichts zu verlieren und riskiere nicht viel wenn ich meine Meinung zu dieser Organisation öffentlich kund tue, denn ich lebe und verdiene mein Geld in einem mehrheitlich sehr kirchenkritischen Umfeld. Außerdem stamme ich aus einer protestantisch geprägten Gegend, so dass auch Angehörige von mir nichts zu befürchten haben.

    Bei Menschen, die sich selbst oder deren Anhang sich im Dunstkreis der katholischen Kirche bewegen oder sogar aufhalten müssen ist das ganz etwas Anderes.

    Zudem sind das Alles keine originären Überlegungen von mir, sondern lediglich die Ergebnisse von vielen Gesprächen mit Kirchenopfern und dem Lesen von Büchern und Artikeln wie z.B. diesem http://www.zeit.de/gesell....

    Und natürlich den O-Tönen der RKK-Funktionäre selbst. Wer z.B. liest oder hört, welches Frauen- bzw. Mutterbild ein Kardinal Meisner hat, der wird verstehen, dass diese Art von Männern in Frauenkleidern ein Fest für jeden Psychoanalytiker sind. Aber nicht geeignet, verantwortungsvolle und gesunde Entscheidungen zu treffen, die über einen überschaubaren Bereich hinausgehen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Angelika Oetken

  5. an diesem Thema im Forum ist, im Vergleich zu einer unpassenden Äusserung eines H. Brüderle. Denk ich an D in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht

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  6. 24. Danke!

    @Olaf Nazarenus:

    ich habe in Bezug auf die RKK Deutschlands nichts zu verlieren und riskiere nicht viel wenn ich meine Meinung zu dieser Organisation öffentlich kund tue, denn ich lebe und verdiene mein Geld in einem mehrheitlich sehr kirchenkritischen Umfeld. Außerdem stamme ich aus einer protestantisch geprägten Gegend, so dass auch Angehörige von mir nichts zu befürchten haben.

    Bei Menschen, die sich selbst oder deren Anhang sich im Dunstkreis der katholischen Kirche bewegen oder sogar aufhalten müssen ist das ganz etwas Anderes.

    Zudem sind das Alles keine originären Überlegungen von mir, sondern lediglich die Ergebnisse von vielen Gesprächen mit Kirchenopfern und dem Lesen von Büchern und Artikeln wie z.B. diesem http://www.zeit.de/gesell....

    Und natürlich den O-Tönen der RKK-Funktionäre selbst. Wer z.B. liest oder hört, welches Frauen- bzw. Mutterbild ein Kardinal Meisner hat, der wird verstehen, dass diese Art von Männern in Frauenkleidern ein Fest für jeden Psychoanalytiker sind. Aber nicht geeignet, verantwortungsvolle und gesunde Entscheidungen zu treffen, die über einen überschaubaren Bereich hinausgehen.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Angelika Oetken

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    Antwort auf "@ Frau Oetken"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, tis
  • Schlagworte Katholische Kirche | Diözese | Ermittlung | Erzbischof | Erzdiözese | Missbrauch
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