Leserartikel

IdentitätSo deutsch wie ein Döner

Leserin Johanna Wollin ist hier geboren und aufgewachsen. Sie liebt Loriot und Schwarzbrot. Dennoch wird sie wegen ihrer Hautfarbe immer wieder für eine Fremde gehalten.

Der Döner kommt gut an in Deutschland. Er ist schon lange so weit verbreitet, dass man sich ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen kann. Er kam einmal aus weiter Ferne. Jetzt ist er aber Deutscher, mit Migrationshintergrund, genau wie ich.

Ich habe einen deutschen Elternteil, bin hier geboren und aufgewachsen. Zu 100 Prozent deutsch fühlen konnte ich mich aber nie. Zum einen liegt das an meiner Erziehung. Zum anderen an ständigen Fragen wie diesen: "Du siehst nicht deutsch aus, woher kommst du?" Das allein wäre nicht so schlimm, wenn man mich in Peru, der Heimat meiner Mutter, nicht ständig dasselbe fragen würde. Ich bin überall und nirgends zu Hause.

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Das erste Mal fiel mir auf, irgendwie anders zu sein, als eine Mitschülerin in der Grundschule mich kichernd "Negerkuss" nannte. Erst 20 Jahre später habe ich gemerkt, dass es als Kompliment gemeint war: außen braun, innen weiß. Ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür, sie daraufhin "verschimmelten Quark" genannt zu haben, was durchaus weniger zutraf. Bei dem Pummelchen, das mich in der 5. Klasse anspuckte und "Ausländerin" nannte, entschuldige ich mich aber nicht. Das war falsch, aber es prägte.

Vielleicht entspreche ich nicht dem Klischee des deutschen Prototyps. Doch egal wie ich aussehe: Ich habe eine akzentfreie Aussprache, ganz zur Überraschung mancher Lehrer. Ich freue mich über einen sommerlichen Bikiniabdruck, Loriot und ein Wegbier. Mein Herz schlägt für die deutsche Nationalmannschaft. Ich liebe Schwarzbrot, Quark und Zuckerrübensirup. Wenn sich die Bahn um drei Minuten verspätet, stöhne ich verärgert auf. Und das, obwohl meine eigene Pünktlichkeit oft an Verzögerungen leidet. Wie undeutsch von mir!

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Ich versuche, mein multikulturelles Dasein mit dem Besten aus beiden Nationen zu einem Vorteil zu machen. Wenn die deutsche Penibilität und mürrische Natur kritisiert wird, lache ich fröhlich: Wie gut, dass ich nur eine halbe Deutsche bin. Wenn in meiner zweiten Heimat wegen Missständen im Bergbau und Korruption Köpfe eingeschlagen werden, denke ich stolz und dankbar: Wie gut, dass ich Deutsche bin.

Das etablierte Konzept des Deutschseins akzeptiert Menschen mit abweichender Hautfarbe zwar noch nicht. Aber wenn man mich heute fragt, ob ich wirklich Deutsche bin, antworte ich selbstbewusst und freundlich lächelnd: "Ja! So deutsch wie ein Döner."

 
Leser-Kommentare
  1. Genauso wie der Hamburger aus US-Amerika kommt. Der Döner als tragbares Fast-Food im Brot kommt aus Berlin. Der Dönerteller ist ein traditionell türkisches essen.

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    Nicht nur die Zubereitung des Fleisches kommt aus der Türkei auch gab es vereinzelt ähnliche Varianten des Döners schon. Aber bei weitem nicht verbreitet, fast schon unbekannt.

    Da kommt wohl wieder das besitzergreifende Gen des Deutschen durch. Alles was in Deutschland etabliert ist, muss auch deutsch sein.

    Ich habe schon in den entlegendsten Gegenden dieser Welt Döner gesehen und der wurde bestimmt nicht aus Berlin rückimportiert.

    Ansonsten empfehle ich Ihnen einfach mal den Wiki-Artikel dazu:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Nicht nur die Zubereitung des Fleisches kommt aus der Türkei auch gab es vereinzelt ähnliche Varianten des Döners schon. Aber bei weitem nicht verbreitet, fast schon unbekannt.

    Da kommt wohl wieder das besitzergreifende Gen des Deutschen durch. Alles was in Deutschland etabliert ist, muss auch deutsch sein.

    Ich habe schon in den entlegendsten Gegenden dieser Welt Döner gesehen und der wurde bestimmt nicht aus Berlin rückimportiert.

    Ansonsten empfehle ich Ihnen einfach mal den Wiki-Artikel dazu:
    http://de.wikipedia.org/w...

  2. "Ich habe einen deutschen Elternteil, bin hier geboren und aufgewachsen. Zu 100 Prozent deutsch fühlen konnte ich mich aber nie. Zum einen liegt das an meiner Erziehung. Zum anderen an ständigen Fragen wie diesen: "Du siehst nicht deutsch aus, woher kommst du?""

    Der nächste Leserbrief/Artikel bitte nicht fragen "Woher kommst du?".

    Wieso bitte die Erziehung? Konnte man darauf nicht eingehen?

    "Ich versuche, mein multikulturelles Dasein mit dem Besten aus beiden Nationen zu einem Vorteil zu machen."

    Hat die Leserin den jemals im Ausland gewohnt? Das wird nicht aus dem Brief klar. Was soll den dieses Multikulti sein? Hört sich ein bisschen nach Bushido an. Der Junge hat nie im Ausland gelebt, Mutter eine Deutsche und bekommt den Integrationsbambi.

    David Alaba (Dunkelheutiger Halbasiate mit Wiener Akzent spielt beim FC Bayern) geht damit viel lockerer, selbstbewusster und umgänglicher um als es diese ganze "die Zeit" Umerziehungsartikel machen.

    14 Leser-Empfehlungen
  3. Erfahrungen mit Fremdsein und nicht angenommen werden, hat jeder, der nicht schon seit Generationen in einer Gegend wohnt und noch nie von da weg war. Zwar wird man, wenn man z.B. Fischkopp ist, auch bei den Knödelessern als Deutscher erkannt, aber nicht unbedingt sofort angenommen und anerkannt. Jedesmal, wenn man den Mund aufmacht, wissen die anderen, dass man nicht von "hier" ist. Integration und Erwerb einer Identität dauern lange. Manchesmal ein Leben lang. Davon wissen die deutschen Flüchtlinge ein Lied zu singen, die nach dem Krieg in den Westen kamen. Und Deutschland hat wahrlich bewegte Zeiten hinter sich. Einen schöner Artikel dazu im Tagesspiegel: Das Land von Hildegard und Ahmet http://www.tagesspiegel.d...

    2 Leser-Empfehlungen
  4. "Das etablierte Konzept des Deutschseins akzeptiert Menschen mit abweichender Hautfarbe zwar noch nicht."

    - Vielleicht haben Sie weniger Auslandserfahrung? Reisen Sie viel? Im übrigen habe ich noch nie ein Konzept gesehen, dass irgendetwas akzeptiert, benachteiligt oder ähnliches...es sind immer die Menschen dahinter und nicht die Dinge!

    Diese Debatte ist so langweilig, dass selbst mein Kaffee wieder einschläft. Diese Thematik braucht die nötige Lockerheit und keine verkrampften Rudelsführer, die mit der Fackel wedeln, wenn die Hautfarbe angesprochen wird.

    Wie der user "stone_sour" schon so treffend meinte: Das Leben ist kein Ponyhof.

    11 Leser-Empfehlungen
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    "es sind immer die Menschen dahinter"

    Nein, was für eine Erkenntnis. Natürlich sind es die Menschen, wer sollte das auch sonst sein.

    "es sind immer die Menschen dahinter"

    Nein, was für eine Erkenntnis. Natürlich sind es die Menschen, wer sollte das auch sonst sein.

  5. "es sind immer die Menschen dahinter"

    Nein, was für eine Erkenntnis. Natürlich sind es die Menschen, wer sollte das auch sonst sein.

    5 Leser-Empfehlungen
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    Entpersonifizierung ist ein Betrug im eigenen Denksystem, ob das auch schon bei Ihnen angekommen ist?

    Kennen Sie denjenigen in der Klasse, der immer gegen alles und jeden ist? Willkommen, blackpower. Seien Sie dagegen, das ist okay.

    Entpersonifizierung ist ein Betrug im eigenen Denksystem, ob das auch schon bei Ihnen angekommen ist?

    Kennen Sie denjenigen in der Klasse, der immer gegen alles und jeden ist? Willkommen, blackpower. Seien Sie dagegen, das ist okay.

  6. Liebe Autorin, dafür werden Ihnen im Ausland aber auch Nazi-Witze erspart bleiben, mag Ihr deutscher Akzent im Englischen auch noch so „thick“ sein. Es hat also auch Vorteile! :-)

    Ist halt schwierig: Habe mich neulich in einem anderen ZO-Artikel zum Thema „Bombennacht von Dresden im Zweiten Weltkrieg" mit einem Mitforisten „gezankt“, der Nachkomme eines westalliierten Soldaten war. Er sprach immer von „Euch Deutschen“, obwohl er eine deutsche Mutter hatte, und „meine Vorfahren haben Euch bombardiert“, „Demokratie beigebracht“ etc.
    Gleichzeitig beschwerte er sich in anderen Beiträgen darüber, das man ihn wegen seiner dunklen Hautfarbe in Deutschland nicht als Deutschen anerkennt.

    Wenn das Deutsch-sein (neben vielen, vielen anderen Aspekten!) also unter anderem durch die kollektive Erfahrung von Kriegsniederlage und Verstrickung ins NS-Regime geprägt wird, wie kann dann z.B. der deutsche Nachkomme eines US-Soldaten, dessen Identität und Stolz gerade darin besteht, daß sein Vater oder Großvater „die Deutschen“ besiegt hat, selbst Deutscher sein wie alle anderen? Obwohl er doch andererseits fließend deutsch spricht und Deutschland seine Heimat ist.

    Das Thema Identitäten ist halt sehr vielschichtig und komplex und verwirrend. Es ist immer interessant, darüber zu debattieren und sich auszutauschen, aber zu einem Ergebnis hat es meines Wissens noch nie geführt :-)

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    • fse69
    • 06.03.2013 um 15:53 Uhr

    "...Das Thema Identitäten ist halt sehr vielschichtig und komplex und verwirrend. Es ist immer interessant, darüber zu debattieren und sich auszutauschen, aber zu einem Ergebnis hat es meines Wissens noch nie geführt :-)..."

    ... "typisch deutsch", nämlich dieses permanente und fruchtlose Hinterfragen von Identitäten.

    Der Autorin übrigens meinen Glückwunsch: im literarischen Sinne sehr angenehm zu lesen, gepaart mit einem feinen Humor - obwohl das aber nun gar nicht "typisch deutsch" ist. Oder eben doch "deutsch wie Döner".

    • fse69
    • 06.03.2013 um 15:53 Uhr

    "...Das Thema Identitäten ist halt sehr vielschichtig und komplex und verwirrend. Es ist immer interessant, darüber zu debattieren und sich auszutauschen, aber zu einem Ergebnis hat es meines Wissens noch nie geführt :-)..."

    ... "typisch deutsch", nämlich dieses permanente und fruchtlose Hinterfragen von Identitäten.

    Der Autorin übrigens meinen Glückwunsch: im literarischen Sinne sehr angenehm zu lesen, gepaart mit einem feinen Humor - obwohl das aber nun gar nicht "typisch deutsch" ist. Oder eben doch "deutsch wie Döner".

    • cdrei
    • 18.02.2013 um 18:35 Uhr

    Mir erschließt sich nicht, aus welchem Grund es die Autorin für besonders erstrebenswert hält, als möglichst Ur-Deutsche durchzugehen, ungeachtet ihrer zum Teil peruanischen Abstammung von Seiten der Mutter, die sie damit gleichzeitig verleugnet. Wozu soll das gut sein?

    9 Leser-Empfehlungen
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    • jwc
    • 19.02.2013 um 9:16 Uhr

    Es geht nicht darum die peruanische Herkunft zu verleugnen. Wenn man in Deutschland geboren ist und sein ganzes Leben hier gelebt hat, dann fühlt man sich eher deutsch als alles andere. Man kennt nichts anderes. Wenn man aber ständig gefragt wird, woher man kommt, dann wird man von diesem Land entfremdet und man fühlt sich als AusländerIn. Gleichzeitig kennt man aber "das andere Land" nicht und kann sich folglich nicht als halbperuanisch o.ä. bezeichnen. Selbst mehrere Wochen Urlaub in Peru werden das nicht ändern. Das führt in gewissem Maße zu einer Identitätslosigkeit und einem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl.
    In den USA oder in Brasilien werde ich nie gefragt, woher ich komme. Diese beiden Länder sind schon ein meltED pot. Solange man keinen Akzent in der Sprache hat, könnte jeder US-Amerikaner oder Brasilianer sein. Was ich mit dem Artikel ausdrücken wollte, ist, dass Deutschland, obwohl es auch ein Einwandererland ist, noch nicht zu diesem Punkt gekommen ist, wo es die zweite und dritte Generation als Deutsche akzeptiert und aufnimmt.

    • jwc
    • 19.02.2013 um 9:16 Uhr

    Es geht nicht darum die peruanische Herkunft zu verleugnen. Wenn man in Deutschland geboren ist und sein ganzes Leben hier gelebt hat, dann fühlt man sich eher deutsch als alles andere. Man kennt nichts anderes. Wenn man aber ständig gefragt wird, woher man kommt, dann wird man von diesem Land entfremdet und man fühlt sich als AusländerIn. Gleichzeitig kennt man aber "das andere Land" nicht und kann sich folglich nicht als halbperuanisch o.ä. bezeichnen. Selbst mehrere Wochen Urlaub in Peru werden das nicht ändern. Das führt in gewissem Maße zu einer Identitätslosigkeit und einem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl.
    In den USA oder in Brasilien werde ich nie gefragt, woher ich komme. Diese beiden Länder sind schon ein meltED pot. Solange man keinen Akzent in der Sprache hat, könnte jeder US-Amerikaner oder Brasilianer sein. Was ich mit dem Artikel ausdrücken wollte, ist, dass Deutschland, obwohl es auch ein Einwandererland ist, noch nicht zu diesem Punkt gekommen ist, wo es die zweite und dritte Generation als Deutsche akzeptiert und aufnimmt.

  7. ich könnte der Liste noch Einiges hinzufügen.

    Zum Beispiel das Getuschel vor einiger Zeit am Flughafen...

    "Das ist bestimmt auch so Einer....." flüstert herablassend die junge Dame am Schalter der Lufthansa.

    Ein seit der Jugend wiederkehrendes Motiv insbesondere für ausländisch aussehende Jungs, Sie hält sich für etwas Besseres, selbst wenn Sie selber nicht einmal buchstabieren kann.

    Aus irgendeinem Grund konnte sich die Azubine am Schalter wohl nicht vorstellen dass mein gesellschaftlicher Status weit über Null vorzufinden ist... ich vermute mal es lag an schlichtem Pulli, Jeans und - eventuell - meinem Jugo-Gesicht;-)

    Den Dr. Titel in meinem Pass hat Sie nicht kommen sehen....:-) ..... wie singen die Ärzte doch so schön.... "zu spät, ....":-)

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