Leserartikel

RassismusSchwarz geboren, zum Neger gemacht

Wer andere Neger nennt, grenzt sie aus, sagt Leser Jonas Hampl. Er ist schwarz und möchte auch so bezeichnet werden. von Jonas Hampl

Ein Israeli äthiopischer Abstammung demonstriert in Jerusalem gegen Rassismus.

Ein Israeli äthiopischer Abstammung demonstriert in Jerusalem gegen Rassismus.  |  © Abir Sultan/epa/dpa

Ich hasse den Neger. Denn ich bin das, was Weiße meistens schwarz nennen. Im Winter ist es zwar eher das holzige Braun vom Stamm eines Nadelbaums, doch mit schwarz fühle ich mich wohl. Schwarz ist ehrlich, schwarz ist gut.

Auch für Begriffe wie Farbiger oder Maximalpigmentierter hatte ich nie viel übrig. Das passt nicht. Schwarz dagegen trifft den Nagel auf den Kopf. Schwarz sein bedeutet beim Familienfoto ins Licht gewunken und gelegentlich auf Englisch angesprochen zu werden. Leute merken sich meinen Namen eher. Es bedeutet Gutes wie Schlechtes, aber nichts, womit ich nicht klar komme.

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Beim Wort Neger ist das anders. Sein Ursprung, niger, wird zwar lediglich mit schwarz übersetzt, aber seine Bedeutung hat sich weit davon entfernt. Meilenweit. Neger sein heißt: Personenkontrollen am Bahnhof, Angst haben. Neger sein bedeutet, abgelehnt zu werden als Freund der Tochter, Besucher der Disco, Mitarbeiter der Firma.

Wer Neger sagt, meint: Du bist kein richtiger Deutscher, du bist kein echter Franke. Du bist hier, aber du gehörst woanders hin. Solche Leute sagen sehr viel und kennen dich sehr wenig. Neger sein tut weh. Es ist unangenehm. Schon einige haben mir anvertraut, dass sie gern so schwarz wären wie ich. Aber ich bin sicher, dass es keinen gibt, der gern ein Neger wäre. Ich auch nicht.

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Schon das Wort Neger zu hören oder zu lesen, ist unangenehm, egal in welchem Kontext. Selbst während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich die Hemmung, es zu tippen. Das Wort hat Macht über mich. Es weckt bittere Erinnerungen an Momente, in denen jemand mich zwang, mich als Neger zu fühlen.

Man wird schwarz geboren, aber zum Neger gemacht. Durch Ausgrenzung, Abweisung, Beschimpfung. Durch bittere Erfahrungen und Enttäuschung durch Leute, von denen man eigentlich dachte, sie wüssten es besser.

Man kann niemanden für immer davor schützen, aber ich bedanke mich bei allen Autoren, die den Augenblick etwas nach hinten schieben, an dem ein schwarzes Kind sich mit seiner Hautfarbe auseinandersetzen muss. Ich bin froh, dass ich meinen Kindern nicht vorlesen muss, dass Pippis Vater ein Negerkönig ist. Früher hatte das vielleicht etwas Spannendes, Exotisches. Aber wir leben im 21. Jahrhundert. Heute tut es weh. Der kleinen Ishema, mir und wahrscheinlich jedem Vater und jeder Mutter eines schwarzen Kindes.

Das Wort Neger zu vermeiden, wird den Rassismus nicht ausrotten. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Einen Schritt weg von einer Vergangenheit, die nicht unsere Zukunft bestimmen soll.

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Leserkommentare
    • gw1200
    • 07. Februar 2013 14:29 Uhr
    10. Der Ton

    In meiner Kindheit war der Begriff "Neger" nie mit negativen Vorzeichen behaftet. Ob das in Kinderbüchern war oder im Geschichtsunterricht.
    Neger oder auch Schwarze, Schwarzafrikaner (der Begriffe gibt es eine Menge) waren für mich immer Menschen, die für ihre Rechte gekämpft haben, weil sie von "Weißen" unterdrückt wurde. So gesehen ist für mich der Begriff "Weißer" eher ein Schimpfwort als zum Beispiel "Neger". Es ist nicht der Begriff, der abwertet, sondern der Mensch, der ihn benutzt. Der Ton macht die Musik.

    27 Leserempfehlungen
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    "Der Ton macht die Musik."

    Und jemanden "Neger" zu nennen, der Ihnen sagt, dass er nicht "Neger" genannt werden möchte, soll dann der gute Ton sein, der gute Musik macht?

    • war-hog
    • 07. Februar 2013 14:46 Uhr

    Gerade in den Kinderbüchern wurden "Die Neger" meistens als kriegerische, kannibalistische, hinterweltlerische oder schlicht dumme Wesen dargestellt. Ja, als Wesen, denn noch lange waren selbst Philosophen der Meinung, dass es sich nicht um vollwertige Menschen handele.
    Das Wort Neger wurde von Anfang an benutzt um die "gute und edle" Rasse der Weißen vor den degenerierten negroiden Untermenschen zu überhöhen. Als Krone der Schöpfung eben.
    Wer Profitgier, Minderwertigkeitskomplexe und Dummheit vermutet: Bingo!
    Vor diesem Hintergrund kann kein Ton Musik machen.

    Es ist vielmehr so, daß sich viele Leute "nichts dabei gedacht haben".

    Sich "nichts dabei denken" und "wertfrei" sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.

    Meine Eltern haben mir schon in den 70ern beigepuhlt, daß man N**** nicht sagt, weil das unhöflich ist. Zum Glück gaben Sie mir Bücher wie Pippi Langstrumpf gar nicht erst zu lesen.

  1. dass es nicht darauf an kommt, ob es für "weiße" Menschen Sinn macht, wie sich Schwarze bezeichnen möchten. Es kommt allein darauf an, ob es für schwarze Menschen Sinn macht, sich so zu bezeichnen.

    Ihre Ausführungen a la "Ich halte für so dämlich was ihr macht, aber wenn ihr es so wollt" tun mir fast schon körperlich weh.

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    Und die kennt keine Hautfarbe

  2. ... für diesen Artikel.

    Im Übrigen sollten wir zu Umgangsformen finden, in denen die Hautfarbe ebenso wenig erwähnenswert ist, wie die Haar- oder Augenfarbe.

    4 Leserempfehlungen
  3. Man sollte darüber vielleicht hinweg sein, ist es de facto aber nicht. Und wenn man schon, aus welchen Gründen auch immer, jemanden nach der Hautfarbe einordnen zu müssen glaubt, leuchtet mir "Schwarz" als Gegenstück zum traditionellen "Weiß" ein. Und wenn Schwarze so genannt werden wollen (Der Braune Mob hat das auf seiner Webseite <a href="http://www.derbraunemob.info/deutsch/index.htm">ausführlich erklärt</a>), ist das erstens ok und zweitens nicht Sache von Weißen, das zu kritisieren. Auch muss man Asiaten nicht "Gelbe" nennen, nur weil man Schwarze Schwarze nennt. Man könnte die einfach fragen, ob sie ihre Hautfarbe irgendwie bezeichnet haben möchten.

    3 Leserempfehlungen
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    Es ist immer wieder erstaunlich, dass man grundsätzlich nur den "weißen" Menschen Rassismus vorwirft. Ich habe mich auf der Seite etwas umgeschaut und den Abschnitt "bin ich ein Rassist" überflogen. Wieso denken eigentlich so viele Leute, dass nur "Weiße" Rassisten sind? So etwas geht auch mit anderer Hautfarbe ganz gut :) Nur, weil es nich so weit verbreitet ist, heißt es nicht, dass es nichtexistent ist.

  4. "Der Ton macht die Musik."

    Und jemanden "Neger" zu nennen, der Ihnen sagt, dass er nicht "Neger" genannt werden möchte, soll dann der gute Ton sein, der gute Musik macht?

    19 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Der Ton"
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    ich sage fast täglich neger... es gibt ja mittlerweile den trend, dass sich dunkelhäutige gegenseitig als neger oder nigger bezeichnen (ja das ist gegenwart) und dies ober cool finden...
    das stört die von mir angesprochenen nicht und solange sie das nicht kundtun, werde ich dies auch nicht ändern...

    wie schon erwähnt, der tonfall macht die musik...

    • gw1200
    • 07. Februar 2013 15:25 Uhr

    ...ist nicht das Problem sondern die Assoziationen, die sich damit verbinden. Ob man ihn benutzt oder nicht hat damit gar nichts zu tun. Wenn mir zum Beispiel ein Deutscher sagt, er möchte nicht als Deutscher bezeichnet werden, dann respektiere ich das, deswegen ist aber das Wort "Deutscher" noch lange keine Beschimpfung.

  5. Und die kennt keine Hautfarbe

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  6. als Schwarzer in Deutschland sagen mir da leider etwas anders.

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    Und die Herkunft des Wortes.
    Auch glaube ich nicht, das die Umbenennung des Wortes etwas geändert hat. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube das die Umbenennung von Wörtern etwas ändert. Und es scheint zum Grundrepetoir einer jeden sozialen Bewegung zu gehören ein Neues Wort zu fordern. Umbenennungen von Wörtern hat noch nie etwas geändert. Das Wort Schwarzer ist ja nicht das einzige was neu eingeführt wurde. Die Liste an Wörtern die neu eingeführt werden ist endlos.

    Das ganze nennt sich Euphemismus-Tretmühle.

    Ich bin ja auch nicht dafür das man im Alltag das N-Wort wieder benutzt, ich wurde nicht mit dem Wort sozialisiert. Aber die Dramatisierung das es automatisch rassistisch sein muss finde ich falsch.

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Rassismus | Bahnhof | Hautfarbe | Winter | Autor | Niger
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