Identität"Beweisen Sie, dass Sie kein Türke sind"

Cenk Bekdemir ist Deutscher, das sagt sein Pass. Wenn der aber plötzlich weg ist? Anlässlich des Streits um den Doppelpass veröffentlichen wir einen Auszug seines Buches. von Cenk Bekdemir

"Das machen doch nur Touristen! Die Jacke über'n Barhocker legen, ganz schön blöd, oder?"

Ja, denke ich, ziemlich blöd sogar! Scheiße, alle Papiere hatte ich in der Jacke. Meinen Schlüssel und sogar eine geliehene Kette, mit Perlen besetzt, unecht zwar, aber von einer Freundin, die sie von ihrer Oma hatte. Die Papiere, das sind ein paar Wege, das dauert, die bekomm ich wieder. Aber die Kette? Peinlich. Wie sollte ich ihr das nur erklären? "Ja, und dann hab ich meine Jacke über'n Barhocker und bin kurz runter auf Klo. Ging total schnell. Und als ich wieder oben war, der Laden war gar nicht so voll, war die Jacke weg!" Das erzähl ich dann auch zwei Tage später genau so, und sie ist nicht begeistert, aber winkt ab. "Ja, echt doof!" sagt sie, "aber ist ja nur eine Kette!" Ich vergehe vor ihrer Großzügigkeit und mache eine Einladung zu einem Essen im Restaurant ihrer Wahl. Sie nimmt an, lächelt kurz, könnte teuer werden, denkt sie wohl. Aber die Sache ist erledigt. Nicht erledigt und viel nervenaufreibender ist die Pass-Geschichte. Die Tür zu öffnen war übrigens eine Sekunden-Sache, da hätte bei dieser alten Butze auch ein Husten gereicht.

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Am nächsten Tag stehe ich im Bezirksamt.

Der Artikel ist ein Auszug aus der Kurzgeschichtensammlung "ziemlich weit hergeholt" von Cenk Bekdemir. Am 16. März liest der Autor im Rahmen der Leipziger Buchmesse aus seinem Buch.

Der Artikel ist ein Auszug aus der Kurzgeschichtensammlung "ziemlich weit hergeholt" von Cenk Bekdemir. Am 16. März liest der Autor im Rahmen der Leipziger Buchmesse aus seinem Buch.  |  © Abera Verlag

"Tja, ohne Dokument kann ich da nix machen", ist die wenig weiterhelfende Antwort. Dann wird es konkreter: "Und so wie es aussieht", er meint nicht wie ich aussehe, sondern wie mein Name klingt, "so wie es aussieht, müssen Sie zur Behörde für Inneres." Behörde für Inneres, mh, na gut. Doof zwar, ich dachte, ich könnte das hier kurz erledigen, das heißt, den Pass und den Perso neu beantragen, aber dann werde ich wohl mal eine neue Abteilung kennen lernen: "Wo muss ich 'n da hin?" Als wäre das schon zuviel gefragt, der Mann mit den kurzen Haaren hat sein pausbäckiges Gesicht schon auf einen Stapel Papier vor sich gerichtet, hebt erneut den Blick und sagt: "Amsinckstraße, Ausländerabteilung!". "Aber", hüpft es mir von der Zunge, mein Magen will auch was sagen, "aber ich...!"

Ich spüre Nervosität

Weiter komme ich nicht. Er winkt an mir vorbei und sagt: "Der nächste bitte!" Eine dicke Frau schiebt sich an mir vorbei, hat ihre Ellenbogen schon am Info-Tresen, drückt mir eine Plastiktüte in die Seite und schaut mich genervt mit einem huschhusch-Blick an.

Ich gehe, schüttle sprachlos den Kopf, drehe mich noch einmal um, aber alles geht schon seinen nächsten Gang. Die Frau fuchtelt mit den Armen rum und der Pausbäckige beugt sich vor und redet auf sie ein.
Amsinckstraße. Das ist doch da, wo immer die Menschenhorde Nicht-Deutscher in einer riesigen Traube vor dem Rotklinker steht und irgendwas will.

Ich überlege, dass der Weg zu meiner Mutter, die noch eine Geburtsurkunde oder das Familienbuch haben könnte, weiter ist als direkt zur Behörde zu fahren und mache mich auf den Weg. Liegt von mir aus hinter dem Hauptbahnhof. Zehn Minuten mit dem Fahrrad, die Ost-West-Straße runter. Ich komme an und sehe nur wenige Leute vor dem Gebäude. Ein paar gehen rein, ein paar kommen raus. Drinnen sitzt hinter dickem Panzerglas ein grün-Uniformierter à la Grenzschutz.

Er hört mich an, mustert mich dabei und schickt mich dann in die zweite Etage. Das Gebäude ist neu und scheint sehr überschaubar. Alles wirkt glatt, alles in graugrün gehalten. Vereinzelt hängen ein paar Bilder an den sonst kahlen Wänden.

Ich solle einfach hinten vor dem letzten Büro rechts Platz nehmen, es würde dann jemand kommen und mich ins Büro bitten. Ich öffne die schwere Tür zum Gang. Dort sitzen drei weitere Personen, jeder vor einer anderen Tür. Es ist still. Ich nehme Platz und spüre eine Nervosität, eine Unruhe in mir aufsteigen.

Leserkommentare
    • hh59
    • 08. März 2013 17:21 Uhr
    1. -----

    Warum hat der Autor nicht seine Geburtsurkunder vorgelegt? Ansonsten ist mir mit deutschem Namen schon aehnliches passiert, in Behoerden, Botschaften etc. Klar, an meiner Staatsbuergerschaft hat dabei nie jemand gezweifelt, aber wenn er in auch Marne als Tuerke registriert ist, haben die Grenzbeamten alles richtig gemacht (haetten natuerlich freundlicher sein koennen).

    15 Leserempfehlungen
  1. wie "Es wäre schön, wenn sie ihren Job in Zukunft richtig machen würden!", "Ich sage ihm noch, dass ich überhaupt nicht mit seiner Arbeit zufrieden bin " und ähnliches im Text, das mag ja alles berechtigt sein, aber das Klima wird davon bekanntlich kein Stück besser.
    Um die Erwartungshaltung enttäuscht zu sehen, dass einem auf deutschen Ämter geglaubt und Service geboten wird, muss man nicht als Türke geboren sein, da geht es anderen auch nicht besser, zumal wenn man genervt, leicht erregt und nicht sonderlich kooperativ daherkommt.

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    "zumal wenn man genervt, leicht erregt und nicht sonderlich kooperativ daherkommt."

    Inwieweit hätte der Autor bitte kooperativer sein sollen? Er war wohl anfangs recht höflich und dass man nach so einer Odyssee dem Sachbearbeiter die Meinung sagt, ohne ihn auch nur beleidigt zu haben, wird wohl jeder verkraften können.

    Wahrscheinlich ist er in den Augen aller Beteiligter (auch der türkischen Konsulatsangestellten) Türke. Daran ändert auch sein Lebenslauf oder die Staatsangehörigkeit nichts.

    "Du bist Deutscher laut Erklärung. Du musst dich nicht entscheiden, du brauchst keinen Pass abzugeben!"

    Heißt es nicht immer, dass man sich ab einem bestimmten Lebensjahr für oder gegen die Deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden muss, wenn man als Kind beide hat?

  2. Es stimmt wohl, dass es auch als deutscher auf dem deutschen amt unerfreulich werden kann, aber als deutscher mit ausländischen namen ist es noch erheblich schlimmer.

    Man denkt zwar, man besäße unveräußerliche Rechte aber auf dem amt kommt einfach doch alles anders. Da muss man dann auch schon mal beweisen, dass man das recht darauf hat hier zu sein. Auch als deutscher, wenn man nur ausländisch aussieht oder einen fremden Namen trägt. Da muss man sich nicht wundern wenn es Menschen gibt die zwar hier zu hause sind, sich aber nicht wie zu hause fühlen.

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    Ist aber kein reines Problem für ausländisch-klingende Deutsche. Die Mitarbeiter haben aufgrund mangelnder Ausbildung vielfach einfach keine Ahnung, wovon sie reden. Die Verwaltungsgerichte schlagen jeden Tag die Hände über dem Kopf zusammen.
    Das betrifft sämtliche Verwaltungsbehörden von der Gemeindeverwaltung bis zur Polizei.

    Mal wieder auf die bösen, ausländerfeindlichen Deutschen zu schimpfen, ist ein wenig fehl am Platz. Denen gehts auf dem Amt ja auch nicht besser.

  3. Ist aber kein reines Problem für ausländisch-klingende Deutsche. Die Mitarbeiter haben aufgrund mangelnder Ausbildung vielfach einfach keine Ahnung, wovon sie reden. Die Verwaltungsgerichte schlagen jeden Tag die Hände über dem Kopf zusammen.
    Das betrifft sämtliche Verwaltungsbehörden von der Gemeindeverwaltung bis zur Polizei.

    Mal wieder auf die bösen, ausländerfeindlichen Deutschen zu schimpfen, ist ein wenig fehl am Platz. Denen gehts auf dem Amt ja auch nicht besser.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Auf dem deutschen Amt"
    • dacapo
    • 08. März 2013 17:58 Uhr

    Wenn das Buch ganz aus solchen Geschichten besteht, wo der Autor falsch auf Reaktionen der Beamten reagiert, dann wird man es wohl kaum lesen wollen. Wer auch immer über deutsche Beamten meckern will, der wird nicht wissen, wie es woanders aussieht. Der deutsche Autor mit türkischem Namen möge mal in türkische Ämter gehen. Von mir ungesehen, wird er sich nach deutschen Ämtern sehnen. Aber mit Gewissheit kennen ich westeuropäische Ämter, wenn man in denen sich aufhält, möchte man Urlaub in deutschen Ämtern machen. In einem dieser Länder ergeht es einem schlechter als in deren früheren Kolonien, denn dort hat man zwar das gleiche System fast genau übernommen, aber man kann "nachhelfen".

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    • fse69
    • 09. März 2013 10:48 Uhr

    ... hat er im Kontext dieser Posse sehr wohl auch Erfahrungen mit türkischen Behörden gemacht. Diejenige, die ihn über die tatsächliche DEUTSCHE Rechtslage und den Fehler des Beamten bei der Ausländerbehörde aufgeklärt hat, war eine TÜRKISCHE Konsularbeamtin. Peinlich, kann man da nur sagen. Der Fehler allerdings, den hat die allererste Station auf der Hamburger Meldebehörde begangen, als der Autor unberechtigterweise weg und zur Ausländerbehörde geschickt wurde, was sich NUR mit seinem ausländischen Aussehen und fremd klingendem Namen erklären lässt. Das kann man schon daran ersehen, dass der Zöllner an der niederländischen Grenze just bei dieser Meldebehörde mit einem Anruf klären konnte, dass es sich bei dem Autor um einen deutschen Staatsangehörigen handelt. Daraus kann man sicher folgern, dass es diesen allerersten Beamten nur einige Tastenanschläge gekostet hätte, um ihn als deutschen Staatsangehörigen zu identifizieren.

  4. "zumal wenn man genervt, leicht erregt und nicht sonderlich kooperativ daherkommt."

    Inwieweit hätte der Autor bitte kooperativer sein sollen? Er war wohl anfangs recht höflich und dass man nach so einer Odyssee dem Sachbearbeiter die Meinung sagt, ohne ihn auch nur beleidigt zu haben, wird wohl jeder verkraften können.

    Wahrscheinlich ist er in den Augen aller Beteiligter (auch der türkischen Konsulatsangestellten) Türke. Daran ändert auch sein Lebenslauf oder die Staatsangehörigkeit nichts.

    "Du bist Deutscher laut Erklärung. Du musst dich nicht entscheiden, du brauchst keinen Pass abzugeben!"

    Heißt es nicht immer, dass man sich ab einem bestimmten Lebensjahr für oder gegen die Deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden muss, wenn man als Kind beide hat?

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    • Oakham
    • 08. März 2013 18:03 Uhr

    der deutschen Obrigkeit. Man muss schon wissen, worauf man sich in diesem Land einlässt.

    Ich denke, dass im vergleichbaren Fall, etwa in GB oder in den NL, mehr Freundlichkeit, mehr Problemlösungsbereitschaft gezeigt würde.

    Allerdings - der türkischen Obrigkeit möchte ich - in einer vergleichbaren Situation - nicht begegnen.

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    ... da erstaunlich effizient:

    - Diebstahl bei der lokalen Polizeibehörde melden und Attest ausstellen lassen
    - Formular ausfüllen und zusammen mit Polizeiattest, 2 durch den Hausarzt/Rechtsanwalt/Notar mit Stempel zertifizierte, biometrische Fotos an das zuständige Konsulat schicken
    - Gebühr überweisen
    - 6 Wochen warten (meistens geht das aber sehr viel schneller)

    Flupp ist der neue Pass da.

    Keine Behördenodyssee, sämtliche Formulare gibt es online und wenn man sich nicht sicher ist, kann man die Passport Adviceline anrufen, die sind superfreundlich und hilfsbereit.

  5. dass diese leute bei solche vorfälle sich unangenehm überrachen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Staatsbürgerschaft | Niederlande | Hamburg
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