"Das machen doch nur Touristen! Die Jacke über'n Barhocker legen, ganz schön blöd, oder?"

Ja, denke ich, ziemlich blöd sogar! Scheiße, alle Papiere hatte ich in der Jacke. Meinen Schlüssel und sogar eine geliehene Kette, mit Perlen besetzt, unecht zwar, aber von einer Freundin, die sie von ihrer Oma hatte. Die Papiere, das sind ein paar Wege, das dauert, die bekomm ich wieder. Aber die Kette? Peinlich. Wie sollte ich ihr das nur erklären? "Ja, und dann hab ich meine Jacke über'n Barhocker und bin kurz runter auf Klo. Ging total schnell. Und als ich wieder oben war, der Laden war gar nicht so voll, war die Jacke weg!" Das erzähl ich dann auch zwei Tage später genau so, und sie ist nicht begeistert, aber winkt ab. "Ja, echt doof!" sagt sie, "aber ist ja nur eine Kette!" Ich vergehe vor ihrer Großzügigkeit und mache eine Einladung zu einem Essen im Restaurant ihrer Wahl. Sie nimmt an, lächelt kurz, könnte teuer werden, denkt sie wohl. Aber die Sache ist erledigt. Nicht erledigt und viel nervenaufreibender ist die Pass-Geschichte. Die Tür zu öffnen war übrigens eine Sekunden-Sache, da hätte bei dieser alten Butze auch ein Husten gereicht.

Am nächsten Tag stehe ich im Bezirksamt.

Der Artikel ist ein Auszug aus der Kurzgeschichtensammlung "ziemlich weit hergeholt" von Cenk Bekdemir. Am 16. März liest der Autor im Rahmen der Leipziger Buchmesse aus seinem Buch. © Abera Verlag

"Tja, ohne Dokument kann ich da nix machen", ist die wenig weiterhelfende Antwort. Dann wird es konkreter: "Und so wie es aussieht", er meint nicht wie ich aussehe, sondern wie mein Name klingt, "so wie es aussieht, müssen Sie zur Behörde für Inneres." Behörde für Inneres, mh, na gut. Doof zwar, ich dachte, ich könnte das hier kurz erledigen, das heißt, den Pass und den Perso neu beantragen, aber dann werde ich wohl mal eine neue Abteilung kennen lernen: "Wo muss ich 'n da hin?" Als wäre das schon zuviel gefragt, der Mann mit den kurzen Haaren hat sein pausbäckiges Gesicht schon auf einen Stapel Papier vor sich gerichtet, hebt erneut den Blick und sagt: "Amsinckstraße, Ausländerabteilung!". "Aber", hüpft es mir von der Zunge, mein Magen will auch was sagen, "aber ich...!"

Ich spüre Nervosität

Weiter komme ich nicht. Er winkt an mir vorbei und sagt: "Der nächste bitte!" Eine dicke Frau schiebt sich an mir vorbei, hat ihre Ellenbogen schon am Info-Tresen, drückt mir eine Plastiktüte in die Seite und schaut mich genervt mit einem huschhusch-Blick an.

Ich gehe, schüttle sprachlos den Kopf, drehe mich noch einmal um, aber alles geht schon seinen nächsten Gang. Die Frau fuchtelt mit den Armen rum und der Pausbäckige beugt sich vor und redet auf sie ein.
Amsinckstraße. Das ist doch da, wo immer die Menschenhorde Nicht-Deutscher in einer riesigen Traube vor dem Rotklinker steht und irgendwas will.

Ich überlege, dass der Weg zu meiner Mutter, die noch eine Geburtsurkunde oder das Familienbuch haben könnte, weiter ist als direkt zur Behörde zu fahren und mache mich auf den Weg. Liegt von mir aus hinter dem Hauptbahnhof. Zehn Minuten mit dem Fahrrad, die Ost-West-Straße runter. Ich komme an und sehe nur wenige Leute vor dem Gebäude. Ein paar gehen rein, ein paar kommen raus. Drinnen sitzt hinter dickem Panzerglas ein grün-Uniformierter à la Grenzschutz.

Er hört mich an, mustert mich dabei und schickt mich dann in die zweite Etage. Das Gebäude ist neu und scheint sehr überschaubar. Alles wirkt glatt, alles in graugrün gehalten. Vereinzelt hängen ein paar Bilder an den sonst kahlen Wänden.

Ich solle einfach hinten vor dem letzten Büro rechts Platz nehmen, es würde dann jemand kommen und mich ins Büro bitten. Ich öffne die schwere Tür zum Gang. Dort sitzen drei weitere Personen, jeder vor einer anderen Tür. Es ist still. Ich nehme Platz und spüre eine Nervosität, eine Unruhe in mir aufsteigen.