Papst FranziskusEin Mann aus der neuen Welt übernimmt Rom

Mit der Wahl von Franziskus ist der Eurozentrismus des Papsttums gebrochen. Die Kirche Lateinamerikas nimmt mehr Einfluss auf die Weltkirche. von 

Kardinal Jorge Mario Bergoglio nach seiner Wahl zum Papst

Kardinal Jorge Mario Bergoglio nach seiner Wahl zum Papst  |  © Dylan Martinez/Reuters

Die Wahl des neuen Papstes in Rom war nach fünf Wahlgängen entschieden – kaum einer hatte mit dem Ergebnis gerechnet. Mit der Wahl des argentinischen Kardinals Jorge Mario Bergoglio setzt die Katholische Kirche einen neuen Schwerpunkt: 100 Jahre nachdem der erste Lateinamerikaner zum Kardinal berufen wurde, endet der Eurozentrismus des Papsttums.

Knapp die Hälfte der Katholiken weltweit kommt aus Lateinamerika. Dort sind die Kirchen noch voll. Teenager schämen sich nicht, religiöse Motive auf das Smartphone zu laden oder die Seiten ihrer sozialen Netzwerke damit zu schmücken. Am Sonntag gehört der Kirchgang zum Pflichtprogramm vieler Familien. Viele führende Politiker Lateinamerikas sind katholisch und präsentieren sich in der Öffentlichkeit als bekennende Christen.  

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Allerdings gerät die katholische Kirche zunehmend unter Druck: Evangelikale haben regen Zulauf. Ein lateinamerikanischer Papst mit Strahlkraft könnte diese Entwicklung bremsen. Es liegt im Interesse des Vatikans, sein wichtiges Einflussgebiet zu verteidigen.

Papst Franziskus ist ein typischer Vertreter der lateinamerikanischen Kirche. In Fragen der Sexualmoral erzkonservativ, im Bereich der sozialen Gerechtigkeit progressiv. Der 76-Jährige wird viele reformwillige Katholiken zugleich begeistern und enttäuschen. Als sich Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner für die Homo-Ehe stark machte, leistete der damalige Erzbischof von Buenos Aires erbitterten Widerstand. Er unterstützte Mahnwachen vor dem Parlament und forderte die katholischen Priester auf, die "Einheit der Familie" zu unterstützen.   

Bergoglio gilt als entschiedener Gegner der Abtreibung. So ist ihm die Sympathie der meisten Lateinamerikaner sicher. Denn im Gegensatz zum liberaleren Europa ist Südamerika in dieser Frage konservativ eingestellt.

Deutlich besser wird in Europa die Haltung des "Kardinals der Armen" in Fragen der sozialen Gerechtigkeit und des Kampfes gegen die Armut ankommen. Bergoglio prangerte immer wieder die große soziale Ungerechtigkeit in Lateinamerika an, verurteilte die Drogenmafia scharf und verzichtete bewusst auf prunkvolle Gesten und Machtsymbole.  

Stattdessen fuhr er in Buenos Aires mit Bus und Bahn. So etwas kommt an in Südamerika. Statt der Differenzen stellte Präsidentin Kirchner schon wenige Stunden nach der Papstwahl die Gemeinsamkeiten heraus: "Wir haben uns immer für die eingesetzt, die arm sind."

Leserkommentare
  1. 1. [...]

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    12 Leserempfehlungen
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    • Moika
    • 14. März 2013 8:49 Uhr

    Was haben Sie denn für Probleme mit Franziskus, um diesen Mann einen "Tüppes aus Latein Amerika" zu bezeichnen? Ich bin nun wirklich kein Man der kathol. Kirche, aber etwas mehr Respekt vor dieser Persönlichkeit, die nicht einmal einen Tag Zeit hatte, sich zu etablieren, sollten Sie schon haben. Oder kennen Sie ihn persönlich - oder wissen etwas von ihm, das Ihren dummen Spruch rechtfertigt?

    Ich wünsche ihm jedenfalls die Kraft, die notwendigen Reformen in dieser Kirche durchzusetzen. Sonst müßte sein Nachfolger erleben, daß ihm mehr und mehr Gläubige und Anhänger seines Glaubens abhanden kommen.

    War doch damals bei uns genauso: Jeder wusste das Ratzinger intolerant und erzkonservativ ist, und von der Inquisition kam.

    Trotzdem haben alle Journalisten mitgehypet, sogar die der eigentlich kritischen Medien.

    • Ingor
    • 14. März 2013 9:12 Uhr

    Ihr kommentar zeugt von geistigem Tiefgang und intellektueller Brillanz. Er zeigt, dass Sie sich mit der Materie beschäftigt haben und nicht nur ein Kläffer sind, der ohne religiöse Kenntnisse pauschal über die Kirche herzieht. [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/ls

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich kritisch beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/ls.

  2. und schon ist die komplette deutsche "humanistische" links-"liberale" Sozialisten Mainstream Szene beleidigt wie es nur geht!

    Es ist ein Mensch, ein körperlich nicht gerade großer Mann mit 76 Jahren aus Argenitinen und es wird gemotzt. Er hat Ansichten die dem Mainstream nicht passen.

    [....]

    Ich erwarte auch eine ähnlich negative Dauerberichterstattung ohne Ausreden über den Islam in Die Zeit in den nächsten Tagen und Wochen + Redaktions-Empfehlungen wie gestern.

    Es ist ein Bischof von Rom mit einer großen Lebenserfahrung, es wird ein wohl kurzes und knackiges Pontifikat dafür bete ich für seine Gesundheit und wünsche ihn viel Kraft.

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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    • belahu
    • 14. März 2013 8:37 Uhr

    Ich weiss nicht, ob man wegen der Reaktion einiger moeglicherweise intoleranter Menschen sagen kann, dass eine ganze Gruppe Menschen gleichgeschlechtlicher Partner nicht die gleichen Rechte und Pflichten entsagen sollte. "In ihrer Mehrheit" ist schon ziemlich viel, finden Sie nicht? So viele Menschen koennen Sie doch nicht gesprochen haben?

    Ansonten sollte man leben und leben lassen, den Menschen die Moeglichkeit geben, ihr Leben, ihre Lebensauffassungen und Spiritualitaet leben zu duerfen, und seine Meinungsfreiheit soweit gestalten, dass Sie die essentiellen Freiheiten anderer Menschen nicht beeintraechtigt: Solidaritaet ist fuer mich das Stichwort.

    Und eine Revolution erwarte ich ganz sicher nicht aus dem Vatikan, welche politischen Entscheidungen dieser Wahl zugrunde liegen, werden wir eventuell nie erfahren. Fuer viele Katholiken auf der Welt, und insbesondere Lateinamerika, wo die meisten leben, ist mit diesem Papst ein Wunsch in Erfuellung gegangen. Mal sehen, was er so macht, hm?

    ich habe meine Frau vor 2 Jahren geheiratet und halte mich für einen eher toleranten Menschen. Ich wäre aber sicherlich nicht so intolerant gleich eine ganze Menschengruppe als intolerant zu beschimpfen.So etwas ist anmaßend. Im Übrigen haben wir die gleichen Pflichten wie ein heterosexuelles Ehepaar - nur mit den Rechten haperts. Es mir auch ziemlich egal, was der Papst und die katholische Kirche dazu sagt, die Gesetze müssen angeglichen werden.

  3. Papst Franziskus . Wichtig für wen oder was ?

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    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

    für Sie . Immerhin haben Sie den Artikel gelesen und kommentiert,gelle?...

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

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  5. Kardinal Meisner: "Ich hätte mir einen anderen vorgestellt", sagte er. Es sei aber ein gutes Zeichen, dass der neue Papst ganz anders sei, als er gedacht habe.“

    Auf jeden Fall dürfte es ein gutes Zeichen sein, wenn der neue Papst ganz anders ist, wie seine hochwürdige Selbstherrlichkeit gedacht hat.

    Warten wir mal ab, was uns der Armenvertreter so beschert. Wir wissen ja, die Wege des Herrn sind wunderbar.

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  6. Wenn die Gerüchte stimmen, dann war es der zweite Anlauf für Bergoglio, der beim letzten Konklave Ratzinger den Vorrang überlassen musste. Wenn sich die Indizien bewahrheiten, wonach Bergoglio die theologische, konservative Linie von Ratzinger fortsetzt, dann ist auch dies der zweite Anlauf. Es erscheint mir als der Versuch, die ganzen Diskussionen um die katholische Kirche und insbesondere den Vatikan auf das zurückzuführen, um das es eigentlich gehen sollte: den Glauben an Gott. Diese Flucht nach vorne hat allerdings das Potenzial, rückwärts gewannt zu sein. Bedauerlich finde ich, dass es keinen jüngeren Vertreter für diese Aufgabe zu geben scheint.

    Bergoglio hatte einen sehr gelungen Auftritt. Seine versöhnliche Hommage an Ratzinger war beeindruckend. Seine Bitte, erst einmal für ihn zu beten, bevor er den Segen erteilt, war eine klare Botschaft zum Schwerpunkt seiner Mission. Ob es ihm gelingt, die anstehenden Klärungen wieder hinter die Kulissen und zum Abschluss zu bringen, bleibt abzuwarten. Nach erstem Augenschein wäre ich da angenehm überrascht.

    Aber für Überraschungen scheint Bergoglio ja gut zu sein. Wie schön war es doch, die Verblüffung der Welt zu sehen und zu hören als sein Name verkündet wurde (verhaltener Jubel). Zeigt es doch unser eigenes gespaltenes Verhältnis zur Kirche. Favorisiert war ein charismatischer Aufräumer und Mordernisierer. Bergoglio scheint Beleg dafür zu sein, dass das mit der katholischen Kirche irgendwie schwer vereinbar ist.

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    Die Frage ist doch, in wie weit Erwartungen und Realitäten auseinander gehen! Gibt es denn in den Reihen der Kardinäle überhaupt jenen mysteriösen "charismatischen Aufräumer und Mordernisierer"???

    Und zum Thema Homo-Ehe: Hat irgendjemand ernsthaft geglaubt, es würde ein Papst gewählt, der dem Thema vollkommen offen gegenübersteht???

    Einen solchen Papst wird es wohl nie geben! Und ich denke, das liegt auch in der Natur der Sache; wenn die Kirche ihre Überzeugungen zu dem Thema hat, dann finde ich es nur konsequent, dass sie sie vertritt und sich nicht dem Zeitgeist anpasst! Bürgerliche Rechte und Gleichberechtigung homosexueller Paare sind eine ganz andere Frage, die doch auch gar nicht in die Zuständigkeit der Kirche fallen!

    Also: wer von der Kirche zu viel erwartet, kann nur enttäuscht werden, aber auch sie hat als konservative Einrichtung mit mehr als einer Milliarde Anhängern weltweit sicherlich ihre Daseinsberechtigung!

  7. Auf mich hat er neue Papst mit seinem ersten Auftritt einen sehr guten Eindruck gemacht.

    Wieso erwarten nun eigentlich alle, dass nun mit ihnen in jeder Hinsicht einer Meinung sein muss ?

    Ich habe nichts gegen Homo-Ehe
    und teile auch nicht seine Ansicht bezüglich der Abtreibung.
    Aber die Frage der sozialen Gerechtigkeit hat für mich einen viel höheren Stellenwert !
    Da würde ich auch mit dem Papst Arm in Arm auf eine Demo gehen
    z.B. für gerechte Löhne, gerechte Arbeitszeiten, bezahlbare Wohnungsmieten usw.

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    • Jewel
    • 14. März 2013 14:37 Uhr

    "Wieso erwarten nun eigentlich alle, dass nun mit ihnen in jeder Hinsicht einer Meinung sein muss ?

    Ich habe nichts gegen Homo-Ehe
    und teile auch nicht seine Ansicht bezüglich der Abtreibung.
    Aber die Frage der sozialen Gerechtigkeit hat für mich einen viel höheren Stellenwert !"

    Nun ja, da haben Sie es doch. Nichts gegen die Homo-Ehe zu haben und sich dafür einzusetzen sind ja schon sehr unterschiedliche Dinge. Und wenn Sie eben schon meinen, dass für Sie sein Einsatz für soziale Gerechtigkeit was Armut etc angeht am wichtigsten ist, dann beantworten Sie ja ihre Frage selber.

    Bei anderen Leuten würde ich auch sagen, dass nicht jeder mit jedem einer Meinung sein muss. Aber bei einem Menschen, auf den so verdammt viele Menschen hören, wünscht man sich natürlich, er verträte ähnliche Ansichten wie man selber. Und würde zum Beispiel Verhütung nicht verdammen und somit den Kampf gegen Aids verlangsamen.
    Gut, ich bin auch nicht katholisch und finde sowieso viele Dinge an der ganzen Sache auszusetzen. Ich kann auch überhaupt nicht verstehen, wie man als Frau in einem Verein sein kann, der einem jegliche höhere Position verbietet.
    Aber ich denke mir, dass es inzwischen wohl auch einige Katholiken gibt, die sich eine lebensnahe, tolerantere Kirche wünschen würden.

  8. http://www.welt.de/vermis...
    [...]

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