FranziskusWie links ist der neue Papst?

Lateinamerikas Armut hat Franziskus geprägt. Auf den Antikommunismus der vorherigen Päpste könnte eine neue Phase für die Kirche folgen. Von Wolfgang Thielmann von Wolfgang Thielmann

Vor 28 Jahren holte der Vatikan zum Schlag aus. Papst Johannes Paul II. verurteilte 1985 den Theologen Leonardo Boff zum Bußschweigen. Das hieß: ein Jahr lang Rede- und Lehrverbot. Boff, Franziskanermönch und Ethikprofessor an der Hochschule des Ordens in der Nähe von Rio de Janeiro, war da bereits eine Berühmtheit in Lateinamerika. Das Verbot machte ihn auf der ganzen Welt bekannt – als den Repräsentanten der aufstrebenden Theologie der Befreiung.

"Gott ergreift für die Unterdrückten und gegen seine Unterdrücker Partei", schleuderte Boff der damals in Argentinien herrschenden Militärjunta entgegen. "Der Himmel hängt davon ab, was wir auf der Erde tun." Boff dachte nicht daran, ruhig zu halten. Auch nicht gegenüber seiner eigenen Kirche. Doch der Kampf zermürbte ihn: 1991 trat er aus dem Franziskanerorden aus.

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Nun, 22 Jahre später, nennt sich der neue Papst, der erste aus Lateinamerika, Franziskus. Das heißt: Die Kirche hat sich durchgesetzt. Aber sie hat dazugelernt.

Als Jesuit zu loyal

Als der Vatikan den Theologen Boff zum Bußschweigen verurteilte, war Jorge Mario Bergoglio sein Kollege. Der heutige Papst lehrte an der Jesuitenhochschule in San Miguel, nebenan in Argentinien. In seinem Land hatte der demokratisch gewählte Präsident Raoúl Alfonsín gerade den siebenjährigen Staatsterror der Generäle beendet. Nun wurde das Land von Wirtschaftskrisen gebeutelt: Der Austral als neue Währung war ein Tausendstel des alten Pesos wert. Ein Tageslohn reichte gerade einmal für einen Kaugummi.

In Brasilien, wo die Militärs noch ein paar Monate länger herrschten, tauschten Touristen zweimal am Tag Geld in die schwindsüchtige Landeswährung. Bergoglio erkannte, dass die Kirche die in Armut versinkenden Arbeiter und Angestellten nicht bloß vertrösten konnte, sondern für ihre Rechte kämpfen musste. So wie Boff und die Befreiungstheologie. Aber er wusste auch, dass er mit diesem Etikett in der katholischen Kirche kein Bein auf den Boden bekommen würde. Jesuiten sind gelehrt und gehorsam, anders als Franziskaner.

Engels und Marx in der Kirche

Die Theologie der Befreiung war ein radikales Reformprogramm. Es sagte: Die Armen sind nicht Objekt, sondern Subjekt in der Kirche. Sie sind die eigentlichen Priester, Kardinäle und Präfekten. Das Denken muss von ihnen ausgehen. Es muss befreit werden aus dem intellektuellen Harnisch der Kirche, die zusammen mit den Kolonialherren über das Land gekommen war und die für sich keine andere Rolle sah als an der Seite – und damit als Teilhaberin – der Macht.

Anfang der siebziger Jahre waren sich mehrere Theologen in Lateinamerika bewusst geworden, dass der Umgang mit Armen in der Bibel ein Prüfstein für die Glaubwürdigkeit der Kirche darstellte. Sie lasen die Geschichte des Volkes Israel neu, das von Gott aus der ägyptischen Sklaverei durch die Wüste ins Gelobte Land, in die Freiheit, geführt wurde. Sie lasen darin ihre Geschichte. Und sie begannen, die Machtstrukturen in ihren Gesellschaften zu analysieren. Das Koordinatensystem dafür fanden sie in den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels.

Leserkommentare
  1. http://mashable.com/2013/03/02/wealth-inequality/

    Vermögensverteilung/Einkommen in den USA als Beispiel.

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  2. 2. ......

    Hoffentlich ist der neue Papst nicht links sondern steht eher im sinne der christlich sozialen.

    Das letzte was man auf dem papstthron brauchen kann ist ein Befreiungstheologe.

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    den unbestechlichen Zeuginnen ihrer "verschwundenen" Söhne und Männer, den Desaparecidos?

    Ich hoffe, in Europa beginnt jetzt eine Diskussion über den (vom Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger legitimierten) Massenmord an hunderttausenden mutiger Menschen in Südamerika, die Jesus Christi Botschaft der christlich-sozialen Gerechtigkeit ernstgenommen haben und dafür gefoltert, ermordet und "verschwunden" sind.

    Papst Franziskus I. ist eine Zeitbombe.

    Er wird uns, die Gläubigen, noch weiter spalten - wenn wir (nicht) erkennen, dass seine POSE als "Kardinal der Armen" reine Camouflage war/ist, um an die Macht zu kommen - und diese Droge ist die allerschlimmste, weil Macht dazu verführt, Gefühle und "Schwäche" Anderer zu missachten.

    Die Trance, die Millionen befällt, weil sie endlich einen Führer halluzinieren, zeigt nur die Not, in der sie sich befinden.

    statt Befreiung?

    Sind die Menschenrechte zu achten Unrecht?

    Das paßt nicht in unseren Staat, auf dem Boden unseres GG unseres freiheitlichen, demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Rechtsstaates!

    Wenn unser Parlament und Regierung auf diesem Boden steht, dann wird es Zeit, dass endlich klar gehandelt u. getrennt wird. Wir wollen keine unbarmherzige Mit-Regierungsorganisation a la Vatikan.

    "Das letzte was man auf dem papstthron brauchen kann ist ein Befreiungstheologe."

    das schlimmste wäre einer neuer Etikettenschwindel unter dem Arbeitstitel "Befreiungstheologe" / "linker" Papst

    • tb
    • 14. März 2013 16:59 Uhr

    von Jean-Bertrand Aristide als Präsident von Haiti ist doch wohl eher mager.
    Sollte er ein Beispiel für die Kraft der Befreiungstheologie sein, wünsche ich der katholischen Kirche, sie möge darauf verzichten.

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  3. Gerade der einfache Lebensstil des neuen Papstes sollte uns alle zum Nacheifern anspornen.

    Wie lange noch kann sonst die Erde ihre wachsende Zahl von hungrigen Menschenmaeulern stopfen, ohne dass es zum ganz grossen Knall kommt, beim Streit um die Verteilung der verbliebenen Ressourcen?

    Der Kapitalismus, so wie vorher der Kommunismus, ist aufgrund der Endlichkeit der zu handelnden Gueter zum Untergang bestimmt.

    Ein Papst, der ueber den Ideologien und Wirtschaftssystemen steht, der persoenliche Bescheidenheit und Rueckorientierung zu Werten jenseits des Materiellen predigt, ist, was wir brauchen. Es sieht danach aus, als ob wir den Richtigen gefunden haben.

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    Selbst dieser kolportierte "einfache Lebensstil" verbraucht das x-fache dessen, was seine Schäfche pro Nase haben.
    Da sind die anderen Kirchenfürsten in Relation genauso "bescheiden".

    "Gerade der einfache Lebensstil des neuen Papstes sollte uns alle zum Nacheifern anspornen."

    ... daß der neue Papst einen einfachen Lebensstil pflegen wird?
    Der Mann (wie auch immer er bisher lebte) ist jetzt Papst. Und zwar mit allem "drum und dran". Da ist das mit dem einfachen Lebensstil nicht mehr so einfach.

    <<< Wie lange noch kann sonst die Erde ihre wachsende Zahl von hungrigen Menschenmaeulern stopfen, ohne dass es zum ganz grossen Knall kommt, beim Streit um die Verteilung der verbliebenen Ressourcen? <<<

    Es ist nicht der Hunger, also der tatsächliche Bedarf, es ist die Gier.
    Siehe Gandhi:
    "Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier."

    <<< Der Kapitalismus, so wie vorher der Kommunismus, ist aufgrund der Endlichkeit der zu handelnden Gueter zum Untergang bestimmt. <<<

    Fehler.
    Der Kommunismus ist nicht gescheitert!
    Konnte er garnicht, weil er im Ostblock, Kuba etc. NICHT existierte.
    Was dort existierte, war ein autoritärer Staatskapitalismus der unter Sozialismus firmierte.
    Untergegangen und "konvertiert", da aufgrund zentralistischer, monopolartiger Strukturen ineffizient, unfrei und weil Teile der Staatselite in der Restauration privatkapitalistischer Zustände die Möglichkeit zur persönlichen Bereicherung sahen.

    Etwas vergleichbares erleben wir mit "unserem" Kapitalismus nun auch, Monopolstrukturen in Wirtschaft und Politik, Unfreiheit und zunehmende Ineffizienz. Die sich nicht darin zeigt, dass es zuwenig Luxusartikel gibt, sondern das die Grundbedürfnisse aller Gesellschaftsmitglieder nicht mehr gedeckt werden können.
    und wieder Eliten, die in diesem Untergangszustand die Möglichkeit sehen, sich materiell zu bereichern (siehe Privatisierungen z.B. bei den PIIGS) und die offenbar die Restauration feudaler Zustände anstreben.

    "Gerade der einfache Lebensstil des neuen Papstes sollte uns alle zum Nacheifern anspornen."

    Allzu viele Menschen auf der ganzen Welt, aber auch hier in Deutschland, brauchen keinen Ansporn zur Nachahmung dieses "einfachen Lebensstils", sondern können von einem solchen nur träumen.

  4. Boff sollte Papst werden.

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  5. Befreiungstheologie schön und gut. Solange man nur an der Oberfläche kratz, sieht das alles sehr sympathisch aus - mehr Einkommen für die Armen. Aber bringt dieses Mehr an Geld auch Erlösung im christlichen Sinne? Wie Christus sagte: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt". Also Thema verfehlt, es ist nicht die Aufgabe des Christentums, soziale Probleme zu lösen. Mehr noch, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, den Menschen ins Gewissen reden, wäre dies gar nicht unbedingt möglich. Und noch einer drauf: Damit würde die Kirche sich in Gefilde vorwagen, die explosiv sind, es wäre ein klares Bekenntnis zu einer politischen Religion - Kirche und Staat würden in letzter Konsequenz wieder eins. Können Demokraten dies wirklich wollen, zumal z.B. der politische Islam, der Islamismus, gerade die Welt schockiert?

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    Eben.
    Dazu steht noch Jesu Wort :" Gib dem Kaiser was des Kaisers ist" das damit eigentlich auch eine klare Absage an den politischen Widerstand (damals eben in Israel) ist.

    Die Bibel fordert uns zum Gottgefälligen Leben auf was aber nicht zwangsläufig heisst das deswegen Reiche nicht ebenso gottgefällig Leben können.

    (bevor mir einer mit dem Gleichnis vom nadelöhr kommt, sollte derjenige bitte noch die paar Sätze danach lesen).

  6. Du meine Güte; jetzt gehts aber los ...

    Wahrscheinlich wird das 76jährige Oberhaupt der Römisch Katholischen Kirche ungefähr so "links" sein, wie Lenin und Rosa Luxemburg in Personalunion.
    Bereits jetzt, wenige Stunden nach Amtsantritt, können wir alle sicher voraussagen, daß die erste päpstliche Enzyklika wohl den Titel "Römisch-Kommunistisches-Manifest" tragen wird.

    Also ehrlich; es gibt Fragestellungen, bei denen man echt nur den Kopf schütteln kann.

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    Er ist sicher kein progressiver Befreiungstheologe und kein „Dritte-Welt-Priester“. Aber trotzdem nehme er sich etwa die Freiheit, die Ideologie des Neoliberalismus und den Internationalen Währungsfonds scharf zu kritisieren.

    Das finde ich schon ganz gut.

    Grüße

    Das war auch mein erster Gedanke, bei dieser Überschrift.

    Wer hätte das gedacht? Obwohl Franziskus (76) alt, weiß und erzkonservativ ist, wurde er Papst...
    http://www.der-postillon.com/2013/03/uberraschung-katholische-kirche-wah...

    regt sie doch zum Nachdenken an: Was hat ein Papst mit links (oder rechts) zu tun? Offenbar recht viel. Vielleicht liegt hier einer der Grundkonflikte der katholischen Kirche. "Links" wird gerne mit Arbeiterschar, Sozialem bis hin zu Kommunistischem, Armut und Unterschicht in Verbindung gebracht. Das ist eine wirtschaftliche Fokussierung. Offensichtlich haben diese Bevölkerungsgruppen auf der Südhalbkugel eine Zuflucht in der katholischen Kirche gefunden. Mehr noch: Sie haben eine Lobby gefunden, die ihre Interessen vertrat: Gegenüber den Militärs und - man horche auf - gegen den Vatikan, also die eigene Kirche. Nun würde ich die Religion aber nicht in der wirtschaftlichen Perspektive vermuten. Deswegen irritiert die Frage, wie links der neue Papst sei. Aber die Parallele passt: arme Menschen, Menschen ohne (würdigen) Arbeitslohn, finden Zuflucht in der Kirche. Allerdings finden sie hier keine wahre Antwort: Befreiung alleine bringt noch keine Arbeit, noch gibt es den Armen ihre Würde zurück.

    Die Nordhalbkugel steht dazu im Kontrast. Freie und wohlhabende Europäer brauchen die Kirche nicht und füllen diese bestenfalls zu Weihnachten noch. Die Kirche selbst steht mitte-rechts in der Gesellschaft und vor spätrömischer Dekadenz. Dass sind die Gegenpole: Kampf gegen Armut und Unfreiheit hier, für Machterhalt dort.

    Ob links oder rechts, es hilft nicht. Genauso wenig wie Gottes Segen. Der Papst hat für die unantastbare Würde des Menschen einzutreten, wollter er etwas bewegen.

  7. doch erstmal im Amt ankommen!

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    Man kann ja jetzt theoretisch schon auf einen Rücktritt drängen. Endlich erreilt die Schnelllebigkeit die Katholische Kirche. :)

    ... meine Meinung.
    Ich habe mit der Kirche im allgemeinen und der katholischen- im besonderen nix am Hut, aber die Art und Weise, wie seitens der Presse, der Experten und sonstigen beruflich Berufenen die "päpstliche To-Do-Liste" für die nächsten 150 Jahre geschrieben wird (denn so lange bedürfte es wohl, bis der Papst alle in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt hat), ist einfach unredlich.

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