FranziskusSchon wieder ein Übergangspapst

Erneuerung in der Katholischen Kirche tut not – doch statt eines agilen Reformers wählten die Kardinäle nur einen Übergangspapst, kommentiert W. Thielmann. von Wolfgang Thielmann

Kardinal Jorge Mario Bergoglio nach seiner Wahl zum Papst (mit dem spanischen Kardinal Santos Abril (l.) und Kardinal Agostino Vallini)

Kardinal Jorge Mario Bergoglio nach seiner Wahl zum Papst (mit dem spanischen Kardinal Santos Abril (l.) und Kardinal Agostino Vallini)  |  © Alessandro Bianchi/Reuters

Die Kardinäle sind alt und ängstlich geworden. Sie haben einen der ihren zum Papst gemacht, einen, der alt ist und ihre Angst versteht. Es muss etwas geschehen, aber es darf nichts passieren. So haben sie den zweiten Übergangskandidaten in Folge gewählt. Immerhin, der Vorgänger hat Franziskus einen neuen Trumpf in die Hand gegeben: Er kann zurücktreten.

Der Jesuit Jorge Mario Bergoglio, ein volksnaher, betagter Wissenschaftler, leitet nun die Katholische Kirche, einer, der schon im vergangenen Jahr, mit 75, dem Papst seinen Abschied als Erzbischof anbieten musste. So verlangte es das Kirchengesetz. Als Vorsitzender der argentinischen Bischofskonferenz bekam er schon vor zwei Jahren einen Nachfolger.

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Ein Ruheständler soll nun die verkrustete Kurie reformieren, einen Nachfolger für den kaum älteren Erzbischof von Köln finden, Licht in den Missbrauchsskandal bringen, mehr Frauen an der Verantwortung beteiligen und den Zölibat verteidigen oder durchlöchern. Er soll die Rolle der Weltkirche abseits der Macht, aber im Wettbewerb der Religionen neu konzipieren. Und die Wärme im katholischen Glaubenshaus halten, die durch die bröckelnden Wände und die undichte Haustür entschwindet. Das ist viel.

Wahrscheinlich muss er sich vor allem gegen die wachsende Spaltung der katholischen Weltkirche stemmen. Denn ihr größtes Pfund liegt bisher darin, ihre Einheit bewahrt zu haben. Noch verfügt sie über die stärkste gesellschaftliche Bindekraft aller Gruppen, über Länder- und Kulturgrenzen hinweg. Aber diese Kraft schwindet. 

Das Haus der anderen Weltkirche, der anglikanischen, liegt bereits in Trümmern. Die schambesetzten Gesellschaften des Südens haben sich aufgelehnt gegen die liberale, tolerante Haltung der alten Kontinente, etwa zur Homosexualität. Der nigerianische Erzbischof Peter Akinola, ein anglikanischer Gegenpatriarch, schleudert seinen Glaubensbrüdern oberhalb des Äquators angesichts ihrer Offenheit entgegen, unter ihnen grassiere die "Krankheit des weißen Mannes". Er hat die Gemeinschaft mit dem sündigen Norden aufgekündigt. Den Lutheranern geht es ähnlich.

Noch steht das katholische Einheitsgebäude. Doch überall auf der Welt werden Menschen selbstständiger, als das katholische Glaubensfachwerk es vorsieht. Die kirchliche Hoheit über die Sexualität ist global verloren. Missbrauch wie auch der Filz in der römischen Zentrale schwächen die Überzeugungskraft des Katholizismus. Menschen hören "Macht", wenn ein Bischof "Gott" sagt.

Leserkommentare
  1. Und dieser ist der erste Franziskus, wow, was für ein Statement!

    Adenauer war auf der Höhe seiner Schaffenskraft, als er so alt war, wie der neue Papst jetzt.

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    aber wie sich der neue Papst machen wird muss man trotzdem noch abwarten. Nur, sein Lebenslauf spricht nicht gerade für den Mann.

    sondern schon krank und nicht mehr der fitteste.

    Aber ich habe ja eine ganz andere Theorie, warum es wieder ein so alter geworden ist: Wie alle wissen, geht es Italien ja wirtschaftlich nicht so gut. Wenn nun aber alle paar Jahre Rom von Katholiken überflutet wird, die auch alle irgendwo schlafen und etwas essen müssen, klingelts auch in den Kassen römischer Hotels und Restaurants. Vielleicht ist das der Beitrag des Vatikans zur Wirtschaftskrise?!

    Fragt sich dann nur, warum das Konklave so schnell vorbei ging, man hätte es ja noch 2-3 Tage hinziehen können. Vielleicht stand da aber die Gesundheit des neuen Papstes im Weg.

    Aber wie auch immer, ich habe persönlich damit nichts zu tun, gratuliere aber allen Lateinamerikanern, für "ihren" Papst.

    wer immer auch in dieses Amt gewählt wird! Aber das Alter ist wirklich kein Maßstab für Kritik! Johannes XXIII, der gern als Vorbild für einen Reform-Papst genannt wird, war zur Zeit seiner Wahl so alt wie der neu gewählte Bischof von Rom. Und auch damals wurde gespottet: Habemus Opapam!

  2. Ich bin nicht von der katholischen Kirche mit ihren altertümlichen Ansichten überzeugt, aber ich denke mir bei diesem Artikel: Ein neuer Papst ist gewählt worden und er ist erst einen Tag im Amt. Geben wir ihm eine Chance - mal sehen was er erreichen kann. Dann erst kann man sich ein Urteil bilden. Das scheint aber ein allgemeines Problem zu sein, dass Leute über Andere urteilen - vom Thema aber keine Ahnung haben.

    25 Leserempfehlungen
  3. nicht in Klöstern." (Pater Klaus Mertes)

    Ich bin sehr gespannt darauf, wie der Kurie die Umwandlung in ein Zeltlager bekommt...

    3 Leserempfehlungen
  4. Sie schreiben "Menschen hören "Macht", wenn ein Bischof "Gott" sagt." - es ist ja auch so gemeint vom Herrn Bischof, der an einen _all_mächtigen Gott auch dann glauben muss, wenn der keinerlei wahrnehmbare eigene Zeichen seiner Existens in seiner Schöpfung gibt. Alles Menschenmacht - fast können sie einem Leid tun, die "Römer", dass sich so viele Gegenpole bilden, außerhalb sowieso, aber mehr und mehr auch innerhalb. Die früher so gängigen Einschüchterungsmechanismen von Hölle und Fegefeuer funktionieren halt nicht mehr in der zunehmend aufgeklärten, oder eher säkularen Welt. Was von so vielen Menschen an spiritueller Nahrung gesucht wird, können verknöcherte und machtorientierte Amtskirchen wie die römische nicht mehr liefern, weil ihnen in ihrer Abgehobenheit in ihrem Paralleluniversum jegliches _echte_ Verständnis für solche Nöte fehlt.
    Da ist wirklich zu hoffen, dass der neue Papst auf dem Boden bleibt, auf einem Boden, von dem sein direkter Vorgänger schon lange abgehoben hatte. Glück und Bescheidenheit und Authentizität, Franziskus I. !

    4 Leserempfehlungen
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    die Existens aus #4 durch Existenz ersetzen.

    "... der (Gott) sich in der Schöpfung nicht verewigt hat, nicht sichtbar ist..."
    Das tut mir leid, daß Sie das nicht sehen. Je mehr ich mich umschaue und unsere Erdkugel kennen lerne, die subtilen und einzigartigen Mechanismen - alle die erfüllten Voraussetzungen, die es auf der Erde gibt, damit Leben entstehen konnte .... Ich finde das kann alles kein Zufall sein.

    WAs würde pasieren, wenn plötzlich am Himmel ein riessigs Gesicht erscheinen würde oder auch nur eine Stimme, die alle Menschen anspricht?
    Wir würden in dem Moment unsere Freiheit verlieren. Die Freiheit uns zu entscheiden was wir mit unserem Leben anfangen wollen.

    Ich denke (glauben wäre zu viel gesagt) daß mein Leben ein Geschenk ist, über das ich mich freuen darf und daß ich an meine Mitmenschen denken soll .

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik. Danke, die Redaktion/sam

  5. die Existens aus #4 durch Existenz ersetzen.

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    • Kiira
    • 14. März 2013 9:52 Uhr

    Sie und viele andere Kritiker hier haben offenbar keinen Zugang zu ihr - und auch nicht zur römisch-katholischen Kirche und ihren Gläubigen. Wann haben Sie das letzte Mal an einer katholischen Messe teilgenommen? Überhaupt jemals?

    "Was von so vielen Menschen an spiritueller Nahrung gesucht wird, können verknöcherte und machtorientierte Amtskirchen wie die römische nicht mehr liefern..."

    Aber in evangelischen Schrummel-Gitarren-Gottesdiensten, da finden die Menschen, was sie suchen? Oder in irgendwelchen New-Age/New-Aberglauben-Konzepten?

    Das Faszinierende für mich ist, dass eine Organisation wie die katholische Kirche trotz all der sattsam bekannten Mängel, trotz ihres verschrobenen Nicht-Modernismus, auch in unserer Zeit erstaunlich viele Menschen berührt und in ihren Kirchen - manchmal - eine liebevolle, fast heilig zu nennende Atmosphäre schafft, die sonst nirgends zu finden ist.

    Dem Papst gratuliere ich zu seinem programmatischen Namen und wünsche ihm Gottes Segen - auch wenn ich nicht sicher bin, dass das, was die Gläubigen als Beweis für die Existenz Gottes ansehen, ausreichend ist.

    • Mika B
    • 14. März 2013 9:30 Uhr

    warten auf ein Machtwort vom Chef und bekommen doch nur wieder einen neuen Stellvertreter präsentiert.

    Eine Leserempfehlung
  6. 7. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende und polemische Aussagen, die noch nicht zu belegen sind. Danke, die Redaktion/sam

    3 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 14. März 2013 9:46 Uhr

    Entfernt. Sie beziehen sich auf einen inzwischen entfernten Kommentar. Danke, die Redaktion/sam

    Entfernt. Sie beziehen sich auf einen inzwischen entfernten Kommentar. Danke, die Redaktion/sam

  7. Man gewinnt so langsam den Eindruck, das man hier nur jemanden vorgeschoben hat. Entweder um Zeit zu gewinnen und die Gemüter zu beruhigen oder man braucht eine Marionette, die das Spiel mitspielt und verdeckt, das andere aus dem Hintergrund die Strippen ziehen.

    Ich weiß, das zweite klingt schon etwas nach Verschwörungstheorie, aber wenn es das erste nicht ist, aus welchem Grund wählt man dann diesen Mann, der, wenn man seine Biografie überfliegt, garantiert nicht als Reformer auffallen wird.

    5 Leserempfehlungen
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    geehrte Mitforisten,

    ich habe den Papst als Kirchenoberhaupt nicht,
    um allen ein Wohlfühlprogramm zu generieren,
    sondern der Papst ist der Erste Zeuge der Auferstehung
    von Jesus Christus..., und es versteht sich von
    selbst, daß das Christliche Zeugnis die Wert-
    schätzung Aller Menschen miteinschließlt, das
    ist erstmal die Grundvoraussetzung des Christlichen
    Glaubens; wenn nun die Katholen einen etwas
    'unmittelbareren' Zugang zu Gottes Dreifaltigkeit
    sich 'ausmalen',

    [damit meine ich die EUCHARISTIE,
    die halt nicht mit dem 'Abendmalsverständnis'
    der Evangelen austauschbar ist; schließlich möchte
    ein Evangele auch nicht die HOSTIE empfangen,
    in der die leiblliche SUBSTANZ des Herrn Jesus Christus
    enthalten ist.., ist für einen 'Außenstehenden
    sicher nicht nachvollziehbar, ist sogar für mich
    JEDESMAL ein AHA-Erlebnis...]

    dann kann das nicht als Überheblichkeit ausgelegt
    werden, nur weil einige 'gierschlündige Pfeffersäcke'
    mit ihrem Machtwahn in der Vergangenheit die
    Menschen 'aufs Kreuz gelegt' hatten, und tatsächlich
    dieses immer wieder passieren wird, wie jede 'Macht-
    konstellation' den Menschen in 'Versuchung' bringt.

    Tatsächlich 'verfolgt' die Christliche Kirche die
    Homosexuellen nicht, allerdings ist die Kirche
    der n a t u e r l i c h e n FAMILIE in der Reinform
    halt aus ihrem Ur-Verständnis verbunden.
    Und ich persönlich als 'Laie' bin darüber überhaupt
    nicht 'not amused'.

    Ich darf Heute davon ausgehen, daß nicht
    wiederum Herr David Berger 'lektoriert'...?

    • wauzi
    • 14. März 2013 14:52 Uhr

    was ich nicht verstehe ist, warum man unbedingt jede religiöse (kulturelle) richtung unter das joch des zeitgeistes zwingen will.
    es gibt doch genügend glaubensrichtungen (auch und gerade christliche), sodass für jeden etwas geboten sein sollte.

    warum wird so wenig konvertiert?
    wechselwähler gibt es doch auch.

    abgesehen davon fünktioniert die katholische kirche sicher anders sich das die meisten vorstellen.

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