Ein Teilnehmer des Marathons in Boston und seine Frau nach dem Anschlag © Spencer Platt/Getty Images

Wer immer es auch war, er hat verstanden, Amerika zu treffen.

Der Bostoner Marathon hat einen besonderen Platz im Herzen des amerikanischen Volkes. Es ist ein zutiefst amerikanisches Symbol. Andere derartige Symbole haben eine Menge mit Macht zu tun: Das World Trade Center symbolisierte die weltweite Wirtschaft, an der Amerika einen so großen Anteil hat; selbst beim Volk beliebte Symbole wie die Freiheitsstatue haben mit staatlicher Souveränität zu tun: Die Freiheitsstatue war ein Geschenk eines Staates an einen anderen.

Der Bostoner Marathon hat aber ausschließlich mit dem Volk zu tun, und das auf eine Art und Weise, die einmalig ist.

Dieser Marathon ist der älteste der modernen Welt: Er begann 1897, sozusagen als Bostoner Antwort auf die erste moderne Olympiade im Jahr davor. Das war mitten in der sozial ungerechtesten Epoche unserer Geschichte, dem Gilded Age, und nur elf Jahre nach den blutigen Bombenanschlägen auf dem Haymarket in Chicago. Kein Wunder, dass er schnell eine besondere Bedeutung annahm. Im ersten Jahr nahmen nur 18 Läufer teil, dieses Jahr waren es 23.000.

Es geht nur darum, zu Ende zu laufen

Ein Marathon hat nichts mit Sport zu tun; man absolviert ihn nicht der Gesundheit wegen. Er geht um persönliche Leistung. Das, was einen Marathon so attraktiv macht, ist die Tatsache, dass jeder daran teilnehmen kann. Es ist völlig egal, ob man "gewinnt" oder nicht (schnell, ohne nachzuschauen! Können sie einen Namen eines Marathongewinners nennen?). Es geht nur darum, ihn zu Ende zu laufen.

Während die großen Olympioniken alle vier Jahre mit Goldmedaillen heimkehren und von ihrer Heimat als Stars und Patrioten gefeiert werden, gibt es für einen Marathonläufer nur einen Lohn: Er weiß im Herzen, dass er etwas Großartiges geschafft hat – durchzuhalten.

Das ist das Herz Amerikas. Amerika ist dazu da, damit jeder hergelaufene Joe Blow die Chance hat, einmal etwas Großes zu vollbringen. Er kann Hollywood-Star werden, er kann als erster seinen Fuß auf die Oberfläche des Mondes setzen, er kann als erster Schwarzer ins Weiße Haus einziehen – oder er kann all das lassen, nichts davon erreichen, ein Durchschnittstyp bleiben, aber wenigstens einmal im Leben einen Marathon laufen. Mit Tausenden anderer, die sich anstrengen für ein Ziel, das eigentlich sinnlos ist, das eigentlich nichts bringt außer kaputten Knien, das aber beweist, dass auch ich, eine Chemielehrerin, eine Friseurin, ein Autoverkäufer, ein Computerprogrammierer auch irgendwas Besonderes bin.

All das steckt im Bostoner Marathon. Das ist es, was ihn so typisch amerikanisch macht: Wir Amis sind alle nach Amerika gekommen, um am großen amerikanischen Marathon teilzunehmen, wenn auch nur im Geiste.