GentrifizierungKampfzone Stadt

Gentrifizierungsgegner wollen die Stadt erhalten, wie sie ist. Dabei ist sie ein Sinnbild für Veränderung. Das vermeintlich Authentische ist oft nur eine Generation alt. von 

Gentrifizierung Berlin Protest

Mit einem Transparent und der Aufschrift "Currywurst statt Spätzle" wurde 2012 im Berliner Bezirk Pankow gegen die Verdrängung angestammter Bewohner demonstriert.  |  © DPA/Jörg Carstensen

Gentrifizierung, Verdrängung und Sanierung – diese Themen entwickeln sich gerade zum Wahlkampfschlager. Denn sie wirken doppelt bedrohlich: Die Menschen sorgen sich nicht nur vor sozialem Abstieg, sie haben auch Angst vor dem Verlust der nachbarschaftlichen Gemeinschaft. Die verständlichen und teils heftig geführten Proteste entwickeln aber eine paradoxe Dynamik.

Vordergründig ruft die Gentrifizierung die üblichen Verdächtigen auf den Plan: Linke Aktivisten und Bürgerinitiativen wollen verhindern, dass sozial Schwache ausgegrenzt und ganze Stadtteile nach rein profitorientierten Kriterien und ohne Rücksicht auf historische Zusammenhänge umgestaltet werden.

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Ihr Feindbild sind Investoren und Stadtplaner, die einem reinen betriebswirtschaftlichen Leitbild folgen, nach dem Motto: Es gibt kein Menschenrecht auf das Wohnen in der Innenstadt; es entscheidet das Portemonnaie. Bauprojekte, die allein im Interesse der happy few durchgeführt werden, sind ebenfalls Steilvorlagen für Gentrifizierungsgegner. Denn wer wohnt in dem Hochhaus, dem ein Stück der East Side Gallery weichen musste? Wer wird in die Elbphilharmonie gehen? Wer verdient an der MediaSpree? Nur wenige werden von diesen Gebäuden profitieren.

Feinde sind Investoren, Schwaben und Touristen

Aber nicht nur die Investoren gelten als Feinde. Mal geht es gegen die bösen Schwaben, die vermeintlich heuschreckenartig in gewachsene Viertel einfallen und die traditionellen Einwohner zu vertreiben drohen, wobei gern vergessen wird, wie viele Zugereiste, auch aus Schwaben, sich in Berlin in der Hausbesetzerszene aktiv gegen Sanierungen gewehrt haben. Mal geht es gegen feierwütige Touristen, die ganze Straßenzüge okkupieren. Wie schön, dass die Deutschen im Ausland noch nie als feiernde Touristen aufgefallen sind.

Überraschend an der Situation ist, dass  die Gegner der Gentrifizierung sich in ihrem Protest als konservativer entpuppen als ihre Kontrahenten. Während früher städtebauliche Modernisierungen ("Sechziger-Jahre-Bauten") oft einen linken Impetus hatten und im Sektor des sozialen Wohnungsbaus neue Wege gegangen wurden, finden Linke heute offenbar nur noch gut, was vorhanden ist.

Leserkommentare
    • anbeck
    • 04. April 2013 15:15 Uhr

    Geschickt verdreht die Autorin die Erzählung, die der Begriff des "Authentischen" hier vermitteln soll. Dabei übersieht sie (oder verdreht es absichtlich), dass dieses "authentisch" nicht bedeutet, dass dieser Zustand besonders lange oder besonders 'natürlich' existiert. Das würde niemand behaupten wollen, denn eine gesunde Dynamik macht ein Stadtviertel ja erst interessant.

    "Authentisch" sollte hier lediglich bedeuten: Stadtviertel im Hinblick auf den Gebrauchswert und nicht auf den Tauschwert organisieren! In anderen Worten: gemäß sozialer und menschlicher Bedürfnisse.
    Es ist die Profitorientierung, was viele Stadtviertel nach und nach zu Schaufenstern von Image-Broschüren macht, zum Schlachtfeld von Investoren, und letztlich zur Verdrängung weniger betuchter Einwohner aus Stadtvierteln führt.

    Aber Chapeau für diesen eleganten rhetorischen Kniff der Autorin!

    15 Leserempfehlungen
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    Vorallem erwähnt die Autorin garnicht, dass es sich um eine unnatürliche Entwicklung handelt. Eine natürliche Entwicklung z.B. wäre, wenn der Wohlstand einer Stadt und ihrer Bewohner steigt und somit auch die Anforderungen an Immobilien.

    In Berlin aber z.B. kommt dieses Geld von Investoren, die eine der letzten gewinnversprechenden Anlagen nutzen wollen, die noch genug Gewinn verspricht. Die Finanzkrise hat Kapitaleignern die Möglichkeiten zur Investition drastisch minimiert. Immobilien in Ballungsgebieten mit Wachstumspotential sind derzeit eine lukrative und sichere Anlage.

    Und genau da beginnt der völlig verständliche Widerstand der Berliner.
    Es wird in Immobilien investiert, die maximalen Profit versprechen. Und das sind eben nicht Mehrfamilienhäuser mit bezahlbarem Wohnraum, sondern Luxusimmobilien, die wiederrum anderen Kapitaleignern als Parkplatz für ihr Kapital dienen.

    Das ist Stadtentwicklung zugunsten von Investoren, die weder den Ansprüchen der Bewohner, noch der Stadt im ganzen entspricht.

    Stadtentwicklung im Fokus der Geldanlage. Und es ist völlig egal, wenn diese Immobilien in Toplage nach dem Bau leerstehen. Die Wertsteigerung erreichen sie trotzdem. Das sind Tresore für Investoren, die nicht mehr wissen wohin mit ihrem Schotter.

    • anyweb
    • 04. April 2013 15:19 Uhr

    Ich fand Ihr Hauptargument fadenscheinig. Sie beschreiben die Situation zum Glück am Ende noch richtig: Gentrifizierungsgegener sind nicht gegen NEUES an sich, sondern gegen NEUES das nur für wenige gut ist, denen es meistens auch schon gut geht.

    4 Leserempfehlungen
  1. Die Menschen, die in diesen Stadtteilen leben? Oder die Menschen, die sich dort Häuser und Wohnungen kaufen können? Leider sind das häufig zwei ganz gegensätzliche Gruppen. Die Politik sollte versuchen, die Interessen beider Gruppen miteinander abzustimmen und wenigstens ansatzweise zu vermitteln. Doch die heutige Stadtentwicklung, die sich ganz überwiegend über den Markt regeln soll, bevorzugt die zweite Gruppe massiv. Viele angestammte Bewohner der Quartiere bleiben auf der Strecke. Vielleicht sollte fragen: Welche Struktur soll über die Stadtentwicklung entscheiden: marktradikaler Kapitalismus oder Demokratie?

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  2. Woher kommt die Mode, innenstadtnah zu wohnen?

    Ich meine, es ist nicht nur eine Mode der sog. Juppies, es gibt einen handfesten Grund für diesen Trend: Die Verkehrspolitik.

    Während des sog. Wirtschaftswunders zogen wohlhabende Stadtbewohner in die Randgebiete, ins Grüne, in die Fläche. Das Leitbild war der Bungalow, möglichst mit Pool im Garten wie in Hollywood. Die Etagenwohnungen waren nur noch schwer zu vermieten und wurden billiger. Die Melange aus sozialen Verlierern, linken Ideologen und alternativen Lebenskünstlern hat die Chance genutzt und die Marktlücke gefüllt.

    Dann fielen ihnen die Autos der Stadtrandbewohner auf den Wecker, die 'ihre' Strassen verstopfen und 'ihre' Parkplätze zustellen. Und überhaupt wollten sie die Strassen gar nicht mehr für den Autoverkehr nutzen. Also wählten sie grün und sperrten alles ab. Die Stadtrandbewohner sassen in der Staufalle.

    Nun wollen sie wieder zurück aus ihren Siedlungen im Grünen in die Innenstadt, wo man wegen der Arbeit eh hinmuss. Kaum ist die Nachfrage wieder da, wird reagiert. Die alten Schuppen, in denen man mangels Schalldämmung die Lebensgeräusche der Nachbarn voll mithörte, werden abgerissen, im Neubau hört man nichts davon. Dafür ist er aber doppelt so teuer in der Miete, nichts für die, die vorher hier gelebt haben.

    Hätte man eben rechtzeitig bedenken sollen.

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    • snoek
    • 04. April 2013 15:45 Uhr

    Es ist ja nicht alles schlecht. Ich lebe in einem Stadtteil, der mitten im Gentrifizierungsprozess ist. Vor 20 Jahren war das noch keine gute Gegend.
    Jetzt machen überall Geschäfte für vegane Bekleidung, Holzspielzeug oder Bistros auf, in denen es keinen Alkohol, aber Bio-Frikadellen und Latte Macchiato gibt. Die Trinker, die immer vorne an der Ecke standen, sind verschwunden. Hinterhofwerkstätten sind zu Architekturbüros oder Yogaschulen geworden. Die Fabriken zu Lofts.

    Man ist sehr höflich zueinander. Es gibt kaum Kriminalität. Wenn doch mal ein Fahrrad oder Blumen aus einem Vorgarten gestohlen werden findet man nicht selten am Tatort einen Tag später ein Schild, auf dem dem Dieb gesagt wird, er solle sich schämen und das Diebesgut unverzüglich zurück bringen. Das sind doch alles Entwicklungen, die ich begrüße. Die Atmosphäre ist angenehm hier. Ich wüsste nicht, wo ich in meiner Stadt lieber wohnen würde.

    Wenn ja nicht das große Manko wäre: es war schon teuer als ich dort hinzog, aber nun wird er unbezahlbar. Ich habe noch einen alten Mietvertrag und meine Wohnung ist noch erschwinglich. Wenn jemand in meinem Haus auszieht, was oft passiert, dann wird die Wohnung komplett saniert und für eine sehr viel höhere Miete vermietet. Dennoch warten vor bei jedem Wohnungsbesichtigungstermin mindestens 50 Leute vor der Tür, die die Wohnung wollen. Seitdem ziehen nur noch Jura- und BWL Studenten mit wohlhabenden Eltern in mein Haus. Das finde ich etwas langweilig.

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    Hat sich denn schon mal ein Dieb geschämt oder sogar das Diebesgut zurückgebracht?

  3. Vorallem erwähnt die Autorin garnicht, dass es sich um eine unnatürliche Entwicklung handelt. Eine natürliche Entwicklung z.B. wäre, wenn der Wohlstand einer Stadt und ihrer Bewohner steigt und somit auch die Anforderungen an Immobilien.

    In Berlin aber z.B. kommt dieses Geld von Investoren, die eine der letzten gewinnversprechenden Anlagen nutzen wollen, die noch genug Gewinn verspricht. Die Finanzkrise hat Kapitaleignern die Möglichkeiten zur Investition drastisch minimiert. Immobilien in Ballungsgebieten mit Wachstumspotential sind derzeit eine lukrative und sichere Anlage.

    Und genau da beginnt der völlig verständliche Widerstand der Berliner.
    Es wird in Immobilien investiert, die maximalen Profit versprechen. Und das sind eben nicht Mehrfamilienhäuser mit bezahlbarem Wohnraum, sondern Luxusimmobilien, die wiederrum anderen Kapitaleignern als Parkplatz für ihr Kapital dienen.

    Das ist Stadtentwicklung zugunsten von Investoren, die weder den Ansprüchen der Bewohner, noch der Stadt im ganzen entspricht.

    Stadtentwicklung im Fokus der Geldanlage. Und es ist völlig egal, wenn diese Immobilien in Toplage nach dem Bau leerstehen. Die Wertsteigerung erreichen sie trotzdem. Das sind Tresore für Investoren, die nicht mehr wissen wohin mit ihrem Schotter.

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    Antwort auf "Verdreht"
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    Mehr als treffend analysiert!

    Ihre Meinung scheint offenbar sehr populär zu sein, allerdings baut sie auf falschen Aussagen auf.
    Zuerst einmal wird in Berlin nicht erst seit der Finanzkrise investiert. Während meiner Zeit im Prenzl-Berg wurde Mitte umgebaut und damals hörte man genau die gleichen Argumente von den bösen "Investoorn".
    Dann hat die Finanzkrise die Möglichkeiten nicht verringert, sondern verbessert. Kapital ist begehrter denn je. Allerdings muss man zustimmen, dass sicher einige Investoren jetzt auf langfristige Investitionen setzen, also Immobilien. Die versprechen dann aber nicht maximalen Profit, sondern eben maximale Sicherheit bei weniger Profit.
    Risikolos ist es aber trotzdem nicht, vor allem in Deutschlands Armenhaus Berlin, wo die Preise immer noch hinter anderen Grosstädten liegen. Wenn die Gebäude dann leer stehen ist es für den Investor eine mittlere Katastrophe, denn Immobilien fahren, besonders nach dem Ende der Steuervergünstigungen von Aufbau Ost, nunmal durch Mieteinnahmen Gewinne ein. Die Wertsteigerung ist eher nebensächlich, sehr langfristig und schwer kalkulierbar.

    • TDU
    • 04. April 2013 16:44 Uhr

    Die Fluktuation früher Zeiten wegen steigender Einkommen, die Räume frei macht, gibts nicht mehr so. In Köln kann man mitten in der Stadt, ist man in den 1990igern eingezogen dank Mietspiegel (mal soziale Leistung) vergleichsweise fast billiger und ruhiger Wohnen als auf dem Land. Denn alle Infrastruktur ist fussläufig erreichbar.

    Warum sollte man wegziehen, wenn der Arbeitsplatz gut erreichbar ist und sich ein anderer erst gar nicht findet. Folge: Neue müssen draussen bleiben.

    Heute ist fast kein Platz mehr zwischen zwischen Speckgürtel und Innenstadt. Wer als Alter umziehen muss findet sich nahe am Brennpunkt wieder. Der Staat investiert nichts, und alles ist auf Bestandsschutz ausgerichtet. Kleine Städte neue Läden? Fehlanzeige. Billig können nur die Großen und einkaufen ohne Auto ist halb so geil.

    Alle andere ist Folklore und dem neuen Spiesserdeutschland geschuldet. Selbstverständlich ist man nicht gegen Ausländer, aber Touristen und etwas Reichere schaffen die benötigten Feindbilder. Und selbstverständlich muss alles passgenau sein. Da sorgt dann schon der Porsche für Umweltsorgen, und mancher kann den Neid gut verdecken.

    Wie sich überhaupt Umwelt und Nachhaltigkeit gut für den eigenen Bestandsschutz und das eigene Wohlbefinden nutzen lassen. Deutschland im Jahr 2013 ist unflexibel gemacht. Platz wäre genug da für alle und noch mehr. Nur eben nicht in den Sahnestückchen.

    Neue entwickeln? Da seien Bauordnung, Einzelhandel und Initiativen aller Art vor.

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