GentrifizierungKampfzone Stadt

Gentrifizierungsgegner wollen die Stadt erhalten, wie sie ist. Dabei ist sie ein Sinnbild für Veränderung. Das vermeintlich Authentische ist oft nur eine Generation alt.

Mit einem Transparent und der Aufschrift "Currywurst statt Spätzle" wurde 2012 im Berliner Bezirk Pankow gegen die Verdrängung angestammter Bewohner demonstriert.

Mit einem Transparent und der Aufschrift "Currywurst statt Spätzle" wurde 2012 im Berliner Bezirk Pankow gegen die Verdrängung angestammter Bewohner demonstriert.

Gentrifizierung, Verdrängung und Sanierung – diese Themen entwickeln sich gerade zum Wahlkampfschlager. Denn sie wirken doppelt bedrohlich: Die Menschen sorgen sich nicht nur vor sozialem Abstieg, sie haben auch Angst vor dem Verlust der nachbarschaftlichen Gemeinschaft. Die verständlichen und teils heftig geführten Proteste entwickeln aber eine paradoxe Dynamik.

Vordergründig ruft die Gentrifizierung die üblichen Verdächtigen auf den Plan: Linke Aktivisten und Bürgerinitiativen wollen verhindern, dass sozial Schwache ausgegrenzt und ganze Stadtteile nach rein profitorientierten Kriterien und ohne Rücksicht auf historische Zusammenhänge umgestaltet werden.

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Ihr Feindbild sind Investoren und Stadtplaner, die einem reinen betriebswirtschaftlichen Leitbild folgen, nach dem Motto: Es gibt kein Menschenrecht auf das Wohnen in der Innenstadt; es entscheidet das Portemonnaie. Bauprojekte, die allein im Interesse der happy few durchgeführt werden, sind ebenfalls Steilvorlagen für Gentrifizierungsgegner. Denn wer wohnt in dem Hochhaus, dem ein Stück der East Side Gallery weichen musste? Wer wird in die Elbphilharmonie gehen? Wer verdient an der MediaSpree? Nur wenige werden von diesen Gebäuden profitieren.

Feinde sind Investoren, Schwaben und Touristen

Aber nicht nur die Investoren gelten als Feinde. Mal geht es gegen die bösen Schwaben, die vermeintlich heuschreckenartig in gewachsene Viertel einfallen und die traditionellen Einwohner zu vertreiben drohen, wobei gern vergessen wird, wie viele Zugereiste, auch aus Schwaben, sich in Berlin in der Hausbesetzerszene aktiv gegen Sanierungen gewehrt haben. Mal geht es gegen feierwütige Touristen, die ganze Straßenzüge okkupieren. Wie schön, dass die Deutschen im Ausland noch nie als feiernde Touristen aufgefallen sind.

Überraschend an der Situation ist, dass  die Gegner der Gentrifizierung sich in ihrem Protest als konservativer entpuppen als ihre Kontrahenten. Während früher städtebauliche Modernisierungen ("Sechziger-Jahre-Bauten") oft einen linken Impetus hatten und im Sektor des sozialen Wohnungsbaus neue Wege gegangen wurden, finden Linke heute offenbar nur noch gut, was vorhanden ist.

Leser-Kommentare
    • anbeck
    • 04.04.2013 um 15:15 Uhr

    Geschickt verdreht die Autorin die Erzählung, die der Begriff des "Authentischen" hier vermitteln soll. Dabei übersieht sie (oder verdreht es absichtlich), dass dieses "authentisch" nicht bedeutet, dass dieser Zustand besonders lange oder besonders 'natürlich' existiert. Das würde niemand behaupten wollen, denn eine gesunde Dynamik macht ein Stadtviertel ja erst interessant.

    "Authentisch" sollte hier lediglich bedeuten: Stadtviertel im Hinblick auf den Gebrauchswert und nicht auf den Tauschwert organisieren! In anderen Worten: gemäß sozialer und menschlicher Bedürfnisse.
    Es ist die Profitorientierung, was viele Stadtviertel nach und nach zu Schaufenstern von Image-Broschüren macht, zum Schlachtfeld von Investoren, und letztlich zur Verdrängung weniger betuchter Einwohner aus Stadtvierteln führt.

    Aber Chapeau für diesen eleganten rhetorischen Kniff der Autorin!

    13 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vorallem erwähnt die Autorin garnicht, dass es sich um eine unnatürliche Entwicklung handelt. Eine natürliche Entwicklung z.B. wäre, wenn der Wohlstand einer Stadt und ihrer Bewohner steigt und somit auch die Anforderungen an Immobilien.

    In Berlin aber z.B. kommt dieses Geld von Investoren, die eine der letzten gewinnversprechenden Anlagen nutzen wollen, die noch genug Gewinn verspricht. Die Finanzkrise hat Kapitaleignern die Möglichkeiten zur Investition drastisch minimiert. Immobilien in Ballungsgebieten mit Wachstumspotential sind derzeit eine lukrative und sichere Anlage.

    Und genau da beginnt der völlig verständliche Widerstand der Berliner.
    Es wird in Immobilien investiert, die maximalen Profit versprechen. Und das sind eben nicht Mehrfamilienhäuser mit bezahlbarem Wohnraum, sondern Luxusimmobilien, die wiederrum anderen Kapitaleignern als Parkplatz für ihr Kapital dienen.

    Das ist Stadtentwicklung zugunsten von Investoren, die weder den Ansprüchen der Bewohner, noch der Stadt im ganzen entspricht.

    Stadtentwicklung im Fokus der Geldanlage. Und es ist völlig egal, wenn diese Immobilien in Toplage nach dem Bau leerstehen. Die Wertsteigerung erreichen sie trotzdem. Das sind Tresore für Investoren, die nicht mehr wissen wohin mit ihrem Schotter.

    Vorallem erwähnt die Autorin garnicht, dass es sich um eine unnatürliche Entwicklung handelt. Eine natürliche Entwicklung z.B. wäre, wenn der Wohlstand einer Stadt und ihrer Bewohner steigt und somit auch die Anforderungen an Immobilien.

    In Berlin aber z.B. kommt dieses Geld von Investoren, die eine der letzten gewinnversprechenden Anlagen nutzen wollen, die noch genug Gewinn verspricht. Die Finanzkrise hat Kapitaleignern die Möglichkeiten zur Investition drastisch minimiert. Immobilien in Ballungsgebieten mit Wachstumspotential sind derzeit eine lukrative und sichere Anlage.

    Und genau da beginnt der völlig verständliche Widerstand der Berliner.
    Es wird in Immobilien investiert, die maximalen Profit versprechen. Und das sind eben nicht Mehrfamilienhäuser mit bezahlbarem Wohnraum, sondern Luxusimmobilien, die wiederrum anderen Kapitaleignern als Parkplatz für ihr Kapital dienen.

    Das ist Stadtentwicklung zugunsten von Investoren, die weder den Ansprüchen der Bewohner, noch der Stadt im ganzen entspricht.

    Stadtentwicklung im Fokus der Geldanlage. Und es ist völlig egal, wenn diese Immobilien in Toplage nach dem Bau leerstehen. Die Wertsteigerung erreichen sie trotzdem. Das sind Tresore für Investoren, die nicht mehr wissen wohin mit ihrem Schotter.

  1. Vorallem erwähnt die Autorin garnicht, dass es sich um eine unnatürliche Entwicklung handelt. Eine natürliche Entwicklung z.B. wäre, wenn der Wohlstand einer Stadt und ihrer Bewohner steigt und somit auch die Anforderungen an Immobilien.

    In Berlin aber z.B. kommt dieses Geld von Investoren, die eine der letzten gewinnversprechenden Anlagen nutzen wollen, die noch genug Gewinn verspricht. Die Finanzkrise hat Kapitaleignern die Möglichkeiten zur Investition drastisch minimiert. Immobilien in Ballungsgebieten mit Wachstumspotential sind derzeit eine lukrative und sichere Anlage.

    Und genau da beginnt der völlig verständliche Widerstand der Berliner.
    Es wird in Immobilien investiert, die maximalen Profit versprechen. Und das sind eben nicht Mehrfamilienhäuser mit bezahlbarem Wohnraum, sondern Luxusimmobilien, die wiederrum anderen Kapitaleignern als Parkplatz für ihr Kapital dienen.

    Das ist Stadtentwicklung zugunsten von Investoren, die weder den Ansprüchen der Bewohner, noch der Stadt im ganzen entspricht.

    Stadtentwicklung im Fokus der Geldanlage. Und es ist völlig egal, wenn diese Immobilien in Toplage nach dem Bau leerstehen. Die Wertsteigerung erreichen sie trotzdem. Das sind Tresore für Investoren, die nicht mehr wissen wohin mit ihrem Schotter.

    8 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Verdreht"
  2. Woher kommt die Mode, innenstadtnah zu wohnen?

    Ich meine, es ist nicht nur eine Mode der sog. Juppies, es gibt einen handfesten Grund für diesen Trend: Die Verkehrspolitik.

    Während des sog. Wirtschaftswunders zogen wohlhabende Stadtbewohner in die Randgebiete, ins Grüne, in die Fläche. Das Leitbild war der Bungalow, möglichst mit Pool im Garten wie in Hollywood. Die Etagenwohnungen waren nur noch schwer zu vermieten und wurden billiger. Die Melange aus sozialen Verlierern, linken Ideologen und alternativen Lebenskünstlern hat die Chance genutzt und die Marktlücke gefüllt.

    Dann fielen ihnen die Autos der Stadtrandbewohner auf den Wecker, die 'ihre' Strassen verstopfen und 'ihre' Parkplätze zustellen. Und überhaupt wollten sie die Strassen gar nicht mehr für den Autoverkehr nutzen. Also wählten sie grün und sperrten alles ab. Die Stadtrandbewohner sassen in der Staufalle.

    Nun wollen sie wieder zurück aus ihren Siedlungen im Grünen in die Innenstadt, wo man wegen der Arbeit eh hinmuss. Kaum ist die Nachfrage wieder da, wird reagiert. Die alten Schuppen, in denen man mangels Schalldämmung die Lebensgeräusche der Nachbarn voll mithörte, werden abgerissen, im Neubau hört man nichts davon. Dafür ist er aber doppelt so teuer in der Miete, nichts für die, die vorher hier gelebt haben.

    Hätte man eben rechtzeitig bedenken sollen.

    7 Leser-Empfehlungen
    • snoek
    • 04.04.2013 um 15:45 Uhr

    Es ist ja nicht alles schlecht. Ich lebe in einem Stadtteil, der mitten im Gentrifizierungsprozess ist. Vor 20 Jahren war das noch keine gute Gegend.
    Jetzt machen überall Geschäfte für vegane Bekleidung, Holzspielzeug oder Bistros auf, in denen es keinen Alkohol, aber Bio-Frikadellen und Latte Macchiato gibt. Die Trinker, die immer vorne an der Ecke standen, sind verschwunden. Hinterhofwerkstätten sind zu Architekturbüros oder Yogaschulen geworden. Die Fabriken zu Lofts.

    Man ist sehr höflich zueinander. Es gibt kaum Kriminalität. Wenn doch mal ein Fahrrad oder Blumen aus einem Vorgarten gestohlen werden findet man nicht selten am Tatort einen Tag später ein Schild, auf dem dem Dieb gesagt wird, er solle sich schämen und das Diebesgut unverzüglich zurück bringen. Das sind doch alles Entwicklungen, die ich begrüße. Die Atmosphäre ist angenehm hier. Ich wüsste nicht, wo ich in meiner Stadt lieber wohnen würde.

    Wenn ja nicht das große Manko wäre: es war schon teuer als ich dort hinzog, aber nun wird er unbezahlbar. Ich habe noch einen alten Mietvertrag und meine Wohnung ist noch erschwinglich. Wenn jemand in meinem Haus auszieht, was oft passiert, dann wird die Wohnung komplett saniert und für eine sehr viel höhere Miete vermietet. Dennoch warten vor bei jedem Wohnungsbesichtigungstermin mindestens 50 Leute vor der Tür, die die Wohnung wollen. Seitdem ziehen nur noch Jura- und BWL Studenten mit wohlhabenden Eltern in mein Haus. Das finde ich etwas langweilig.

    7 Leser-Empfehlungen
    • anyweb
    • 04.04.2013 um 15:19 Uhr

    Ich fand Ihr Hauptargument fadenscheinig. Sie beschreiben die Situation zum Glück am Ende noch richtig: Gentrifizierungsgegener sind nicht gegen NEUES an sich, sondern gegen NEUES das nur für wenige gut ist, denen es meistens auch schon gut geht.

    4 Leser-Empfehlungen
    • Afa81
    • 04.04.2013 um 16:54 Uhr

    Zunächst einmal - ich wünsche den Berliner Getrifizierungsgegner viel Pech.
    Und das wünsche ich ihnen nicht, weil ich das Problem der Gentrifizierung nicht erkannt habe oder weil ich den Berliner Kiez gerne zu einem Platz für Besserverdienende umgestalten möchte. Ich wünsche ihnen das, da sie in der Regel das Thema für ihre Zwecke missbrauchen.

    Frau Dückers beschreibt hier sehr schön das Problem. Wir haben eine Finanzkriese, in der das Geld auf der Bank nicht mehr sicher ist bzw. die Bank keine über den Inflationsausgleich reichende Zinsen mehr bietet. Hinzu kommt, dass Immobilienobjekte in Berlin maßlos unterbewertet
    waren. Jetzt greifen Investoren zu. Diese Investoren kommen aus der ganzen Welt. Und genau diese Investoren treiben auch die Preise in die Höhe. Auf Immobilienscout konnte man eine Anzeige lesen die für Mietobjekte in Berlin Neukölln eine Rendite von 9% in Aussicht gestellt
    hat. Auf Youtube findet man ARD Reportagen mit geheimen Mitschnitten aus Verkaufsgesprächen in denen der Verkäufer darlegte, wie man ein altes Haus kauft, die Leute rausklagt und dann durch Luxussanierungen den Quadratmeterpreis für die Miete deutlich erhöht.

    Frau Dückers beschreibt aber auch die Folgen - nämlich, dass die Schwaben dafür verantwortlich gemacht werden, dass man Kinderwägen anzündet und Autos verbrennt. "Schwaben töten" und "Yuppies Inside" o.Ä. kann man an bald jeder Hauswand im Kiez lesen. Und das stört mich. Die Investoren stopfen sich die Taschen...

    4 Leser-Empfehlungen
    • Afa81
    • 04.04.2013 um 16:54 Uhr

    ...voll und an den Süddeutschen lässt man seine Wut aus. Dabei muss man doch garnicht superintelligent sein um zu verstehen, dass es absolut logisch ist, dass die Süddeutschen in Berlin oft etwas höhere Einkommen
    erwirtschaften - immerhin verlässt man seine Heimat ja nicht, weil man in Berlin ein Angebot zur ALDI-Kassiererin erhalten hat. In der Regel kommen diese Leute, weil sie einem lukrativen Jobangebot folgen. Das heißt aber nicht, dass sie vor Freude in die Hände klatsche, wenn ihnen die Miete erhöht wird - Gegenteiliges ist der Fall.

    Sobald sich einmal Widerstand gegen den Privatisierungswahn regen würde, Widerstand gegen Luxussanierungen, Widerstand gegen die Verursacher, Widerstand gegen eine falsche Stadtentwicklung, werde ich in erster Reihe mitstreiten - aber so wie es im Moment läuft, kann ich das nicht. Im Übrigen habe ich in Berlin noch keinen einzigen Spruch gegen Finanzinvestoren, gegen Miethaie etc. gesehen. Ich habe auch noch keine Demo in den Reichenvierteln z.B. in Zehlendorf gesehen. Und ich habe auch noch kein einziges Auto eines Investors brennen sehen (doch, einmal von der DeGeWo).
    Übrigens: In Tempelhof sollten Wohnungen für die Wohlhabenderen gebaut werden. Damit könnte man sicher die ein oder andere Altbauwohnung vor ihrer Umfunktionierung bewahren. Aber nein - die Reaktion war "Have you ever squatted an Airport". Da dürfen sie also auch nicht hin...

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