Altbundeskanzler Helmut Schmidt (l) und der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard bei der Hanns Martin Schleyer-Preis Verleihung. © Franziska Kraufmann/dpa

Ganz am Ende, beim Abendessen im Neuen Schloss zu Stuttgart, das Dessert ist schon abgeräumt, sitzen Helmut Schmidt und Hanns Eberhard Schleyer zusammen und rauchen eine Zigarette. Ganz entspannt sind sie einander zugewandt, plaudern noch ein wenig. Zwei, die ihren inneren Frieden gefunden haben.

Am Freitagabend ist Helmut Schmidt mit dem Hanns Martin Schleyer-Preis ausgezeichnet worden. Und wer ermessen will, was das bedeutet, muss sich die dramatischen Wochen des Herbstes 1977 in Erinnerung rufen, als der damalige Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von der Roten Armee Fraktion entführt worden war, mit dem Ziel, die Freilassung der inhaftierten RAF-Mitglieder zu erzwingen. Doch der damalige Bundeskanzler Schmidt blieb hart. Er wollte sich von den Terroristen nicht erpressen lassen – auch nicht, als Gesinnungsgenossen der RAF die Lufthansa-Maschine Landshut entführten. Am 19. Oktober 1977 wurde Schleyer im elsässischen Mülhausen tot aufgefunden.

Nichts hatte die Familie unversucht gelassen, Schleyer aus der RAF-Gefangenschaft zu befreien. In ihrer Not rief sie sogar das Bundesverfassungsgericht an: War es nicht höchste Pflicht des Staates, das Leben seiner Bürger zu schützen?

Hans-Jochen Vogel erinnert sich noch gut an die dramatische Nacht, in der er, der damalige Justizminister, auf die Entscheidung in Karlsruhe wartete. Es war durchaus nicht gewiss, wie der Spruch der Richter lauten würde. Vogel ist an diesem denkwürdigen Abend in Stuttgart dabei, wie auch sein einstiger Ministerkollege Erhard Eppler und der damalige Regierungssprecher Klaus Bölling.

"Meine größte Niederlage"

"Diese Preisverleihung ist auch eine Geste der Versöhnung", sagt Wilfried Porth, der Jury-Vorsitzende des Hanns Martin Schleyer-Preises bei seiner Begrüßung. Hanns Eberhard Schleyer selbst hat Schmidt den Preis angetragen. Er ist dazu nach Hamburg gereist, Helmut Schmidt hat die Begegnung als anrührend empfunden. Beide wissen: Lebte Waltrude Schleyer noch, die Witwe des Ermordeten, es hätte den Preis für Schmidt nicht gegeben, auch 36 Jahre nach dem Mord an Schleyer nicht. Die Witwe hätte es einfach nicht vermocht.

Helmut Schmidt ist mit Auszeichnungen überhäuft worden. Dieser Preis aber bedeutet ihm viel. Denn die Ermordung Schleyers, so schreibt er in seinem neuen Buch (Ein letzter Besuch), war "meine größte Niederlage". So wird die Preisverleihung in Stuttgart zu einer historischen Stunde, zu der sich die Familie Schleyer, alte Weggefährten Schmidts und zahlreiche Angehörige der Opfer des RAF-Terrros versammelt haben.

Frankreichs ehemaligen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing, der die Laudatio auf seinen alten Freund hält, bewegt es, "heute Zeuge eines bedeutsamen Versöhnungsaktes" zu sein. Giscard hält seine Rede auf Deutsch. "Sie waren ein großer Kanzler", spricht er Schmidt direkt an. "Sie verkörpern in Deutschland wie im Ausland eine moralische Instanz – die Weisheit in Person."

Altkanzler ist sich Mitschuld bewusst

Als Schmidt zu seiner Dankesrede ansetzt, herrscht ergriffene Stille im Saal. "Mir ist sehr klar bewusst, dass ich – trotz aller redlichen Bemühungen – am Tode Hanns Martin Schleyers mitschuldig bin", sagt der Altkanzler in das tiefe Schweigen. "Umso mehr möchte ich mich vor der heutigen Entscheidung der Familie Schleyer verbeugen. Es rührt mich zutiefst, dass die Familie Schleyer öffentlich ihren Respekt gegenüber meiner damaligen Haltung zum Ausdruck bringt." Als Schmidt endet, erhebt sich der Saal und spendet lange Applaus.

Dann geht die Festversammlung durch den Abendregen über den Schlossplatz in den Marmorsaal, wo es noch ein Glas Wein gibt. Stuttgarts gesamte Wirtschaftselite hat sich versammelt, um den sozialdemokratischen Altkanzler und den früheren Nestlé-Chef Helmut Maucher, den zweiten Preisträger, zu ehren. Etwas scheu schiebt sich durch das Gedränge ein ganz schmal gewordener, vom Alter nun auch ein wenig gebeugter einstiger Kabinettskollege Schmidts, der mit seinem damaligen Regierungschef so manchen Grundsatzstreit  ausgetragen hat. Aber auch Erhard Eppler ist an diesem Abend mit dem Exkanzler zufrieden und lobt die Rede Schmidts: "Das hat der Helmut gut gemacht."