Im Jahr 2011 gab es das beigefarbene Sofa. 2012 die künstliche Befruchtung. Marie und Sebastian müssen sparen, um Kinder zu kriegen. Natürlich und kostenlos klappt es seit vier Jahren nicht.

Marie arbeitet als Pflegehelferin, Sebastian als Malermeister. Monatlich haben sie etwa 2.300 Euro zum Leben. Nach der Miete für zwei Zimmer, nach Kosten für Strom und Wasser, Telefon und Versicherungen bleiben ihnen 1.200 Euro. Die beiden haben ein Auto und eine Katze. Sie haben keine teuren Hobbys, gehen nicht ins Kino oder Theater, auf Konzerte oder zum Fußball ins Stadion.

Marie backt gern. Und ihrer einjährigen Nichte hat sie zu Weihnachten eine knallgrüne Wolljacke mit Holzknöpfen gestrickt. Sebastians große Leidenschaft sind Eisenbahnen. Einmal im Jahr fahren die beiden in den Harz, wo noch dampfbetriebene Schmalspurbahnen durch die Landschaft fahren. Keine große Sache, dieser Jahresurlaub. Von Hamburg aus sind es drei Stunden hin, drei Stunden zurück.

Im vergangenen Jahr sind sie zu Hause geblieben. Ihr großer Wunsch nach einer Familie war stärker. Beides ging finanziell nicht.

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1.200 Euro haben sie für die Insemination an das Fertility Center Hamburg gezahlt. Dass ihre Krankenkasse davon gar nichts übernimmt, wussten sie vorher nicht. Dafür müssten sie verheiratet sein, so steht es im Paragraph 27a, Sozialgesetzbuch zur Gesetzlichen Krankenversicherung. Zum Schutz der Ehe.

Marie und Sebastian räumen ihr Konto. Ihre Eltern geben 200 Euro dazu. "Wir haben das nachher aber alles zurückgezahlt", sagt Marie. Ihr ist das peinlich. Die 29-Jährige musste sich überwinden, ihre Eltern nach Geld zu fragen.

Kassen übernehmen die Hälfte für drei Versuche

Bis zur Gesundheitsreform 2004 haben die Krankenkassen vier Versuche einer künstlichen Befruchtung komplett erstattet. Seitdem übernehmen die Kassen nur noch die Hälfte der Kosten für maximal drei Versuche. Akzeptiert werden verheiratete Paare, sie zwischen 25 und 40, er zwischen 25 und 50 Jahre alt, und mit den eigenen Ei- und Samenzellen.

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Im Jahr der Reform gab es lediglich halb so viele Befruchtungen, 37.633 gegenüber 80.434 im Vorjahr 2003. Mittlerweile ist die Anzahl der Versuche gestiegen. Sie bleibt aber deutlich unter dem Niveau von 2003, als die Kosten noch übernommen wurden.

Mehr als Insemination ist nicht drin

Als die Gesundheitsreform debattiert und verabschiedet wird, fängt Marie gerade mit ihrer Ausbildung zur Pflegehelferin an. Mit 20 lernt sie Sebastian kennen. Sie kann sich vorstellen, mit ihm irgendwann eine Familie zu gründen. Im Juni 2012, acht Jahre später, sitzen die beiden auf den Korbsesseln im Wartezimmer des Fertility Center Hamburg. Mit ihnen andere Paare, ganz weit weg, auf der anderen Seite des weiten Raumes. Keiner redet. Keiner bewegt sich. Nur wenn ein Kind reinkommt, schauen alle auf. Marie ist nervös. Vielleicht ist es ihre einzige Chance. Sie geht die Stuhlreihe durch: Was arbeiten die wohl? Wie können die sich das leisten? Besonders die jungen Leute.

Die meisten sind wegen einer ICSI oder einer IVF hier. Manche Paare müssen von den Ärzten gebremst werden, weil sie keinen Menstruationszyklus auslassen wollen. Sie wollen sofort weitermachen, wenn es nicht funktioniert hat. Erst ab dem vierten Versuch liegt die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden höher als 50 Prozent. Ein Versuch kostet 3.000 bis 4.000 Euro. Marie will sich gar nicht ausrechnen, wie lange sie dafür sparen müssten. Insemination. Mehr ist nicht drin.

Kurz darauf ist sie einen Tag lang schwanger und glücklich. Einen Tag später ist sie enttäuscht und wütend.

Ab 30 wird es teurer

Sie versteht nicht, warum Unfruchtbarkeit bei der Weltgesundheitsorganisation WHO als Krankheit registriert ist, die Krankenkassen in Deutschland aber nichts oder nur einen Anteil zahlen. Hierzulande gilt der Kinderwunsch als Selbstverwirklichung, als private Entscheidung. Sie ist fassungslos, wenn CDU-Politiker wie Jens Spahn oder Marco Wanderwitz eine Abgabe für Kinderlose vorschlagen. Sie soll mehr bezahlen, weil ihr das Geld für ein Kind fehlt. "Das wäre ja noch eine Bestrafung mehr."

Marie würde gern mehr arbeiten, mehr als die 25 Stunden in der Woche. Pflegepersonal wird gebraucht. Maries Chefin hat Zeitarbeiter eingestellt.

Seit drei Jahren geht Marie immer freitags putzen. Drei bis vier Stunden im Haus einer Ärztin und eines Rechtsanwalts. Sie muss auch in die beiden Kinderzimmer, wenn die Wäsche fertig ist. Die Kleine ist vier oder fünf, der Große vielleicht sieben oder acht. Marie legt die gebügelten kleinen Hosen und Pullis zusammen, räumt sie in die Schränke. Dann hält sie manchmal kurz inne, wie schön es doch wäre, wenn.

Die Familie zahlt ihr zehn Euro die Stunde. Ist deren Nachbarin im Urlaub, füttert Marie die Katze. Nochmal zehn Euro.

Vom Staat nicht zur Heirat zwingen lassen

Sebastian sagt mittlerweile: "Dann müssen wir uns eben damit abfinden." Marie sagt: "Warum heiraten wir denn nicht endlich?"

Sebastian will sich vom Staat nicht dazu zwingen lassen. Und wenn Hochzeit, dann mit richtiger Feier. Auch dafür müssten sie sparen. Klar, sie würden dann nur noch die Hälfte der Befruchtung selbst zahlen. Aber, Maries Arzt meinte vor Kurzem: Wenn sie über 30 ist, wird das schnell teurer. Und: vielleicht sollten sie auf IVF oder ICSI umsteigen. Auch verheiratet werden das mehr als die 1.200 Euro, die sie für ihre Insemination im Juni ausgegeben haben.

Mehr Förderung im Osten

Das Bundesfamilienministerium will Paare mit einem unerfüllten Kinderwunsch finanziell nun mehr unterstützen. Ehepaare. Seit Januar steht dafür ein Topf mit zehn Millionen Euro bereit. Die Bedingung von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder: Die Länder müssen sich beteiligen. Das einzige Bundesland, in dem Paare bisher Anträge stellen können, ist Niedersachsen.

Sachsen und Sachsen-Anhalt bieten dagegen schon seit 2009 und 2010 eine eigene Förderung an. Kindermangel im Osten: Die Bundesländer mussten sich etwas überlegen. Momentan verhandeln sie noch mit dem Familienministerium um deren Beteiligung an ihrer bisherigen Förderung. Wenn Marie und Sebastian in Sachsen-Anhalt wohnten, könnten sie einen Antrag stellen. Dort geht das auch unverheiratet.

Urlaub oder Kinderwunschbehandlung

Marie und Sebastian machen wohl erstmal mit der Hormonbehandlung weiter. Die 30 Euro im Monat für Medikamente, das geht schon. "Aber eine IVF, das ist zu teuer, das können wir uns nicht erlauben", sagt Sebastian. Rücklagen gibt es nicht. Einen Kredit würden die beiden nicht bekommen.

Wenn sie etwas Geld gespart haben, überweist Marie es ihrem Vater. Zu Hause, in Mecklenburg-Vorpommern, hat sie noch ein Sparbuch. Er bringt es dann auf die Bank. 800 Euro sind da gerade drauf. Sebastian würde davon mal wieder in den Harz fahren. Marie will es lieber aufheben.