Gabi Müller ist 34, als sie glaubt, sie und ihr Freund könnten ein ganzes Dorf zeugen. Sie hat keine Zweifel, dass sie sofort schwanger wird, sobald sie aufhört zu verhüten. Doch das reicht nicht, um ein Kind zu bekommen, geschweige denn ein ganzes Dorf.

Jeden Monat setzt pünktlich die Blutung ein. Nach drei Monaten wird Müller unruhig. Nach einem Jahr empfiehlt ein Freund, einen Termin in einer Kinderwunschpraxis zu vereinbaren.

Müller sagt, es sei "wie ein Tod" gewesen, als der Arzt feststellte, dass ihre beiden Eileiter verklebt sind. Dass sie auf natürlichem Weg kein Kind bekommen wird. Monat für Monat fühlt es sich an, als wäre jemand gestorben. Aber es kommt niemand zur Trauerfeier.

Die eigene Not zum Beruf gemacht

Müller lebt in dieser Zeit wie auf einer Insel. Es fällt ihr manchmal schwer, die Brücke zu schlagen zu anderen Menschen, vor allem, wenn sie Kinder bekommen. "Plötzlich lebt die beste Freundin auf einem anderen Planeten", erzählt sie. Die Kinderlose mag das süße Baby nicht sehen und das Jammern über schlaflose Nächte nicht hören.

Sechs Millionen Deutsche sind ungewollt kinderlos. Wie gehen sie mit dieser Lebenskrise um? Alle Beiträge zum Thema finden Sie hier.

Müller fühlt sich gierig. Weil sie auch haben will, was alle anderen scheinbar so einfach kriegen. Andere kinderlose Frauen haben das Gefühl, versagt zu haben. Aber das schlimmste ist der Neid.

Müller hat diese Not später zum Beruf gemacht. Als Psychotherapeutin behandelt sie viele Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch. Sie sagt, sie beobachte an ihnen oft, was sie selbst erlebt hat: "Hat sich eine Frau für ein Kind entschieden, trifft es sie in ihrer Identität, wenn es nicht klappt."

Fast alles im Griff

Sabine Wiemer* hat es so erlebt. Sie vermutet: "Vielleicht ist es für die besonders hart, die ehrgeizig sind, die die Zähne zusammenbeißen, ihr Leben genau planen und ihre Ziele erreichen. Für Kopfmenschen wie mich." Mit 31 hat Wiemer die entscheidenden Weichen gestellt: das Studium abgeschlossen, die Steuerberatungsprüfung bestanden, geheiratet. Jetzt sollte es losgehen: sowohl mit der Karriere als auch mit der Familie. Vier Kinder will sie haben. Zur Arbeit fährt sie jeden Tag von Hamburg nach Celle in die Kanzlei. Von morgens sieben bis abends halb acht ist sie unterwegs. Beruflich hat sie alles im Griff, aber schwanger wird sie nicht.

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Manche Frauen sind so beschämt, dass sie mit niemandem darüber sprechen wollen. Müller rät ihnen, es trotzdem zu tun, auch zu den bösen Gefühlen zu stehen und dazu, dass sie manche alten Freunde vielleicht eine Weile nicht sehen können. Wiemer sagt, für sie sei es eine gute Entscheidung gewesen, offen darüber zu reden: "Ich trage sowieso immer mein Herz auf der Zunge. Und ich habe sehr viel ehrliches Mitgefühl erlebt." Anders als viele andere Frauen in der Situation tut es ihr gut, mit den vielen Kindern ihrer Freunde zu spielen und fünfmal Patentante zu werden.

Aber auch ihr bleiben blöde Sprüche, Indiskretionen und Übergriffe nicht erspart: "Kauf dir mal hübsche Wäsche, dann wird's schon klappen." Müllers Freunde plauderten über ihre Eierstöcke. Eine Mutter drückte ihr ungefragt ein Baby in den Arm: "Du wünschst dir doch eins, darfst mal meins halten." Viele ahnen gar nicht, wie Sätze à la "Lass mal locker", und "Adoptier' doch eins" verletzen können.

Künstliche Befruchtung ja oder nein?

Müller sind Hormonbehandlungen, schmerzhafte und entwürdigende Untersuchungen egal. Sie ist bereit, alles mitzumachen. Sie hat großes Vertrauen in die Medizin. Vielen Frauen fällt die Entscheidung jedoch schwer, in ihren Körper und in die natürlichen Abläufe derart einzugreifen.

Wiemer versucht deshalb, das Problem herunterzuspielen. Ihre Diagnose war schließlich nicht ganz hoffnungslos, immerhin waren ihre Eileiter noch ein wenig durchlässig. Sie versucht es mit Homöopathie und liest Bücher, die Alternativen zur medizinischen Kinderwunschbehandlung versprechen. Sie sagt aber auch: "Ich hatte gar nicht die Zeit, mich wirklich darum zu kümmern."

So vergehen manchmal Jahre, in denen die Hoffnung bleibt und die Verzweiflung immer stärker wird. Als Wiemer sich schließlich doch schulmedizinisch behandeln lässt, bricht sie jedes Mal weinend zusammen, wenn sie ihre Tage bekommt. Die Wahrscheinlichkeit, mit der gewählten Methode, der Insemination, schwanger zu werden, liegt für sie nur bei fünf bis zehn Prozent. Obwohl Wiemer das weiß, kann sie nicht ertragen, dass sie nun endlich handelt – aber nichts bewirkt.

"Für wen tue ich das alles?"

Die nächste Entscheidung steht an. Über die Frage, ob sie eine In-Vitro-Fertilisation versuchen wollen, die als aussichtsreicher gilt, gerät Wiemers Mann in Gewissensnöte. Er ist katholisch und überzeugt, dass die künstliche Befruchtung außerhalb des Körpers zu stark ins Menschwerden eingreift. Nachdem der letzte von der Privatversicherung bezahlte Inseminationsversuch scheitert, will er Gottes Willen akzeptieren. Er weint in der Nacht und sagt: "Wenn ich meinem Gewissen folge, verletze ich dich, und wenn ich tue, was du dir wünschst, verletze ich mein Gewissen."

Obwohl Müller weder religiöse noch medizinische Zweifel hegt, türmen sich auch vor ihr die großen Fragen auf: Warum will ich überhaupt ein Kind? Bin ich es wert? Frauen, die schnell schwanger werden, haben keine Zeit, an der ursprünglichen Entscheidung herumzukritteln. Die Kinderlosen schon. Auch Wiemers beginnt, vieles infrage zu stellen: Wie will ich leben? Für wen tue ich das?

Entscheidungen im Beruf

Derweil geht das Leben ohne Kind weiter. Müller steckt in einer tiefen Krise: Ihr Vater stirbt, ihr provisorischer Job nervt, die Beziehung kriselt und nachdem sie nach der vierten Behandlung endlich das erste Mal schwanger wird, erleidet sie eine Fehlgeburt. Sie fasst wieder Fuß, als sie sich entscheidet,  beruflich neue Weichen zu stellen: Sie macht sich als Psychotherapeutin selbstständig.

Wiemer bekommt das Angebot, als Partnerin in die Steuerberatungskanzlei in Celle einzusteigen. Sie zaudert. Lieber würde sie in den Mutterschutz aussteigen. Sie sagt: "Ich lebte die ganze Zeit mit einem Fuß auf der Bremse."

Wiemer und ihr Mann verdienen inzwischen beide gut, wohnen aber noch in einer kleinen Wohnung. Mal träumen sie von einem Haus in der Einsamkeit der Lüneburger Heide. Aber was wollen sie dort ohne Kinder? Also träumen sie vom schicken Apartment in der Hafen City in Hamburg oder planen, ein Jahr lang durch Chile zu reisen. Sie sagt: "Wir waren völlig ziellos." Die Wohnung bleibt provisorisch, aber Wiemer erzählt ihrem Chef, was sie bewegt, und wird Partnerin. Er ist der Ansicht: Wenn du schwanger wirst, finden wir eine Lösung.

Demut vor dem Leben

Wiemer sucht Hilfe bei einer Therapeutin, nimmt sich einen Tag in der Woche frei und beginnt, ihre Wünsche offensiver zu vertreten. Ihr Mann findet ständig neuen Lesestoff, der die Risiken der künstliche Befruchtung betont. Ramponiert aus der Retorte, war der Titel eines Artikels in der FAZ. Doch sie macht ihm klar, dass sie diese Chance, doch noch Kinder zu bekommen, nicht verstreichen lassen will.

Während eines Waldspaziergangs hat sie ihn dann soweit. Denn zufällig joggt der Professor aus der Kinderwunschklinik an ihnen vorbei. "Ein Zeichen", ruft sie. Ihr Mann spricht weiter von seinem Gewissen. Doch dann fährt auch noch der Pfarrer auf dem Fahrrad vorbei. "Noch ein Zeichen! Ich hab es einfach mal so ausgelegt", sagt sie lachend.

Gleich nach dem ersten Versuch mit der IVF ist Wiemer schwanger. Vier Jahre sind vergangen zwischen der Diagnose und der Geburt der Tochter. Die ist jetzt ein Jahr alt. Im Nachhinein sei alles gut so, wie es gelaufen ist, sagt Wiemer, auch wenn sie wohl keine vier Kinder mehr bekommen wird: "Ich weiß viel besser, was ich will und in meiner jetzigen Position ist es leichter, wieder in den Job einzusteigen."

Müller hält sechs Jahre durch, bis auch sie ein Kind bekommt. Die neunte Behandlung hat Erfolg. Als sie schwanger wird, ist Müller 40 Jahre alt. Geblieben sei eine große Demut dem Leben gegenüber, sagt sie.

* Name von der Redaktion geändert