ZEIT ONLINE: Frau Albright, seit 1997 wissen Sie um Ihre jüdische Herkunft. Haben Sie heute ein neues Verständnis von sich gewonnen – wer Sie sind?

Madeleine Albright: Es ist ein sich entwickelnder Prozess. Ich war 59 Jahre alt, als ich diese Entdeckung machte, und seitdem versuche ich zu verstehen, was sie für mich bedeutet, was in diesem Zweiten Weltkrieg mit uns passierte und warum. Als meine Geschichte damals aufgedeckt wurde, war das im Rahmen meiner neuen Position als Außenministerin eine Sensation. Tatsächlich habe ich seitdem viele Briefe von Leuten erhalten, denen es ähnlich ging wie mir.


ZEIT ONLINE: Wie hat das Ihr Leben verändert?

Albright: Nun, mein religiöser Hintergrund ist ein wenig verwirrt. Ich wurde katholisch erzogen und heiratete einen episkopalischen Christen und trat seiner Kirche bei, und jetzt bin ich also jüdisch. Gerade war ich bei der Bar Mitzwa meiner Enkelin, sie wächst in einer jüdischen Familie auf. Andere in unserer Familie sind Christen, und ich bin vermutlich so eine Kombination von allem. Ich bin fasziniert vom Judentum und habe nun eine Menge darüber gelernt, aber ich würde mich nicht als praktizierende Jüdin bezeichnen. Das wäre in meinem Fall ein wenig künstlich. Aber ich werde vom Rabbi David Saperstein in Washington zum Passah Fest eingeladen und fühle mich geehrt. 

ZEIT ONLINE: Spüren Sie so etwas wie eine spirituelle Sehnsucht?

Albright:(zögernd) Eigentlich nicht. In meinem Buch geht es eher darum zu verstehen, wie das alles passieren konnte, wie sich die tschechischen Juden in die Geschichte der Juden fügen. Es scheint mir, dass sie sehr weltlich orientiert waren. Meine Eltern gehörten zu dieser Generation, die sich in dem neuen Land als tschechische Patrioten verstanden. Auf ihrer Hochzeitsurkunde stand: "keine Religion".

ZEIT ONLINE: Erstaunt es Sie heute, dass Ihnen nicht viel früher schon Fragen kamen? Sie erzählen in Ihrem Buch von Ihrer Kusine Dáša, die bei Ihnen mit einem der Kindertransporte in London eintraf, ohne Eltern und ihre kleine Schwester. Das fiel nicht auf?

Albright: Es ist schwer zu erklären. Aber wenn Sie eine scheinbar abgeschlossene Geschichte vor sich haben, und es keine losen Fäden gibt, stellen Sie keine Fragen. Sie müssen mein Alter bedenken – ich war zwei Jahre alt, als wir nach England kamen und acht, als wir es verließen. Es war der Zweite Weltkrieg, es war eine bizarre Situation in einem Land, dessen Sprache meine Eltern nicht sprachen. Eine Kusine zu haben, die ab und zu vorbeikam – nie erschien mir das merkwürdig, nie hat sie auch später irgendwas erwähnt von unserer jüdischen Herkunft.

ZEIT ONLINE: Die Kindertransporte haben etwa 10.000 Kindern das Leben gerettet, um den Preis, dass ihre Eltern zurückblieben, viele von ihnen kamen um, wie ja auch Dášas Eltern. Ich hatte einmal die Gelegenheit, mit nun erwachsenen "Kindern" zu sprechen, fast alle sagten, sie hätten Zeit ihres Lebens versucht, das Furchtbare zu verdrängen.

Albright: Ich sammle erst jetzt einzelne Fragmente zusammen. Wir gingen nach dem Krieg von London zurück nach Prag für drei Monate und verließen es in Richtung Belgrad, wo ich als Tochter des Botschafters ein ziemlich isoliertes Leben führte. Dáša besuchte uns auch dort ab und zu. Die einzige Geschichte, die ich mit ihr in Verbindung brachte, war, dass sie nicht mit uns in die Vereinigte Staaten auswanderte, weil sie sich verliebt hatte.

ZEIT ONLINE: Sie haben als Flüchtlingskind diese erstaunliche Karriere hingelegt – als Immigrantin und als Frau, ja als ältere Frau von 59 Jahren sind Sie Außenministerin geworden. Wäre noch "jüdisch" dazugekommen – wäre es möglich gewesen?

Albright: Ich habe nicht den geringsten Zweifel. Henry Kissinger ist Immigrant und Jude, und er hat es geschafft.