Hanns-Martin-Schleyer-Preis"Ich bin am Tode Schleyers mitschuldig"

Als Kanzler widersetzte sich Helmut Schmidt 1977 dem Erpressungsversuch der RAF, kurz darauf wurde Hanns Martin Schleyer ermordet. Nun räumte Schmidt eine Mitschuld ein.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist am Freitag mit dem Hanns-Martin-Schleyer-Preis geehrt worden. Der Sozialdemokrat und Herausgeber der ZEIT nahm die Auszeichnung nach eigenen Worten "tief berührt" entgegen. In seiner Rede übernahm Schmidt eine Mitverantwortung dafür, dass der damalige Arbeitgeberpräsident Schleyer 1977 von der Roten-Armee-Fraktion (RAF) nach der Entführung ermordet wurde.

"Wohl aber ist mir sehr klar bewusst, dass ich - trotz aller redlichen Bemühungen - am Tode Hanns Martin Schleyers mitschuldig bin. Denn theoretisch hätten wir auf das Austauschangebot der RAF eingehen können", sagte der Altkanzler.

Schmidt hatte sich damals geweigert, Schleyer gegen gefangene RAF-Terroristen auszutauschen. Schleyers Witwe Waltrude warf dem Kanzler seinerzeit vor, das Leben ihres Mannes für die Staatsräson geopfert zu haben. Sie starb 2008.

In der Begründung der Stiftung, in deren Jury auch Schleyers Sohn Hanns Eberhard sitzt, heißt es: "Eine besondere Herausforderung für unseren Rechtsstaat wie auch für Bundeskanzler Helmut Schmidt war das Jahr 1977. Die Unausweichlichkeit entscheiden zu müssen, forderte besonders von ihm persönlich in kaum vorstellbarem Maße Abwägung, Gewissensprüfung und Mut."

Schmidt wurde für "hervorragende Verdienste um die Festigung und Förderung der Grundlagen eines freiheitlichen Gemeinwesens" geehrt. Sein langjähriger politischer Wegbegleiter, Frankreichs ehemaliger Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing (87), würdigte den 94-Jährigen als "großen Kanzler". Neben dem Altkanzler wurde der ehemalige Nestlé-Chef Helmut Maucher ausgezeichnet.

Schmidt bekannte, drei Erlebnisse hätten sein Leben bis in die Grundfesten erschüttert. "Zum einen der Tod meiner Frau. Zum anderen - viele Jahrzehnte davor - mein Besuch in Auschwitz. Und drittens die monatelange Kette von mörderischen Ereignissen, die mit Hanns Martin Schleyers Namen verbunden bleibt."

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Leserkommentare
    • TeCe
    • 26. April 2013 22:40 Uhr

    Es ist komisch, aber wenn ich an Helmut Schmidt denke, dann denke ich an den letzten integren Politiker und wenn ich an den letzten integren Politiker denke, dann denke ich an Helmut Schmidt. Lang lebe Helmut Schmidt.

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    Bei mir ist das eher Willy Brandt

    Das ist bei den vielen Schattenseiten eines Helmut Schmidts wirklich etwas komisch.

    Allerdings tendiert man immer dazu, Politiker früherer Generationen früher oder später in einem viel positiveren Licht zu sehen, als sie eigentlich verdienen. Dazu kommt, dass Schmidt ein exzellenter Redner ist, der es sehr gut versteht, Sympathie zu wecken. Beides dürfte dazu beitragen, dass sich der Schmidt-Mythos hartnäckig hält.

    Der Mensch vergisst doch sehr schnell. Und im Nachgang erscheint alles besser, als es tatsächlich war.

    Unabhängig davon, wie man zu Helmut Schmidt steht (ich fand ihn schon immer gut), gab es Zeiten, da haben ihn die Leute nicht besonders gemocht. Nämlich zu seiner Kanzlerzeit. So wie der Mensch schnell Schmerzen vergisst (sonst gäbe es wohl nur Einkindfamilien), vergisst er eben auch schnell die negativen Seiten der jeweiligen Zeit.

    Und dann dürfen Sie nicht vergessen, heutige Politiker stehen rund um die Uhr im Blickpunkt der Öffentlichkeit, zu Schmidt`s Zeiten haben Sie erst am nächsten Tag davon erfahren, ob ihm oder anderen ein Pups quer lag. Da mag so manche Meldung plötzlich wichtiger erschienen und so manche eher unwichtige Meldung (die heute Sekunden später über die Ticker läuft) unter den Tisch gefallen sein. So relativierte sich so manches, was heute schnell zur Schlagzeile wird, weil grad nichts aktuelleres zur Hand ist.

    Heutige Politiker mit Politikern vor dreißig Jahren zu vergleichen, ist unfair. Sie sind nicht besser oder schlechter als vergangene Politiker, nur anders.

    denn er hat aus guten Gründen so gehandelt und das war richtig. Ich vermute, das Schleier auch so gehandelt hätte.

    • Wescha
    • 27. April 2013 9:51 Uhr

    ist das eher Otto Wels. Denn bei Schmidt war im Zuge der RAF auch nicht alles koscher, ich sage nur: Abhörung der Zellen / Gesprächsräume, Pannen bei den Ermittlungen usw.

  1. Bei mir ist das eher Willy Brandt

    15 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Integer"
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    • Wescha
    • 27. April 2013 9:51 Uhr

    Otto Wels

  2. eine so schwere Entscheidung treffen müssen und es auch keinem wünschen.
    Die Gewissensbisse Helmut Schmidts untermauert auch Kommentar 2 nochmal gut.
    Allein für die Aufrichtigkeit und auch dafür, für was er geehrt wurde, hat Herr Schmidt hat meinen Respekt.
    Wir brauchen mehr Anführer seines Schlages.

    6 Leserempfehlungen
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    • postit
    • 26. April 2013 23:07 Uhr

    auch wenn ich nicht "Anführer" geschrieben hätte. Er war jedenfalls der letzte Kanzler, vor dem ich uneingeschränkt Achtung hatte.

    Schönes Wochenende
    postit

  3. Hanns- Martin Schleyer hat eine handfeste nationalsozialistische Vergangenheit. Er monierte Studentencorps, die sich weigerten, jüdische Mitbürger aus den studentischen Verbindungen auszuschließen.

    Er kam an die Spitze des BDI und zementierte da seine rechtsradikale Position.

    Natürlich darf man weder linke noch rechte Politiker morden, aber hier wird durch den Altkanzler eine Hymne auf einen alten Nationalsozialisten gesungen.

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    daß Herr Schmidt da eine Hymne auf Herrn Schleyer singt; er konstatiert die Fakten, wie sie damals abgelaufen sind und sagt, daß seine Entscheidung auch anders hätte ausfallen können.
    Dafür verdient er meinen Respekt.

    • Afa81
    • 27. April 2013 0:11 Uhr

    ...man sie wohl doch morden. Entscheiden Sie sich bitte. Wenn nein, dann hören Sie auf, hier zu relativieren. Die Zeit damals war eine andere und die Nazivergangenheit noch eine wesentlich jüngere...

    Er hat diese Vergangenheit. Wollen Sie einen Rechtstaat oder einen Staat der jugendlichen Selbstjustiz - in dem der Richter keinen Cent besser ist als der Täter? Wer jemanden einen Menschen vor sich knien lässt um ihm dann von hinten in den Kopf zu schießen hat er ein genauso faschistoides Bild vom minderwertigen Leben wie die Nazis, sonst könnte er das nicht vor sich verantworten. Der Unterschied ist nur - unter den Nazis hat man es gemacht, weil es als falsch galt, es nicht zu machen. Die RAFhat es, entgegen aller Normen gemacht und sich absolut frei dafür entschieden. Sie hätten einen guten, besseren und vor allem anderen Weg gehen können, denn sie waren alle aus "besseren" Familien... und sie hätten mit diesem anderen Weg mehr erreicht als nur dem Proletariat, dass sie ohnehin verachtet hatten, die Privatsphäre einzuschränken und die Menschen, welche die Welt wirklich verbessern wollten (und nicht nur Bass Bumsen und Kiffen) zu diffamieren.

    • mick08
    • 27. April 2013 1:37 Uhr

    " … aber hier wird durch den Altkanzler eine Hymne auf einen alten Nationalsozialisten gesungen."

    Sehe ich nicht so. Für ihn ging es um ein Menschenleben und das erwarte ich auch von einem Kanzler, dass er nicht nach links oder rechts unterscheidet.

    Meinen Respekt hat er dafür auch - wie schon ein andere Kommentator sagte: ich möchte auch nicht in seiner Situation gesteckt haben.

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    Im Übrigen als Kind, dass ich damals war, habe ich Hans Martin Schleyer immer nur als Mensch wahrgenommen und dann gebetet, "dass er in den Himmel kommt."

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    Allerdings muss Menschlichkeit nicht eine kritische Sicht auf eine Person wie Schleyer ausschließen. Aber manchmal ist es eben besser einfach nur einen Menschen zu sehen!

    der Gedanke kam mir auch sofort. Schmidt war Soldat, Schleyer Ex-Nazi. Die Schuld ist anderswo. Ich vergebe Schmidt.

    Schleyer war Nazi und deswegen sollte Schmidt nun keine Gewissensbisse haben bzw. nicht öffentlich darüber reden dürfen, dass er sich für den Tod von Schleyer mitverantwortlich fühlt?

    Nur weil er sich für dessen Tod mitschuldig fühlt, singt er ja noch lange keine Hymne auf Schleyer. Ich weiß nicht, was Sie da wo gelesen haben. Er sagt ja nichts in die Richtung 'dieser wunderbare, ehrenwerte Mensch'.

    Vielleicht können Sie es auch so sehen: Schmidt hat gewissermaßen ein Menschenleben verspielt. Ungeachtet Schleyers Vergangenheit und Ansichten - sollte man Schmidt nicht zugestehen, dass dies sein Gewissen belastet? Dass ihm jedes Menschenleben gleich wert ist und das verspielte Leben eines Nazis genauso schwer wiegt, wie das eines jeden anderen?

    Ein Vorkommentator sieht in Schmidts Äußerungen eine Bitte um Absolution. Ich hingegen sehe hier schlichtweg Traumabewältigung.

    Nähe hinrichtet oder hinrichten lässt - wo bitteschön ist derjenige, oder die Gruppe, anders anzusiedeln als im menschenverachtenden Nazibereich - Nazi als Synonym für menschenverachtend und menschenvernichtend.
    Die RAF und ihre Mitglieder sind keinen Deut besser - aber um wieviel besser werden diese Mörderbandenmitglieder heute immer noch glorifiziert.
    Auch ich sehe es so, dass Schmidt damals gar keine andere Wahl hatte - diese Mörderbandenmitglieder damals frei zu geben hätte nichts anderes bewirkt, als neue Tote an anderer Stelle. Schleyer war ja nur eines der RAF- gemordeten Opfer.

    • postit
    • 26. April 2013 23:07 Uhr

    auch wenn ich nicht "Anführer" geschrieben hätte. Er war jedenfalls der letzte Kanzler, vor dem ich uneingeschränkt Achtung hatte.

    Schönes Wochenende
    postit

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nie möchte ich"
  4. 6. .....

    bemessen an dem umstand, dass bis heute ausgerechnet das geiselfoto schleyers, des gewissenlosen nazi-funktionärs, 'arisierers' und menschenverschleppers, der sich die villa einer in auschwitz ermordeten jüdin unter den nagel gerissen hat, den ikonologischen inbegriff des deutschen terroropfers abgibt, war die entscheidung sicher falsch.

    10 Leserempfehlungen
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    • Afa81
    • 27. April 2013 0:32 Uhr

    ...dann war sie richtig. Denn ihre Deutung spielge die alte Welt wieder, in der Selbstjustiz gerechtfertigt ist. Und? Was ist mit den Leuten, die heute aus der RAF Kapital schlagen? Die sind alle bewundernswert?

  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke, die Redaktion/jz

    3 Leserempfehlungen
    • TottiZ
    • 26. April 2013 23:39 Uhr
    Eine Leserempfehlung

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