Seit fast 20 Jahren arbeite ich als Fachkraft in der Altenpflege. Durchwachsen waren die Bedingungen schon immer, inzwischen sind sie unerträglich. Bei mir haben die Arbeitsbedingungen zu einer schweren Depression geführt. Letztes Jahr wollte ich deshalb eine Umschulung machen, doch das wurde abgelehnt. So verwalte ich weiter den Notstand.

Altenpfleger sind täglich mit existenziellen Situationen wie Krankheit, Sterben und Tod konfrontiert. Unsere Patienten sind Menschen, die den Krieg überlebt haben, die das Land aufgebaut haben, uns oder unsere Eltern großgezogen haben.

Täglich dringen wir in die Intimsphäre der uns anvertrauten Menschen ein. Wir kommen mit Exkrementen, Blut und Erbrochenem in Berührung. Wir lachen, weinen, reden und schweigen mit den alten Menschen. Wir versuchen, ihre und unsere Würde in einem unwürdigen System zu erhalten.

In diesem System werden die Bedürfnisse von Menschen im Minutentakt abgerechnet. Unsere Arbeitskraft ist ein Kostenfaktor, der immer weiter reduziert wird. Selbst kirchliche Träger gründen Zeitarbeitsfirmen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Es ist ein Armutszeugnis, dass eine reiche Gesellschaft wie die deutsche so schäbig mit ihren Schwächsten umgeht.

Darunter leiden auch wir Helfer. Eine Pflegefachkraft kann von ihrem Gehalt keine Familie ernähren, eine Hilfskraft kaum sich selbst. Nur wenige Pflegekräfte arbeiten bis zur Rente. Vorher streikt entweder der Körper, die Psyche oder beides.

Dass hier etwas nicht stimmt, nehmen die meisten Menschen erst wahr, wenn ein Elternteil ins Pflegeheim muss. Wer ist dann in den Augen der Angehörigen schuld, dass Mutter oder Vater nicht in so gepflegt werden, wie sie sich das wünschen? Die Zweitschwächsten im System, die Pflegekräfte.

Es wird Zeit, dass wir Pflegekräfte uns solidarisieren. Denn selbst wenn wir die Arbeit nur kurz niederlegen würden, würde das System zusammenbrechen.