NotstandAltenpfleger, streikt!

Deutschland geht schäbig mit seinen Alten um, schreibt Leser Andreas Wölk. Statt den Notstand zu verwalten, müssten sich die Altenpfleger wehren. von Andreas Wölk

Seit fast 20 Jahren arbeite ich als Fachkraft in der Altenpflege. Durchwachsen waren die Bedingungen schon immer, inzwischen sind sie unerträglich. Bei mir haben die Arbeitsbedingungen zu einer schweren Depression geführt. Letztes Jahr wollte ich deshalb eine Umschulung machen, doch das wurde abgelehnt. So verwalte ich weiter den Notstand.

Altenpfleger sind täglich mit existenziellen Situationen wie Krankheit, Sterben und Tod konfrontiert. Unsere Patienten sind Menschen, die den Krieg überlebt haben, die das Land aufgebaut haben, uns oder unsere Eltern großgezogen haben.

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Täglich dringen wir in die Intimsphäre der uns anvertrauten Menschen ein. Wir kommen mit Exkrementen, Blut und Erbrochenem in Berührung. Wir lachen, weinen, reden und schweigen mit den alten Menschen. Wir versuchen, ihre und unsere Würde in einem unwürdigen System zu erhalten.

In diesem System werden die Bedürfnisse von Menschen im Minutentakt abgerechnet. Unsere Arbeitskraft ist ein Kostenfaktor, der immer weiter reduziert wird. Selbst kirchliche Träger gründen Zeitarbeitsfirmen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Es ist ein Armutszeugnis, dass eine reiche Gesellschaft wie die deutsche so schäbig mit ihren Schwächsten umgeht.

Darunter leiden auch wir Helfer. Eine Pflegefachkraft kann von ihrem Gehalt keine Familie ernähren, eine Hilfskraft kaum sich selbst. Nur wenige Pflegekräfte arbeiten bis zur Rente. Vorher streikt entweder der Körper, die Psyche oder beides.

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Der ZEIT-ONLINE-Wald

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Dass hier etwas nicht stimmt, nehmen die meisten Menschen erst wahr, wenn ein Elternteil ins Pflegeheim muss. Wer ist dann in den Augen der Angehörigen schuld, dass Mutter oder Vater nicht in so gepflegt werden, wie sie sich das wünschen? Die Zweitschwächsten im System, die Pflegekräfte.

Es wird Zeit, dass wir Pflegekräfte uns solidarisieren. Denn selbst wenn wir die Arbeit nur kurz niederlegen würden, würde das System zusammenbrechen.

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Leserkommentare
  1. 1. Streik

    Irre ich mich, oder ist es nicht grade im Falle von kirchlichen Trägern untersagt zu streiken? Es wäre der richtige Schritt, denn im Bereich der Pfelge sollte schleunigst ein Umdenken erfolgen. Denn wie im Artikel richtig berichtet ist es ein überaus Nevenzehrender Job, meinen größen Respekt.

    10 Leserempfehlungen
  2. 2. […]

    Bitte achten Sie auf Ihren Ton. Danke, die Redaktion/mo.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    eines pflegebedürftigen Menschen, der für sein Elend selbst verantwortlich bzw. daran schuld ist.

    Als solcher sollten Sie dann von Menschen umgeben sein, die sich Ihrer hier verbreiteten inhumanen Ansichten verpflichtet fühlen und Sie einfach Ihrem Schicksal überlassen...

    Aber es gibt Alternativen das zu regeln - wie dies neulich ein Ihnen geistig Verwandter es in Notre Dame tat, vorbildlich.

    Der Kommentar auf den Sie sich beziehen wurde bereits entfernt. Danke, die Redaktion/mo.

  3. alle beklagten Zustände und Arbeitsbedingungen entsprechen der Wirklichkeit.
    Ein Streik zur Durchsetzung der Forderungen aber kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld - von irgendwas müssen die zwangsläufig mitstreikenden Familien ja leben.

    Das Kernproblem ist wieder mal die Zeitarbeit. Altenpflege über 20 Jahre?
    Hut ab. Wer diesen auch an die Nerven gehenden Knochenjob länger als 10 Jahre durchhält verdient schon hohen Respekt - aber die Fluktuation ist genau deshalb auch sehr hoch und aus diesem Grund, aber auch aufgrund des geringen Verdienst, der Organisationsgrad viel zu niedrig, als daß ein Streikaufruf durchdringen würde.

    Es wird künftig noch viel mehr Pflegebedürftige geben, sagt die Demographie. Dann haben wir aller Voraussicht nach noch vor dem Pflege - einen Pflegernotstand...

    12 Leserempfehlungen
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    "Das Kernproblem ist wieder mal die Zeitarbeit. Altenpflege über 20 Jahre?
    Hut ab. Wer diesen auch an die Nerven gehenden Knochenjob länger als 10 Jahre durchhält verdient schon hohen Respekt - aber die Fluktuation ist genau deshalb auch sehr hoch und aus diesem Grund, aber auch aufgrund des geringen Verdienst, der Organisationsgrad viel zu niedrig, als daß ein Streikaufruf durchdringen würde."
    --------------------------
    Na, bei den Bedingungen scheint es ja geradezu ein Überangebot an Fachpersonal zu geben. Wäre das anders, könnte sich ein Arbeitgeber keine solchen Zustände leisten.

  4. eines pflegebedürftigen Menschen, der für sein Elend selbst verantwortlich bzw. daran schuld ist.

    Als solcher sollten Sie dann von Menschen umgeben sein, die sich Ihrer hier verbreiteten inhumanen Ansichten verpflichtet fühlen und Sie einfach Ihrem Schicksal überlassen...

    Aber es gibt Alternativen das zu regeln - wie dies neulich ein Ihnen geistig Verwandter es in Notre Dame tat, vorbildlich.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[…]"
    • Chali
    • 27. Mai 2013 16:26 Uhr

    Bei diesen ganzen Fähigkeiten fällt mir immer nur "Er war zu allem fähig" ein.

    Gegen wen soll in diesem Fall eigentlich konkurriert werden?

    Eine Leserempfehlung
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    • Chali
    • 27. Mai 2013 16:32 Uhr

    Wollte sagen:
    Ich hoffe sehr, dass sie ("Die Pfgekräfte") es schaffen, sich untereinander zu solidarisieren.

    Gegen "uns"! Die selbstherlichen Bevormunder.

    Vielleicht gibt es dann ein paar Drohnen weniger, und ein paar entwurzelte chinesische Pflegekräfte auch.

    • Chali
    • 27. Mai 2013 16:32 Uhr

    Wollte sagen:
    Ich hoffe sehr, dass sie ("Die Pfgekräfte") es schaffen, sich untereinander zu solidarisieren.

    Gegen "uns"! Die selbstherlichen Bevormunder.

    Vielleicht gibt es dann ein paar Drohnen weniger, und ein paar entwurzelte chinesische Pflegekräfte auch.

    2 Leserempfehlungen
  5. 7. […]

    Der Kommentar auf den Sie sich beziehen wurde bereits entfernt. Danke, die Redaktion/mo.

    Antwort auf "[…]"
    • dp80
    • 27. Mai 2013 16:46 Uhr

    Ja, das finde ich den richtigen Ansatz: Streiken!

    Wie häufig hört man zu dem Thema Artikel nach dem Motto "Was ist der Gesellschaft die Altenpflege wert?", was zwar Mitleid auslöst, aber nichts bewirkt. Dem liegt die Vorstellung zu Grunde, wir könnten uns als 80 Millionen Menschen an einen Tisch setzen und zu einem Konsens kommen, wie viel denn die Arbeit eines Altenpflegers, Polizisten, Programmierer etc. wert ist. Der Altenpfleger sagt dann, dass er täglich Exkremente und Sterbende um sich hat, der Polizist, dass er täglich in Lebensgefahr ist, der Programmierer, dass von ihm eine 80-Stunden-Woche und ständige Erreichbarkeit erwartet wird.

    So etwas auszudiskutieren funktioniert natürlich nicht und daher muss das eben nach den Regeln des Arbeitskampfes laufen.

    Im übrigen bin ich überzeugt, dass das langfristig auch über die Marktgesetze von Angebot und Nachfrage läuft: Wenn sich immer weniger Menschen finden, die den Beruf ergreifen wollen, müssen die Gehälter steigen.

    5 Leserempfehlungen
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    "Im übrigen bin ich überzeugt, dass das langfristig auch über die Marktgesetze von Angebot und Nachfrage läuft: Wenn sich immer weniger Menschen finden, die den Beruf ergreifen wollen, müssen die Gehälter steigen."

    Das ist eine nette Theorie, die aber auch nur funktioniert, wenn dieses Marktgesetz nicht verzehrt wird. Solange es schlicht und einfach Menschen gibt, die aus finanziellen Gründen jeden Job annehmen müssen oder auf die über das Arbeitsamt Druck ausgeübt wird, diesen Job zu machen, funktionierte es nicht.
    Außerdem scheinen Lohnerhöhungen das allerletzte Mittel für Arbeitgeber zu sein. Bei mir im Lebensmitteleinzelhandel jammert die Führungsebene auch ständig rum, dass sie keine Fachkräfte mehr findet, Löhne werden aber weiterhin gedrückt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Altenpflege | Familie | Gehalt | Krankheit | Tod | Arbeit
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