Autismus : Eine Krankheit ist kein Schimpfwort

Leserin Katja Carstensen ist Autistin. Es ärgert sie, dass diese Krankheit mit Klischees und Vorurteilen belegt wird. Sie hofft auf Akzeptanz durch Aufklärung.

Das Wort Autismus erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Um Egozentrik, Gefühlskälte, Realitätsferne oder Egoismus zu umschreiben, wird häufig der Begriff Autismus bemüht. Dabei zeichnet das ein völlig falsches Bild. Vor allem aber diskriminiert es autistische Menschen wie mich.

Sich als Autist zu outen, ist schwer. Seit der Begriff in der Presse zunehmend als Synonym für negative Verhaltensweisen von Politikern, Regierungen oder Bankensystemen gebraucht wird, ist ein solches Outing noch schwerer geworden. Um die Beziehung von Autisten zu ihren Mitmenschen zu erleichtern, bedarf es dringend der Aufklärung.

Autismus leitet sich aus dem griechischen Pronomen "autos" (selbst) ab und ist eine Wortschöpfung, die das Erscheinungsbild sogenannter autistischer Störungen beschreibt. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung. Das Wort ist als Stilmittel nicht zu rechtfertigen.

Autismus lässt sich nicht mit wenigen Worten beschreiben. Autisten sind genauso individuell wie alle anderen Menschen. Das autistische Spektrum umfasst viele Facetten vom Kanner-Syndrom bis hin zum Asperger-Syndrom.

So kann zum Beispiel die Reizüberflutung in einem Einkaufszentrum schon dazu führen, das sich ein Autist fühlt wie jemand, der sich ohne Vorwarnung unbekleidet auf einem fremden Basar voller fremdsprachiger Menschen wiederfindet. Da bleibt, wenn möglich, nur Flucht – oder die Hoffnung, dass jemand einem weinenden, vor sich hin schaukelnden Menschen hilft. In einer solchen Situation ist es schon hilfreich, wenn man mitteilen kann, dass man Autist ist, ohne den Helfenden zu verängstigen.

Oft aber fühlen wir uns nicht durch den Autismus behindert, sondern durch Klischees und Vorurteile in der Gesellschaft. Viele Menschen mit Autismus stehen mitten im Leben, haben Kinder und Partner und engagieren sich in der Gesellschaft. Viele von uns benötigen Hilfe, um die Hürden des sozialen Miteinanders zu meistern. Wie alle Menschen brauchen wir vor allem Akzeptanz.

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