Leserartikel

ErotikmassageWie eine Ware behandelt

Wie viel Selbstachtung kann man für eine Arbeit aufgeben? Bei einem Job im Massagestudio erlebte Leserin Marla Faber Drohungen und Gewalt. von Marla Faber*

"Die blonde Studentin bitte – aber nur, wenn sie große Brüste hat." So etwas verlangen Männer nicht nur in Bordells, sondern auch bei Erotikmassagen. Während meines Studiums habe ich in einem Massagestudio gearbeitet. Wie meine Kommilitonen habe auch ich mit Freunden gefeiert, für Prüfungen gelernt und in der WG über den Putzplan diskutiert. Außerdem ging ich einer Arbeit nach, von der niemand etwas wusste.

Bis ich mit diesem Job begann, waren Erotikmassagen kein Thema für mich. Was ist das eigentlich genau? Und warum gehen Männer dorthin? Sich mit der Hand zum Orgasmus bringen könnten Männer auch selbst. Um sich nackte Frauen anzusehen, könnten sie für weniger Geld auch einen Stripclub besuchen. Offenbar macht für die Kunden der Schein den Unterschied: Verheiratete Männer lassen sich im Massagestudio für etwas mehr als 100 Euro und mit gutem Gewissen zum sexuellen Höhepunkt bringen.

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In den wenigen Monaten, die ich im Massagestudio arbeitete, lernte ich, dass dort noch weit mehr passiert. Die einzige Regel im Massagestudio lautete: Kein Sex mit Kunden. Zugleich wurde betont, man könne natürlich nicht nachprüfen, was hinter der verschlossenen Tür abläuft. Wo Sex anfängt, war nicht geregelt. Es lag also im Ermessen der Masseusen, wie weit sie gingen.

Uns wurde gesagt, man könne in Extremsituationen die Massage abbrechen. Doch geschützt waren wir kaum. Es gab zwar ein paar Sicherheitskameras, nicht aber in den Massageräumen.

Ich wurde mit Perversitäten konfrontiert, mit gewaltbereiten Kunden, mit perfiden Psychospielen, mit Drohungen und Angst vor Vergewaltigung. Es folgten für mich quälende Fragen: Kann ich später noch einen Unterschied zwischen echter und erkaufter Intimität machen? Werde ich gefühlskälter, stumpfe ich ab? Beginne ich, zu Dingen bereit zu sein, die ich vorher niemals getan hätte?

Wer hat die Kontrolle?

Meine Erfahrungen werde ich vermutlich mit der Zeit etwas relativieren. Vielleicht vergesse ich irgendwann, dass mir bei manchen Kunden Tränen in den Augen standen, wenn sie mich unsanft an den Brüsten packten. Vielleicht verdränge ich, wie es sich anfühlt, ohne jeden Respekt wie eine Ware behandelt zu werden, die einen  genau festgelegten Wert hat. Ein hübscher junger Körper als ein austauschbares Stück Fleisch. Oder was ich empfand, wenn ein Kunde mich mit einem abfälligen Lächeln eine Sexarbeiterin nannte.

Doch einige Erlebnisse gingen so tief, dass sie sicher nicht verblassen werden. Da war etwa ein Kunde, der von mir verlangte, mich mit anzüglichen Blicken langsam für ihn auszuziehen. Das erschien mir harmlos. Ich hatte das Gefühl, die Situation zu kontrollieren. Aber sein Spiel bestand darin, das umzukehren. Mein Nein bezüglich weiterer Dienste war ihm eine willkommene Herausforderung. Die körperliche Entblößung war ihm nicht genug: Er wollte Seelen-Striptease, er wollte erbarmungslos hinter meine professionelle Fassade blicken.

Um dies zu erreichen, bedrohte er mich. Er behauptete, es könne als Freund meines Chefs herausfinden, wo ich wohne. Er packte mich kurz, um mir zu zeigen, dass er körperlich überlegen war. Zu Beginn waren seine Forderungen nicht unüblich für meinen Beruf. Dann wollte er jedoch mehr und mehr Privates erfahren: sexuelle Fantasien und Erlebnisse bis ins kleinste Detail, meine Gefühle, Meinungen und vor allem meine Ängste. All das gipfelte darin, dass er mich beinahe vergewaltigte. Mir wird mir immer in Erinnerung bleiben, was er dann sagte: "Ich sehe, dass du Angst hast. Das macht mich geil."

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Noch heute verfolgt mich diese Szene. Ab wann hätte ich um Hilfe geschrien? Und: War das nicht erwartbar? Warum war ich so leichtsinnig? Seither frage ich mich immer wieder, wie viel Geld eine Arbeit wert ist. Wie hoch ist demgegenüber der eigene Wert, die eigene Selbstachtung?

Heute bin ich glücklich, meinen gewagten Selbstversuch verhältnismäßig wohlbehalten abgeschlossen zu haben. Nun beginne ich wieder, ein ganz normales Studentenleben zu führen.

* Name von der Redaktion geändert

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Leserkommentare
  1. 1. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf anmaßende, sowie beleidigende Beiträge. Danke, die Redaktion/jp

    25 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/fk.

    • AndreD
    • 13. Mai 2013 19:57 Uhr

    "Mit Ihrer Opfermentalität kriminalisieren Sie menschliche Bedürfnisse zusätzlich, die eh schon durch fragwürdige Institutionen am Pranger stehen."

    Sie sagt, dass ihr das weh getan hat. Was ist daran kriminalisieren? Sie negiert weder die Existenz noch die Berechtigung solcher Bedürfnisse. Aber sie sagt ganz deutlich, dass sie damit nichts (mehr) zu tun haben will. Denn diese Bedürfnisse sollen an einem falschen Ort befriedigt werden. Schließlich war das kein Bordell, sondern ein Studio für ErotikMASSAGE.

    "Für ihren Beruf wollen Sie mehrere Jahre Studieren, aber 'Sexarbeiterin' wollen Sie so nebenbei beherrschen. Vielleicht fehlt Ihnen schlicht der Respekt vor Berufen, für die Väterchen Staat kein Diplom verteilt??"

    Für eine erotischen Umgang mit einer Massage braucht man weder ein Diplom, noch eine Ausbildung, sondern vor allem eine gewisse Erfahrung und ein Einfühlungsvermögen.

    Was es nun mit Opfermentalität zu tun hat, wenn ein Kunde eine falsche Vorstellung von dem Laden hat, wo er reingeht (Bordell vs. Massagestudio), würde ich gerne genauer wissen.

    ....die mich wünschen lassen, das Zeitungsportale die Kommentarfunktion einfach abstellen. Undifferenziert und verletzend wird hier losggepoltert, ihr Kommentar sorgt dabei unfreiwillig dafür das der Artikel noch an Glaubwürdigkeit gewinnt, da er jedwede menschlichkeit vermissen läßt.
    Die Autorin wird von ihnen (und anderen Kommentatoren) so angegangen, das überhaupt nicht bedacht wird das hier ein Mensch und seine Erfahrungen schlicht niedergeschrieben wird.

    Zur Sache:

    Hier schildert jemand seine subjektiven Erlebnisse. Ist das so schwer zu verstehen? Ein anspruch auf allgemeine Gültigkeit kann ich aus dem Artikel nicht ableiten!
    Sind die Menschen schon so abgestumpft, das sie auf solche Erfahrungsberichte mit Ablehung und Hähme, ja sogar vorwürfen reagieren? Fühlen sich hier einige Freier direkt angesprochen, beleidigt und erniedrigt, oder wohlmöglich eher beschämt? Wenn ja warum?

    Ob es wirklich so gewesen sein mag, kann ich nicht beurteilen. Die Autorin schildert in meinen Augen selbstkritisch ihre eigenen Erfahrungen.

    Abschließen möchte ich mit einem Zitat:

    "Man kann einen narzisstischen Menschen daran erkennen, dass er äußerst empfindlich auf jede Kritik reagiert." - Erich Fromm

    Trifft in meinen Augen auf einige Kommentatoren hier vieleicht zu...

    MfG

    Überdies ist dieser Kommentar pauschalisierend, unsachlich und polemisierend. Ich verstehe nicht, warum ZO so etwas hier duldet!

    Im Detail:
    Satz 1 ist unlogisch, weil sich aus dem Opfersein nicht die Kriminalisierung des Täters ableiten lässt.
    Er geht außerdem krass an der Sache vorbei, indem der Kommentator den anschaulich dargestellten sexuellen Missbrauch des Mannes - auch in Bezug auf seine physische Überlegenheit - als "menschliches Bedürfnis" verharmlost.
    Das ist bestenfalls unzulängliches Argumentieren; es wirkt aber zynisch.
    Die eigentliche Kritik der Verfasserin richtet sich überdies gegen Formen von erlebtem Missbrauch. Ein respektvoller Umgang mit einer solchen Dienstleistung wird ja gar nicht beanstandet.
    Der Kommentator verdreht da die Tatsachen.

    Satz 2 ist eine bloße Unterstellung und Beurteilung der Kompetenz der Verfasserin, die jeglicher Grundlage entbehrt. Der Kommentator bemüht sich nicht einmal darum, diese Unterstellung als seinen subjektiven Eindruck darzustellen. Das hat auch etwas Herablassendes, weil er die Bestimmungshoheit für sich beansprucht.

    Eine ähnlich verharmlosende und nur auf Diffamierung abzielende Mutmaßung beinhaltet auch der dritte Satz. Auf welcher Grundlage kann eine solche Schlussfolgerung gezogen werden?

    ###
    Bitte, liebe Menschen aus der Zeit-Online-Redaktion, zeigt Verantwortung und löscht endlich diesen Kommentar!
    Er verharmlost Sexismus und dient nur dazu deren Opfer mit simplen sprachlichen Mitteln mundtot zu machen.

  2. 2. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die Gewalt relativieren. Danke, die Redaktion/jp

    29 Leserempfehlungen
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    • AndreD
    • 13. Mai 2013 20:08 Uhr

    Hier wird von Ihnen der Diskurs der Emanzipation mit dem grundsätzlichen Respekt vor dem Menschen vermischt.

    Denn: Egal ob Mann oder Frau. Wenn man als Mann als Masseur arbeitet und dann kommt eine Frau daher, mit der mann keinen intensivere Beziehung haben will, aber einen irgendwie dazu zwingt, dann wäre das ebenso respektlos wie das beschriebene Vorgehen.

    Ist das denn so schwer?

    Sinnvoll wäre eine Diskussion, warum Kunden solcher Etablissements mehr als das erwarten, was auf dem Schild steht.

    Ich kenne Frauen, die machen QUIROPRAKTISCHE MASSAGEN, und die JEDEN TAG auf Männer treffen, die glauben, dass so ein Massagestudio ein Bordell ist.

    Warum ist das so?

    Warum glauben viele Menschen, dass Körperkontakt = Sex sein soll???

    Die Leute sollten mal fragen, ob alle Paartänzer oder Judoka das ähnlich handhaben....

  3. Wer hat Sie gezwungen diese Arbeit zu verrichten?

    45 Leserempfehlungen
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    • AndreD
    • 13. Mai 2013 19:44 Uhr

    außer vielleicht ihre finanzielle Lage.

    Dies enthebt die Männer dieser unserer Gesellschaft aber nicht der Verantwortung, sich respektvoll gegenüber den Menschen zu verhalten, die ihnen das geben, was sie in ihrem Leben außerhalb eines solchen Etablissements nicht bekommen können:

    Aufmerksamkeit, Zuneigung, Hingabe und sexuelle Befriedigung.

    Immerhin heißt es ErotikMASSAGE und nicht Bordell.

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

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  5. Ich denke für die Hälfte ist in seriösen Etablissments wesentlich mehr drin, und das dann aber bei Professionellen und nicht solchen angelernten Hilfsarbeiterinnen ohne nennenswerte Vorkenntnisse.

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    • Quas
    • 13. Mai 2013 16:31 Uhr

    zu einer Arbeit gegangen, bei der Sie sowohl körperlich als auch seelisch Dinge tun mussten, die Sie nicht wollten? Ohne das jemand Sie dazu gezwungen hat?

    Warum machen Sie so etwas?

    59 Leserempfehlungen
  6. 7. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und bleiben Sie beim Artikelthema. Danke, die Redaktion/fk.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[…]"
  7. Das Geld, das in solchen Berufen durchaus sehr ordentlich sein kann, nehmen die Damen aber dann doch sehr gerne ?
    Es bleibt zu sagen, dass es sich hier wieder um einen typischen Vorurteilsbehafteten Artikel handelt.
    Gerade in Großstädten wie München, in welchen 30min Spass bereits min. 100 kosten, gibt es rege Konkurrenz bei solchen Jobs. Dort ist es üblich, einen Monat zu "arbeiten" und dann mindestens einen Monat Urlaub/Livestyle zu genießen.
    Liebe Zeit-Redaktion, gehen sie doch mal in ein ordentliches Etablissement und machen sie dort ein Interview. Wenn sich Leute dort übrigends daneben benehmen, fliegen sie sofort raus.

    26 Leserempfehlungen
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    • AndreD
    • 13. Mai 2013 19:48 Uhr

    nur mal so als Hinweis, auch wenn manche Menschen meinen, dass ein hohes Gehalt den anderen das Recht gibt zu glauben, diese Menschen könnten deswegen mehr Schmerz ertragen.

    Außerdem geht Ihr Vergleich ziemlich fehl, wenn Sie die Frauen, die dauerhaft in solchen Arbeitsverhältnissen existieren, mit einer Frau vergleichen, die wieder rausgegangen ist. Die anderen beklagen sich wohl nicht, bzw. nehmen es schweigend hin. Auch hier wäre es interessant zu wissen, warum...

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Bordell | Drohung | Vergewaltigung | Arbeit | Fleisch | Geld
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