ZEIT ONLINE: Frau Rupp, um das volle Adoptionsrecht für homosexuelle Paare wird viel gestritten. Was fürchten die Menschen, wenn Schwule und Lesben Kinder erziehen?

Marina Rupp: Ich denke, vielen geht es vor allem darum, das klassische Bild der Ehe und Familie zu erhalten. Sie sagen, nur die Ehe von Mann und Frau sei gottgewollt oder vom Grundgesetz geschützt. Ein Teil der Kritiker fürchtet, die Kinder würden schlechter sozialisiert. Also vor allem die Jungs, die mit lesbischen Müttern aufwachsen, hätten keine Männer als Rollenvorbilder und würden deshalb zu feminin. Manche glauben, dass diese Kinder selbst häufiger homosexuell würden. Es gibt sogar die Sorge, dass in diesen Familien sexueller Missbrauch häufiger vorkommt.

ZEIT ONLINE: Schauen wir uns die einzelnen Sorgen an. Werden Kinder aus Regenbogenfamilien selbst öfter homosexuell?

Rupp: Nein, das ist nicht nachweisbar. Bei leiblichen Kindern in homosexuellen Partnerschaften wird argumentiert, dass gewisse Anlagen zu Homosexualität vererbbar seien. Aber auch das ist nicht erweisen.

ZEIT ONLINE: Benehmen sich die Söhne von zwei lesbischen Müttern weiblicher und die Töchter von homosexuellen Vätern männlicher?

Rupp: Wir haben in unserer Studie gesehen, dass sich Mädchen und Jungen ihrer Geschlechtsrolle entsprechend entwickeln – also mindestens ebenso jungenhaft und mädchenhaft wie die, die mit Vater und Mutter aufwachsen, manchmal sogar noch stärker.

ZEIT ONLINE: Werden Vorbilder also überschätzt?

Onkel, Brüder oder Samenspender

Rupp: Nein, Vorbilder sind wichtig. Aber viele der Kinder, die wir getroffen haben, sind in klassischen Familien geboren. Ihre Eltern haben sich getrennt und die Mutter lebt beispielsweise jetzt in einer lesbischen Beziehung. Das heißt, die Kinder haben meistens Kontakt zum biologischen Vater. In diesen Familien besteht kein Unterschied zu alleinerziehenden Müttern. Wenn die Kinder in die Regenbogenfamilie hinein geboren oder adoptiert wurden, gestalten die Eltern das meistens sehr bewusst: Manchmal kümmert sich der Opa oder Onkel intensiv um die Kinder oder der Samenspender unternimmt viel mit ihnen. Bedenken muss man dabei, dass dieses Problem ja nicht nur Kinder mit homosexuellen Eltern betrifft. Heute werden Kinder in den jungen Jahren überwiegend von Frauen betreut: von Müttern, Erzieherinnen, Lehrerinnen.