Frage: Wer sich um Asylbewerber kümmert, gilt in konservativen Kreisen als Gutmensch. Sie haben beim Hungerstreik der Asylbewerber in München vermittelt. Sind Sie ein Gutmensch?

Alois Glück: Ich würde mich selbst nicht so nennen. Ich bemühe mich, auf andere Menschen zuzugehen.

Frage: Warum haben Sie sich als Schlichter versucht?

Glück: Ich wollte und konnte mich einer solchen Anfrage nicht entziehen. Das wäre ja verweigerte Hilfeleistung.

Frage: Welchen Auftrag hatten Sie?

Glück:Hans-Jochen Vogel und ich hatten keine Vorgaben. Wir wollten ausloten, ob es eine Möglichkeit gibt, die lebensgefährliche Situation zu beenden. Viel schlimmer als das Hungern ist ja der Trinkstreik, nach wenigen Tagen ist die Situation lebensgefährlich. Diese Eskalation war auch gewollt.

Frage: Sie sind gescheitert.

Glück: Eindeutig ja. Wir haben keine Lösung gefunden, das Camp musste zum Schutz der Menschen geräumt werden. Einige waren in akuter Lebensgefahr. Wir haben es nicht geschafft, den Sprecher der Gruppe von seiner Maximalforderung abzubringen. Er verlangte kompromisslos für alle eine sofortige und unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung. Über andere Dinge, etwa eine Lockerung der Residenzpflicht oder eine Verbesserung der Unterkünfte, wollte er nicht sprechen. Er hat nicht zugelassen, dass wir mit den anderen Betroffenen sprechen. Es war auch nicht erkennbar, wer tatsächlich die Entscheidungen bestimmt hat. Es gab vermutlich ein Netzwerk im Hintergrund.

Frage: Der Sprecher ist also schuld.

Glück: Ihm und den Entscheidern hätte klar sein müssen, dass man eine solche ultimative Forderung in einem Rechtsstaat nicht umsetzen kann. Selbst wenn ein Politiker per "Machtwort" die Aufenthaltsgenehmigung zugesagt hätte, hätte es dagegen sofort eine Klage gegeben und ein Gericht hätte die Entscheidung wieder aufheben müssen.

Frage: Hatten Sie Mitleid mit den Menschen im Camp?

Glück: Natürlich. Weil sie so verzweifelt waren, aber auch, weil ich den Eindruck hatte, dass sie unter starkem Gruppendruck standen. Mir geht das noch nach. Wir hätten gern geholfen.

Frage: Ist Mitleid ein guter Ratgeber in der Politik?

Glück: Mitleid muss ein Ratgeber sein, ansonsten trifft man gepanzerte Entscheidungen.

Frage: Die bayerische Asylpolitik wirkt gut gepanzert. Trägt sie nicht eine Mitschuld daran, dass Menschen zu so radikalen Maßnahmen greifen?

Glück: Das ist ein wohlfeiles Klischee, das mit der sehr differenzierten Wirklichkeit in Bayern wenig zu tun hat. Richtig ist aber, dass einiges verändert werden muss. Etwa in Hinblick auf die Situation von Familien und insbesondere der Kinder in Gemeinschaftsquartieren, der Dauer der Verfahren und der Praxis der Residenzpflicht. Wir müssen uns vor Augen halten, wie verzweifelt für Menschen die Situation sein muss, wenn sie zum Beispiel einen solchen Streik auf sich nehmen. Wir müssen in der Politik und in den Kirchen lernen, dass christliches Menschenbild heißt: Auch für Flüchtlinge und Asylsuchende gilt der Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Daran müssen wir die Praxis messen.

Frage: Ihre Partei, die CSU, wollte das individuelle Asylrecht abschaffen und durch eine institutionelle Garantie ersetzen. Das ist das genaue Gegenteil vom christlichen Menschenbild.

Glück: Dass es das Gegenteil ist, halte ich für falsch. Es war innerparteilich eine heftige Debatte über den richtigen Weg.