Gewissenskonflikt : "Mitleid muss ein Ratgeber sein"

Als Ende Juni Asylbewerber in München in den Hungerstreik traten, versuchte sich Alois Glück als Vermittler und scheiterte. Ein Gespräch über Christliches und Unchristliches in der CSU.

Frage: Wer sich um Asylbewerber kümmert, gilt in konservativen Kreisen als Gutmensch. Sie haben beim Hungerstreik der Asylbewerber in München vermittelt. Sind Sie ein Gutmensch?

Alois Glück: Ich würde mich selbst nicht so nennen. Ich bemühe mich, auf andere Menschen zuzugehen.

Frage: Warum haben Sie sich als Schlichter versucht?

Glück: Ich wollte und konnte mich einer solchen Anfrage nicht entziehen. Das wäre ja verweigerte Hilfeleistung.

Frage: Welchen Auftrag hatten Sie?

Alois Glück

ist seit 2009 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, ZdK. Zuvor war er Vorsitzender der CSU-Landtagsfraktion und Präsident des Bayerischen Landtags.

Glück:Hans-Jochen Vogel und ich hatten keine Vorgaben. Wir wollten ausloten, ob es eine Möglichkeit gibt, die lebensgefährliche Situation zu beenden. Viel schlimmer als das Hungern ist ja der Trinkstreik, nach wenigen Tagen ist die Situation lebensgefährlich. Diese Eskalation war auch gewollt.

Frage: Sie sind gescheitert.

Glück: Eindeutig ja. Wir haben keine Lösung gefunden, das Camp musste zum Schutz der Menschen geräumt werden. Einige waren in akuter Lebensgefahr. Wir haben es nicht geschafft, den Sprecher der Gruppe von seiner Maximalforderung abzubringen. Er verlangte kompromisslos für alle eine sofortige und unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung. Über andere Dinge, etwa eine Lockerung der Residenzpflicht oder eine Verbesserung der Unterkünfte, wollte er nicht sprechen. Er hat nicht zugelassen, dass wir mit den anderen Betroffenen sprechen. Es war auch nicht erkennbar, wer tatsächlich die Entscheidungen bestimmt hat. Es gab vermutlich ein Netzwerk im Hintergrund.

Frage: Der Sprecher ist also schuld.

Glück: Ihm und den Entscheidern hätte klar sein müssen, dass man eine solche ultimative Forderung in einem Rechtsstaat nicht umsetzen kann. Selbst wenn ein Politiker per "Machtwort" die Aufenthaltsgenehmigung zugesagt hätte, hätte es dagegen sofort eine Klage gegeben und ein Gericht hätte die Entscheidung wieder aufheben müssen.

Frage: Hatten Sie Mitleid mit den Menschen im Camp?

Glück: Natürlich. Weil sie so verzweifelt waren, aber auch, weil ich den Eindruck hatte, dass sie unter starkem Gruppendruck standen. Mir geht das noch nach. Wir hätten gern geholfen.

Frage: Ist Mitleid ein guter Ratgeber in der Politik?

Glück: Mitleid muss ein Ratgeber sein, ansonsten trifft man gepanzerte Entscheidungen.

Frage: Die bayerische Asylpolitik wirkt gut gepanzert. Trägt sie nicht eine Mitschuld daran, dass Menschen zu so radikalen Maßnahmen greifen?

Glück: Das ist ein wohlfeiles Klischee, das mit der sehr differenzierten Wirklichkeit in Bayern wenig zu tun hat. Richtig ist aber, dass einiges verändert werden muss. Etwa in Hinblick auf die Situation von Familien und insbesondere der Kinder in Gemeinschaftsquartieren, der Dauer der Verfahren und der Praxis der Residenzpflicht. Wir müssen uns vor Augen halten, wie verzweifelt für Menschen die Situation sein muss, wenn sie zum Beispiel einen solchen Streik auf sich nehmen. Wir müssen in der Politik und in den Kirchen lernen, dass christliches Menschenbild heißt: Auch für Flüchtlinge und Asylsuchende gilt der Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Daran müssen wir die Praxis messen.

Frage: Ihre Partei, die CSU, wollte das individuelle Asylrecht abschaffen und durch eine institutionelle Garantie ersetzen. Das ist das genaue Gegenteil vom christlichen Menschenbild.

Glück: Dass es das Gegenteil ist, halte ich für falsch. Es war innerparteilich eine heftige Debatte über den richtigen Weg.

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Kommentare

75 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

[...]

Zu Ihrem #16: 'Der Hungerstreikende erpresst.'
Das tut 'der Hungerstreikende', NACHDEM bereits mehrere Jahre des wohlbegründeten Protests mit diversen andren Mitteln gegen die deutsche, besonders die bayerische Asylpraxis vergingen - von Gehör, gar von 'Durchsetzung von Forderungen' keine Spur.

Der springende Punkt ist, daß Asyl in Deutschland mittlerweile allenfalls als Gnade (bei Wohlverhalten) + nicht als Menschenrecht begriffen wird.

Mir persönlich erscheint es als leicht gaga, von politischen Flüchtlingen (was man immerhin vom Sprecher der Streikenden weiß, über die anderen ist nichts bekannt) zu erwarten, sie würden aufhören, sich politisch zu äußern + zu betätigen. Politische Äußerung + Betätigung sind ebenfalls Menschenrechte.

Wie sich ein Hungerstreik dazu verhält und wie die bayerische Politik, lesen Sie bitte hier http://dieausrufer.wordpr... nach.

Der Ausgangskommentar wurde entfernt. Die Redaktion/fk.

“Im von Ihnen verlinkten Artikel kommt Hartz4 thematisch ...

... nicht vor."

Aber daß die Grünen an der Einführung und Ausgestaltung von H4 zur Zeit der rot-grünen Regierung maßgeblich mitgewirkt haben (Frau Künast auch damals schon in leitender Funktion), wissen Sie doch, oder?
Daß die Grünen mittlerweile ihre Position überdacht haben, finde ich löblich. Das tut aber übrigens auch die SPD! Man darf ihnen zugute halten, daß die mittlerweile offenkundigen Auswüchse der Agenda 2010 mit ziemlicher Sicherheit wohl so nicht beabsichtigt waren.
Dummerweise sind die Leute auf Rot-Grün wegen der Agenda immer noch so sauer, daß sie paradoxerweise lieber Merkel wählen, obwohl die die beste Garantin dafür ist, daß sich nichts ändert.

“Arme gegeneinander aufzuhetzen [...]mit [...] menschenverachtenden Statements”

Nun, durch die Einführung von H4 wurden Arme nicht nur verbal gegeneinander aufgehetzt, sondern rein faktisch:
H4 kam nur auf die Tagesordnung wegen a) der Kosten für die Wiedervereinigung und b) der damals auf Extremwerte angeschwollenen Zuwanderung in die Sozialsysteme von außerhalb. Wenn die für Transferleistungen zur Verfügung stehenden Mittel gleich bleiben, die Zahl der Empfänger sich jedoch drastisch erhöht, bleibt für den Einzelnen weniger übrig. Ist doch logisch, oder?

“Darf ich aber fragen, was das alles mit dem Artikelthema zu tun hat?”

Nun, wenn Sie nicht wollen, daß die Diskussion vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, dürfen Sie nicht auf andere Leserkommentare antworten, sondern nur direkt den Artikel kommentieren :-)