AsylbewerberheimHellersdorf und die 400 Fremden

In Berlin-Hellersdorf soll ein Asylbewerberheim entstehen. Viele Anwohner sind wütend. Neonazis haben die Chance ergriffen, ihre Macht zu demonstrieren. von 

Proteste in Berlin-Hellersdorf

Proteste in Berlin-Hellersdorf  |  © twitter.com/Neukoellnerin

Dass das alte DDR-Schulhaus in der Carola-Neher-Straße noch mal bedeutend wird, hat wohl niemand gehofft. Es ist grau, vierstöckig und steht seit fünf Jahren leer. Und wie ein pensionierter Lehrer verbreitet es noch heute schlechte Laune. Hier ist der Ernst des Lebens.

So gesehen könnte man es passend finden, was der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf kürzlich entschieden hat: Ende Juli soll hier ein Asylbewerberheim eröffnen, erst 200 Plätze, dann 400. Und plötzlich ziehen wieder Reporter durch den Stadtteil auf der Suche nach Ausländerfeindlichkeit, Kamerateams filmen schimpfende ältere Damen auf ihren Erdgeschossbalkons. Im Stadtteil regt sich Widerstand.

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Das Wort Asylbewerberheim reimt sich seit 1992 auf Lichtenhagen, auf steinewerfende Neonazis und johlende Zuschauer. Und der Schauplatz, an dem man sich so etwas ausmalt, sieht immer aus wie Hellersdorf: kilometerweit buntsanierte DDR-Wohnblocks, wie ein ausgestreckter Mittelfinger an die optimistischen Anpacker dieser Stadt. Das macht alles noch viel komplizierter.

Ein neues Asylbewerberheim würde in fast jedem deutschen Ort Angst, Vorurteile und Widerspruch auslösen. Hier aber ist Besonderes passiert: Es ist den Neonazis gelungen, den Protest zu bestimmen. Klaus Wowereit sah sich gezwungen, die Toleranz in Hellersdorf zu beschwören. Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau spricht von einer Pogromstimmung wie damals in Rostock-Lichtenhagen. Was ist hier geschehen?

Christian Bangel
Christian Bangel

Christian Bangel ist Chef vom Dienst bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Als die Entscheidung für das Heim vor Kurzem bekannt wurde, gründete ein Unbekannter eine Facebook-Gruppe. Von der "Asylantenlobby der Multi-Kulti-Parteien" schrieb der Nutzer, von "Zigeunern aus Mazedonien" und "Müll, Drogenhandel, Zwangsprostitution und schwersten Gewaltausbrüchen". Es erschienen T-Shirts und Banner: Nein zum Heim! Wir sind das Volk! Bald warnte der Verfassungsschutz, die Gruppe werde von mindestens einem NPD-Mitglied beeinflusst.

Sind das vor allem Rechtsextreme oder doch wütende Normalbürger? In der Nachmittagssonne wirkt Hellersdorf, als habe es sich abreagiert. Kaum Naziaufkleber sind zu sehen und keine Ausländer-Raus-Graffitis. Nicht einmal Protest-T-Shirts. Urlaub würde man hier vielleicht nicht machen, aber die Stille auf den Plätzen tut gut.    

Auf einer Bank vor einem leeren Geschäft sonnen sich zwei junge Frauen im Nachmittagstratsch. Ja, natürlich, gegen die Asylbewerber seien sehr viele, sagt eine. Der Schmutz und die Kriminalität. Und die eigenen Kinder, die nun nachmittags nicht mehr hinaus könnten.

Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD) entschied sich zu einer öffentlichen Informationsveranstaltung. Er lud auch einen hochrangigen Polizisten ein. Der Mann konnte Beruhigendes über andere Asylbewerberheime berichten: Keine Probleme, keine erhöhte Kriminalität. Doch beruhigen konnte er nicht.

Leserkommentare
    • render
    • 11. Juli 2013 16:08 Uhr

    Selten, dass man nochmal einen so unaufgeregten und neutralen Artikel zu lesen bekommt. Weiter so.

    15 Leserempfehlungen
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    Sehr erfischend geschrieben! Danke!

  1. (militanten) Selbstschutz will ich nicht wissen, wie schnell die Asylbewerber mit "schwersten Gewaltausbrüchen" des deutschen Mobs zu kämpfen haben werden...

    Anmerkung: Ihr Kommentar erschließt sich uns nicht. Bitte verfassen Sie differenzierte Beiträge und führen Sie Ihre Gedanken aus. Die Redaktion/ds

    9 Leserempfehlungen
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    Ich denke auch, dass die größte Gefahr von den Hellersdorfern und den rassistischen Brandstiftern vor Ort (aka. der deutsche Mob) ausgeht. Um sich vor offenen Gewaltausbrüchen effektiv zu schützen, braucht man sich nicht auf den deutschen Staat und seine Exekutivorgane verlassen. Das hat Rostock-Lichtenhagen, Solingen, Mölln etc. gezeigt.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/se

  2. 4. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Danke, die Redaktion/se

    17 Leserempfehlungen
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    Ja, ist klar. Hauptsache mal was Deutschenfeindliches geschrieben. Kommt scheinbar immer gut an in diesem Forum. Mich nervt es.

  3. 6. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen argumentativen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung
  4. ..in Zeiten in denen das Landesvermögen ins Ausland wandert, während hier überall gekürzt wird. Probleme durch ausländische Bürger werden totgeschwiegen, weil die Politik Angst vor Nazi Vergleichen hat.

    Die Integration funktioniert nicht, es werden Viertel einer anderen Kultur etabliert, isoliert vom Rest durch seine Andersartigkeit.

    Diese Andersartigkeit greift zuerst auf dem Pausenhof der regulären Schulen und hört noch lange nicht mit dem Erwachsenen Dasein auf.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf fremdenfeindliche Kommentare. Weitere Kommentare dieser Art werden von der Moderation konsequent entfernt. Die Redaktion/ds

    13 Leserempfehlungen
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    "Anhäufungen anderer Kulturen sind gefährlich, besonders wenn deren Bildungsgrad gering ist !" Ihnen ist aber schon klar, warum es Asylbewerberheime gibt? Das ein geringer Bildungsgrad unter Umständen einfach die Folge institutionalisertem Rassismus in den Heimatländern ist, bei denen Menschen mit Repressionen und Verfolgungen zu kämpfen haben.

    Aber gerne können Sie zunächst nachweisen, worin die Gefahr der Anhäufung anderer Kulturen besteht? Wenn man ohne Scheuklappen auf Menschen zugeht, offen ist, so kann gerade ein kultureller Austausch sehr befruchtend wirken, aber aus Ihren Zeilen spricht einfach die pure Angst und wenn Integration nicht funktioniert dann durch eine Denkweise wie der Ihren: "würde man mir so ein Asylantenheim neben meine Wohnung setzen würde ich umziehen." Was ist die logische Konsequenz? Viele Menschen ziehen um und es ensteht ein kleiner Mikrokosmos, den wir dann dreist Gettho nennen, obwohl wir selbst einen hohen Anteil haben.
    PS: Ich bin neben einem Asylbewerberheim aufgewachsen und es ist wichtig eine Sache deutlich zumachen. Brandanschläge in Lichtenhagen waren kein Einzelfall, sondern diese gab es viel häufiger, als häufig gedacht.
    Außerdem hatte die Existenz des Asylbewerberheims keinen Einfluß auf nähere Umgebung, weder negativ, noch positiv.
    Es ist erschreckend, wie manche Meinungsäußerungen ausblenden, warum es überhaupt Asylbewerberheime gibt.

    • Vogolf
    • 11. Juli 2013 16:55 Uhr

    Um was geht es denn überhaupt?

    1.)
    Es gibt Menschen auf der Welt deren Leben in Gefahr ist. Aktuell geht es in der Berliner Debatte in erster Linie um die syrischen Flüchtlinge.
    2.)
    Alle Bezirke nehmen Flüchtlinge auf, manche mehr als andere. Hellersdorf scheint mit 2,5% eher Schlusslicht zu sein. Natürlich muss man auch darauf achten, dass es nicht zu Problemen kommt (Treptow-Köpenick agiert bspw. gegen eine Behelfsunterkunft in der Umgebung von einer Nazikneipe). Das ist andere Form der Verantwortung. Ich verstehe auch die Angst der Anwohner, aber wenn es zu Problemen kommen sollte, muss sich die Politik fragen, ob sie vernünftig gehandelt hat (siehe Rostock anfang der 90)

    Mit Integration hat diese ganze Thematik wenig zu tun. Das scheinbar homogene Hellersdorf sollte sich selber integrieren in die reale Welt.

    Es geht hierbei doch in erster Linie um ein humanitäres Anliegen. Das darf nicht untergehen!

  5. "Bitte verfassen Sie differenzierte Beiträge und führen Sie Ihre Gedanken aus."

    Gerne.
    Wie aus dem Artikel hervorgeht gibt es haufenweise agressive, rassistische, fremdenfeindliche Stimmen, welche sich gegen die Asylbewerber, die in Hellersdorf untergebracht werden sollen, richten. Folglich sind, im Gegensatz zu der Warnung vor Gewalt, etc. aufgrund der Asylbewerber, eher diese typisch kartoffel-deutschen Subjekte eine Gefahr, deren kleinkariertes Denken, d.h. eher Fürchten Hassen an gewissen Ereignisse vor 20 Jahren erinnern lässt. Infolgedessen kann den Asylbewerbern, sind sie einmal in Hellersdorf "untergebracht" (wobei mir der Begriff für die Lebensbedingungen, welchen sie dort ausgesetzt werden, unangemessen und beschönigend erscheint), nur gewünscht werden (jetzt kommt meine bereits oben ausgedrückte Hoffnung), dass antifaschistisches Engagement sich darum kümmert, natürlich im besten Fall auch unter Einbeziehung der Asylbewerber, wobei diese sich dabei wiederum einer großen Gefahr der Abschiebung aussetzen würden, weshalb Vorsicht ihrerseits verständlich wäre, aktiv gegen Rassismus und weiteren reaktionären Müll, vorzugehen und Zeichen für Solidarität und tätliche Hilfe zu leisten. Dass die Polizei auch gerne mal ein paar Tage zusieht, wenn der braune Mob Asylbewerberheime abfackelt und tötet, haben wir ja schon einmal sehen müssen. Hoffentlich nie wieder, wobei meine Hoffnungen diesbezüglich in Deutschland nicht allzu groß sind.

    18 Leserempfehlungen
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    "diese typisch kartoffel-deutschen Subjekte eine Gefahr, deren kleinkariertes Denken..."

    Sie sind von der Sprache Lingua Tertii Imperii (lateinisch), also für „Sprache des Dritten Reiches“ nicht weit entfernt!
    Wundert mich, dass ihre Verschwörungsthese die Moderation passieren darf. Sätze wie, "Dass die Polizei auch gerne mal ein paar Tage zusieht..." sind demagogische Hetze!

    Ich bin auch gegen diese Unterbringung.Deshalb bin ich kein Kartoffel deutsches Subjekt.Vielen Dank.

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