Einmal im Monat verlässt Yohevet die schwarz-weiße Welt, um ihr Leben mit Farbe zu füllen. Statt ihrer Alltagskluft, dem dunklen, langen Rock und der hellen Bluse, trägt sie dann einen Mini aus Jeansstoff und ein rosa Shirt mit tiefem Ausschnitt. Für ein paar Stunden tauscht sie die Regeln, die ihr Leben in richtig und falsch unterteilen, die Frömmigkeit und die Tugend gegen ein bisschen Anarchie und Exzess.

Yohevet, 25, Mutter von drei Kindern und ultraorthodoxe Jüdin aus Jerusalem, steht in dieser Nacht mit einem Bier auf der Tanzfläche. Die rechte Hand hat sie zur Faust geballt und in die Höhe gestreckt, zum Takt eines israelischen Schlagers schlägt sie Löcher in die Luft. Es ist eng, heiß, laut. Ihre Stirn glänzt verschwitzt. Sie zeichnet ein ungewöhnliches Bild von ihrer Zunft. Und sie ist nicht allein. Über hundert Frauen sind heute Abend gekommen, um "mal richtig einen drauf zu machen", wie Yohevet sagt.

Alle zwei bis vier Wochen finden an verschiedenen Orten in Jerusalem Partys für ultraorthodoxe Frauen statt. Männer sind ausgeschlossen, alles andere wäre nicht koscher. Auf gemischte Partys dürfen die Frauen nur gehen, wenn es sich um eine Hochzeit handelt. Wer fragt, ob sie ihre Männer um Erlaubnis gebeten haben, an diesem Abend hierher zu kommen, erhält eine klare Antwort. Natürlich sei alles mit dem Mann abgesprochen. Er sei einverstanden, solange sie morgen fit genug sei, sich um Kinder und Haushalt zu kümmern.

Die Perücken und Kopftücher fliegen

Noch scheint der Morgen weit weg zu sein. Die Tanzfläche ist voll, Frauen halten Zigaretten und Drinks in den Händen. Die meisten haben die Perücken und Kopftücher von sich geschmissen, mit denen ultraorthodoxe Frauen in der Öffentlichkeit normalerweise ihr Haar bedecken. Hier werden Hüften geschwungen, Haare in die Luft geworfen, Lieder mitgegrölt. Aus denen, die im Alltag wie Klone voneinander aussehen, sind an diesem Abend bunte Individuen geworden.

Es ist ein ungewöhnlicher Abend, denn Spaß und Freizeit ist Frauen in der orthodoxen Welt selten vergönnt. Für individualistische Europäer klingt ihr Leben wie eine Anreihung von Verzicht und Aufopferung. Sie heiraten jung, bringen im Schnitt sechs bis acht Kinder zur Welt und kümmern sich um den Haushalt. Außerdem sind sie meist die Alleinverdiener der Familie. In den streng religiösen Gemeinden in Israel arbeiten die meisten Männer nicht, sie widmen ihr Leben dem Studium der Torah, was in ihrer Welt als das höchste Gut gilt. "Wenn du nie ausbrichst, erstickst du irgendwann", sagt Yohevet, "ich glaube, so geht es vielen Frauen hier."

"Nicht alle ultraorthodoxen Frauen waren von Anfang an religiös", erklärt Yael Ben Shushan, "deshalb vermissen sie es manchmal, ein bisschen hedonistisch zu sein." Ben Shushan, 32, veranstaltet die Partys. Die geschiedene Frau kommt selbst aus einer streng religiösen Familie, nach ihrer Scheidung hat sie kurz das säkulare Leben mit all seinen Verlockungen für sich entdeckt. Inzwischen hat sie sich wieder der Religion zugewandt. Aber auf das Tanzen möchte sie nicht verzichten. Deshalb hat sie vor zwei Jahren mit den Partys angefangen.