Die Szene einer Hinrichtung: eine große Blutlache, die auf dem Boden des Lieferwagens schimmert. Darin eine Zigarettenschachtel und ein Zahn. Und rundherum die Blumen – einzelne Stängel und Blüten, ein blutbespritzter weißer Kübel mit einem frischem Bouquet darin. Vor dem Wagen leuchtet die Nachmittagssonne auf den bunten Schirm, der den Verkaufsstand von Enver Şimşek weithin sichtbar machte. Der Blumenhändler wurde am 9. September 2000 an einer Nürnberger Straße in seinem Lieferwagen erschossen. Zwei Tage später starb er im Krankenhaus.

Am 20. Verhandlungstag des NSU-Prozesses beginnt die Aufarbeitung des Mordes, der den Anfang der rassistischen Gewaltserie markierte. Neun weitere Menschen starben, bis der NSU im November 2011 aufflog. Mit der ersten Tat legten sich die Täter bereits auf ihr Muster fest: ein Gewerbetreibender mit ausländischen Wurzeln als Opfer, als Tatort eine Stelle, von der eine schnelle Flucht möglich war, als Tatwaffen Pistolen.

Im weiteren Verlauf des Prozesses will die Bundesanwaltschaft beweisen, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf Şimşek schossen. An diesem Tag sind zwei Polizisten geladen, die Şimşek am Tatort vorfanden.

Der gebürtige Türke wurde 38 Jahre alt, 16 davon verbrachte er in Deutschland. Nach seiner Übersiedlung arbeitete er sich vom Fabrikarbeiter hoch zum Betreiber eines Blumengroßhandels im hessischen Schlüchtern. Dort lebte er mit seiner Frau Adile und den Kindern Kerim und Semiya, die zur Tatzeit 13 und 14 Jahre alt waren. Beide Kinder lassen sich als Nebenkläger von den Anwälten Stefan Lucas und Jens Rabe vertreten, im Saal sind sie nicht.

Fünf Patronenhülsen im Wageninneren

Am Tag, als Şimşek seine Mörder traf, hatte er seinen Lieferwagen an einer Straße im Nürnberger Südosten geparkt und den Stand aufgebaut. Zwischen 12.45 Uhr und 14.45 Uhr schnitt er wohl noch einige Bouquets zurecht, als laut Anklage zwei Männer an ihn herantraten: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Sie feuerten neunmal auf ihn: Sechs Schüsse gaben sie aus der Ceska 83 ab, der Pistole, die auch bei den acht folgenden Morden zum Einsatz kam, drei weitere aus einer Waffe Modell Bruni. Fünf Patronenhülsen landeten im Inneren des Wagens, wo Şimşek zusammenbrach.  

Es scheint, als hätten seine Mörder nichts dem Zufall überlassen wollen, indem sie zwei Waffen einsetzten und ihr Opfer regelrecht durchsiebten. Darin unterscheidet sich der Fall Şimşek von den anderen Migrantenmorden, bei denen lediglich die Ceska zum Einsatz kam.
Bevor sie abzogen, fotografierten die Täter ihr Opfer – das grausige Bild des Schwerverletzten findet sich auch im Bekennervideo des NSU. Schließlich schlossen sie die Schiebetür am Wagen und flüchteten.

Die ersten, die Şimşek danach sahen, waren der Polizeibeamte Karl W. und ein Kollege. W., heute 64 Jahre alt und in Pension, ist als Zeuge geladen, der andere Polizist ist mittlerweile verstorben. Am Morgen des 9. Septembers hatte W. Şimşek noch unversehrt gesehen, als er auf dem Weg zur Arbeit an dessen Stand vorbeikam. Am Nachmittag, im Dienst, passierte er die Stelle nochmals. Da waren nur noch der Stand und Şimşeks Kastenwagen. Nach einem Notruf kam er ein drittes Mal vorbei, es war 15.30 Uhr. Sein Kollege öffnete die Tür des Transporters. Darin lag das Opfer mit blutverschmiertem Gesicht, "er hechelte noch", sagt W.