Muslimischer Poetry SlamLach' kaputt, was dich kaputt macht

Die Integrationsdebatte in Reime verpackt: Beim muslimischen Poetry Slam i,Slam treten junge Dichter gegeneinander an. Sie scheuen auch keine Witze auf eigene Kosten. von  und Sophie Derkzen

Youssef Adlah und Younes Al-Amayraauf springen auf der Bühne der Universal Hall in Berlin-Moabit umher und klopfen einen Spruch nach dem anderen. "Wenn so viele Muslime auf einem Platz versammelt sind, ist sicher der Verfassungsschutz nicht weit. Also klaut nichts" oder "Bei uns dürfen alle wählen, auch diejenigen, die keinen deutschen Pass haben". Gelächter im Publikum. Die beiden Berliner sind routinierte Moderatoren, sie wissen, wie man den Zuhörern einheizt.

Doch schnell ist Schluss mit den Routine-Gags. Adlah trägt einen selbst geschriebenen Text vor. Der 23-Jährige reimt über sein Heimatland Syrien, das er im Alter von 10 Jahren verlassen musste. Er verliert kurz die Fassung und wischt sich ein paar Tränen von der Wange. Dann erzählt er vom Pfeifen der fallenden Granaten, das er in seinem Kopf noch immer hören kann. Und er erzählt von seinen getöteten Schulfreunden, deren Leichen jetzt unter der Erde liegen.  

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Die rund 300 Zuhörer im Saal schweigen, manche drücken sich in die roten Stoffsessel. Eher selten werden bei einem Dichterwettstreit solch ernste Themen angesprochen. Beim muslimischen Poetry Slam i,Slam ist das anders. Viele der jungen Dichter sprechen über ihre Rolle als Muslime in einer Gesellschaft, in der sie sich oft missverstanden fühlen. Mit ihren Texten treten sie gegeneinander an. Das Publikum entscheidet, wer gewinnt. Seit 2011 findet der i,Slam regelmäßig unter dem Slogan "Am Anfang war das Wort" in verschiedenen Städten statt. Es gibt klare Regeln: kein Alkohol, keine Blasphemie und der islamische Rahmen muss gewährleistet werden. Deshalb beginnt der Abend mit einer Koran-Rezitation eines Imanen, in der Pause ruft Adlah: "Jeder, der beten möchte, kann das hinten im Backstageraum tun."

Sein Bart macht Amin zum Terroristen

Wozu ein Poetry Slam speziell für Muslime? "Für junge Frauen mit Kopftuch ist es beispielsweise eine große Hürde, in einer Kneipe, wo Alkohol ausgeschenkt wird, aufzutreten", sagt Moderator Adlah. Aber natürlich sei es toll, wenn der Slam gemischt ist. So wie diesmal. Jeweils drei Juden, Christen und Muslime treten gegeneinander an. Ein Jugendlicher aus der Gruppe der Christen musste kurzfristig absagen. "Dann muss in der Christen-Gruppe eben ein Moslem aushelfen", sagt Adlah.

Als erster Slammer betritt Khalid die Bühne. Der 23-jährige Student aus Düsseldorf trägt ein hellblaues Hemd und weiße Sneaker. Er spricht über die Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Fußballfans: "Wenn sich Deutsche über einen Spieler ärgern, beschweren sie sich über seine Technik, Türken beleidigen seine gesamte Familie." Seiner Meinung nach ist Humor das einzige Mittel gegen Vorurteile und Diskriminierung. "Ich bin Deutscher. Es ist schlimm für mich, wenn Leute glauben, ich kann kein Deutsch und mich dann, sobald ich etwas sage, für meine fließende Sprache loben." Khalid studiert Germanistik und tourt als Stand-up-Comedian durch Deutschland. Sein Motto: Lach' kaputt, was dich kaputt macht. "Es ist wichtig, dass wir jungen Muslime selbstbewusster werden. Vielleicht hilft uns dabei das Spiel mit Klischees."

In einer Ecke des Saales steht Amin Saleh und hört den Slammern zu. Seit Kurzem trägt er einen Bart; ein Umstand, der ihm großes Kopfzerbrechen bereitet. "Seitdem ich ihn habe, machen meine Arbeitskollegen Witze über mich. Sie fragen mich zum Beispiel, ob ich mich Al-Kaida angeschlossen habe", sagt der 28-Jährige. Er habe das Gefühl, das die Leute anders auf ihn reagieren, ihn komisch angucken und misstrauischer sind. "Dabei ist so ein Bart einfach modern."

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Leserkommentare
  1. Ich weiß, dass so etwas Konjunktur hat. Nicht erst seit gestern. Ich habe an solchen Slams teil genommen. Und ich kann aus Erfahrung sagen, dass dies Idee ein typisches Kind unseres Zeitgeists ist. Es geht in erster Linie um die Selbstdarstellung irgendeines mehr oder weniger aufgeblasenen Egos. und weniger um Poesie. Es geht darum das Publikum zu gewinnen, welches meisten in irgendeiner Kneipe und sehr oberflächlich auf seine "Kosten" sprich Show kommen will. Leise oder nachdenkliche Töne, echte Poesie hat in dieser Ecke kaum eine Chance. Es handelt sich hier um Wettkampf und Marktgeschrei. Mag sein, dass es kluge und witzige Beiträge gibt, die man Satire, Kabarett oder meinetwegen manchmal auch Poesie nennen kann. Aber das was Poesie eigentlich ausmacht, die da forscht und sucht, wo Worte eigentlich fehlen oder versagen, wo es ganz still ist und man das Wesentliche wahr nimmt und versucht ihm Ausdruck zu geben, das wird man auf solchen Veranstaltungen vergeblich suchen. Wie sollte sich das denn auch dort halten können, wo es darum geht zu gewinnen der Bessere zu sein die Konkurrenz zu toppen? So ein Konzept ist in meinen Augen genau das Gegenteil: Die Perversion der Poesie.

    9 Leserempfehlungen
  2. Integration ist wichtig, damit die Menschen unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Einstellung friedlich in einem Land leben können.

    Unter Integration verstehe ich, dass ich beide Parteien aneinander nähern und sich respektvoll behandeln und die Rechte und Freiheiten des Individuums achten.

    Es gibt doch bereits Poetry-Slams, die auch ohne Religion als Identitätsstiftendes auskommen.
    Treibt man die Separation nicht voran, indem man nun ein islamisches Poetry-Slam veranstaltet?

    "Es gibt klare Regeln: kein Alkohol, keine Blasphemie und der islamische Rahmen muss gewährleistet werden."

    In einer freien Gesellschaft sollte es jedem selbst überlassen sein. Hier wird auch niemand gezwungen Alkohol zu trinken.

    "Wozu ein Poetry Slam speziell für Muslime? "Für junge Frauen mit Kopftuch ist es beispielsweise eine große Hürde, in einer Kneipe, wo Alkohol ausgeschenkt wird, aufzutreten"

    Daraus folgere ich, dass diese Menschen erst zu "normalen" Poetry-Slams gehen werden, wenn man sich komplett an deren Lebensweise angepasst hat.

    Das ist aber kein "aufeinander Zugehen".

    11 Leserempfehlungen
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    • 2b
    • 17. August 2013 23:09 Uhr

    ... da capo al decrescendo?

    ( moderne Musik ohne Text _ harmonieverträglich? )
    Bewußtsein und {Re)Aktion

    ... der Witz an der Sache wäre, "OH-الكحول für Muslime" zu definieren???

  3. 3. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/mak

    3 Leserempfehlungen
  4. 3."Das ist aber kein "aufeinander Zugehen".

    nein,es ist genau das Gegenteil und das wird weiter augebaut. und es wird zugelassen dass es ausgebaut wird.
    zb eine langer Bart ist modern,ja,aber nur bei den Salafisten etc

    5 Leserempfehlungen
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    • nfb
    • 18. August 2013 14:32 Uhr

    Dies hindert doch niemanden daran teilzunehmen zu dürfen, egal ob diese/r Jude oder Hindu ist.
    Oder nehmen Sie das Christliche Weinachten als Spaltung der Gesellschaft wahr?

  5. "Es gibt klare Regeln: kein Alkohol, keine Blasphemie und der islamische Rahmen muss gewährleistet werden."

    Wie sollen denn Juden und Christen, wenn sie denn tatsächlich mitmachen, den "islamischen Rahmen" einhalten? Erstens kennen sie den wahrscheinlich gar nicht und zweitens ist das doch total uninteressant, wenn man keinen zweiten oder dritten Rahmen geboten bekommt.

    Würde ich teilnehmen, ich könnte höchstens aus meinen eigenen Erfahrungen mit meiner türkischen Freundin darüber erzählen, dass der islamische Rahmen doch sehr, sehr eng ist und die Frauen in der Familie tatsächlich unterdrückt und die ganze Familie, auch die in der Türkei, über ihre Sexualität bestimmt. Aber das will da wahrscheinlich auch keiner hören...

    10 Leserempfehlungen
    • sozio
    • 17. August 2013 23:00 Uhr

    Junge Muslime lachen über sich selber. Das ist wirklich einen Artikel wert. What's next? Eliza on Ice?

    3 Leserempfehlungen
    • 2b
    • 17. August 2013 23:09 Uhr

    ... da capo al decrescendo?

    ( moderne Musik ohne Text _ harmonieverträglich? )
    Bewußtsein und {Re)Aktion

    ... der Witz an der Sache wäre, "OH-الكحول für Muslime" zu definieren???

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Integration"
  6. Um eins mal klar zu stellen, um Integration geht es im poetry slam gar nicht. Hier wird kein Beitrag zur Integration geleistet, nein hier geht es um etwas ganz anderes.
    Es ist ja wohl nicht zu leugnen, dass in Deutschland mittlerweile eine große, nennen wir es Skepsis, gegenüber vielen Muslimen herrscht. Ob berechtigt oder nicht sei zunächst dahingestellt.
    Oben genannte Veranstaltung dient nichts anderem als Menschen die tagtäglich mit Vorurteilen, Misstrauen, Diskriminierung oder ähnlichem konfrontiert werden, eine Plattform zu bieten sich mit ihren Problemen auseinander zu setzen.
    Was die muslimischen Frauen betrifft, bevor man wieder etwas verurteilt oder als Rückschritt degradiert sollte man doch in der Lage sein sich ausführlich über die Hintergründe und Ursachen gewisser Entscheidungen zu informieren. Wenn Muslima Bars meiden dann sicherlich nicht um der ach so tollen Integration, nicht zu verwechseln mit Assimilation, entgegen zu wirken. Man muss schon stark beschränkt sein um nicht zu verstehen, dass jemand der Alkohol strikt ablehnt, ebenso den offenen Kontakt zu fremden Männern und sonstigen ungezügelten Genüssen, sich nie und nimmer in einer Bar begeben geschweige denn wohlfühlen würde. Das ist etwas was man akzeptieren sollte.

    Es ist gut zu heißen, dass eine Veranstaltung wie der poetry slam auch muslimas die Möglichkeit gibt sich an so etwas tollem zu beteiligen und das innerhalb eines für sie angenehmen und akzeptablen Rahmens.

    2 Leserempfehlungen
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    eingestellt sein bedeutet nicht den Menschen nicht zu sehen.

    Ich werde es nicht verstehen gerade auch nicht wegen meiner Erfahrung mit Diktatur (DDR) oder wg. der Geschichte (Kommunismus, Faschismus) wie man Handlungsvorschriften, die einer musl.Frau verbieten einen Nichtmuslim zu heiraten, weil sie dann nicht mehr unter dem Schutz des Islam steht, die regeln ob sich die Ehefrau dem Ehemann verweigern darf (natürlich nicht), die regelt ob Oralverkehr erlaubt ist, die das Erben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen regelt nachzulesen bei islam.de

    http://islam.de/1641.php#...

    ... das sind doch Vorschriften die m.E. den allgemeinen !! Menschenrechten entgegenstehen, denn es sind Rechte für bestimmte Menschen.

    Wenn ich Alkohol strikt ablehne, kann ich doch in jede Bar gehen und mit Menschen zusammen sein, die Alkohol trinken. Wenn Ihre Gedanken fortgeführt werden (ungezügelte Genüsse, fremde Männer,Alkohol) müssen damit sich die Muslime dann auch wohlfühlen Mann und Frau getrennt arbeiten, lernen, ausgehen u.s.w. In Ägypten z.B. muss es einen muslimischen Slam geben, aber in Deutschland kann es einfach einen Slam geben, wenn ich mich mit allen Menschen gleich verbunden fühle und mir Freiheit und Gleichheit wichtig ist. Stöbern sie bitte in islam.de unter Wer,Wie,Was- dann öffnen sich Ihnen vielleicht die Augen.

    "Oben genannte Veranstaltung dient nichts anderem als Menschen die tagtäglich mit Vorurteilen, Misstrauen, Diskriminierung oder ähnlichem konfrontiert werden, eine Plattform zu bieten sich mit ihren Problemen auseinander zu setzen."

    Diese Sichtweise ist mir viel zu einseitig. Das klingt so, als hätte es nie irgendwelche von Moslems initiierten "Probleme" gegeben und das einzig schlimme sei, wie vorurteilsbehaftet und diskriminierend die Nichtmuslime mit den Muslimen umgingen.

    Natürlich kommt es immer auf den einzelnen Menschen an. Und natürlich gibt es unzählige unterschiedliche Ausprägungen und Sichtweisen im Islam. Aber ist es nicht die islamische Glaubenslehre selbst, die von der Gemeinschaft der Gläubigen redet und die das Bestehen von Widersprüchen verneint? Vor kurzem hat hier im Kommentarbereich einer von der Vollkommenheit des Islam geschrieben und somit jeglichen Reformbedarf ausgeschlossen.

    Als Deutscher wurde mir noch nie eine persönliche Schuld für unsere Vergangenheit gegeben. Aber ich weiß, dass wir eine kollektive Verantwortung tragen und uns zumindest dafür einsetzen sollen, dass sich derartiges nicht wiederholt. Bei den Muslimen hat man den Eindruck, sie sehen sich immer dann als Kollektiv, wenn es um ihre Rechte und Forderungen geht. Wenn es dagegen um bestimmte Handlungen geht, die vorgeblich im Namen des Islam geschehen, dann kommt immer die Forderung, alles differenziert zu betrachten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bühne | Diskriminierung | Germanistik | Kopftuch | Moderator | Verfassungsschutz
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