Ein schmaler Packen Papier ist eines der wertvollsten Indizien im NSU-Prozess. Polizisten bargen ihn aus dem Schutt des abgebrannten Hauses in Zwickau, in dem die drei NSU-Mitglieder zuletzt gewohnt hatten. Doch Indizien geben nur Hinweise, man muss sie lesen und deuten, sie sind angreifbar. Und deshalb sind sie auch immer ein Risiko für die Anklage.

So wie die 68 gefundenen Zeitungsartikel, in denen es um die neun NSU-Morde und die zwei Bombenanschläge in Köln geht. Ein "umfangreiches, systematisch geführtes Pressearchiv" nennt die Bundesanwaltschaft die Sammlung in der Anklageschrift. Sie setzt das Material als einen Trumpf ein. Dabei zählt vor allem das, was erst nach sorgfältigen Untersuchungen zum Vorschein kam: Auf zwei Seiten fanden die Ermittler Fingerabdrücke und ordneten sie Beate Zschäpe zu: eine Spur ihres linken Zeigefingers an einem Artikel über den Mord an Habil Kılıç aus der Münchner tz von 2001 und an eine ihres linken Daumens an einer Veröffentlichung über den Anschlag in der Kölner Keupstraße aus dem Kölner Express von 2004.

Mit den Zeitungsfunden beschäftigte sich die Polizistin Christina L. aus Sachsen-Anhalt, die zur Auswertung ans Bundeskriminalamt abgeordnet war und als Zeugin im Prozess aussagt. Gleich mehrere Hinweise stecken in dem Material aus der Ruine. Demnach waren auf den Artikeln auch die Nummern eins bis neun vermerkt – sie passten zur Reihenfolge der Morde.

Die Schlussfolgerung lautet: Beate Zschäpe muss tief in die Morde verstrickt sein, wenn sie daheim eine Art Trophäensammlung aus Zeitungsschnipseln führte. Ein Beweis ist das Papier nicht, nur ein starkes Indiz. Doch das wirft Fragen auf.

Denn wie wertvoll ist das Material, wenn sich Spuren gerade einmal auf zwei von 68 Asservaten finden? Tatsächlich führt ein Behördengutachten, das der Polizistin nicht bekannt ist, noch mehr Anhaftungen auf. Demnach waren auf den Artikeln acht nicht näher bezeichnete, unbrauchbare Spuren und drei Fingerabdrücke, von denen einer niemandem zugeordnet werden konnte. Doch ob hier ein Unterstützer des NSU oder lediglich ein Zeitungsverkäufer Hand angelegt hatte, lässt sich nicht klären.

Für Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl ist der Beweis jedenfalls erledigt: Dass es nur zwei verwertbare Spuren gibt, sei im Gegenteil "der Beweis, dass Frau Zschäpe ganz selten in Kontakt mit dem Archiv gekommen ist". Hätte das Trio tatsächlich umfassend Belege für seine Taten gesammelt, "wäre es lebensnäher, dass eine Vielzahl von Spuren auf den Artikeln vorhanden ist".

Wohnmobile als Transportmittel für Fahrräder

Der nächste Komplex des Prozesstags liefert Indizien für die Schuld der Mitangeklagten Holger G. und André E. Sie sind als Unterstützer des mutmaßlichen Terror-Trios angeklagt, weil sie Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt unter anderem ihre Ausweise überließen – G. etwa stellte seinen Führerschein und zwei Reisepässe zur Verfügung, wie das BKA herausfand.

Damit mieteten die drei Zwickauer in elf Jahren 65 Wohnmobile, Transporter und Autos. Sie reisten nicht nur zu dritt in den Urlaub auf Fehmarn – Mundlos und Böhnhardt nutzten die Fahrzeuge der Anklage zufolge in 17 Fällen, um zum Morden durch die Republik zu fahren.

Die Fahrzeuganmietungen sind eine Klammer, die sechs Mordfälle, die beiden Anschläge in Köln und neun Banküberfälle verbindet. Der Kriminalbeamte Udo V. hat die Anmietungen zusammengestellt. Die lange Liste entstand teils aus Verträgen, die ebenfalls im Zwickauer Brandschutt gefunden wurden, teils stammt sie von Nachfragen bei sächsischen Verleihbetrieben. Während der Morde an Mehmet Kubasik am 4. April 2006 in Dortmund und an Halit Yozgat in Kassel zwei Tage darauf nutzten Mundlos und Böhnhardt dasselbe Fahrzeug.

Sie hatten einen guten Grund, Wohnmobile zu benutzen: Damit ließen sich komfortabel Fahrräder transportieren. Bislang haben Zeugen nach den Morden an Enver Şimşek, Habil Kılıç und Ismail Yaşar ausgesagt, sie hätten Männer auf Fahrrädern oder in Radlerkleidung gesehen. Auch das Überwachungsvideo, das vor dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße entstand, zeigt die mutmaßlichen Täter mit Rädern. Zudem sagten alle Nachbarn von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt aus der Zwickauer Frühlingsstraße aus, sie hätten die beiden Männer auf Mountainbikes gesehen.

Der Fahrzeug-Komplex gibt zudem erneut Einblick in die akribische Tarnung des NSU. Den Vermietern gaben Mundlos und Böhnhardt Handynummern, die sie von Strohleuten hatten registrieren lassen, berichtet der Beamte V. Darunter war eine Frau, der Beate Zschäpe in einer Fußgängerzone 20 Euro in die Hand drückte, damit sie in einen Handyladen ging und den Mobilfunkvertrag abschloss.