Nabelschau, Dünkel und Standesdenken – Papst Franziskus hat in einem Interview seinen römischen Kirchenapparat scharf kritisiert. Er klagte im Gespräch mit der Zeitung La Repubblica über eine Neigung der obersten Kirchenführer zur Nabelschau und prangerte diese "Selbstbezogenheit" im Vatikan als einen Defekt an.

Auch wenn die Kurie in Rom in ihrer Gesamtheit kein Fürstenhof sei, so gebe es in ihr bisweilen aber Höflinge, sagte Franziskus. "Die Führer der Kirche waren oft narzisstisch, von Höflingen umschmeichelt und zum Üblen angestachelt", sagte Franziskus in dem Interview. "Der Hof ist die Lepra des Papsttums."  

Er teile eine auf den Vatikan und seine Interessen ausgerichtete Sicht nicht, so der Papst: "Ich werde alles tun, um sie zu ändern." Der Heilige Stuhl müsse im Dienst des Volkes Gottes stehen.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Benedikt XVI. gibt Papst Franziskus häufiger Interviews. Seine in der Zeitung geäußerte Anklage erschien an dem Tag, an dem sich die von ihm eingesetzte Beratergruppe aus acht Kardinälen erstmals mit ihm trifft, um über Reformen der Kurie zu sprechen. Franziskus sagte, diese Berater seien "keine Höflinge, sondern weise Personen".  

Berater dürfen nichts entscheiden

Franziskus forderte die katholische Kirche erneut auf, sich der Neuzeit zu öffnen. Die größten Übel heute sind für ihn die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die Einsamkeit vieler alter Menschen. Die Kirche müsse gnädiger und einladender für die Menschheit werden. Anderenfalls könnte ihr moralisches Gefüge "wie ein Kartenhaus" zusammenfallen. Themen wie Homosexualität und Abtreibung sollten in den Hintergrund treten, hatte er schon vor Wochen in einem Interview gesagt.

Das Beratergremium will zunächst bis Donnerstag im Vatikan tagen. Die Kardinäle und Erzbischöfe sind vom Papst beauftragt, ihm persönlich Reformvorschläge für die Kurie und die Kirche vorzulegen. Weitere Zusammenkünfte der Beratergruppe in der nächsten Zeit sind geplant. Zu den Mitgliedern zählt der Münchner Erzbischof Reinhard Marx. Franziskus könnte dieses neue Gremium auch noch erweitern.

Der Vatikan hatte darauf verwiesen, dass die Kardinäle feste Berater des Papstes seien und selbst nichts entscheiden. Über die Ergebnisse ihrer Beratungen solle auch nichts mitgeteilt werden.

Die Kardinäle, darunter nur ein Mitglied der Kurie, repräsentieren die verschiedenen Teile der Welt. Eine schlankere Kurie und eine stärkere Vernetzung der vatikanischen Regierungsarbeit dürften zu ihren Zielen gehören. Franziskus hatte bereits auch Kommissionen für wirtschaftliche Fragen und Verwaltungsfragen im Vatikan eingesetzt.